Beleuchteter Reichstag

19.12.2014 | Von:
Hans Otto Frøland

Von Misstrauen (bis) zur zuverlässigen Interessengemeinschaft. Eine Kontextualisierung der norwegischen Freundschaftspflege mit dem vereinten Deutschland

Deutschland ist Norwegens wichtigster Partner in Europa. Das war nicht immer so. Lange Zeit hielt sich eine latente Angst vor dem "deutschen Problem". Daher hing die norwegische Zustimmung zur deutschen Einheit von einer NATO-Mitgliedschaft des vereinigten Deutschlands ab.

Die norwegische Ministerpräsidentin Erna Solberg mit Bundeskanzlerin Angela Merkel bei Ihrer Ankunft in Berlin im November 2013Die norwegische Ministerpräsidentin Erna Solberg mit Bundeskanzlerin Angela Merkel bei Ihrer Ankunft in Berlin im November 2013 (© picture alliance/BREUEL-BILD)
Die erste ausländische Hauptstadt, die Erna Solberg, Norwegens neue Premierministerin, im Herbst 2013 besuchte, war Berlin. Dies rührte nicht nur von der parteipolitischen Verwandtschaft und der persönlichen Bewunderung für Bundeskanzlerin Angela Merkel her. Viel wichtiger war die politische Überzeugung, dass Deutschland Norwegens wichtigster Partner in Europa sei.[1] Diese Vorstellung von einer starken Interessengemeinschaft zwischen beiden Ländern war bei Solbergs Antritt als Premierministerin in Oslo keinesfalls neu. Sie wurde schon von den Premierministern Jens Stoltenberg und Magne Bondevik geteilt, deren erste Staatsbesuche sie auch jeweils nach Berlin geführt hatten. Seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 waren alle norwegischen Regierungen überzeugt, dass beide Länder gemeinsame wirtschaftliche und politische Interessen teilen und vor allem, dass es gilt, Deutschland enger an Norwegen zu binden. Mit Recht folgerte deswegen der in Norwegen sehr respektierte Auslandkorrespondent Nils Morten Udgaard in 2008, dass "Norwegen Deutschland pflegt".[2] Unter "pflegen" verstand Udgaard eine bewusste und zielgerichtete Freundschaftspflege.

Diese Freundschaftspflege war bislang relativ problemlos, weil auch das wiedervereinigte Deutschland Interesse an der Zusammenarbeit mit Norwegen hatte. Beide Länder teilen sicherheitspolitische und handelspolitische Interessen. Als Norwegen 1994 den Beitrittsvertrag verhandelte, war Deutschland innerhalb der Europäischen Union die treibende Kraft für eine norwegische EU-Mitgliedschaft. Seitdem hat Deutschland Norwegen unterstützt, sowohl innerhalb der EU, als auch in Verhandlungen mit Russland. Merkels Initiative von 2014, Norwegens ehemaligen Premierminister Jens Stoltenberg zum Generalsekretär der NATO zu machen, sollte auch im Licht dieser Interessengemeinschaft verstanden werden. Die Vorstellungen von Werten und Normen, nach denen die internationale Gemeinschaft organisiert werden sollte, gleichen sich in beiden Hauptstädten.

Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte während eines inoffiziellen Besuchs in Norwegen im Jahr 2000, dass "das größte Problem in der Beziehung zwischen unseren Ländern ist, dass es überhaupt keine Probleme gibt."[3] Die Aussage wäre sinnlos ohne die implizite Referenz an die gemeinsame Vergangenheit. Sie verweist auf den erstaunlichen Fakt, dass 50 Jahre nach Kriegsende und nach dem Ende der deutschen Besatzung das Verhältnis zwischen beiden Ländern hervorragend ist, und dass das lange währende norwegische Misstrauen gegenüber Deutschland damals bereits der Vergangenheit angehörte. Dieses Misstrauen, das in Norwegen mit den Vorstellungen "eines deutschen Problems" verbunden war, war während des gesamten Kalten Kriegs eine latente Belastung in den gegenseitigen Beziehungen. Es stellt sich nun die Frage: Wie hat das Ende jenes Kalten Krieges und die deutsche Wiedervereinigung zu einer Stärkung der Interessengemeinschaft beigetragen, und wie entwickelte sich daraus folgend die norwegische Freundschaftspflege?

Der Ausgangspunkt: Die lang anhaltende Vorstellung von einem "deutschen Problem"

1988 wurden Norwegens Außenpolitiker auf eine neue Dynamik im deutsch-deutschen Verhältnis aufmerksam und gestanden sich auch offiziell ein, dass die Teilung Europas nicht als irreversibel gesehen werden musste.[4] "Die deutsche Frage" war aber nur eine rein geopolitische Frage, die sich vor allem für die vier Alliierten gestellt hatte. Viel komplizierter war die Vorstellung von einem "deutschen Problem". Darunter konnten unterschiedliche Auffassungen der Nachbarländer über die Macht und Rolle Deutschlands in Europa verstanden werden.[5] Das "deutsche Problem" war eine von den historischen Erfahrungen gefärbte kulturelle Konstruktion, welches durch Misstrauen charakterisiert war. Auch in Norwegen wurde dieses Misstrauen lange durch stereotype Vorstellungen über Deutschland und die Deutschen und den ihnen scheinbar innewohnenden Militarismus gehegt. In der norwegischen politischen Elite und auch in der Bevölkerung hat die Zusammenarbeit innerhalb der NATO-Allianz während der ersten 15 Jahre das aus Kriegszeiten begründete Misstrauen nur oberflächlich zugedeckt.[6] Die Bemühungen der Bonner Republik um eine "Normalisierung" der Beziehungen zu Norwegen scheiterten letztlich am mangelnden Vertrauen der Skandinavier, bei denen die deutsche Besetzung zwischen 1940 und 1945 noch immer sehr präsent war. Das Misstrauen beeinflusste auch stark die norwegische Innenpolitik. Erst 1965 fuhr Premierminister Einar Gerhardsen als letzter Regierungschef eines NATO-Mitgliedslandes zu einem offiziellen Staatsbesuch nach Bonn. Die militärische Zusammenarbeit war ein sensibles Thema: Bis zum Ende des Kalten Krieges "diskriminierte" Norwegen die Bundesrepublik innerhalb der militärischen NATO-Zusammenarbeit. Erst 1988 durften reguläre Bundeswehreinheiten in Nord-Norwegen üben.[7]

Der damalige Bundeskanzler Willy Brandt erhält am 10. Dezember 1971 in Oslo den Friedensnobelpreis, überreicht von der Vorsitzenden des Nobelpreis-Komitees Aase LionaesDer damalige Bundeskanzler Willy Brandt erhält am 10. Dezember 1971 in Oslo den Friedensnobelpreis, überreicht von der Vorsitzenden des Nobelpreis-Komitees Aase Lionaes (© picture alliance / picture alliance/AP Images)
Seit den 1970er Jahren spiegelte diese Diskriminierung aber immer weniger ein tatsächlich vorhandenes Misstrauen in der Bevölkerung wider. Bei vielen Norwegerinnen und Norwegern hatte Willy Brandts Ostpolitik seit 1969 zu neuem Vertrauen in Deutschland beigetragen: 1971 erhielt er in Oslo den Friedensnobelpreis. Mit seiner antinazistischen Vergangenheit als Flüchtling in Norwegen und Schweden besaß Brandt schon früh Glaubwürdigkeit bei den Norwegern.[8] Seine Außenpolitik, unter anderem mit der Aufhebung der Hallstein-Doktrin, fand in Norwegen Zustimmung.[9] Ohne größere Wiederstände nahm Norwegen 1973 mit der DDR diplomatische Kontakte auf. Willy Brandts erfolgreiche Bemühungen, das Verhältnis zwischen Norwegen und Deutschland zu stärken, führten dazu, dass die Bundesrepublik nicht nur zu einem Fürsprecher Norwegens innerhalb der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) wurde, sondern auch dazu, dass sich enge persönliche Bande zwischen den politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern dieser Länder entwickelten.[10]

Die immer intensiveren Wirtschaftsbeziehungen mit der Bundesrepublik, insbesondere in der Ölwirtschaft, führten auch zu einer engeren politischen Zusammenarbeit. 1974 wurde das erste Abkommen über den Transport von fossilen Brennstoffen aus der Nordsee nach Deutschland (Ekofisk-Gebiet) unterzeichnet. 1976 unterzeichneten beide Länder das sogenannte Gjerde-Friedrichs-Protokoll, welches die bilaterale Zusammenarbeit in Energie- und Industriefragen erweitern sollte. Das Protokoll war die Grundlage für einen ständig wachsenden Export von Erdöl und Erdgas aus Norwegen nach Deutschland, mit der Eröffnung einer ersten Erdgas-Pipeline 1977. Weitere große Erdgasabkommen wurden in den 1980er Jahren abgeschlossen. Diese Form der energiepolitischen Zusammenarbeit wurde der Grundstein für die immer intensiveren deutsch-norwegischen Wirtschaftsbeziehungen. Denn dadurch vertieften sich auch die industrielle Zusammenarbeit sowie der Handel in weiteren Bereichen. 1986 wurde erneut eine deutsch-norwegische Handelskammer gegründet. Die letzte Handelskammer war 1940 zum Instrument der deutschen Besatzer geworden und wurde 1945 abgeschafft.

Auf die immer engere Zusammenarbeit folgte in den 1970er Jahren auch eine symbolische Kulturpolitik. Als Meilenstein ist der Norwegenbesuch von Bundespräsident Richard von Weizsäcker von 1986 zu sehen.[11] Der Geist der Versöhnung wehte auch durch eine Anzahl gesellschaftlicher Vereinigungen. Schon seit 1960 arbeitete die – von dem vor den Nationalsozialisten geflüchteten Schriftsteller Max Tau geleitete – "Deutsch-Norwegische Vereinigung" für eine Versöhnung der beiden Länder. Aber das allgemeine Misstrauen in Norwegen erschwerte lange Zeit die Arbeit der Vereinigung. Als dann 1988 die "Deutsch-Norwegische Gesellschaft" errichtet wurde, hatten sich die Bedingungen geändert. Diese verfolgte vor allem kulturpolitische Ziele: die Förderung von Kontakten und gegenseitigem Verständnis zwischen den beiden Ländern. Sie entwickelte sich in keiner Weise zu einer Volksbewegung, aber die Mitglieder gehörten der politischen und sozialen Elite an und beeinflussten so die öffentliche Meinung. Es existieren keine Meinungsumfragen, die systematisch aufdecken könnten, wie das Misstrauen in Norwegen in den 1970er Jahren entkräftet worden ist. Es ist aber wohl möglich, dass es insbesondere diese Eliten waren, die den Prozess vorantrieben. Gleichzeitig hat die Zunahme des Tourismus zwischen beiden Ländern wahrscheinlich zu einer weiteren Auflösung von Stereotypen beigetragen. Heutzutage stellen deutsche Urlauber die größte Gruppe ausländischer Touristen in Norwegen.

Selbst wenn das Misstrauen tendenziell entkräftet wurde, gab es immer wieder Gelegenheiten, bei denen es in den Medien an die Oberfläche kam. In großen außenpolitischen Fragen, in denen die Bundesrepublik eine Rolle spielte - ob es sich um die Nuklear-Strategie der NATO oder die Frage einer EG/EU-Mitgliedschaft handelte - war es immer noch sichtbar. 1994 behauptete zum Beispiel der oft sehr unverblümt argumentierende norwegische Parlamentarier Per Olaf Lundteigen, gegen eine Mitgliedschaft Norwegens in der EG/EU spreche, dass "eine Union mit Deutschland an der Spitze" nicht passe.[12] Auf Grundlage der immer noch vorhandenen kulturellen Konstruktion eines "deutschen Problems" mussten 1989/90 konsequenterweise auch Zweifel erwachsen, ob ein wiedervereinigtes Deutschland eine moderate Europa-Politik vertreten würde.[13]

Reaktionen auf die deutsche Vereinigung und das vereinte Deutschland

Mit Helmut Kohls überraschendem Zehn-Punkte-Plan für eine deutsche Einheit vom 28. November 1989 war auch für Norwegen "die deutsche Frage" wieder aktuell geworden. In den Regierungskanzleien in Oslo wurde der Zehn-Punkte-Plan zunächst gebilligt. Das Programm stimmte mit dem - von der Regierung im Allgemeinen geteilten - Recht auf nationale Selbstbestimmung überein. Der Westen hatte auch während des Kalten Krieges daran festgehalten, dass dieses auch für "die deutsche Frage" gelte. Solange der Prozess der Wiedervereinigung im Rahmen einer größeren europäischen Zusammenarbeit stattfinden würde, an der sich auch die USA beteiligte, stellte er auch keine Herausforderung für die norwegische Außenpolitik dar. Der norwegische Außenminister Kjell Magne Bondevik sagte im Parlament, dass eine Wiedervereinigung im Anschluss an "den Intergrationsprozeß der EWG, an die Verpflichtung Deutschlands in der NATO und an den KSZE-Prozess" geschehen müsse.[14] Das sahen naturgemäß nicht alle Nachbarn und Mächte so. Für das Politbüro in Moskau war die Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands in der NATO schwieriger zu akzeptieren, als die Mitgliedschaft in der EWG und der KSZE/OSZE. Für die Regierung in Oslo aber war die NATO-Mitgliedschaft des neuen, größeren Deutschlands entscheidend. Auf einem USA-Besuch im Februar 1990 erklärte Premierminister Jan P. Syse offiziell, dass für Norwegen die NATO-Mitgliedschaft eine Voraussetzung für die Wiedervereinigung sei.[15]

Die Ursache für dieses Beharren auf einer NATO-Mitgliedschaft war sicherlich nicht nur der Wunsch, das Bündnis zu stärken, sondern auch die alte Vorstellung, dass die NATO Deutschland einhegen würde. Obwohl das starke Misstrauen aus den 1950er Jahren zweifellos verschwunden war, schaffte "die deutsche Frage" in Norwegen immer noch Unruhe. Die konservative Zeitung Aftenposten äußerte in einem Leitartikel Besorgnis über die Situation und die Möglichkeit, dass sich eine neue Diskussion über die Ost-Grenze Deutschlands entwickeln könnte. Bezug nehmend auf - als zweideutig empfundene - Aussagen von Bundeskanzler Kohl, malte sie offen das Schreckgespenst eines expansiven deutschen Nationalismus an die Wand.[16] Der Kommentar referenzierte deutlich auf die alte Vorstellung von einem "deutschen Problem". Eine Sorge, die durchaus auch in Regierungskreisen präsent war. Sie wurde allerdings früh von der Bundesregierung entkräftet, als diese versicherte, dass die Ostgrenze zu Polen nicht in Frage gestellt werde. Zum Zeitpunkt der deutschen Einheit hatte dann die Sympathie für die Wiedervereinigung die Angst vor ihr überwunden.[17] Die Regierung in Oslo begrüßte die Strategie der westdeutschen Regierung, der Sorge der europäischen Nachbarn durch eine verstärkte Zusammenarbeit in NATO, EU und KSZE zu begegnen. Außenminister Kjell Magne Bondevik erklärte deswegen offiziell, dass der Fall der Berliner Mauer und die folgende Vereinigung der zwei deutschen Staaten, "der klarste Ausdruck für eine Einheit Europas und der Anfang einer neuen Zusammenarbeit in Europa" sei.[18] Premierminister Syse schickte ein Gratulationstelegramm an Bundeskanzler Kohl, in dem er der Hoffnung Ausdruck verlieh, dass die Einheit zu gestärkten, gegenseitigen Beziehungen zwischen Deutschland und Norwegen führen würde.[19] Diese Haltung wurde auch von einer Mehrheit der Bevölkerung geteilt: Eine Untersuchung des Umfrageinstitutes Opinion im April 1990 zeigte, dass 64 Prozent der Befragten eine deutsche Wiedervereinigung unterstützten. Während des Wiedervereinigungsmonats Oktober 1990 teilten sogar 77 Prozent der Befragten diese Haltung.[20]

Daraus kann man schließen, dass die Unruhe, welche die Frage einer Wiedervereinigung in Norwegen anfänglich ausgelöst hatte, vor allem auf die Sorge vor einem gestärkten, expansiven Deutschland zurückzuführen war. Doch diese Bedenken verschwanden, als sich die NATO-Mitgliedschaft des wiedervereinigten Deutschlands abzeichnete.

Die Freundschaftspflege gegenüber dem vereinten Deutschland

In der Zeit nach der Wiedervereinigung verstärkte Norwegen seine Kulturpolitik. Ziel war die Förderung eines positiven Deutschlandbilds in Norwegen. Dies ist in enger Zusammenarbeit mit deutschen Akteuren geschehen. Ein Beispiel ist die Gründung der norwegisch-deutschen Willy-Brandt Stiftung im Jahr 2000. Die Stiftung will zu einer "Vertiefung der Beziehungen und zu einem besseren gegenseitigen Verständnis beider Länder beitragen."[21] Ein anderes Beispiel ist die große Wanderausstellung, die anlässlich des 100. Jahrestages der Selbständigkeit Norwegens in mehreren Städten und Orten in beiden Ländern gezeigt wurde.[22] Die Ausstellung beabsichtigte, die historische Kontinuität der Kontakte zwischen beiden Ländern zu zeigen, trotz des Bruchs durch den Zweiten Weltkrieg und der deutschen Besetzung Norwegens. Der norwegische Außenminister Jonas Gahr Støre eröffnete die Wanderausstellung im November 2006 im Museum für Kommunikation in Berlin. Seine Ansprache illustrierte die neue kulturpolitische Zielsetzung in Norwegen: "Deutschland ist ein Freund von Norwegen, und Norwegen ist ein Freund von Deutschland - kulturell, technologisch, ökonomisch und politisch."[23] Der frühere Außenminister Torvald Stoltenberg und der Diplomat Sverre Jervell bezeichneten in einem gemeinsamen Vortrag die erneute Zuwendung zu Deutschland als einen norwegischen "Schwenk nach Berlin".[24]

Es gibt allen Grund anzunehmen, dass die häufige und andauernde Betonung einer beiderseitigen Interessengemeinschaft nach der Wiedervereinigung zu einem positiveren Deutschlandbild in Norwegen beigetragen hat. Wie dies genau geschehen ist, kann nicht rekonstruiert werden. Es gibt weder ausreichend Meinungsumfragen noch empirische Medienanalysen über den gesamten Zeitraum. Sicher ist jedoch, dass die Strategie Norwegens, ein zeitgemäßes Deutschlandbild bei den Norwegern zu bilden, aufgegangen ist. Die zunehmende Bedeutung Deutschlands führte auch dazu, dass die norwegische Regierung 1999 eine spezifische Deutschland-Strategie formulierte. Um die Freundschaft zu stärken, sollten die beiderseitigen Kontakte intensiviert und erweitert werden. Die Freundschaftspflege sollte das gegenseitige Ansehen in den Ländern erhöhen. Die Strategie enthielt spezifische Zielsetzungen in ausgewählten Schwerpunktbereichen wie beispielsweise Europapolitik, Wirtschaftspolitik, Handel und kulturelle Zusammenarbeit. Sie ist 2003, 2007 und 2014 überarbeitet worden. Seit 2007 wurde der Strategie auch ein eigener Handlungsplan beigefügt.

In seinem Vorwort von 2007 bestätigte Außenminister Jonas Gahr Støre, die Strategie "war und ist, ein sinnvolles und nützliches Instrument für die Weiterentwicklung der deutsch-norwegischen Beziehungen auf bilateraler Ebene. Die Zusammenarbeit mit Deutschland ist von größter Bedeutung für Norwegen, sie erfordert von uns eine ganzheitliche und zielgerichtete Vorgehensweise in allen Bereichen."[25] Im Vorwort von 2014 hob Außenminister Børge Brende den Erfolg der Strategie hervor: "Deutschland ist Norwegens wichtigster Partner in Europa und ein enger NATO-Alliierter. Die bilateralen Beziehungen sind gekennzeichnet von einem grundlegenden gegenseitigen Vertrauen und gemeinsamen Interessen."[26] Aus der gegenwärtigen Deutschland-Strategie ist zu schließen, dass die norwegische Regierung sie als geglückte Freundschaftspflege betrachtet.

Fazit

In der Zeit des Misstrauens entwickelte sich langsam eine Interessengemeinschaft zwischen Norwegen und Deutschland. Das war mitentscheidend für eine Überarbeitung der norwegischen Strategie gegenüber Deutschland. Nach der Wiedervereinigung wurde die Bundesrepublik als "zuverlässiger" Partner bezeichnet, eine Bezeichnung, die bis dahin neu war. Das Misstrauen, das sich in den 1970er und 1980er Jahren abgeschwächt hatte, verschwand mit der Wiedervereinigung 1990 vollständig. Seitdem hat die Kombination aus einer zielgerichteten Kulturpolitik und einer stärkeren wirtschaftlichen Integration scheinbar funktioniert. Die gemeinsame Energiepolitik ist zum Fundament der deutsch-norwegischen Zusammenarbeit geworden, und sowohl Oslo als auch Berlin wollen diese Zusammenarbeit noch erweitern.[27] Norwegen liefert über 20 Prozent des deutschen Bedarfs an Rohöl und rund 30 Prozent des Bedarfs an Erdgas. Nichts deutet darauf hin, dass diese Prozentsätze geringer werden könnten, ganz im Gegenteil. Es liegen auch Pläne vor, die norwegisch-deutsche Elektrizitätsversorgung auszubauen. Damit muss und wird die beiderseitige Freundschaftspflege auch weiter fortbestehen.

Zitierweise: Hans Otto Froland: Von Misstrauen (bis) zur zuverlässigen Interessengemeinschaft. Eine Kontextualisierung der norwegischen Freundschaftspflege mit dem vereinten Deutschland, in: Deutschland Archiv, 19.12.2014, Link: http://www.bpb.de/197834

Fußnoten

1.
Vgl. Solbergs Aussage, dass Deutschland für Norwegen ein wichtiger Weg in die EU sei, in: Dagsavisen, 21.11.2013, S. 18-19.
2.
Nils Morten Udgaard, Norge dyrker Tyskland, in: Aftenposten, 14.4.2008, S. 3.
3.
Nils Christian Helle, Snakket om trygd og velferd, in: Aftenposten, 26.5.2000, S. 8.
4.
Innst.S.nr. 244, Innstilling fra utenriks- og konstitusjonskomiteen om Norge, EF og europeisk samarbeid, in: Stortingsforhandlinger 1987-88, 6aI, S. 37.
5.
Vgl. spätestens Brendan Simms, Europe. The Struggle for Supremacy from 1453 to the Present, London 2013.
6.
Hans Otto Frøland, Misstrauen, Abhängigkeit und Entspannung: Norwegen und die deutsche Frage 1945-1973, in: Jan Hecker-Stampehl (Hg.), Nordeuropa und die beiden deutschen Staaten 1949-1989. Aspekte einer Beziehungsgeschichte im Zeichen des Kalten Krieges, Leipzig und Berlin, 2007, S. 91-118.
7.
Rolf Tamnes, Oljealder 1965-1995. Norsk utenrikspolitikks historie, bd. 6, Oslo 1997, S. 102-105; Jacob Børressen, Gullow Gjeseth und Rolf Tamnes, Allianseforsvar i endring. Norsk forsvarshistorie 1970-2000, Bergen 2004, S. 116-118.
8.
Einhart Lorenz, Willy Brandt und Norwegen 1933-1947, in: Thomas Sirge und Birgit Mühlhaus (Hg.), Willy Brandt. Ein deutsch-norwegisches Politikerleben im 20. Jahrhundert, Frankfurt 2001, S. 77-83.
9.
Robin Allers, Besondere Beziehungen. Deutschland, Norwegen und Europa in der Ära Brandt (1966-1974), Bonn 2009.
10.
Ebd., S. 384 - 386.
11.
Matthias Hannemann, A Phoenix from the ashes. Impressions from the German-Norwegian rapprochment after World War II, in: Henrik Lundtofte, Mona Jensen und Flemming Just (Hg.), War and Society in 20th Century Scandinavia, Odense 2009, S. 253-276.
12.
Ole Nygaard, EU-duellen på Blaafarveverket i går, in: Aftenposten, 28.8.1994, S. 2.
13.
Vgl. Andrei S. Markovits und Simon Reich, The German Predicament. Memory and Power in the New Europe, Ithaca-London 1997.
14.
Stortingsforhandlinger 1989-90, 7b, S. 1695.
15.
Jan P. Syse, Europe in transition – a Norwegian view, Rede vor dem National Press Club 23.2.1990. http://www.c-span.org/video/?11258-1/europe-transition-norwegian-view, letzter Zugriff am 28.11.2014.
16.
Tysklands grense mot øst, in: Aftenposten 5.3.1990, S. 2.
17.
Tore Nedrebø, Den tyske utfordringa. Tyskland, Norge og det nye Europa, Oslo 1995, S. 225.
18.
Kjell Magne Bondevik, Tyskland og det nye Europa, in: Aftenposten, 3.10.1990, S. 2.
19.
Syse sender gratulasjoner til kansleren, in: Aftenposten 3.10.1990, S. 9.
20.
Nedrebø, Den tyske utfordringa (Anm. 17), S. 225.
21.
Denkschrift zum zehnjährigen Bestehen der Norwegisch-Deutschen Willy-Brandt-Stiftung und des Vereins zur Förderung der Norwegisch-deutschen Willy-Brandt-Stiftung, 2010, S. 7.
22.
Siehe Ausstellungskatalog: Bernd Henningsen (Hg.), Hundert Jahre deutsch-norwegische Begegnungen, Berlin 2005.
23.
Ansprache des norwegischen Außenminister Jonas Gahr Støre zur Eröffnung der Wanderausstellung im Museum für Kommunikation in Berlin am 10.11.2006, in: http://www.regjeringen.no/nb/dokumentarkiv/stoltenberg-ii/ud/taler-og-artikler/2006/apning-av-ikke-bare-laks-og-polser-norsk.html?id=425717, letzter Zugriff am 28.11.2014
24.
Torvald Stoltenberg und Sverre Jervell, Norge gjenoppdager Tyskland, in: Anna Florén und Emilia Höglund (Hg.), Norden återuptäckar tyskland. Nya perspektiv på gamla relationer, Oslo 2013, S. 68-81.
25.
Die Deutschland-Strategie der norwegischen Regierung, Oktober 2007, S. 8, in: http://www.regjeringen.no/upload/UD/Vedlegg/Tysklandstrategi.pdf, letzter Zugriff am 28.11.2014.
26.
Die Deutschland-Strategie der norwegischen Regierung, Mai 2014 S. 10, in: http://www.regjeringen.no/upload/UD/Vedlegg/Europa/tyskland_strategi2014.pdf, letzter Zugriff am 28.11.2014.
27.
Jonas Gahr Støre, Europe’s energy mix and Norway’s role, tale for German-Norwegian Energy Workshop 22.10.2010, in: http://www.regjeringen.no/en/dep/udWhats-new/Speeches-and-articles/speeches_foreign/2010/energy_mix.html?id=622035, letzter Zugriff am 28.11.2014; Mer gass til Merkel, in: Dagens Næringsliv, 21.2.2013.
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