Beleuchteter Reichstag

"Kleines Schaufenster in das Stasi-Archiv"

20.2.2015
25 Jahre nach der Stürmung der Stasi-Zentrale am 15. Januar 1990 und der Entmachtung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) präsentierte der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU), Roland Jahn, eine neue Online-Mediathek mit zahlreichen Original-Dokumenten aus dem Archiv. Damit sind ausgewählte Dokumente der DDR-Staatssicherheit jetzt im Internet einsehbar. Das Deutschland Archiv befragte das Team der Mediathek beim BStU zu Inhalten, Ziel und Nutzen der Plattform.

"Udo rockt für den Weltfrieden": Die Mediathek zeigt anhand ausgewählter Dokumente, wie das Konzert von Udo Lindenberg im Jahr 1983 die Stasi über Wochen beschäftigte"Udo rockt für den Weltfrieden": Die Mediathek zeigt anhand ausgewählter Dokumente, wie das Konzert von Udo Lindenberg im Jahr 1983 die Stasi über Wochen beschäftigte (© BStU)

DA: Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, stellte im Januar die neue Online Plattform www.stasi-mediathek.de als "kleines Schaufenster in das Stasi-Archiv" vor. Wie viel erfährt man in der Mediathek über die Stasi-Unterlagen?

Team Mediathek BStU: Die Stasi-Mediathek zeigt Unterlagen in fast allen Formaten, die überliefert worden sind: Dokumente, Fotos, Videos und Audios aus der Ablage der Stasi. Die bisherige Auswahl gibt einen kleinen Einblick in die Arbeit des MfS aus vier Jahrzehnten DDR-Geschichte. Sie spiegeln viele Facetten der Arbeit der DDR-Geheimpolizei wider, wie die Observation von Oppositionellen, das Wirken von Informanten, den Alltag und die Strukturen innerhalb der Staatssicherheit bis hin zu Plänen zur Entführung politischer Gegner.

DA: Wie kam es zur Realisierung des Portals?

Team Mediathek BStU: Der Bundesbeauftragte hat, um einen zeitgemäßen Umgang mit Akten zu ermöglichen, vom Deutschen Bundestag Gelder bewilligt bekommen. Es ist allen Beteiligten ein Anliegen, gerade ein jüngeres Publikum dort anzusprechen, wo es kommuniziert: in der digitalen Welt. Daraus hat sich unser Auftrag ergeben und wir haben die Mediathek entwickelt.

Im Herbst 2013 begannen die Vorbereitungen. Zunächst wurde eine umfangreiche Ausschreibung vorbereitet, die eine Grundkonzeption enthielt. Im März 2014 haben wir, in Zusammenarbeit mit einer externen Agentur, mit der Umsetzung begonnen. Es ging darum, die technischen Voraussetzungen zu schaffen, das Design zu bestimmen und vor allem eine Suche zu entwickeln. Im Januar 2015 ist die Mediathek online gegangen. Das ist ein relativ kurzer Umsetzungszeitraum für dieses Projekt.

DA: Was ist das vorrangige Ziel der Plattform und inwiefern kann die Online-Mediathek die Arbeit der Behörde unterstützen?

Team Mediathek BStU: Zum gesetzlichen Auftrag des BStU gehört es, über die Wirkweise und Struktur der Stasi zu unterrichten. Die Stasi-Mediathek trägt dazu bei, diesen Auftrag zu erfüllen, indem sie einen kleinen Ausschnitt des Archivs leichter zugänglich macht. Die Auswahl der Unterlagen folgt dabei klaren Kriterien.

Vor allem zeigen die ausgewählten Dokumente beispielhaft, wie der Geheimpolizei-Apparat in der DDR funktioniert hat. Viele der Dokumente haben eine hohe Informationsdichte. Sie erfüllen quasi eine Wegweiserfunktion zur Arbeit der Staatssicherheit. Zudem beinhaltet die Mediathek auch Schulungsfilme oder aufgezeichnete Reden von Führungspersönlichkeiten aus dem Ministerium für Staatssicherheit. Diese zeigen, wie die Stasi funktionierte und was sie gemacht hat. Aber natürlich gilt auch hier der Persönlichkeitsschutz. Das bedeutet, dass wir weitgehend auf Betroffenen-Unterlagen verzichten.

DA: Sie haben es schon angesprochen und auch Roland Jahn betonte, das Portal solle insbesondere junge Leute neugierig machen, "sich selbst ein Bild von den Unterlagen im Archiv des BStU zu machen". Wurde die Konzeption des Portals insbesondere auf eine jüngere Zielgruppe zugeschnitten?

Team Mediathek BStU:
Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, stellte am 8. Januar 2015 die neue Stasi-Mediathek in Berlin vorRoland Jahn ist seit März 2011 Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Beispielhafte Stasi-Akten ließ er 2015 in einer neu eingerichteten "Stasi-Mediathek" online stellen. (© picture-alliance / dpa)
Ja, sicherlich: Zum einen stellt die Mediathek schnell zugängliche Unterlagen wie Fotos und Videos ins Zentrum. Damit ist ein niedrigschwelliger Anreiz, sich mit den Inhalten zu beschäftigen, geschaffen. Das Angebot funktioniert auch dort, wo junge Leute überwiegend online sind, nämlich auf Tablets und Smartphones. Damit ist eine Beschäftigung mit Unterlagen anders möglich als in einer klassischen Archivrecherche, die wesentlich mehr Kenntnisse voraussetzt. Jugendliche, aber auch andere Zielgruppen, können sich so einfacher über die Stasi informieren. Für ein jüngeres Publikum ist sicherlich der Zeitstrahl interessant, der zur besseren Orientierung beiträgt.

Auch wenn der Zugang plakativer ist, so liefern wir dennoch jede Menge Kontextinformationen zu den Dokumenten und Unterlagen, kurze einordnende Texte zum Hintergrund eines Dokuments beispielsweise. Die Terminologie der Stasi ist oft bürokratisch, viele Dokumente sind mit Abkürzungen gespickt. Daher haben wir ein Abkürzungsverzeichnis und Begriffserklärungen in die Navigation integriert – passend zu jeder einzelnen Dokumentenseite. So kann man sich intensiv auf diese Unterlagen einlassen.

DA: Das Stasi-Archiv umfasst mehr als 111 Kilometer Aktenmaterial, über 1,7 Millionen Fotos, zahlreiche Videos sowie Tonbänder aus den Abhörzentralen der Stasi und ist somit einer der größten Archivbestände in Deutschland. Die Mediathek umfasst nur einen kleinen Teil des Bestandes. Wie kam es zur Auswahl der dargestellten Geschichten und Sammlungen und sollen künftig weitere Dokumente veröffentlicht werden, falls ja, in welchem Umfang?

Team Mediathek BStU: Es ist tatsächlich ein enorm großes Archiv und da war es gar nicht so einfach, einen Anfang zu finden. Wir haben, auch im Austausch mit den Historikern unserer Forschungsabteilung, mit zwei der einschneidensten Ereignisse für die DDR-Geschichte begonnen, die natürlich auch für die Stasi von zentraler Bedeutung waren: Der Volksaufstand am 17. Juni 1953 und die Friedliche Revolution im Herbst 1989. Das erste Ereignis gab den Startschuss für einen massiven Ausbau des Repressions- und Überwachungsapparates innerhalb der Geheimpolizei. Das zweite führte zum Ende der Staatssicherheit.

Einstiegsseite zur Geschichte der Verfolgung des ehemaligen Grenzoffiziers Manfred Smolka durch die StasiEinstiegsseite zur Geschichte der Verfolgung des ehemaligen Grenzoffiziers Manfred Smolka durch die Stasi (© BStU)
Bei der Auswahl der Dokumente und Geschichten konnten wir auf die vielen bereits vorhandenen Recherchen und Arbeiten im Haus zurückgreifen. Wir haben dann jeweils zu zwei unterschiedlichen Episoden dieser geschichtlichen Zäsuren Dokumente ausgewählt, die exemplarisch Methoden der Stasi aufzeigen: Die Observation von Udo Lindenberg während seines Konzertes 1983 in Ost-Berlin und das Vorgehen der Stasi gegen den geflüchteten, ehemaligen Grenzoffizier Manfred Smolka.

In diesem Jahr ist unser Ziel, den Bestand der Mediathek zu verdoppeln und in jedem Jahr dann eine ähnlich große Menge an Unterlagen hochzuladen. Wir wollen vor allem die Vielfalt der gezeigten Unterlagen erweitern.

DA: Wie groß ist derzeit der digitalisierte Datenbestand und nach welchen Kriterien wird bei der Digitalisierung der Stasi-Unterlagen vorgegangen?

Team Mediathek BStU: Die Mediathek reiht sich in die schon länger laufenden Digitalisierungsprojekte des Stasi-Unterlagen-Archivs ein. Vor allem Fotos, Audio-Files und Filme werden schon seit längerem digitalisiert, weil die originalen Datenträger einfach zerfallen. Im Bereich der Audios sind beispielsweise bereits knapp 40 Prozent in eine digitale Form überführt. Aber natürlich werden nicht alle Digitalisierungen online gestellt.

Bei der Onlinestellung der Findmittel des BStU auf der Suchplattform des Bundesarchivs ARGUS sind ebenfalls etliche Dokumente vom Archiv digitalisiert und online gestellt worden. Dabei geht es vor allem um Grundsatzdokumente des MfS. Die spielen auch bei den diversen Online-Veröffentlichungen aus unserer Forschungsabteilung eine Rolle. Dokumente zum Mauerbau und zur Grenzsicherung sowie zur Zusammenarbeit mit dem KGB sind für jedermann im Internet einsehbar. Ebenso ist eine Edition von fünf Jahrgängen der geheimen Berichte der Stasi an die Staats- und Parteiführung über eine Online-Datenbank abrufbar.

DA: Die Veröffentlichung der Unterlagen unterliegt strengen Datenschutzregeln. Welche personenbezogenen Daten kann ich in der Stasi-Mediathek finden und was bedeuten die Datenschutz-Vorschriften für die Realisierung eines Online-Portals, mit welchen Schwierigkeiten sahen Sie sich konfrontiert?

Stasi-Akte (Auszug): "Vorschläge zur Bestrafung von Personen, die Udo Lindenbergs Lied 'Sonderzug nach Pankow' in der Öffentlichkeit wiedergeben"Stasi-Akte (Auszug): "Vorschläge zur Bestrafung von Personen, die Udo Lindenbergs Lied 'Sonderzug nach Pankow' in der Öffentlichkeit wiedergeben" (© BStU, MfS, ZAIG, Nr. 5566, Bd. 1, Bl. 2-4)
Team Mediathek BStU: Für den Umgang mit den Unterlagen des Archivs gilt eine spezielle Gesetzesnorm: das Stasi-Unterlagen-Gesetz (StUG).
In diesem Spezialgesetz ist der Umgang mit persönlichen Daten in den MfS-Unterlagen genau geregelt. Eine große Herausforderung war es tatsächlich, die Stasi-Unterlagen im Einklang mit dem StUG zu veröffentlichen. So finden sich daher auch in der Regel keine personenbezogenen Daten von Opfern der Staatssicherheit in der Mediathek. Ausnahmen gibt es, wenn Betroffene der Veröffentlichung zugestimmt haben oder sie in einem allgemein bekannten Zusammenhang in den Unterlagen auftauchen. Informationen über Hauptamtliche Mitarbeiter des MfS werden entsprechend nicht anonymisiert, weil sie dazu beitragen, die Struktur des Ministeriums transparent zu machen.

Die Vorschriften des StUG auf jeden Einzelfall in den Akten adäquat anzuwenden, ist für das Projekt Mediathek aufwändig, aber es ist für den Persönlichkeitsschutz der Opfer unerlässlich. So haben wir bisweilen selbst vermeintlich belanglose Informationen anonymisiert, weil man sonst auf sehr sensible Daten hätte schließen können.

DA: Wozu dient die Suche über den Zeitstrahl? Was kann diese den Nutzern über die Geschichten und Sammlungen hinaus verdeutlichen?

Team Mediathek BStU: Der Zeitstrahl bietet zunächst einen sehr unkomplizierten Zugang zu den Inhalten der Mediathek. Jeder Nutzer hat so die Möglichkeit, ganz einfach Unterlagen zu einem bestimmten Zeitraum zu finden und entsprechende Zusammenhänge herzustellen. Zusätzlich dient er der Spezifizierung von Suchanfragen. Darüber hinaus gibt er Orientierung und setzt Anreize für weitere Recherchen. Der User könnte sich beispielsweise fragen, warum es im Jahr 1961 besonders viele Unterlagen gibt und wird sich dann mit den Ereignissen befassen.

DA: Was gibt es bislang für Reaktionen auf die neue Stasi-Mediathek, wie wird das neue Angebot angenommen?

Team Mediathek BStU: Die Reaktionen sind durchgehend positiv und die Zahlen sind nach dem Presselaunch gleich in die Höhe geschnellt. Das Interesse ist aber weiterhin groß und die vergleichsweise lange Aufenthaltsdauer auf der Seite zeigt uns, dass User sich die Zeit nehmen, ausgiebig zu surfen und sich intensiv mit den Inhalten befassen. Das gibt uns natürlich auch die Möglichkeit, die Mediathek weiter zu optimieren. Zum Beispiel wird es noch mehr Möglichkeiten geben, weitere Inhalte zu finden.

DA: Bis zum 30-jährigen Jubiläum der Friedlichen Revolution im Jahr 2019 ist der Verbleib der Behörde zunächst gesichert. Dennoch wird über den zukünftigen Umgang mit den Stasi-Akten weiterhin diskutiert. Spielt die Stasi-Mediathek im Zusammenhang mit dieser Debatte eine Rolle?

Team Mediathek BStU: Wir erfüllen mit der Mediathek den derzeitigen Gesetzesauftrag. Die Akten werden ja nicht verschwinden und der Zugang wird sich auch in Zukunft nicht verschlechtern. Insofern ist so ein Tool wie eine Mediathek immer hilfreich.

Zitierweise: "Kleines Schaufenster in das Stasi-Archiv", in: Deutschland Archiv, 20.2.2015, Link: http://www.bpb.de/201702


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