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Sind wir ein Volk? Zur demografischen Entwicklung in Deutschland seit der Wiedervereinigung


12.3.2015
Haben wir es mit Blick auf die Entwicklung der Bevölkerung in den letzten 25 Jahren mit grundlegenden oder eher nur partiellen Veränderungen zu tun? Sind die Bevölkerungsstrukturen in Ost und West wie vor 1989/90 noch immer stark verschieden oder dominieren mittlerweile andere Gegensätze wie beispielsweise Nord-Süd oder Stadt-Land die demografischen Unterschiede in Deutschland? Diesen Fragen geht Tom Thieme in seinem Beitrag nach.

Blick auf Häuser in dem kleinen Ort Loitz in Mecklenburg-Vorpommern, der wie viele ländliche Regionen von der Abwanderung betroffen ist.Blick auf Häuser in dem kleinen Ort Loitz in Mecklenburg-Vorpommern, der wie viele ländliche Regionen von der Abwanderung betroffen ist. Die Jungen sind gegangen, die Bevölkerung schrumpft. (© picture alliance / dpa)

Die demografische Entwicklung in Deutschland ist seit der Wiedervereinigung ein öffentliches Dauerthema. Kinderlosigkeit und Überalterung, Zu- und Abwanderung sowie innerdeutsche Umzüge werden - teilweise abwechselnd, teilweise gleichzeitig - als die zentralen Herausforderungen der Gesellschaft ausgemacht. Doch vor allem der Fokus auf die Ost-West-Dimension überlagert die gesamtdeutschen Probleme. Nicht nur in den östlichen Bundesländern fehlen Kinder. Zugleich stehen in beiden Landesteilen prosperierende Großstädte der anhaltenden Entvölkerung in ländlichen Gegenden gegenüber. Schafft es der Westen allerdings durch die über Jahrzehnte gewachsene Zuwanderung von Migranten seine Bevölkerungszahl stabil zu halten, leidet der für Ausländer – ökonomisch und sozial – unattraktive Osten unter einem dreifachen Problemdruck: Geburtenmangel, Abwanderung nach Westen sowie kaum Zuwanderung von außen.

Der Beitrag geht der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland in den vergangenen 25 Jahren nach. Zum einen soll aufgezeigt werden, welche demografischen Änderungen sich vollzogen: Haben wir es mit Blick auf die Bevölkerungsverteilung und -zusammensetzung sowie auf die Altersstruktur folglich mit grundlegenden oder eher partiellen Veränderungen zu tun? Zum anderen gilt es die demografische Entwicklung seit der Wiedervereinigung für die besondere Ost-West-Dimension zu beleuchten. Sind die Bevölkerungsstrukturen in beiden Landesteilen wie vor 1989/90 noch immer stark verschieden (jung, multiethnisch und wachsend versus alt, homogen und schrumpfend) oder dominieren mittlerweile andere Gegensätze (beispielsweise Nord-Süd oder Stadt-Land) die demografischen Unterschiede in Deutschland?

Einführung



Die Bevölkerungsentwicklung der Bundesrepublik hat sich seit der Deutschen Einheit zum öffentlichen Dauerthema entwickelt. Drei Aspekte stehen im Mittelpunkt unzähliger, teilweise schriller Veröffentlichungen, welche die dramatischen Auswirkungen und Folgen der demografischen Veränderungen behandeln[1]: Erstens die Überalterung der Bevölkerung, zweitens der Wandel hin zu einer multiethnischen Gesellschaft und drittens die anhaltenden Unterschiede zwischen Ost und West. Allerdings entpuppen sich die meisten Erkenntnisse, welche - je nach Perspektive - als sensationell, kontrovers oder schlicht falsch bewertet werden, bei genauerem Hinsehen als wenig innovativ. Bereits Anfang der 1990er Jahre galten Überalterung, Zuwanderung und Binnenwanderungsströme als Grundlinien der langfristigen Bevölkerungsentwicklung.[2] Zwar halten diese Trends – teils verstärkt, teils abgeschwächt - nach wie vor an, allerdings prägen sie in unterschiedlichem Maß die Sozialstruktur der einzelnen Regionen beziehungsweise Bundesländer. So ist längst nicht mehr der gesamte Osten von Abwanderung betroffen - Schrumpfregionen wie der Lausitz und der Uckermark stehen boomende Landstriche, beispielsweise in und um Leipzig und Dresden, gegenüber. Ähnlich sieht es im Westen aus. Und während die Großstädte - im Osten weniger stark als im Westen - eine junge und zunehmend multiethnische Bevölkerung aufweisen, überaltern vor allem ländliche Regionen; auch wegen der fehlenden Zuwanderung.

Die Analyse der Bevölkerungsentwicklung setzt eine Auswahl der zu untersuchenden Teilbereiche voraus. Im Folgenden stehen die demografischen Kernmerkmale Altersstruktur, Lebenserwartung sowie Zu- und Binnenwanderung im Zentrum der Darstellung. Diese gilt es erstens für die Bundesrepublik insgesamt, zweitens differenziert nach Ost- und West und drittens speziell für einzelne Bundesländer und Regionen zu betrachten. So soll beantwortet werden, ob wir es 25 Jahre nach der Deutschen Einheit mit gesamtdeutschen Phänomenen, ost- beziehungsweise westdeutschen Trends oder regionalen Eigenarten zu tun haben.

Altersstruktur und Lebenserwartung



Die Bevölkerungsstruktur in Deutschland veränderte sich in den vergangenen 25 Jahren vielfältig und tiefgreifend. Allerdings war nicht jeder Wandel der langfristigen Entwicklung bedingt durch die Wiedervereinigung. Die natürliche Bevölkerungszahl als Verhältnis von Geburtenzahl und Sterbefällen geht - wie in ganz Europa - seit etwa vier Jahrzehnten zurück.[3] In Ost- wie Westdeutschland werden heutzutage weit weniger Kinder geboren als für die natürliche Reproduktion notwendig wären (140 statt 208 Kinder pro 100 Frauen), was mit dem monokausalen Begriff "Pillenknick" nicht ausreichend erklärt werden kann. Zu den Gründen für den Geburtenrückgang zählen jene Faktoren, die sich unter dem Begriff "Wertewandel" subsumieren lassen, so der Wandel in den Beziehungs- und Familienstrukturen, eine zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz von Kinderlosigkeit, mangelnde gesellschaftliche Voraussetzungen für Familienplanung, die stärkere Individualisierung von Lebensstilen sowie materielle Unsicherheit aufgrund von Sozialabbau und Unwägbarkeiten der wirtschaftlichen Entwicklung. Vor allem der letzte Aspekt sowie die Folgen des Systemwechsels in der DDR verstärkten Anfang der 1990er Jahre die dramatischen Einbrüche der Geburtenrate im Osten.[4] In den vergangenen zehn Jahren haben sich beide Landesteile (auf niedrigem Niveau) angenähert. Seit 2008 liegen die Geburtenraten in Ost und West annähernd gleich auf (1,40).

Allerdings zeigt sich mit dem Blick auf regionale Unterschiede, dass vor allem im Westen die Differenzen zwischen den einzelnen Regionen größer sind als die zwischen Ost und West.[5] Während sich in den östlichen Bundesländern aufgrund der nivellierten Bevölkerungsstrukturen in der DDR kaum regionale Besonderheiten finden – die Geburtenrate liegt im ländlichen Raum unwesentlich über der in (Groß-)Städten –, unterscheiden sich die Werte im Westen deutlich. So werden in den ländlichen Gebieten vor allem im Süden und im Nordwesten fast doppelt so viele Kinder geboren wie zuvörderst in den Universitätsstädten der alten Länder (beispielsweise Göttingen, Marburg und Heidelberg). Die Differenz der Geburtenziffer liegt bei etwa einem Kind pro Frau (1,9 gegenüber 0,9). Die Unterschiede gehen wesentlich mit der (Nicht-)Akzeptanz von nichtehelichen Lebensgemeinschaften einher. Dort, wo die Heiratsnorm verbreitet ist, werden mehr Kinder geboren. Zudem unterscheidet sich das Alter für die Familiengründung stark: In den urbanen Gegenden ("hüben wie drüben") und im gesamten Osten entscheiden sich Paare später für Nachwuchs als in den ländlich geprägten Regionen des Westens. Der Befund überrascht. Lag das Elternalter in der DDR durch die Anreize der staatlichen Familienpolitik (Wohnung, Kinderbetreuung) drei bis vier Jahre unter dem in der Bundesrepublik, hat sich das Verhältnis vor dem Hintergrund der sozialen Unsicherheiten im Osten umgekehrt.

Auch hinsichtlich der Lebenserwartung haben sich die Unterschiede zwischen Ost und West mittlerweile fast angeglichen.[6] Sie stieg seit 1990 bei Männern um fast sechs Jahre (von 72 auf über 78 im Jahr 2013), bei Frauen um fünf (von 78,5 auf 83,5). In beiden Landesteilen werden die Alten immer älter. Parallel nahmen die Ost-West-Unterschiede ab. Die Differenz zwischen beiden Landesteilen lag im Jahr 1990 bei etwa drei Lebensjahren (bei Männern 69,2 und 72,7 Jahre; bei Frauen 76,2 und 79,1 Jahre). Die Varianz geht auf drei zentrale Ursachen zurück: Erstens Versorgungsmängel, zweitens höhere gesundheitsbedingte Berufsrisiken und drittens ungleich größere Umweltverschmutzungen in der DDR. 25 Jahre nach der Epochenwende von 1989/90 sind die Unterschiede indes beinahe verschwunden. Heute werden westdeutsche Männer im Durchschnitt nur noch ein reichliches Jahr älter als ihre Landsleute im Osten (78,5 und 77,3 Jahre), bei Frauen gibt es gar keine Unterschiede mehr (83,1).

Deutsch-deutsche Binnenwanderungen



Neben der natürlichen Bevölkerungsentwicklung resultiert die Gesamteinwohnerzahl einer Gesellschaft aus den räumlichen Wanderungsbewegungen. Hier unterscheiden sich alte und neue Bundesländer nach wie vor deutlich. Während die Gesamtbevölkerungszahl im Westen von Ende des Zweiten Weltkrieges an - trotz zwischenzeitlicher Stagnation (1975-1985) - bis zum Jahr 2004 kontinuierlich stieg, weil die Geburtenrückgänge durch die Zuwanderung von Heimatvertriebenen, ehemaligen DDR-Bürgern und Ausländern kompensiert werden konnten, verschärfte sich mit der Friedlichen Revolution 1989/90 der seit 1946 ohnehin rückläufige Trend im Osten.

Mit der Wiedervereinigung wurde die Aus- zur Binnenwanderung, die vor allem zu Beginn der 1990er Jahre einer wahren Abwanderungswelle glich.[7] Obwohl mit Beginn der 2000er Jahre an weniger Menschen aus den östlichen Bundesländern ihre Heimat verlassen und neben Westdeutschen, die ihr Glück im Osten versuchen, etliche Rückkehrer für eine Annäherung von Ab- und Zuwanderung sorgen, bleibt der Gesamttrend konstant: Von 1990 bis 2012 verlor der Osten mehr als 1,5 Million Einwohner durch Abwanderung gen Westen.[8] Der Osten erreichte nie eine positive oder wenigstens ausgeglichene Wanderungsbilanz gegenüber dem Westen. Da überwiegend die jüngere Generation (und hierbei vor allem junge Frauen) wegen der besseren beruflichen Perspektive übersiedelt, verstärkt die niedrige Geburtenrate zusammen mit der steigenden Lebenserwartung die gesellschaftliche Vergreisung im Osten.[9]

Jedoch ist "der Osten“ nicht gleich "Osten". Anstelle der nahezu flächendeckenden "Entvölkerung" großer Teile Ostdeutschlands in den 1990er Jahren lässt sich seit der Jahrtausendwende vielmehr eine Differenzierung der Bevölkerungsentwicklung in Boom- und Schwundregionen erkennen. So stehen den sogenannten ostdeutschen "Leuchttürmen" (beispielsweise in und um Leipzig und Dresden, in Jena und Erfurt sowie im Umfeld der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam) zunehmend Regionen gegenüber, die sich demografisch im "freien Fall" befinden, vor allem die ländlichen Regionen im (Nord-) Osten, aber auch in Sachsen-Anhalt, der Lausitz und im Norden Sachsens. Auch die Kleinstädte beziehungsweise Oberzentren solcher Gegenden zählen zu den Verlierern der Bevölkerungsentwicklung. In vielen größeren Städten wie in Görlitz, Cottbus, Hoyerswerda oder Eisenhüttenstadt ist die Einwohnerzahl um mittlerweile fast die Hälfte gegenüber vor 1990 geschrumpft. Sie stecken in einer Abwärtsspirale. Das Fehlen von Arbeitsplätzen führt zur Abwanderung – dies zieht den weiteren Rückbau des Dienstleistungssektors und der öffentlichen Infrastruktur nach sich, was die Abwanderung aus den Regionen weiter verschärft. Doch der Blick auf den Osten insgesamt verschleiert die eigentlichen Härten. Dem Aufschwung in einigen Großstädten stehen gravierende Bevölkerungsrückgänge und Alterungsprozesse in den ländlichen Ostregionen gegenüber.

Gleichwohl ist der Trend wachsender Unterschiede zwischen Boom- und Schrumpfregionen kein ostdeutsches Phänomen. Auch im Westen verliert manche strukturschwache Gegend, unter anderem die früheren Zonenrandgebiete. So hat die Stadt Hof an der bayrisch-sächsischen Grenze seit 1990 fast ein Fünftel seiner einst über 55.000 Einwohner verloren. Aber auch viele ländliche Regionen im Nordwesten sind betroffen, während die attraktiven Groß- und Universitätsstädte wie München, Stuttgart, Berlin und Hamburg den Ansturm an Zuzügen – und entsprechend auf knappen Wohnraum - kaum noch bewältigen können. Die ostdeutschen Großstädte nehmen hier eine Art Mittellage ein: als Zuzugsziel für ostdeutsche Landbewohner auf der einen Seite und als Schrumpfregion in Richtung Westen auf der anderen.[10]

Mindestens so deutlich wie der Ost-West-Unterschied sind die Differenzen zwischen Nord- und Süddeutschland. Egal ob westliche oder östliche Bundesländer: Im Süden sind Wirtschaft und Wachstum stärker, Arbeitslosigkeit und Verschuldung niedriger als im Norden. Dies schlägt sich im Bevölkerungswachstum nieder. In Bayern und Baden-Württemberg ist es deutlich höher als in Niedersachsen und Schleswig-Holstein, aber auch in Sachsen und Thüringen fällt die Bilanz im Vergleich mit Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg deutlich positiver aus. Im Gegensatz zu Entwicklungsunterschieden zur Zeit der Industrialisierung und im globalen Maßstab wird Deutschland heute weniger von einem Nord-Süd-Konflikt, als vielmehr von einem Süd-Nord-Gefälle geprägt.

Zu- und Abwanderungen



Die Differenzen zwischen der bis 2004 wachsenden Bevölkerung im Westen und der kleiner werdenden Population im Osten werden durch eine räumlich unterschiedlich verteilte Außenwanderung verstärkt. Obwohl die vereinte Bundesrepublik Deutschland seit 1990 jährlich unverändert einen Überschuss an Zuzügen ("positiver Wanderungssaldo") aufweist, hat sich die Zuwanderungsdynamik der frühen 1990er Jahre auch im Westen deutlich abgeschwächt. Wuchs in den ersten fünf Jahren nach der Wiedervereinigung die Bevölkerung aufgrund des Wanderungsüberschusses um mehr als drei Millionen Menschen (vor allem Asylanten und Spätaussiedler aus Russland), hat sich das Verhältnis von Zu- und Fortzügen seit 2004 nahezu angeglichen. Während die alten Bundesländer noch bis 2007 Zuwanderungsgewinne verbuchten und erstmalig 2008 mehr Menschen das Land verließen als zuzogen, wiesen die neuen Länder bis zum Jahr 2000 einen deutlichen jährlichen Außenwanderungsverlust auf, der sich mittlerweile abgeschwächt hat.[11] Österreich und die Schweiz gehören zu den beliebtesten Auswanderungsländern der Ostdeutschen. Seit dem Jahr 2010 hat sich die Zuwanderungsdynamik - vor allem durch die deutlich gestiegenen Asylbewerberzahlen - vergrößert, im Westen mehr als im Osten.[12]

Aussagen zur Entwicklung des Bevölkerungsanteils ethnischer Minderheiten im Ost-West-Vergleich sind aus methodischen Gründen schwierig. Zum einen erschwert die Verwaltungsreform der Stadt Berlin im Jahr 2000 Ost-West-Studien, da ehemalige Ost- und Westbezirke zusammengelegt wurden (wie Kreuzberg und Friedrichshain), was die traditionelle Ost-West-Aufteilung statistisch unberücksichtigt lässt und gerade bei Aussagen zur Migration wegen der großen innerstädtischen Unterschiede in die Irre führt. Zum anderen gibt die Ausländerstatistik nur begrenzt Aufschluss über den Anteil ethnischer Minderheiten an der Bevölkerung, da Einbürgerungen, Nachgeborene und die Praxis doppelter Staatsbürgerschaften den Anteil von Ausländern innerhalb der multiethnischen Bevölkerungsgruppe sinken lassen. Dennoch lassen sich die Unterschiede und die daraus resultierenden Auswirkungen für beide Landesteile benennen. Während in Westdeutschland seit den 1950er Jahren – zunächst überwiegend durch Arbeitsemigranten, später vor allem durch Asylanten - der allochthone Bevölkerungsanteil kontinuierlich wuchs, die Ausländerquote Mitte der 1990er Jahre mit 10,5 Prozent ihren Höhepunkt erreichte und seitdem bei zirka zehn Prozent liegt, bestand in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung eine weitgehend monoethnische Gesellschaft. Von einem geringen Ausgangsniveau (1990: 1,2 Prozent) stieg der Ausländeranteil bis zum Jahr 2013 auf 2,5 Prozent an, ist damit allerdings nach wie vor fast viermal niedriger als im Westen[13]. In keinem ostdeutschen Land liegt der Ausländeranteil über dem eines westlichen Landes, im Gegenteil: Das Schlusslicht im Westen, Schleswig-Holstein (5,2 Prozent), hat eine fast doppelt so hohe Ausländerquote wie der Spitzenreiter Sachsen im Osten (2,7 Prozent, 2013).

Zieht man die schwer zu erhebenden Daten zu Personen mit Migrationshintergrund heran, wird die Kluft sogar noch deutlicher. Das liegt zum einen an der "Bewährung von Migrationswegen" für nachziehende Familienangehörige, zum anderen an den fehlenden beziehungsweise schlechten wirtschaftlichen Perspektiven und dem vielerorts eher negativen Image des Ostens. Überlagern bei der natürlichen Bevölkerungsentwicklung und bei der Binnenwanderung der Stadt-Land-Gegensatz und (weniger stark ausgeprägt) die Nord-Süd-Differenzen die deutsch-deutschen Unterschiede, bleibt die Außenzuwanderung überwiegend eine Westangelegenheit. Zwar liegt der Ausländeranteil in Ost wie West in den Städten über dem im ländlichen Raum, allerdings sind die Unterschiede zwischen Stadt und Land jeweils kleiner als gegenüber dem anderen Landesteil. Selbst in den ostdeutschen Großstädten liegt der Ausländeranteil bei unter drei Prozent, was die zuwanderungsfeindlichen Demonstrationen vor allem im Osten (Pegida) umso seltsamer erscheinen lässt, zumal es sich - wie in Chemnitz und Jena - bei der Mehrzahl der Ausländer um Studenten, nicht um vermeintliche Wirtschaftsflüchtlinge handelt.

Stellt der situations- wie sozialisationsbedingte "Rechtsextremismus ohne Ausländer"[14] ein zentrales gesellschaftliches Problem im Osten dar, gilt die Integration von Migranten (und vor allem von Kindern muslimischer Zuwanderer) als große Herausforderung der multiethnischen Entwicklung im Westen. Während sich ethnische Minderheiten - trotz aller Schwierigkeiten und Vorbehalte - in den alten Bundesländern überwiegend wohlfühlen, bleibt der Osten offenbar für die meisten Zugewanderten ökonomisch wie soziokulturell eher unattraktiv.

Fazit



Um die Antwort der Leitfrage vorwegzunehmen: Ja, die Deutschen sind hinsichtlich ihrer Bevölkerungsentwicklung ein Volk – gemeinsame Problemlagen in Ost wie West überwiegen die regionalen Unterschiede. Beide Landesteile stehen bei der Bewältigung der künftigen demographischen Herausforderungen vor ähnlichen Problemen: Erstens, die gesamte Bundesrepublik leidet an einem spürbaren natürlichen Bevölkerungsrückgang. Es fehlen Kinder. Dies federt zwar die parallel steigende Lebenserwartung momentan ab, jedoch wird den künftigen Generationen eine doppelte Hypothek bei der Erhaltung der sozialen Sicherungssysteme und des allgemeinen Wohlstands auferlegt. Zweitens, die Stadt-Land-Gegensätze verstärken sich - dem Boom der Groß- beziehungsweise der Universitätsstädte (im Osten wie Westen) steht die Verödung abgelegener ländlicher Räume gegenüber. Drittens, auf die Herausforderungen im Zuge des Wandels hin zu einer multiethnischen Gesellschaft scheint bisher nur der Westen vorbereitet zu sein.

All das verschärft den Problemdruck im Osten. Es werden zu wenige Kinder geboren, die Gesellschaft altert und die Binnenwanderung nach Westen hält an. Parallel reicht die Zuwanderung von Ausländern nicht aus. Ferner zeigen junge ostdeutsche Frauen die stärkste Mobilität und die größte Bereitschaft zum Weggang, was das Problem der „Kinderarmut“ weiter verschärft. Zurück bleiben – überspitzt formuliert – Alte, Arme und Unqualifizierte, was zusätzlich die soziale Kluft zwischen Gewinner- und Verliererregionen vergrößert.

Zugleich wird die Ost-West-Dimension von zwei regionalen Konfliktlinien überlagert beziehungsweise überlappt - dem Stadt-Land-Gegensatz und einem Nord-Süd-Gefälle. Einfach formuliert: Je südlicher und großstädtischer, umso positiver (im Sinne einer steigenden Einwohnerzahl) fällt die Bevölkerungsbilanz aus, gleichwohl auch viele Großstädte (in Ost wie West) mit einem massiven Strukturwandel zu kämpfen haben. Die damit einhergehende Schwierigkeit, in den schrumpfenden Regionen die öffentliche Infrastruktur aufrecht zu erhalten, wird in den kommenden Jahren eher zu- als abnehmen, indes mittlerweile mehr und mehr die Potenziale "aussterbender Gegenden" anerkannt werden, beispielsweise in den Bereichen Umweltschutz und Tourismus.

Vor allem das Postulat der regionalen Solidarität beziehungsweise gleichwertiger Lebensbedingungen gilt es angesichts der Realitäten und vor dem Spannungsverhältnis von Wettbewerbsfähigkeit und (in-)effizienten Strukturen zu überdenken. Wenn der Bevölkerungsrückgang im ländlichen Raum - im Osten wie Westen - weiterhin massiv anhält, kann die bisherige Förderpraxis „in der Fläche“ auf Dauer nicht erhalten werden. Die Raumplanung beziehungsweise Raumpolitik sollte sich deswegen bei ihren zukünftigen Regionalentwicklungskonzepten stärker am Wettbewerbs- als am Gießkannenprinzip orientieren. Der Preis ist hoch: Abgelegene beziehungsweise überproportional von Abwanderung betroffene Gebiete werden dafür künftig gegenüber sogenannten nachhaltigen Räumen finanziell zurücktreten müssen. Der gezielte Abbau von Ansiedlungen und von Infrastruktur, aber auch die personelle Anpassungen in den Verwaltungen gehören zu den besonders sensiblen Maßnahmen der künftigen Raumentwicklungsplanung. Ziel muss es sein, diese Reformen einerseits so weitreichend wie nötig, andererseits so sozialverträglich wie möglich umzusetzen.

Zitierweise: Tom Thieme, Sind wir ein Volk? Zur demografischen Entwicklung in Deutschland seit der Wiedervereinigung, in: Deutschland Archiv, 12.3.2015, Link: http://www.bpb.de/202515


Fußnoten

1.
Siehe u. a. Frank Schirrmacher, Das Methusalem-Komplott. Die Macht des Alterns - 2004-2050, München 2004; Günther Lachmann, Von Not nach Elend. Eine Reise durch deutsche Landschaften und Geisterstädte von morgen, München 2008; Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, München 2010.
2.
Vgl. Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands. Ein Studienbuch zur gesellschaftlichen Entwicklung im geteilten und vereinten Deutschland, Bonn 1992, S. 165, 302-304.
3.
Siehe hier und im Folgenden Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands, 7. Aufl., Wiesbaden 2014, S. 27-57.
4.
Evelyn Grünheid, Überblick über die demografische Entwicklung in West- und Ostdeutschland von 1990 bis 2004, in: Insa Cassens, Marc Luy und Rembrandt Scholz (Hg.), Die Bevölkerung in Ost- und Westdeutschland. Demografische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen seit der Wende, Wiesbaden 2009, S. 12-47, hier S. 14.
5.
Karsten Hank, Regionale Unterschiede in der Geburtenrate, in: Rostocker Zentrum für demographischen Wandel (Hg.), Ost-West-Vergleich, www.zdwa.de/zdwa/artikel/20050919_21991844.php, letzter Zugriff am 23. Dezember 2014.
6.
Vgl. ausführlich Statistisches Bundesamt (Hg.), Durchschnittliches Sterbealter nach Jahren, www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Sterbefaelle/Sterbefaelle.html, letzter Zugriff am 22. Dezember 2014.
7.
So Siegfried Grundmann, Bevölkerungsentwicklung in Ostdeutschland. Demographische Strukturen und räumliche Wanderungsprozesse seit 1945, Opladen 1998, S. 176.
8.
Statistisches Bundesamt (Hg.), Bevölkerung und Demografie. Auszug aus dem Datenreport 2013, www.destatis.de/DE/Publikationen/Datenreport/Downloads/Datenreport2013Kap1.pdf?__blob=publicationFile, letzter Zugriff am 22. Dezember 2014.
9.
Vgl. u. a. Günther Heydemann, Das schien mir ein Ding der Unmöglichkeit, in: Eckhard Jesse und Thomas Schubert (Hg.): Zwischen Konfrontation und Konzession. Friedliche Revolution und deutsche Einheit in Sachsen, Berlin 2010, S. 279-295, hier S. 291 f.
10.
Eckhard Jesse, Thomas Schubert und Tom Thieme, Politik in Sachsen, Wiesbaden 2014, S. 285.
11.
Claire Grobecker und Elle Krack-Roberg: Bevölkerungsentwicklung 2008, in: Statistisches Bundesamt (Hg.), Wirtschaft und Statistik Nr. 4/2010, S. 319-332.
12.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Anm. 8), S. 20.
13.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hg.), 20 Jahre Deutsche Einheit. Wunsch oder Wirklichkeit, Wiesbaden 2010, S. 12.
14.
Siehe Klaus Schroeder, Rechtsextremismus und Jugendgewalt in Deutschland. Ein-Ost-West-Vergleich, Paderborn 2004.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Tom Thieme für bpb.de
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