Beleuchteter Reichstag

Mauerfall mit Migrationshintergrund


20.3.2015
Einwanderung war ein gesellschaftliches Phänomen in der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland. Wenn von den gesellschaftlichen Umbrüchen 1989 die Rede ist, finden die Sichtweisen von Einwanderinnen und Einwanderern jedoch nur selten Eingang in die Gedenkfeierlichkeiten und Geschichtsbücher, obwohl sich mit dem Fall der Mauer auch ihre Lebensbedingungen drastisch veränderten.

Szenenwechsel



April 1990, Berlin, Gedächtniskirche: Am Rande einer Demonstration hält ein – vielleicht türkeistämmiger – Mann ein selbstgemaltes Schild in die Höhe: "WIR SIND AUCH DAS VOLK". Der Fotograf Andreas Schoelzel drückt auf den Auslöser und hält die Szene fest. Entstanden ist ein Foto, das bis heute als Ikone für ein verdrängtes Kapitel der deutschen Vereinigung steht: Die Folgen des Mauerfalls für die Einwanderer in Ost und West. Oktober 2014, Historisches Museum Hannover. Ein buntes Publikum hört interessiert zu, wie Menschen aus Magdeburg, Dessau und Hannover den Mauerfall erlebt haben. Eigentlich nichts Besonderes im 25. Jahr danach. Doch viele sind erstaunt, denn es sind Erfahrungen von Menschen, die als Arbeitskräfte, Studierende oder Flüchtlinge in die DDR oder in die Bundesrepublik gekommen sind und dort eine neue Heimat gefunden haben.

Eine Erinnerungswerkstatt



Veranstaltung "25 Jahre geteilte Geschichte" im Oktober 2014 im Historischen Museum HannoverAus vielfältigen Perspektiven wurde bei der Veranstaltung "25 Jahre geteilte Geschichte" im Oktober 2014 über den Mauerfall diskutiert, hier die Teilnehmerinnen Suvar Düsmezer (links) und Satenik Roth (rechts) vor dem Foto "Wir sind auch das Volk" (© Anke Egblomassé)
Warum sind diese Perspektiven nicht Teil des kollektiven Gedächtnisses über den Mauerfall? Wie entwickeln wir eine erweiterte deutsch-deutsche Geschichte, die national geprägte Denkmuster reflektiert und damit Rassismus und Ausgrenzung entgegenwirkt? Diese Fragen sind Leitmotiv eines seit 2008 arbeitenden Werkstattprojekts, in dem das Thema "Geteilte Geschichte – Erinnerungen von Eingewanderten aus Ost und West" in seinen verschiedenen Facetten beleuchtet wird. Mit diesem Beitrag zeichnen wir die Geschichte dieser Ost-West-Annäherung nach und machen deutlich, wie die Beteiligten damit gleichzeitig ein Zusammenwachsen konkret gestalten.[1]

Die Arbeit der Erinnerungswerkstatt verläuft auf zwei Ebenen, die miteinander verwoben sind: Forschung zum Themenkomplex "Einwanderung, Erinnerung und Zugehörigkeit" und Kooperation mit außeruniversitären interkulturell arbeitenden Personen und Institutionen, aus der sich Impulse für weitergehende Initiativen entwickeln. In einem partizipativ organisierten und bundeslandübergreifenden Prozess fanden verschiedene Veranstaltungsformate unter Beteiligung spezifischer Mitwirkender statt.


Drei Thesen: Warum die Einwanderer nicht zu Wort kommen



Ausgangspunkt war die These, dass die Konstruktion von Differenz auch konstituierender Bestandteil des "Geschichte-Machens" ist. Die Perspektiven von "Ethnisch-Anderen" werden in der herrschenden Geschichtsschreibung kaum berücksichtigt. Der Mauerfall diente uns als aktueller Anlass für die Erkenntnisgewinnung. Zitate wie "Die Deutschen freuen sich!" oder "Wir sind auch das Volk!" belegen die Stimmung, die in der Wendezeit bei vielen Menschen aus Einwandererfamilien vorherrschte. Sie standen am Rand, der rechtliche Status, die ökonomische Situation, auch die zunehmend national-orientierte öffentliche Meinung verursachten Unsicherheit und Angst.

1. Wir sind kein Einwanderungsland.



Die Staatsphilosophie und das Selbstverständnis waren in beiden Ländern von völkischen Kategorien geprägt. Die DDR-Staatsbürgerschaft wurde durch Abstammung, Geburt auf dem Territorium oder Verleihung, auch auf Antrag, erworben, wenn es dem staatlichen Interesse diente. In der Bundesrepublik galt das "Ius sanguinis", also das Abstammungsprinzip, eine Einbürgerung war bis 1990 nur in Ausnahmefällen und nach langjährigem Aufenthalt möglich. Diese Regelungen änderten sich erst mit dem Staatsangehörigkeitsgesetz von 1999. Beide deutsche Staaten verstanden sich nicht als Einwanderungsland. Dennoch gab es hier wie dort Ausländerinnen und Ausländer, die aus unterschiedlichen Motiven und unter spezifischen Rahmenbedingungen gekommen waren. An dieser Stelle soll ein kurzer Blick auf die Migrationsprozesse nach dem Zweiten Weltkrieg ausreichen.

Einwanderung in der DDR war gekennzeichnet durch den Gedanken des Internationalismus und der Solidarität mit anderen sozialistischen Staaten und postkolonialen Befreiungsbewegungen. Dies beinhaltete jedoch nicht die Vorstellung einer multikulturellen Gesellschaft: eine Integration der Neuankömmlinge lag nicht in der Absicht der DDR-Führung. Die Vertragsarbeit wurde als Qualifizierungsmaßnahme unter Verbündeten deklariert und schnell zum bedeutendsten Migrationsfaktor. Als Zeichen der Völkerfreundschaft galt auch die Finanzierung eines Studiums für junge Menschen aus afrikanischen, asiatischen und anderen sozialistischen Ländern sowie die Aufnahme von politischen Flüchtlingen, die der Gewalt in Militärregimen (beispielsweise Griechenland, Chile) entkamen und ein Aufenthaltsrecht erhielten.[2] Die Migrationsprozesse in der Bundesrepublik unterlagen vor allem volkswirtschaftlichen Interessen. Die Anwerbung von Arbeitskräften während der Hochkonjunkturphase um 1970 führte zu gravierenden Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur. Dies hatte aber keine politischen Integrationsmaßnahmen zur Folge, Einwanderung galt weiterhin als vorübergehendes Phänomen.[3]

Auch die Bundesrepublik gewährte politisch Verfolgten Schutz. Der Grundgesetz-Artikel 16 geriet unter Druck, als in den Achtzigerjahren die Zahl der Asylbewerberinnen und Asylbewerber stieg. Der angebliche "Missbrauch" führte 1993 zur Einschränkung dieses Grundrechts.

Fazit: In beiden deutschen Staaten waren Einwanderinnen und Einwanderer ein fester Bestandteil der demografischen Entwicklung, aber die Politik tat sich aufgrund der herrschenden Ideologien schwer, darauf eine angemessene Antwort zu geben und die Teilhabe der Neuankömmlinge zu gestalten. Diese Verweigerungshaltung setzte sich auch im Einigungsprozess fort. In den politischen Diskussionen und Entscheidungen von 1989 bis zum Beitritt der DDR zur Bundesrepublik im Herbst 1990 spielte die Situation der Ausländerinnen und Ausländer nur eine untergeordnete Rolle. Eine Ausnahme blieb die Arbeitsgruppe "Ausländerfragen" des Runden Tisches, die im März 1990 Leitlinien für die Ausländerpolitik der DDR verabschiedete.[4] Diese Leitlinien umreißen eine an Menschenrechten und Anerkennung von Vielfalt orientierte Gesellschaftspolitik, sind aber nicht Grundlage einer neuen gesamtdeutschen Politik geworden. So blieb nach der Einheit das Nebeneinander von offiziellem Dementi und praktischer Akzeptanz der Einwanderungssituation bestehen. Erst zehn Jahre später sollte die öffentliche Debatte über eine plurale Gesellschaft beginnen.

2. Der "Mauerfall" ist eine deutsche Geschichte.



Der Vereinigungsprozess war geprägt von nationalen Deutungsmustern, die nationale Identität war aber nicht Gegenstand eines offen geführten Diskurses. So blieben die ideologisch geprägten Selbstbilder der beiden deutschen Staaten bestimmend für das Zusammenleben. Sie steuerten die Wahrnehmung und trugen dazu bei, dass die Akzeptanz von Vielfalt und der Abbau von strukturellen Ungleichheiten kaum Gegenstand von Politik wurden. Der öffentliche Diskurs und die konkreten Erfahrungen der Menschen, die Teil einer Gesellschaft sind, schreiben sich in das individuelle und kollektive Gedächtnis ein, werden zu Geschichte. Nur eine gemeinsam geteilte Erinnerung stärkt die Zusammengehörigkeit und die Identität – darum ist auch in pluralen fragmentierten Gesellschaften die Beschäftigung mit Geschichte so wichtig.

Der Mauerfall bedeutete eine Zäsur in der Zugehörigkeitsfrage – viele Eingewanderte, die sich bis dato als Deutsche verstanden, wurden gezwungen, sich neu zu definieren.[5] Der Fokus auf "Deutschsein" im Sinne einer Herkunfts- und Kulturgemeinschaft sollte zur Überwindung der jahrzehntelangen Teilung des Landes beitragen. Allerdings verschärfte diese Orientierung auf eine "nationale Einheit" und die gewalttätigen Übergriffe in vielen Orten in Ost und West bei Einwanderinnen und Einwanderern das Gefühl der Nichtzugehörigkeit, das bis heute nicht vollständig überwunden ist. Diese grundlegenden Erfahrungen sind kaum in die öffentliche Erinnerung eingebunden. Erinnerung – so formuliert es die Migrationsforscherin Nevim Çil – "wird zu einem Vorrecht für Angehörige aus der Mehrheitsgesellschaft. Mehr noch: Dieses Vorrecht zeigt, dass den Migranten das Potential abgesprochen wird, erfahren und erinnern zu können."[6]

Fazit: Der Mauerfall und die deutsche Einheit veränderten die gesellschaftlichen Strukturen nachhaltig. Die Auseinandersetzungen über Zugehörigkeit wurden um die Dimension Ost – West erweitert und spielten sich fortan in der Matrix Westdeutsche – Ostdeutsche – Westeinwanderer – Osteinwanderer ab. Eine gemeinsame Erinnerungskultur eröffnet die Möglichkeit, das erschütterte Zugehörigkeitsgefühl wiederherzustellen.

3. Die unterschiedlichen Folgen der Einheit für die Einwanderer in Ost und West verzögerten eine gemeinsame Interessenartikulation.



Für die Eingewanderten in der Bundesrepublik brachte die Wiedervereinigung vor allem ökonomische Veränderungen, denn die Arbeitskräfte aus der DDR wurden schnell zur Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Rechtliche Folgen waren damit für sie nicht verbunden.

Anders stellte sich die Situation für diejenigen dar, die in die DDR eingewandert waren. Ende 1989 lebten etwa 190.000 Ausländerinnen und Ausländer in der DDR, das entsprach einem Anteil von rund einem Prozent. Mit der Auflösung ihres Arbeitsverhältnisses oder einer Studienerlaubnis verloren viele den Aufenthaltsstatus und mussten das Land mit 3000 D-Mark und einem Rückflug-Ticket in der Hand verlassen. Nur etwa 15.000 Vietnamesen (ungefähr ein Viertel der ursprünglichen Anzahl) sowie insgesamt 5000 Angolaner und Mosambikaner blieben. Nicht allen gelang es, sich den Aufenthaltsstatus über eine neue Beschäftigung zu sichern. Ein Bleiberecht trat erst 1997 in Kraft. Viele wählten daher den Weg, über das Asylrecht eine drohende Abschiebung zu vermeiden. Ein weiterer Unterschied ist die Rolle der Einwandererorganisationen in Ost und West. In der Bundesrepublik hatte sich die Anzahl und Zielrichtung der Selbstorganisationen seit den Jahren der Anwerbung kontinuierlich erweitert. Sie spielten zum Zeitpunkt der Vereinigung bereits eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und Artikulation einer auf Teilhabe ausgerichteten Politik.[7]

Die – vorwiegend informellen – Vereinigungen der Einwanderer in der DDR dagegen mussten sich nach dem Mauerfall vollständig neu orientieren und institutionell etablieren. Da eine Vereinsstruktur für Ausländer nicht vorgesehen war, hatten sich in den Communities nur lose Netzwerke gebildet, die helfen sollten, die Isolation in den Wohnheimen, die Kontrollen und Kontaktbeschränkungen zu Einheimischen zu überwinden. Sie dienten aber auch der Verbesserung der ökonomischen Situation und der Interessenvertretung im Betrieb. Nicht zuletzt ermöglichten sie Verbindungen zu Landsleuten in anderen Betrieben und transnational ins – westliche – Ausland. Auch unter den ausländischen Studierenden gab es zahlreiche Initiativen, die politische, kulturelle und soziale Aktivitäten organisierten und herkunftsübergreifend Strategien gegen Diskriminierung entwickelten.

Die Funktion dieser Netzwerke änderte sich im Zuge des gesellschaftlichen Umbruchs grundlegend. Der Informationsbedarf der Eingewanderten war hoch, da die komplexen und sich ständig verändernden rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen für viele unverständlich blieben. Viele der ehemaligen Betreuerinnen und Betreuer übernahmen jetzt wieder Übersetzungs- und Beratungsfunktionen.[8] Unterstützung fanden diese Initiativen in den gesellschaftlichen Organisationen, die sich ab Mitte der 1980er Jahre für die "Ausländerarbeit" geöffnet hatten. Hier ist zunächst die evangelische Kirche zu nennen, die im Rahmen der Ausländerseelsorge Treffpunkte für christliche Gemeinschaften (beispielsweise der Mosambikaner) geschaffen hatte. Den Verantwortlichen in der Kirche ging es dabei auch um Verständigung und den Abbau von Ressentiments. Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften und kommunale Einrichtungen erweiterten ebenso ihr Aufgabenspektrum. Und die Berufung von Ausländerbeauftragten zeigt, dass das Thema Migration und Integration auch auf der politischen Ebene angekommen war.

Die Geschichte der Migrantenselbstorganisationen (MSO) im Osten wurde hier ausführlich gewürdigt, weil sie im einwanderungspolitischen Diskurs kaum vorkommt. Denn hinsichtlich ihrer Konflikt- und Durchsetzungsfähigkeit waren (und sind) die Ost-MSO-Netzwerke nicht "konkurrenzfähig" mit den gut verankerten Netzwerken der großen Einwanderergruppen Westdeutschlands. Wenn den ostdeutschen "Migrantenvertreterinnen und -vertretern eines gemeinsam ist, dann die Erfahrung, dass im migrationspolitischen Diskurs der Bundesrepublik die Einwanderungserfahrung der alten Bundesländer übermächtig ist" – so heißt es im Memorandum "Zuwanderung und Integration in den neuen Bundesländern".[9] Die DDR-Einwanderer fanden höchstens im Narrativ des "Nazi-Opfers" der "Nachwendezeit" ihren Platz.

Fazit: Nach dem Mauerfall entwickelte sich aus den alten Netzwerken der DDR-Zeit im Osten erst langsam eine breitgefächerte multikulturelle Organisationslandschaft, deren Zielsetzung zunehmend auf die politische Partizipation in der Gesellschaft ausgerichtet ist. Dazu gehört auch die Forderung nach Repräsentation in der Öffentlichkeit.[10]

Vom Erzählcafé zur Interkulturellen Öffnung: Repräsentanz und Teilhabe in Institutionen



Ausgehend von der oben skizzierten Grundthese, dass die Erzählung der "ganzen Geschichte" der deutschen Einheit in den sich untereinander verschränkenden Dimensionen Ost und West sowie Autochthon und Allochthon (einheimisch und eingewandert) zu verhandeln ist, hat sich die Arbeit der Erinnerungswerkstatt, die zunächst aus Lehrenden und Studierenden der Leibniz Universität Hannover bestand, sehr bald geöffnet und mit außeruniversitären Partnern (Bildungsträgern, Migrantenorganisationen, Vereinen und Stiftungen) aus Sachsen-Anhalt und Niedersachsen verbunden. Die Akteure eint das Ziel, die Perspektiven der Eingewanderten sichtbar zu machen und die Institutionen zu verändern, in denen Geschichte "geschrieben" wird: Museen, Medien, Bildungsinstitutionen. Aus einem "Erzählprojekt" wurde eine Initiative zur interkulturellen Öffnung. Hier ein kurzer Überblick:

Erstens: Zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit stellte die Werkstattgruppe ihre Arbeitsergebnisse zum Thema "Geschichte-Machen" im "einewelthaus" in Magdeburg einem Fachpublikum aus Politik, Migrantenorganisationen und Medien zur Diskussion. Das Anliegen der Tagung "Erinnerungen in der Einwanderungsgesellschaft" war, ein Umdenken über Geschichtsbilder und Repräsentationsformen von Minderheitsperspektiven anzuregen.

Zweitens: Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind zu einer wissenschaftlichen und pädagogischen Leitfigur in der Aufarbeitung und Vermittlung von Geschichte geworden. Das Interkulturelle Zeitzeugenportal Sachsen-Anhalt verfolgt das Ziel, Gesprächspartner für Wissenschaft und Gesellschaft, besonders auch für Bildungsinstitutionen zu präsentieren, die den Migrationsaspekt in der deutsch-deutschen Geschichte vermitteln.[11]

Drittens: Wie wichtig (und wie spannend!) der Austausch zwischen Migrantenselbstorganisationen in Ost und West ist, zeigt die Geschichte der Einwanderung aus Vietnam. Lebten im Westen vor allem Menschen aus Südvietnam, die als "Boat-People" aufgenommen worden waren, so stammten die Vertragsarbeitskräfte der DDR aus dem Norden. Nach dem Mauerfall fanden sie sich in einem geeinten Land wieder. Die Begegnungen zwischen den Gruppen sind oft noch von wechselseitigen Vorurteilen und alten Verletzungen gekennzeichnet, gemeinsam sind ihnen aber die Diskriminierungserfahrungen in der neuen Heimat. Gleichzeitig teilen sie mit den Deutschen die historische Erfahrung von Trennung und Vereinigung ihres Landes. Wie lässt sich daraus ein gesellschaftlicher Lernprozess entwickeln, der national geprägte Denkmuster thematisiert und damit verbundene Ausgrenzungsmechanismen aufdeckt? Dazu gibt das Ausstellungsprojekt "Geschichte(n) verbinden. Nord-Süd-Vietnamesen und Ost-West-Deutsche im Generationendialog" einen ersten Anstoß.[12]

Viertens: Mit der Veranstaltung "25 Jahre geteilte Geschichte" im Oktober 2014 wurde erstmals eine Kooperation mit einer offiziellen "Erinnerungs-Institution", dem Historischen Museum Hannover, realisiert. Neben dem Austausch in Erzählcafés mit Zeitzeugen aus Ost und West eröffnete die Veranstaltung den Dialog über die Frage, wie Einwanderungsgeschichten zu einem festen Bestandteil der Museumsarbeit werden können. Die Resonanz zeigt deutlich, dass das Nach- und Umdenken über Geschichtsbilder und multiperspektivische Darstellungen noch nicht ausgeschöpft ist. Die Erzählungen aus Ost und West müssen in das Gesamtbild über die Umbruchszeit einfließen und für nachfolgende Generationen dokumentiert werden. Dazu wird die Kooperation mit dem Museum in Hannover fortgesetzt. Und um auch die junge Generation einzubinden startet in 2015 in Sachsen-Anhalt eine Initiative, die die Erfahrungen der "Wendekinder" würdigen soll.

Zwischenbilanz: Der Weg geht weiter



Der notwendige Paradigmenwechsel hin zu einem Selbstverständnis der Bundesrepublik als Einwanderungsland ist im öffentlichen Diskurs angekommen, die Notwendigkeit von Partizipation, Interkultureller Öffnung und Diversity-Management unbestritten. Der Blick auf den Mauerfall scheint davon jedoch weiterhin ausgenommen, die Bilder und Gedenkveranstaltungen zum 25. Jahrestag vermittelten eine weitgehend eindimensionale Sicht auf das Ereignis. Die Chance, dieses für das neue Deutschland konstitutive Ereignis als gemeinsame Erzählung von Autochthonen und Allochthonen in Ost und West zu entwickeln und damit eine Grundlage für ein gemeinsames "Wir" zu schaffen, wurde nicht genutzt. Diese Bilanz unterstreicht die Bedeutung von Projekten wie der Erinnerungswerkstatt als Impulsgeber eines überfälligen Transformationsprozesses in eine Einwanderungsgesellschaft. Die Entwicklung von Repräsentationsformen für Minderheitenperspektiven ist eine Aufgabe, der sich öffentliche Institutionen zu stellen haben. Die Kooperation mit Migrantenorganisationen ist dabei unerlässlich.

Damit einhergehende Neupositionierungen verlaufen nicht ohne Konflikte. Ideelle und materielle Privilegien werden neu verteilt, der Zugang zu Ressourcen und Entscheidungskompetenzen neu geregelt. Um in der Öffentlichkeit als gemeinsame Stimme aufzutreten und die Interessen deutlicher in gesellschaftliche Aushandlungsprozesse einbringen zu können, haben sich viele Vereine im Laufe der vergangenen Jahre regional und bundesweit zu Netzwerken zusammengeschlossen.[13] Ein weiterer Schritt dazu ist die Gründung des "Bundesverbands von Netzwerken unabhängiger soziokultureller Migrantenorganisationen" (BV NeMO).

Die Hoffnung ist, dass diese und andere Initiativen dazu beitragen, dass bei den offiziellen Feiern zum 25. Jahrestag der "Deutschen Einheit" auch Menschen mit – ihren – (Einwanderungs-)Geschichten nicht nur in Nischenveranstaltungen zu Wort kommen, sondern selbstverständlicher Teil des nationalen Narrativs sind.

Zitierweise: Irmhild Schrader und Anna Joskowski, Mauerfall mit Migrationshintergrund, in: Deutschland Archiv, 20.3.2015, Link: http://www.bpb.de/202636


Fußnoten

1.
Die Autorinnen – mit und ohne Einwanderungsgeschichte – begleiten das Projekt seit seinem Beginn und schreiben aus der westdeutschen Perspektive.
2.
Vgl. Almut Zwengel (Hg.), Die "Gastarbeiter" der DDR. Politischer Kontext und Lebenswelt, Berlin 2011. Eva-Maria Elsner und Lothar Elsner, Zwischen Nationalismus und Internationalismus. Über Ausländer und Ausländerpolitik in der DDR 1949-1990, Rostock 1994.
3.
Zahlenmäßig stark ins Gewicht fiel auch der Zuzug von Aussiedlerinnen und Aussiedlern aus Süd-Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion, die zwar die deutsche Staatsangehörigkeit hatten, jedoch in der öffentlichen Wahrnehmung ebenfalls als Ausländer galten.
4.
Leitlinien für die Ausländerpolitik der DDR, März 1990, in: Ausländer in der DDR - geholt, gekommen und gewollt? http://www.auslaender-in-der-ddr.com/home/runder-tisch/, letzter Zugriff am 14.12.2014.
5.
Nevim Çil, Topographie des Außenseiters, Berlin/Tübingen 2007, S. 16.
6.
Nevim Çil, Parallelgeschichten. Migranten in Wiedervereinigten Deutschland, in: http://www.goethe.de/ges/phi/prj/ffs/the/mau/de5445761.htm, letzter Zugriff am 10.12.2014.
7.
Scott Stock Gissendanner, Kommunale Integrationspolitik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 7-8/2011, http://www.bpb.de/apuz/33495/kommunale-integrationspolitik?p=all, letzter Zugriff am 10.3.3015.
8.
Gruppenleiter und Sprachmittler – meist parteinah und selbst ehemalige Vertragsarbeiter – waren Unterstützungs- und Kontrollinstanz bezogen auf die Arbeit im Betrieb und das Freizeitverhalten, ferner Verbindungsstelle zu den deutschen Betreuern in Betrieb und Wohnheim. Dies garantierte auch die Einbindung in das Überwachungssystem der DDR. Vgl. Materialbox Vùng Biên Giói, http://rimini-protokoll.de/materialbox/vung-bien-gioi/77-0-DDR+und+SRV.html, letzter Zugriff am 10.3.2015.
9.
In dem Memorandum legten die Ost-MSOs erstmals gemeinsam ihre Position dar. Memorandum "Zuwanderung und Integration in den neuen Bundesländern. Chancen. Risiken. Aufgaben.", http://www.dienhong.de/wp-content/uploads/2011/03/memorandum.2003.pdf, letzter Zugriff am 10.3.2015.
10.
Für die Informationen danken wir den Gesprächspartnern der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e.V. und dem Multikulturellen Zentrum Dessau.
11.
Interkulturelles Zeitzeugenportal Sachsen-Anhalt, http://www.zeitzeugen-interkulturell.de, letzter Zugriff am 10.3.2015.
12.
Kooperationspartner sind hier das Vietnam-Zentrum Hannover (VNZ) und in Sachsen-Anhalt der Verein für Ausbildung, Fortbildung und Soziales (AFOS e.V.) in Naumburg/Saale sowie das Institut für sozial- und erziehungswissenschaftliche Fortbildung.
13.
Zwei Beispiele für Netzwerke sind: MISO http://www.misonetz.de und Landesnetzwerk der Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt e.V., http://www.lamsa.de, letzter Zugriff am 10.3.2015.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Irmhild Schrader, Anna Joskowski für bpb.de
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