Beleuchteter Reichstag

Deutsch-deutsche Begegnungen. Die Städtepartnerschaften am Tag der Deutschen Einheit


31.8.2015
Die offizielle Feier zum Tag der Deutschen Einheit findet jährlich in der Hauptstadt des Landes statt, welches den Vorsitz im Bundesrat innehat. Welche Bedeutung der 3. Oktober seit 1990 für die innerdeutschen Städtepartnerschaften hat, untersucht Constanza Calabretta in ihrem Beitrag.

Flaggen der Bundesländer am Tag der Deutschen Einheit in Schwerin 1992. Seit 1987 besteht eine Städtepartnerschaft zwischen Schwerin und WuppertalFlaggen der Bundesländer am Tag der Deutschen Einheit in Schwerin 1992. Seit 1987 besteht eine Städtepartnerschaft zwischen Schwerin und Wuppertal (© Bundesregierung, B 145 Bild-00166366, Foto: Engelbert Reineke)

Der 3. Oktober als Nationalfeiertag



Der Einigungsvertrag von 1990 legte fest, dass der 3. Oktober, der Tag der Vereinigung beider deutscher Staaten, "als Tag der Deutschen Einheit gesetzlicher Feiertag ist".[1] Ende August 1990 hatte Bundeskanzler Helmut Kohl in einer Besprechung mit den Regierungschefs der Bundesländer das Datum vorgeschlagen und die Ministerpräsidenten hatten grundsätzlich zugestimmt.[2]

Wie und wo der 3. Oktober des ersten Einheitsjahres begangen werden sollte, wurde erst im Mai 1991 festgelegt. Der damalige Bundesinnenminister Schäuble hatte dezentrale Feiern angeregt, während der Ständige Beirat des Bundesrates sich dafür ausgesprochen hatte, dass das Fest zum Tag der Deutschen Einheit in der Hauptstadt Berlin, "am Ort des Zusammenwachsens und der Öffnung der Mauer"[3], stattfinden sollte. Die Regierungschefs von Bund und Ländern einigten sich aber schließlich darauf, den Tag nicht ständig in Berlin zu feiern, sondern jeweils in der Hauptstadt des Landes, das den Vorsitz im Bundesrat innehat.[4]

Seit 1991 gestalten so die Länder im Wechsel den Nationalfeiertag, und mit der Feier in Kiel 2006 war der 3. Oktober in jedem Bundesland einmal gefeiert worden. Das wichtigste Merkmal der zentralen Feier ist daher zweifellos das föderale Element, das sowohl im offiziellen Festakt als auch im Bürgerfest stets präsent ist. Die deutsche Eigenart, einen Nationalfeiertag zu haben, der nicht schwerpunktmäßig in der Hauptstadt gefeiert wird, wurde von den Rednern beim offiziellen Festakt regelmäßig betont und als ein Grundbestandteil von Demokratie hervorgehoben. "Vielfalt war stets nicht die Schwäche, sondern die Stärke der Deutschen. Einen wirklichen deutschen Einheitsstaat hat es schließlich nur zwölf Jahre lang gegeben, und das war die schlimmste Zeit unserer ganzen Geschichte, sowohl für Deutschland wie für alle anderen Völker"[5], hob Bundespräsident Roman Herzog am 3. Oktober 1994 hervor.

Trotz solcher Reden war die dezentrale Ausrichtung des Tages nie von einem Konsens getragen. Derlei Struktur ist untypisch für das politische Ritual eines Nationalfeiertages, "welches sich in der Regel durch Wiederholung und Starre der Abläufe auszeichnet, um die Kohärenz der Gruppe in Raum und Zeit zu suggerieren".[6] Die dezentrale Ausrichtung schien die Bedeutung des Nationalfeiertages abzuschwächen und daher wurde häufig vorgeschlagen, die Feier dauerhaft nach Berlin zu verlegen. Beispielsweise sagte der Theologe und SPD-Politiker Richard Schröder: "Der Einheitswanderzirkus ist etwas Absonderliches. In jeder Landeshauptstadt, überall, sollte der Tag der deutschen Einheit gefeiert werden, und fürs ganze Land noch einmal in der Hauptstadt, jedes Jahr, überall. Deutschland ist schließlich kein Staatenbund, sondern ein Bundesstaat".[7]

Trotz der Kritik wurde die Ausrichtung der zentralen Feierlichkeit am 3. Oktober bislang beibehalten. Sie besteht aus drei Teilen: einem ökumenischen Gottesdienst, einem offiziellen Festakt (beide nur für geladene Gäste) und einem Bürgerfest, dessen Hauptattraktion die sogenannte Ländermeile ist. Hier präsentieren sich die Länder durch ein kulturelles, musikalisches und kulinarisches Programm.

Das zentrale Fest in der Landeshauptstadt des jeweiligen Bundesratsvorsitzes ist allerdings nie die einzige Veranstaltung am 3. Oktober. In der Tat hat der Tag der Deutschen Einheit eine eigene Geografie, die sich bundesweit entwickelte. Seit 1994 wird der Tag stets auch in der Hauptstadt Berlin gefeiert – durch ein Volksfest, das in symbolischer Konkurrenz zur zentralen Einheitsfeier steht und von privaten Unternehmern finanziert und gestaltet wird. Außerdem wird der 3. Oktober regelmäßig in verschiedenen Landtagen (beispielsweise in Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg) durch offizielle Festakte gefeiert. Welche Bedeutung bekommt der Tag der Deutschen Einheit angesichts dieser differenzierten Feiertagskulturlandschaft in Bezug auf die deutsch-deutschen Städtepartnerschaften? Und umgekehrt: Welche Rolle spielen die Städtepartnerschaften am 3. Oktober?

Die deutsch-deutschen Städtepartnerschaften



Festakt zur Städtepartnerschaft Eisenhüttenstadt und Saarlouis 1986Festakt zur Städtepartnerschaft Eisenhüttenstadt und Saarlouis 1986. Die Stadt Saarlouis im Saarland war eine der ersten Städte, die eine Städtepartnerschaft mit einer Stadt in der DDR eingingen (© picture alliance / Klaus Rose)
Nach der ersten Verbindung zwischen Eisenhüttenstadt und Saarlouis im Jahr 1986 wurden bis zum Fall der Mauer 98 Städtepartnerschaften geschlossen.[8] Zu den Pionieren gehörten Aachen und Naumburg, Bonn und Potsdam, Bremen und Rostock, Düsseldorf und Chemnitz, Karlsruhe und Halle, Wuppertal und Schwerin, Heilbronn und Frankfurt an der Oder. In den Jahren 1990/1991 wuchs die Zahl der Städtepartnerschaften schnell an. Es bildete sich ein fast flächendeckendes Netzwerk zwischen ost- und westdeutschen Kommunen heraus.[9] Von einem politischen Mittel der Verbesserung der deutsch-deutschen Beziehungen wandelten die Partnerschaften sich zu "einem entpolitisierten Instrument der praktischen Hilfeleistung für die im Mai 1990 demokratisch gewählten kommunalen Vertretungen und Bürgermeister beim Aufbau funktionstüchtiger und bürgernaher Verwaltungsstrukturen".[10] Die westdeutschen Kommunen lieferten finanzielle und logistische Unterstützung von verwaltungstechnischer Beratung und Wissenstransfer bis hin zu konkreten Baumaßnahmen, um den schnellen Aufbau einer funktionierenden kommunalen Infrastruktur zu realisieren.

Es ist offensichtlich und nicht überraschend, dass sich in den vergangenen 20 Jahren die Bedeutung der Städtepartnerschaften gewandelt hat: Während sich manche Partnerschaften über die Jahre hielten und weiterführende Initiativen entwickelten, wurden andernorts die Kontakte weniger. Nach der Phase der Gründung und den Jahren des Aufbaus Ost schliefen manche deutsch-deutschen Partnerschaften auch ganz ein. Der ehemalige Oberbürgermeister von Frankfurt an der Oder, Martin Patzelt, behauptete, dass heute die Städtepartnerschaften zwischen der ehemaligen DDR und der Bundesrepublik insbesondere auf junge Leute oftmals fast schon seltsam wirkten, weil "je mehr die sprichwörtliche Mauer aus den Köpfen der Menschen verschwindet, umso weniger bedarf es innerdeutscher Städtepartnerschaften".[11] Trotzdem, wie der folgende Artikel zeigt, stellen die Städtepartnerschaften kein vergessenes Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte dar.

Die Städtepartnerschaften am 3. Oktober 1990



Manfred Kraus, der als einer der Ersten Forschung über die deutsch-deutschen Städtepartnerschaften betrieb, schrieb: "In den ersten Monaten nach der Grenzöffnung, insbesondere an den Wochenenden und zum Jahreswechsel 1989/1990, kam es mit finanzieller und logistischer Unterstützung der bundesdeutschen Seite zu unzähligen Begegnungen der Bürger, sahen viele erstmals ihre Partnerstadt".[12] Der Tag der Wiedervereinigung bot auch eine der ersten Gelegenheiten dazu, die Partnerstädte offiziell zu besuchen, engere Kontakte zu knüpfen, weitere Hilfsprogramme in Gang zu setzen.

Im September 1990 startete der Deutsche Städtetag eine Umfrage über die Veranstaltungen, die die Mitgliedsstädte des Vereins zum 3. Oktober vorbereiteten.[13] Aus dieser Umfrage ergibt sich ein Bild der Programme der ersten Feierlichkeiten. Die organisierten Veranstaltungen, die sowohl in westlichen als auch in östlichen Städten stattfanden, waren unterschiedlich: von Feierstunden im Rathaus mit den Reden der Bürgermeister und ökumenischen Gottesdiensten bis zu Volksfesten, Baumpflanzungen und Feuerwerken. Von 140 befragten Bürgermeistern, die die Feierlichkeiten am 3. Oktober 1990 organisierten, erklärten 40, dass sie zusammen mit den Partnerkommunen feiern würden.

Bei den Veranstaltungen, welche die Partnerstädte am 3. Oktober 1990 gemeinsam durchführten, lag der Schwerpunkt eindeutig auf Austausch und Begegnung und damit auf der Vertiefung der Beziehungen. Bürgerdelegationen wurden dazu eingeladen, die Partnerstädte zu besuchen: 300 Greifswalder besuchten Osnabrück; der Trierer Bürgermeister reiste in die Partnerstadt Weimar und gleichzeitig wurden 50 Weimarer Bürgerinnen und Bürger nach Trier eingeladen. Die repräsentativen Delegationen aus Bürgermeister und Stadträten nahmen an der Veranstaltung der jeweiligen Partnerstädte teil, wie beispielsweise der Oberbürgermeister von Neustadt an der Weinstraße (Rheinland-Pfalz) an der Festsitzung des Parlaments der Partnerstadt Wernigerode (Sachsen-Anhalt). Gemeinsame Feierstunden wurden organisiert, unter anderem führten die Stadtparlamente von Magdeburg und Braunschweig zusammen eine Festsitzung durch. Der Bremer Bürgermeister Klaus Wedemeier und Dieter Klink, Präsident der Bremischen Bürgerschaft, besuchten die Partnerstadt Rostock. In der Nacht zum 3. Oktober "läuteten [sie] symbolisch mit einer historischen Schiffsglocke die Deutsche Einheit auf dem Universitätsplatz ein und führten einen ebenso symbolischen Händedruck mit dem Rostocker Oberbürgermeister Klaus Kilimann aus".[14] Zuvor hielten beide in einem gemeinsamen Festakt kurze Ansprachen. Am 3. Oktober fand dann im Bremer Rathaus eine Festveranstaltung statt.

Ein weiterer Punkt war die kommunale Solidarität. Beispielsweise organisierte die Stadt Sindelfingen (Baden-Württemberg) eine Spendenaktion für das Krankenhaus in der Partnerstadt Torgau (Sachsen); Nürnberg ließ die Einnahmen eines Konzertes am Abend des 3. Oktober dem Theater der thüringischen Partnerstadt Gera zukommen.

Schließlich wurden genau am 3. Oktober 1990 neue Freundschaften geschlossen ˗ beispielsweise zwischen Forchheim (Bayern) und Pößneck (Thüringen).

Der Tag der Deutschen Einheit (1991, 2000, 2010)



Bei der ersten zentralen Feier des Tages der Deutschen Einheit, die in Hamburg stattfand, wurden die Partnerstädte der Hansestadt eingeladen. Dresden, Prag, Marseille und St. Petersburg präsentierten sich auf dem Rathausmarkt mit Gesprächspartnern aus der Politik, künstlerischen Beiträgen und kulinarischen Spezialitäten.[15] Als innerdeutsche Partnerstadt spielte Dresden dabei aber keine besondere Rolle. Anlässlich des zehnten Jubiläums der deutschen Einheit wurde das traditionelle Bürgerfest vergrößert. Das Land Sachsen, in dessen Landeshauptstadt Dresden das zentrale Fest gefeiert wurde, lud die Partnerstädte Dresdens und anderer sächsischer Gemeinden (beispielsweise zwischen Kesseldorf und Marktgemeinde Stamsried, Moritzburg und Cochem, Limbach-Oberfrohna und Hambach) dazu ein, sich im Kulturpalast zu präsentieren.

Auf dem Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit in Saarbrücken 2009 werben Teilnehmer aus Obersdorf in einem Sylter Strandkorb für die Zipfelgemeinden Obersdorf, Selfkant, Görlitz und ListAuf dem Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit in Saarbrücken 2009 werben Teilnehmer aus Obersdorf in einem Sylter Strandkorb für die Zipfelgemeinden Obersdorf, Selfkant, Görlitz und List (© picture-alliance / dpa)
Außerdem fand in Dresden das sogenannte "Zipfelgemeinden"-Treffen statt, das auf der besonderen Partnerschaft der vier "Zipfelstädte" (Görlitz, List, Selfkant und Oberstdorf, die die äußersten Punkte aller vier Himmelsrichtungen der Bundesrepublik markieren) beruht. Dieser "Zipfelbund" wurde anlässlich des 3. Oktober 1999 in Wiesbaden ins Leben gerufen, als die hessische Landeshauptstadt, seit 1990 Partnerstadt von Görlitz, in jenem Jahr die Gastgeberin der zentralen Feier war. Deswegen wurde im Rahmen der Feier im Jahr 2000 in Dresden auch die Stadt Wiesbaden eingeladen, und wegen des gleichzeitigen zehnjährigen Bestehens der Partnerschaft wurde auch in Görlitz ein Festakt veranstaltet.[16]

Seit dem zehnten Jubiläum der Wiedervereinigung wurde die kulturelle, kulinarische und touristische Präsentation der Zipfelstädte ein fester Bestandteil des Bürgerfests am Tag der Deutschen Einheit.[17] Die Historikerin Vera Simon interpretiert das "Zipfeltreffen" als ein wichtiges Element der Grenzvisualisierung, "damit konturierte die gesamte Ausgestaltung des 3. Oktober die neuen deutschen geographischen Grenzen".[18]

Das zwanzigste Jubiläum der deutschen Einheit lud dazu ein, den Fokus auf die Kommunalpolitiker der ersten Stunde nach der Wende zu richten. Die meisten Schritte auf dem Weg der Einheitsgestaltung wurden in den Städten und Gemeinden gegangen, weil "die Demokratie nicht von oben verordnet, sondern von unten aufgebaut wurde"[19], wie der damalige Bundesinnenminister und Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer Thomas de Maizière sagte.

Folglich bot das Jubiläumsjahr auch die Gelegenheit dazu, einen genaueren Blick auf die deutsch-deutschen Städtepartnerschaften zu werfen und Bilanz zu ziehen. Zu diesem Thema gab es noch eine Forschungslücke, die sich anlässlich des Jubiläums zumindest teilweise schließen ließ. Derart waren die Städtepartnerschaften "in den letzten Jahren aufgrund der Aktivitäten einer Vielzahl von Institutionen auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene wieder in Bewegung geraten".[20] So organisierte zum Beispiel Minister de Maizière die Veranstaltungsreihe "Gemischtes Doppel. Ost und West im Dialog", bei der Partnerstädte aus Ost und West miteinander ins Gespräch kamen, sowie einen Partnerschaftskongress deutsch-deutscher Partnerstädte, der im September 2010 in Berlin stattfand.

Die zentrale Feierlichkeit am 3. Oktober 2010 wurde in Bremen ausgerichtet. Die Partnerschaft der Hansestädte Bremen und Rostock gehört zu den frühen Städtepartnerschaften, die 1987 geschlossen wurden. Nach dem Herbst 1989 trugen Bremer Politiker und Bürger dazu bei, in Rostock neue Strukturen zu gestalten und neue Institutionen aufzubauen. Die geleistete Hilfe lässt sich in drei Kategorien einteilen: Geld- und Sachmitteltransfer, Personaltransfer, Wissenstransfer (Beratung, Fort-, Aus- und Weiterbildung). Die Vertreter des Bremer Senats schlossen ein Kooperations- und Hilfsprogramm ab, das fünf Millionen DM für das Jahr 1990 umfasste. 1991 wurde ein weiteres Hilfsprogramm in Höhe von drei Millionen DM aufgelegt. Außer den direkten Geldtransfers waren insbesondere die Sachmitteltransfers wichtig, "um in bestimmten städtischen Problembereichen umgehend Abhilfe leisten zu können".[21] Dazu gehörte zum Beispiel die Lieferung von Müllfahrzeugen oder von modernen Kommunikationsmitteln (wie Kopiergeräten, Computern, Telefonen). Zu den geleisteten Hilfen gehörten aber auch der Aufbau der Rostocker Umweltbehörde und die Beratung bei der Neustrukturierung der Bauverwaltung sowie der Wohnungsverwaltung und -bewirtschaftung.

2010 wurde die Bedeutung von Kommunen und Städtepartnerschaften für die Gestaltung der deutschen Einheit hervorgehoben. Zum zwanzigsten Jubiläum der Wiedervereinigung wurde die Wanderausstellung "Blick/Wechsel. Deutsch-deutsche Städtepartnerschaften 1986 bis heute" als ein zentrales Projekt der Hansestadt veranstaltet. Der damalige Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen betonte außerdem die Bremer Eigenart: "Als Zwei-Städte-Staat ist die Freie Hansestadt Bremen ein besonderes kommunales Element im Föderalismus. In dieser Tradition ist es uns ein besonderes Anliegen, die Rolle der Kommunen im Einigungsprozess vor 20 Jahren und in der Entwicklung bis heute zu reflektieren".[22]

Die Besucher der Ausstellung "Blick/Wechsel" konnten über ein großes Satellitenbild Deutschlands laufen, während die Informationstafeln 15 Partnerschaften in Text und Bild erklärten. Die ausgewählten Fälle nahmen keine Bewertung der Partnerschaften vor, sondern zeigten das breite Spektrum der Fragen, Konflikte und Perspektiven dieses Kapitels der deutsch-deutschen Geschichte auf.[23] Die Ausstellung machte die Beziehungen zwischen den Partnerstädten als ein Medium des Bürgerdialogs, interkommunaler Solidarität und verwaltungspolitischer Integration sichtbar. Beatrice von Weizsäcker, Tochter des ehemaligen Bundespräsidenten, bewertete die Ausstellung sehr positiv: "Wie eine Befreiung wirkte das gegenüber den bisherigen Versuchen, etwas Greifbares zur Einheit zu präsentieren. Wohltuend und basisnah. Denn an der Basis wird erst sichtbar, welche Chancen in der Vereinigung stecken. Lebendige Chancen einer lebendigen Einheit".[24]

Fazit



Bei der Sichtung der Akten zu den zentralen Feiern wird klar, dass das Thema Städtepartnerschaften zwar immer wieder bei den Feierlichkeiten zum 3. Oktober eine Rolle spielte, seine Bedeutung aber wechselte und nicht leicht einzuschätzen ist. Die Gründe dafür sind vielfältig und haben sowohl mit der Organisation des Feiertages als auch mit den Merkmalen einzelner Partnerschaften zu tun.

Die zentrale Feier wird von den Ländern veranstaltet, die die Hauptprotagonisten auf der organisatorischen Ebene bleiben. Die Landeshauptstadt dient als Bühne des Festes, spielt aber keine entscheidende Rolle in der Ausgestaltung des Tages. Die zentrale Feierlichkeit stellt außerdem zwar die wichtigste, aber nicht die einzige Veranstaltung am 3. Oktober dar. Eigentlich regt die dezentrale und föderale Gestaltung des Tages dazu an, bundesweit und auch auf Kommunalebene zu feiern.

Und dennoch rückt der Tag der Deutschen Einheit alljährlich nicht nur die Geschichte der Trennung und der Friedlichen Revolution, sondern auch die Städtepartnerschaften ins Bewusstsein. Der Tag bietet den Städten zudem die Gelegenheit, sich immer wieder zu treffen und gemeinsam zu feiern. Ab 1990 wurde am 3. Oktober eine Tradition der Ost-West-Begegnungen begründet, die aus kleinen und vielfältigen Geschichten besteht und auf lokaler und regionaler Ebene stattfindet.[25]

"Der Schwerpunkt dieser Städtepartnerschaften [liegt] nun nicht mehr auf Verwaltungshilfe, sondern in der Pflege von Kontakten zwischen Bürgerinnen und Bürgern, Vereinen, Einrichtungen und den Mitgliedern der Stadträte"[26], wie Helmut Himmelsbach, ehemaliger Oberbürgermeister von Heilbronn, sagte. Auch die Ergebnisse der Studie "Deutsch-deutsche Partnerschaften" zeigen, dass die Partnerschaften "auf eine breite gesellschaftliche Basis gestellt" wurden und "mit persönlichem und bürgerschaftlichem Engagement gelebt und getragen"[27] werden. Statt der Verwaltungsbehörden ist heute die Zivilgesellschaft zentral. Die Städtepartnerschaften waren deswegen ein Fundament für die Solidarität zwischen Ost und West und Bausteine der inneren Einheit, ohne die das Zusammenwachsen Deutschlands schwieriger gewesen wäre.

Auf diese Weise kommen am Tag der Deutschen Einheit auch die Städtepartnerschaften zum Ausdruck. Sie erzählen zahlreiche vielseitige, kleine und erfolgreiche Geschichten der Wiedervereinigung und des Zusammenwachsens "von unten".

Zitierweise: Costanza Calabretta, Deutsch-deutsche Begegnungen. Die Städtepartnerschaften am Tag der Deutschen Einheit, in: Deutschland Archiv, 31.8.2015, Link: www.bpb.de/211058


Fußnoten

1.
Einigungsvertrag vom 31. August 1990 (BGBl. 1990 II S. 889), Art. II-2, S. 2.
2.
Bundesministerium des Innern (Hg.), Dokumente zur Deutschlandpolitik. Deutsche Einheit. Sonderedition aus den Akten des Bundeskanzleramtes 1989/90, München 1998, S. 1508f.
3.
Stenographisches Protokoll über die 1. Sitzung der Kommission Verfassungsreform des Bundesrates, Bonn 19.4.1991, S. 55.
4.
Gespräch der Regierungschefs von Bund und Länder, Bonn 17.5.91, Staatsarchiv Hamburg, 131.1 II/9034-1.
5.
Ansprache des Bundespräsidenten Roman Herzog, Bremen 3.10.1994, Bulletin der Bundesregierung 91/94, S. 4.
6.
Vera C. Simon, Gefeierte Nation. Erinnerungskultur und Nationalfeiertag in Deutschland und Frankreich seit 1990, Frankfurt/New York 2010, S. 102f.
7.
Richard Schröder, Die wichtigsten Irrtümer über die deutsche Einheit, Freiburg im Breisgau 2007, S. 240.
8.
Deutscher Städtetag (Hg.), Die innerdeutschen Städtepartnerschaften, Köln 1992, S. 23. Die Zahlenangaben sind in der Literatur widersprüchlich, vgl. Beatrice von Weizsäcker, Verschwisterung in Bruderland. Städtepartnerschaften in Deutschland, Bonn 1990, S. 42.
9.
Am 3. Oktober 1990 wurden schon 854 Städtebeziehungen mit formalem Abschluss festgestellt, vgl. Manfred Klaus, Städtepartnerschaften zwischen ost- und westdeutschen Kommunen. Ein Medium des Bürgerdialogs, interkommunaler Solidarität und verwaltungspolitischer Integration, in: Kommission für die Erforschung des Sozialen und Politischen Wandels in den Neuen Bundesländern (KSPW), Graue Reihe 94/02, S. 56.
10.
Ebd., S. 4.
11.
Martin Patzelt, Frankfurt (Oder) - Heilbronn: Brücken in den Westen, in: Deutscher Städtetag 2 (2010), S. 16.
12.
Manfred Klaus, Städtepartnerschaften zwischen ost- und westdeutschen Kommunen. Ein Medium des Bürgerdialogs, interkommunaler Solidarität und verwaltungspolitischer Integration, in: KSPW, Graue Reihe 94/02, S. 54.
13.
Pressestelle, Staatsarchiv Hamburg, 135.1 VII/479.
14.
Lothar Probst und Johannes Saalfeld, Von der Rahmenvereinbarung zur Bürgerpartnerschaft: 1987 bis 1990, in: Die Städtepartnerschaft Bremen – Rostock. Entstehung, Geschichte und Bilanz, Lothar Probst u. Johannes Saalfeld, Bremen-Rostock 2010, S. 29.
15.
Veranstaltungsübersicht. Tag der Deutschen Einheit, Hamburg 16.9.1991, Staatsarchiv Hamburg, Programm, 131.1 II/9036.
16.
Protokoll, Das Programmangebot. Festakt in Görlitz am 2.10.2000, Sächsische Staatskanzlei Dresden, 24138-02.
17.
Vgl. Tag der Deutschen Einheit, in: Zipfelbund, www.zipfelbund.de/tag-deutschen-einheit.html, letzter Zugriff am 23.6.2015.
18.
Vera C. Simon, Gefeierte Nation, S. 106.
19.
"Aufbruch in die Demokratie". Kommunal Kongress in Weimar, in: Bundesministerium des Innern, Innenpolitik, 3 (2010), S. 6.
20.
Jens Hüttman, Den Anderen wirklich sehen? Die innerdeutschen Städtepartnerschaften vor und nach 1989, Deutschland Archiv 2 (2011), S. 3.
21.
Lothar Probst, Hand in Hand: Die Bremer Politik und die Bremer Bürger helfen Rostock beim Aufbau neuer Strukturen, in: Lothar Probst und Johannes Saalfeld, Die Städtepartnerschaft Bremen – Rostock (Anm. 14), S. 41.
22.
Der Präsident des Senats der Freien Hansestadt Bremen, Ausstellungen. Innerdeutschen Partnerschaften, Senatskanzlei Bremen, 022-31/26-2.
23.
Lutz Liffers, Blick/Wechsel. Deutsch-deutsche Städtepartnerschaften 1986 bis heute. Die Themen der Ausstellung, S. 12-31, in: Im Blick: Deutsch-deutsche Städtepartnerschaften. Der Beitrag der Kommunen im Einheitsprozess, Freie Hansestadt Bremen (Hg.), Bremen 2010.
24.
Beatrice von Weizsäcker, Die Unvollendete. Deutschland zwischen Einheit und Zweiheit, Köln 2010, S. 86.
25.
Nur ein Beispiel dafür ist das gemeinsame Fest von Jena und Erlangen, vgl. Jubiläum der Städtepartnerschaft wird in Jena gefeiert, www.jena.de/de/284549, letzter Zugriff am 23.6.2015.
26.
Rede von Helmut Himmelsbach im Rahmen der Veranstaltung „Deutsch-deutsche Partnerschaften von Städten, Gemeinden und Landkreisen“, Berlin 16.9.2009, S. 4, www.staedtetag.de/presse/mitteilungen/058314/index.html, letzter Zugriff am 23.6.2015.
27.
Gabriela B. Christmann u.a., Deutsch-deutsche Partnerschaften. Städte, Landkreise und Gemeinden als Gestalter der deutschen Einheit, in: Im Blick, Freie Hansestadt Bremen (Hg.), S. 69.
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Autor: Costanza Calabretta für bpb.de
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