Beleuchteter Reichstag

Die "Agenten-Diskussion" um Franz Josef Strauß: Wissenschaftlicher Diskurs oder Meinungsaustausch?


26.11.2015
Zugleich Duplik auf: Christopher Nehring, Alter Wein in neuen Schläuchen. Wie Franz Josef Strauß zum Agent (gemacht) wurde.

I. Vorbemerkung



Die im Deutschland Archiv am 5. September 2015 durch den Verfasser dieser Duplik veröffentlichte Dokumentation "Zu einer möglichen Spionagetätigkeit von Franz Josef Strauß für das Office of Strategic Services (OSS)" hat eine breite mediale Diskussion ausgelöst. Sinn und Zweck einer Dokumentation ist jedoch in erster Linie, den wissenschaftlichen Diskurs zu befördern. Dieser hätte – mit dem von Christopher Nehring veröffentlichten Beitrag "Alter Wein in neuen Schläuchen. Wie Franz Josef Strauß zum Agent (gemacht) wurde" – eröffnet werden können. Wer die diskursive Einbringung neuer Tatsachen und Argumente erhofft, bleibt jedoch enttäuscht. Die Replik enthält keine neuen Tatsachen, dafür aber einige Mutmaßungen und Meinungsäußerungen. Die argumentative Auseinandersetzung mit der initialen Dokumentation greift in jeder Hinsicht zu kurz.

II. Duplik



Schon das für den Titel der Replik gewählte Bild ist falsch: Die im Rahmen der Dokumentation vorgestellten Dokumente sind bis zum Erscheinen der Dokumentation unbekannt und unveröffentlicht gewesen. Ungeachtet ihrer eingehenden Überprüfung sind sie selbst zunächst einmal als neue historische Tatsachen zu qualifizieren. Von "altem Wein" kann demnach keine Rede sein. Mit der Replik erweckt der Autor den Eindruck, Strauß sei in der initialen Dokumentation unzutreffend zu einem Agenten gemacht ("befördert") worden. Ziel der Replik scheint die Widerlegung dieser angeblichen Tatsachenbehauptung zu sein. Hätte der Autor die Dokumentation sorgfältig gelesen, wäre ihm jedoch nicht verborgen geblieben, dass an keiner Stelle behauptet wird, Strauß sei Agent des OSS gewesen. Weiterhin hätte er die ausführlichen Darlegungen zu einer möglichen – und teilweise sogar bereits nachgewiesenen – nachrichtendienstlichen Desinformation lesen können und dann zitieren müssen. Daher seien einige Auszüge der Dokumentation an dieser Stelle wiedergegeben:
  • "Die DDR – und insbesondere das Ministerium für Staatssicherheit – […] an Strauß, der wegen seiner ausgesprochenen Gegnerschaft zur DDR Ziel einer umfassenden Desinformationskampagne wurde."
  • "… Möglich wäre auch, dass sowohl die Kenntnis des MfS als auch die Kenntnis des BND auf Informationen des KGB beruhten."
  • "Andererseits geben die Unterlagen mit großer Klarheit die Intention des MfS zu erkennen, historische Erkenntnisse (und Behauptungen) "für operative Zwecke" – also im Rahmen einer Desinformationskampagne – gegen Strauß zu nutzen. In diesem Kontext ist auch der Versuch des MfS zu sehen, Strauß durch die falsche Behauptung einer Beteiligung an Kriegsverbrechen zu diskreditieren."
  • "Die bereits erwähnten "operativen Zwecke" finden sich dort in einer drastisch klaren Zielvorgabe".
Auch die in der Dokumentation mehrfach dargelegte Notwendigkeit, Stasi-Akten mit "größter Vorsicht" zu behandeln, kehrt der Autor unter den Teppich – zugunsten seines doch etwas banalen Hinweises: "Auch sollte grundsätzlich bei vermeintlich sensationellen Funden in Geheimdienstarchiven (und allen voran im Stasi-Archiv) die Möglichkeit einer Fälschung und Desinformation zwar weder über-, noch unterschätzt, stets jedoch mitgedacht werden." Der Inhalt der Dokumentation wurde in der Replik nur bruchstückhaft und verzerrt wiedergegeben.

Die Dokumentation stellt die zweifelsohne brisanten Dokumente vor und unterzieht sie auf der Grundlage des verfügbaren Archivmaterials einer historisch-kritischen Untersuchung. Zahlreiche Faktoren erschweren hierbei die Gewinnung verlässlicher Erkenntnisse, so der lediglich bruchstückhafte Charakter des MfS-Aktenbestandes, die zum Teil dubiose Überlieferungsgeschichte der HVA-Akten und die Unerreichbarkeit wichtiger Akten in den Archiven der betroffenen Nachrichtendienste (vor allem des KGB und des BND). Im Gegensatz zu der Dokumentation spielen diese Faktoren in der Replik keine Rolle. Diese enthält dafür – anders als die Dokumentation – Mutmaßungen, Behauptungen und Meinungsäußerungen. Schon die Wortwahl Nehrings und eine Neigung zu passivischen Formulierungen lässt eine gewisse Distanz zu einer klaren, tatsachengestützten Beweisführung erkennen: "kann hier nur vermutet werden...", "Das wahrscheinlichste Szenario…", "Dies würde erklären…", "…den BND-Agent "LEDER", der als Ernest Hauser … identifiziert wurde" und so weiter [Anm.: übrigens durch den Verfasser der Dokumentation und vorliegenden Duplik]. Nehring präsentiert selbst zentrale Schlussfolgerungen in unterschiedlichen Versionen, die allerdings sämtlich einen konkreten Nachweis vermissen lassen. So behauptet der Autor einerseits: "Letztlich handelte es sich sowohl bei den im MfS-, als auch im BND-Archiv gefundenen Hinweisen um Spuren derselben Operation: eine Desinformationskampagne gegen Franz Josef Strauß." Andererseits formuliert er nur wenige Zeilen später etwas vorsichtiger: "muss davon ausgegangen werden, dass es sich hierbei um eine Desinformationskampagne des KGB und des MfS handelte. Als gesichert kann gelten, dass das KGB die These vom "Agenten" Strauß im Rahmen einer Desinformationskampagne verbreitete." Eine Beweisführung bleibt er für beide Alternativen schuldig – trotz der gegenteiligen Behauptung: "Im Falle der aufgefundenen Dokumente sind die Belege für eine gezielte Desinformation und Diskreditierung mehr als offensichtlich." Offensichtlich sind in nachrichtendienstlichen Sachverhalten übrigens die wenigsten Dinge. Zumal, wenn ein großer Teil der wesentlichen Unterlagen vernichtet oder unzugänglich ist. Die Probabilität eines Sachverhaltes in objektivierter, nachprüfbarer Weise zu beurteilen, ist aus denselben Gründen schwierig.

Über den konkreten Sachverhalt hinausgehend enthält die Replik durchaus interessante Sachverhalte aus dem nachrichtendienstlichen Bereich. Sie scheinen jedoch nur lose mit dem der Dokumentation zugrunde gelegten Sachverhalt verbunden zu sein. Entkräftet oder bewiesen wird in der Replik nichts. Die in der Replik zitierte autobiographische Literatur ehemaliger Agenten und Überläufer – deren nicht problematisierter Beweiswert durchaus zurückhaltend einzuschätzen sein dürfte – sagt nichts über die Kriegszeit aus. Im Übrigen wäre ein Hinweis darauf geboten gewesen, dass eine nachrichtendienstliche Verbindung von Strauß zu U. S.-amerikanischen Dienststellen für die Nachkriegszeit in der DDR bereits 1969 – also 18 Jahre vor dem Buch von Ilya Dzhirkvelov[1] – behauptet worden ist.[2]

Über diese Mängel hinaus lässt sich der Autor der Replik leider zu einem für den wissenschaftlichen Diskurs unüblichen Ton hinreißen. Nach dieser verpassten Chance bleibt im Ergebnis zu hoffen, dass der wissenschaftliche Diskurs bald durch die Einbringung neuer Tatsachen und Argumente eröffnet werden wird.

Zitierweise: Enrico Brissa, Die "Agenten-Diskussion" um Franz Josef Strauß: Wissenschaftlicher Diskurs oder Meinungsaustausch? In: Deutschland Archiv, 26.11.2015, Link: www.bpb.de/215951


Fußnoten

1.
Ilya Dzhirkvelov, Ilja: Secret Servant My life with the KGB, London 1987.
2.
Albrecht Charisius und Julius Mader, Nicht länger geheim, 1969, S. 141 (dort Fn. 25). Mader war MfS-Mitarbeiter (Offizier im besonderen Einsatz).
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Enrico Brissa für bpb.de
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