Beleuchteter Reichstag

Am Ende der Anfangsjahre - Deutsches Fernsehen in Ost und West zwischen Etablierung und Neuorientierung


11.3.2016
Vor einem halben Jahrhundert befand sie sich das kulturelle Leben auf beiden Seiten der Mauer an einem Scheideweg. Klaudia Wick blickt in diesem Beitrag zurück - auf das Fernsehjahr 1966 in Ost und West.[1]

Beratung für das passende Fernsehgerät in einem Berliner Fachgeschäft 1966Fernsehen wird erschwinglicher: Beratung in einem Berliner Fachgeschäft 1966 (© Bundesarchiv, Bild 183-E0108-0009-001, Foto: Joachim Spremberg)
Für die Westdeutschen ist 1966 das Jahr vor der Tötung des Studenten Benno Ohnesorg, in deren Folge die Studentenrevolte viele überkommene Gewissheiten durch neue Freiheiten ersetzen wird. Für die Ostdeutschen ist es das Jahr nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED, das als "Kahlschlag-Plenum" in die Geschichte eingeht und die wenigen, nach dem Mauerbau in Aussicht gestellten Freiräume wieder zubetoniert. Viele Babyboomer aus beiden deutschen Staaten werden 1966 freilich als das Jahr in Erinnerung behalten, in dem ein Fernseh-Delfin ihre Herzen eroberte. Das ZDF zeigt die US-Serie "Flipper" (NBC 1964-67) ab dem Neujahrstag im Nachmittagsprogramm. Weil aber 1966 auch das Jahr vor der Einführung des Farbfernsehens ist, sehen die Deutschen die prächtigen Unterwasseraufnahmen noch in Schwarz-Weiß.

Das Fernsehjahr 1966 markiert das Ende einer Aufbauphase. Seitdem die Geräteindustrie das "in die Röhre" Schauen erschwinglicher gemacht hat, kommen die Zuschauer aus allen Gesellschaftsschichten. Das Fernsehen sendet hüben wie drüben regelmäßig und abendfüllend, es hat eine eigene, vielfältige Formensprache entwickelt und mit seinen verlässlich wiederkehrenden Reihen und Serien das Freizeitverhalten der Deutschen maßgeblich verändert. Der Feierabend findet nun zuhause statt!

Fernsehen ist Zugang auf Knopfdruck: Gerade in ländlichen Gebieten ebnen die Theaterverfilmungen und Ausstellungsberichte den Standortnachteil der Provinz gegenüber den Städten ein und synchronisieren die Lebenswelten. Aber bei aller Euphorie für die neue Wirkmacht müssen die Programmmacher doch auch erkennen: Weder die Hochkultur noch die politische Debatte und erst Recht nicht die belehrenden Dokumentarspiele begründen den Erfolg beim Publikum, sondern hüben wie drüben die vielen Formen der leichten Unterhaltung. Und der Spagat zwischen Bildungs- beziehungsweise Agitationsauftrag und Zuschauerwunsch ist noch größer geworden, seit in der Bundesrepublik das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) auf Sendung ist. Denn Karl Holzamer, Philosoph, Pädagoge und erster ZDF-Intendant, will die Herzen der Zuschauer mit Unterhaltsamkeit erobern. Dem Publikum ermöglicht die Konkurrenz mit dem ersten Deutschen Fernsehen der ARD ein Umschaltverhalten, das Ernstes und Erbauliches weitgehend vermeidet. Dieser sogenannte "Unterhaltungsslalom" wird in der DDR genau verfolgt und analysiert. Denn Mitte der 1960er Jahre schalten bis zu 85 Prozent der DDR-Fernsehteilnehmer das Westfernsehen ein. Sogar ein hoher Anteil von SED-Parteimitgliedern ist darunter, wie eine 200 Seiten starke Untersuchung "Zum Einfluß des Westfernsehens"[2] 1966 feststellt. In Betrieben werden die Programmankündigungen des West-TV in Kopie verteilt. In einigen Fällen, so der Bericht, müssen sogar Gemeinde- oder Parteiversammlungen abgesagt werden, weil drüben attraktive Fernsehprogramme laufen – bevorzugt Shows, Kriminalfälle und Serien.

Grenzenlos fernsehen



"Der Klassenfeind sitzt auf dem Dach!", weiß der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht.[3] Auf beiden Seiten der deutsch-deutschen Grenze stehen Sendeanlagen, die so positioniert kaum geeignet sind, das eigene Territorium mit Fernsehempfang zu versorgen. Das jeweils andere Deutschland erreichen die Sendemasten dafür umso besser, und natürlich überwindet der Overspill mühelos den neuen antifaschistischen Schutzwall. Aber während die West-Berliner sich im Kalten Krieg mit dem Fernsehen der DDR nicht identifizieren können und wollen, schauen die Menschen in der DDR mehr oder weniger heimlich "west". Alle Versuche der DDR-Führung, mit Störsendern den Empfang des Westfernsehens zu unterbinden, sind zum Scheitern verurteilt. Zu nah liegen die eigenen Sendefrequenzen an denen des Klassenfeindes. Deshalb wird im Politbüro inzwischen mehr Wert darauf gelegt, die eigenen Fernsehzuschauer mit dem besseren Programm zu überzeugen. Die ZK-Abteilung für Agitation, zuständig für das Fernsehen, beschreibt 1966 die veränderte Aufgabenstellung: Statt Antennen von Dächern herunterzureißen, geht es darum, die Antennen des Klassenfeindes in den Köpfen zu entfernen.[4] Aber ganz offensichtlich steht diesem Ziel der ideologische Programmauftrag des Deutschen Fernsehfunks (DFF) im Weg, wie die DFF-Programmleitung einräumen muss: "Es ist in keiner Weise gelungen, dem Zuschauer das Gefühl zu nehmen, daß er von uns andauernd belehrt wird. Ohne Übertreibung muß festgestellt werden, daß Spannung, Lachen, Schmunzeln und Entspannung ohne politisches Engagement im wesentlichen nicht aus unseren eigenen Sendungen dem Zuschauer ermöglicht wird [sic], sondern meist aus Programmen aus dem Ausland, und besonders mit Hilfe des bürgerlichen Films".[5]

Bereits wenige Wochen nach dem Mauerbau 1961 hat der Sender Freies Berlin (SFB) ein Vormittagsprogramm gestartet, das sich an die Bürger jenseits der Mauer wendet und deshalb nur von den grenznahen Sendern NDR, HR und BR übernommen wird. Zum Jahresanfang 1966 erweitern ARD und ZDF das sogenannte "Wiederholungsprogramm für Mitteldeutschland", nach Unterhaltungssendungen und Nachrichten vom Vortag schließt das Vormittagsprogramm mit einer aktuellen Presseschau ab. Viele Informationen, die den DDR-Bürgern von der eigenen Presse vorenthalten werden, finden so tagtäglich den Weg über die Grenze. "Drüben" nennt das ZDF eine neue Fernsehreihe, die ab 1966 regelmäßig aus "Mitteldeutschland" berichtet. Beim Bericht über die zentrale DFF-Nachrichtensendung Aktuelle Kamera" fällt der Blick sogleich auf das Parteizeichen des Nachrichtensprechers: Nicht Objektivität, sondern Parteilichkeit, schlussfolgert der ZDF-Moderator, sei drüben also das Prinzip der Berichterstattung.

Das gegenseitige Zitieren ist in beiden Fernsehsystemen gängige Praxis. Thilo Koch, Leiter des Westberliner NDR-Studios, hat schon 1958 in der Fernsehreihe "Die rote Optik" damit angefangen und dafür eigens einen Abfilmapparat entwickeln lassen. DFF-Chefkommentator Karl-Eduard von Schnitzler beschäftigt sich seit 1960 auf die gleiche Weise (und unter Zuhilfenahme ähnlicher Technik) in "Der schwarze Kanal" mit dem Westfernsehen. Im "innerdeutschen Fernsehkrieg" (Koch) wird ab 1969 Gerhard Löwenthal mit dem "ZDF-Magazin" für mehrere Jahrzehnte zu von Schnitzlers direktem Gegenspieler.

Vorbilddramaturgien



Die Mauer ist ein beliebter Gegenstand für das westdeutsche Fernsehen, der westdeutsche Kapitalismus ein beliebter Gegenstand für das Ostfernsehen: Weil auch der sozialistische Fernsehfilm von der Überlegenheit des eigenen Systems ausgehen soll, fehlen den Autoren oft Figuren mit glaubwürdigen inneren Widersprüchen für ihre Vorbilddramaturgien. Etliche Fernsehspiele des DFF erzählen deshalb von Menschen, die in der kapitalistischen Gesellschaft der Bundesrepublik nicht glücklich geworden sind. In "Besuch aus der Ferne" (DFF 18.9.1966) thematisiert der Regisseur Lothar Bellag die Systemunterschiede anhand zweier Freunde, die einst Studienkollegen waren: Der eine praktiziert als Landarzt mit Nachtbereitschaft, der andere ist nach dem Medizinstudium in den Westen geflohen. In Hamburg stellt der Regisseur Egon Monk in seinem Fernsehspiel "Preis der Freiheit" (ARD[6]/NDR 15.2.1966) seinerseits die Systemfrage: Die an der innerdeutschen Grenze Dienst tuenden jungen NVA-Soldaten schwanken zwischen Kameradschaft und gegenseitigem Misstrauen. Monk stellt dem Freiheitswillen einzelner Soldaten das System der (Grenz-)Überwachung gegenüber. Am Ende wird einer von ihnen fliehen und dabei seinen Wachkameraden schwer verletzen. Der Preis der Freiheit ist aber nicht nur der Schädelbruch des Kameraden, sondern auch der gestiegene Argwohn der Grenzsoldaten.

Der Brecht-Schüler Egon Monk hat 1960 die Fernsehspielabteilung des NDR übernommen. Statt Bühnenstücke zu adaptieren, will der experimentierfreudige Hauptabteilungsleiter zeitgenössische Autoren gewinnen, die genuine Fernsehspiele entwickeln. Eberhard Fechner, Dieter Meichsner, Helga Feddersen, Klaus Wildenhahn oder Peter Beauvais gehören zu Monks Weggefährten. Demonstrativ zieht die Fernsehspielredaktion um auf das Gelände von Studio Hamburg, um näher am Produktionsprozess zu sein als bisher. Binnen weniger Jahre entsteht so eine neue Fernsehspielpraxis, die sich einerseits filmischer Mittel bedient, dabei aber andererseits in ihrer dramaturgischen Form der analytischen Distanz und den Vermittlungsformen des epischen Theaters verpflichtet ist. "Private Leidenschaften interessieren mich nicht",[7] bekennt Egon Monk in Bezug auf sein Fernsehspiel "Ein Tag" (ARD/NDR 6.5.1965), das nüchtern und vermeintlich emotionslos den Alltag im Konzentrationslager von 1939 beschreibt. Auch "Preis der Freiheit" folgt diesem Vermittlungsmuster, das die minutiöse Zustandsbeschreibung an der bewachten Grenze nutzt, um den Zuschauer nicht zum Mitfühlen mit einzelnen Spielfiguren, sondern zum Nachdenken über die Verhältnisse an der Mauer zu bringen.

Zeichen der Zeit



So wie sich in Hamburg die Fernsehspieldramaturgen finden, haben sich in Stuttgart beim SDR die Dokumentarfilmer gesammelt. Sie sind vom Hörfunk zum Fernsehen gekommen oder wurden beim Spiegel abgeworben. Ihre Redaktion trägt das Wort "Film" nicht einmal im Namen, sondern heißt "Dokumentarabteilung". Vieles – auch der bekannte Reihentitel "Zeichen der Zeit" – ist eine Übernahme aus dem Hörfunk. Die 16-mm-Kameras sind nur dann leichthändig und damit beweglich, wenn sie auf den Originalton verzichten. Bei Tonaufnahmen müssen sie schalldämmend verkleidet (geblimpt) werden, und das Pilottonkabel kettet Kameramann und Toningenieur wie siamesische Zwillinge aneinander. Immerhin kann Roman Brodmann, der 1965 vom ZDF nach Stuttgart gewechselt ist, seine Beobachtung einer Schönheitskonkurrenz für "Die Misswahl" (ARD/SDR 30.6.1966) schon mit einer selbst geblimpten Schulterkamera drehen, die zudem über ein Zoomobjektiv verfügt. So kommt das Kamerabild mitten aus dem Geschehen, und der Ton kann den Gesprächen der Konkurrentinnen lauschen. Stilprägend und sinnstiftend für die Dokumentarfilme der "Stuttgarter Schule" bleiben aber die Einlassungen aus dem Off, die das Gezeigte nicht selten von oben herab kommentieren.

Denken und Handeln



Szenenbilder von "Der lachende Mann", unten links "Kongo Müller" mit HundSzenenbilder von "Der lachende Mann", unten links "Kongo Müller" mit Hund (© Bundesarchiv, Bild 183-E0910-0005-001 / Fotograf: o. Ang.)
Das dokumentarische Arbeiten ist im Fernsehen der DDR nicht einfacher geworden, seit ein Millionenpublikum erreicht wird. Weil das Programm "Denken und Handeln maßgeblich beeinflussen" kann (DFF-Intendant Heinz Adameck)[8], steht es schon seit geraumer Zeit unter Dauerbeobachtung durch die DDR-Führungsspitze. Die Filme sollen die Programmatik der SED in Fernsehen umsetzen: Kritik muss solidarisch sein – oder einen Gegenstand aus dem kapitalistischen Ausland treffen. Dies gelingt den Dokumentaristen Walter Heynowski und Gerhard Scheumann, als sie den Söldner Siegfried Müller, genannt "Kongo-Müller", interviewen. In der Annahme, er spreche mit Westjournalisten, äußert sich der Major – bald zunehmend benebelt vom reichlich bereit gestellten Alkohol – offen über die Gräueltaten seiner Einheiten. Der Interviewfilm "Der lachende Mann" (DFF 9.2.1966) wird als Kinofilm in 37 Ländern aufgeführt, ist in der Bundesrepublik aber verboten.[9]

Nach einer Verbotswelle zum 10. Jahrestag des DFF wird seit Kurzem die langfristige Programmplanung in Abstimmung zwischen Intendanz und Partei festgelegt. Besonders in der Hauptabendschiene soll so ein ideologisch konformes Programm entstehen. Die Reihe „Bilder und Beobachtungen zur technischen Revolution“ inszeniert die DDR als modernen Industriestaat. Weil es in der sozialistischen Gesellschaft keine unlösbaren Widersprüche zwischen den volkswirtschaftlichen Belangen und den Interessen des einzelnen Menschen geben darf, beschäftigt sich die Dokumentarspielreihe "Der Mensch neben Dir" damit, wie letzte Hindernisse in der Arbeitswelt auszuräumen sind. Beliebt sind auch exemplarische historische Lebensläufe. Vom Nationalsozialismus bis in die Gegenwart erzählt, sollen sie den Gründungsmythos von der DDR als antifaschistischem Deutschland wachhalten. So erinnert das Dokumentarspiel "Kein Platz für Gereke" (DFF 15.2.1966) an den bundesdeutschen Landwirtschaftsminister Günther Gereke, der 1952 in die DDR wechselte. Die Spielfilmserie "Ohne Kampf kein Sieg" (DFF 28.8.-6.9.1966) idealisiert den Rennfahrer Manfred von Brauchitsch, der ebenfalls in die DDR übersiedelte. Selbst die populären Fernsehromane sind nicht frei von ideologischen Vorgaben: In "Columbus 64" (DFF 1.-6.10.1966) von Ulrich Thein muss sich ein angehender Schriftsteller, dargestellt von Armin Mueller-Stahl, als Fahrer im Uranbergbau der Wismut bewähren. Die harten Arbeitsbedingungen im Bergbau formen letztlich aus dem richtungslosen jungen Bürger einen verantwortungsvollen Genossen. Die bereits 1965 fertig gestellte Miniserie erhielt nach dem 11. Plenum im Dezember des Jahres keine Freigabe und lief nur einmal nach massiven Eingriffen: Man störte sich an der ungeschönten Darstellung der DDR-Arbeitswelt ebenso wie am Titelsong und Mitwirken von Wolf Biermann, der seit dem Plenum generelles Auftritts- und Veröffentlichungsverbot hatte. Selbst der Dialekt des Arbeitsdirektors der Wismut Sepp Wenig, der sich ebenfalls selbst darstellte, wurde beanstandet: Weil ein hochrangiger Parteifunktionär im DFF nicht Dialekt sprechen sollte, wurde die Stimme Wenigs mit einem Schauspieler nachsynchronisiert.[10] Dem Fernsehpublikum bleiben solche nachträglichen Eingriffe, die dem künstlerischen Anspruch einer authentischen Darstellung entgegenstanden, natürlich nicht verborgen.

Synchronisierte Lebenswelten



Im westdeutschen Fernsehen gibt es zwar auch einen edukativen Programmauftrag, aber weil sich das Fernsehen als Feierabendvergnügen etabliert, spart es gerade die Arbeitswelt weitgehend aus. Im Widerstreit zwischen Entspannungsmedium und Bildungsauftrag setzt sich die Programmidee der „Lebenshilfe“ durch.[11] Das Fernsehen versteht sich als medialer Begleiter gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse und gefällt sich darin, möglichst praktische Hilfestellung zu leisten. So unterrichtet das Fernsehen seine Zuschauer 1966 vor allem in etwas, das man später als Lifestyle bezeichnen wird: Man kann Quickstepp oder Englisch lernen, in der neuen Reihe "Der 7. Sinn" bereitet der WDR in unterhaltsamer Form Wissenswertes für Autofahrer auf. Das ZDF startet im Januar 1966 das Kulturmagazin "Aspekte", das die geografisch zerstreuten Ereignisse der internationalen Hochkultur in jedes Wohnzimmer mit Fernsehapparat vermitteln kann. Nur fünf Monate, nachdem das Theaterstück "Die Ermittlung" von Peter Weiss Premiere hatte, zeigt die ARD eine Fernsehfassung (ARD/NDR 29.3.1966). Der DFF folgt ein gutes halbes Jahr später mit einer eigenen TV-Adaption. Beim SDR experimentiert der irische Dramatiker Samuel Beckett mit der elektronischen Kamera und dem so oft geschmähten, engen Bildausschnitt des Fernsehens (Beckett nannte es "keyhole-art"[12]). Sein erstes Fernsehspiel "He Joe" (ARD/SDR 13.4.1966) inszeniert Beckett in neun Kamerafahrten, ohne Schwenk und ohne Schnitt. Es ist ein Stück, das die technischen Bedingungen des Fernsehens virtuos nutzt und zugleich die etablierte Formensprache rüde verweigert.

In seinem alltäglichen Sendungsbewusstsein ist das Fernsehen Mitte der 1960er Jahre aber längst kein technisches oder kulturelles Experiment mehr, sondern ein omnipotenter Alltagsbegleiter. Die Interviewsendungen von Günter Gaus ermöglichen Begegnungen mit Politikern und Prominenten, ohne dass man sich aus dem Sessel erheben muss. Magazine wie Trollers "Pariser Journal" bringen etwas Savoir-vivre ins eigene Wohnzimmer. Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss der neuen, die seit 1962 nicht mehr auf die dritten Programme beschränkt sind und insgesamt bis zu 20 Minuten je Tag und Sender betragen dürfen[13]. Die dort gezeigten Produktwerbefilme tragen maßgeblich zur Modellierung eines kollektiven Konsumverhaltens beitragen – übrigens dank des Overspills in West wie in Ost. Das Fernsehen, im Westen das Fenster zur Welt, ist im Osten auf diese Weise ein Schaufenster in den Westen.

Das neue Leitmedium lockt mit ausgesprochen zeitintensiven Formen und einer persönlichen Ansprache, die bei den Leuten ankommt. Das Fernsehen habe sich zum "Niedersitz der Massen" entwickelt, grantelt der Fernsehpublizist Egon Netenjakob in einer Kritik des Durbridge-Krimis "Melissa" (ARD/WDR 10.-14.1.1966).[14] Spannende Mehrteiler haben das Potenzial zum "Straßenfeger". Das weiß auch Egon Monk in Hamburg und lässt aus dem englischen Postraub von 1963 den Dreiteiler "Die Gentlemen bitten zur Kasse" (ARD/NDR 8.-13.2.1966) entwickeln und das Familiendrama "Die Unverbesserlichen" mit Inge Meysel in Serie gehen. Spektakuläre Musik- und Unterhaltungsshows beschwören die Magie des Dabeiseins. Die ZDF-Show "Der goldene Schuß" betont ihren Live-Charakter, indem der Gastgeber Lou van Burg seine Kandidaten per Telefon anruft und fragt: "Welches Äpfelchen wählen Sie?" In einer Sonderausgabe aus Monte Carlo kann er im Sommer 1966 die Hollywoodschauspielerin Grace Kelly, die jetzt Fürstin Gracia Patricia heißt, sogar dafür gewinnen, das Kommando "Kimme, Korn, ran" auf Deutsch in die Kamera zu sprechen.

Max Fechner, Walter Ulbricht und der Leiter der Sendereihe "Mit dem Herzen dabei" Hans-Georg Ponesky im April 1966Max Fechner (Mitte), Walter Ulbricht (links) und der Leiter der Sendereihe "Mit dem Herzen dabei" Hans-Georg Ponesky (rechts) im April 1966 auf der Bühne des Friedrichstadtpalast in Berlin (© Bundesarchiv, Bild 183-S93649, Foto: Illus Rudolph)
Beim Deutschen Fernsehfunk setzt man alles daran, mit den Attraktionen des Westfernsehens mitzuhalten, ohne den eigenen sozialistischen Programmauftrag zu verraten. Einmal jährlich zum Jahrestag der Republik mobilisiert der Fernsehfunk die ganze Nation zur Beteiligung an der ganztägigen (!) Fernsehshow "Spiel mit!". In der Livesendung "Mit dem Herzen Dabei" werden verdiente Werktätige vor laufender Kamera mit telegenen Überraschungen geehrt. Beispielsweise wird eine Magdeburger Verkehrspolizistin an einer Kreuzung von tausend Autos buchstäblich umzingelt. Die Wünsche der Ausgezeichneten sind zum Teil mit geheimdienstlichen Methoden recherchiert: So sollen in der Wohnung eines Lokführers versteckte Mikrofone angebracht worden sein, um seinen Lebensrhythmus auszuspähen.[15] Mit spektakulären Auftritten will Walter Ulbricht die sozialistische Unterhaltungskunst von der des kapitalistischen Nachbarn absetzen. So versöhnt sich der Staatsratsvorsitzende in "Mit dem Herzen dabei" (DFF 16.4.1966) mit dem ehemaligen Justizminister. Max Fechner war nach dem 17. Juni 1953 in Ungnade gefallen und hatte mehrere Jahre als "Feind des Staates und der Partei" im Gefängnis gesessen.[16]

Aufbruch



"Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von übermorgen: Es gibt keine Nationalstaaten mehr. Es gibt nur noch die Menschheit und ihre Kolonien im Weltraum." Mit diesem Intro startet im September 1966 eine Science-Fiction-Serie. Die Studiokulissen der "Raumpatrouille" (ARD 17.9.-10.12.1966) sind gespickt mit Geräten aus dem täglichen Bedarf wie Bügeleisen, Badezimmerarmaturen oder Bleistiftanspitzern. Das Fernsehen der kapitalistischen Gesellschaft hat nämlich nicht genug Produktionsmittel, um "Die Phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion" technisch formvollendet auszustatten. Macht nichts! Die modernen Designs der Haushaltsgeräteindustrie müssen in der Not aushelfen. Noch fehlen dem Fernsehpublikum des Jahres 1966 die internationalen Vergleiche, das ZDF wird "Star Treck" (NBC 1966-69) erst sechs Jahre später als "Raumschiff Enterprise" ins Programm nehmen.

Erst einmal fiebern alle dem neuen Farbfernsehen entgegen, das im Rahmen der Deutschen Funkausstellung in Berlin im Sommer 1967 eingeführt werden soll. Den preiswertesten Farbfernseher bietet der Versandhandel an: Der Neckermann "Weitblick" kostet ‚nur‘ 1840 D-Mark. Mit der neuen PAL-Technik steht die Fernsehentwicklung wieder an einem Neuanfang. Der Theaterregisseur Peter Zadek wird eine Weile lang mit Farbe und Filtern experimentieren, in der Stuttgarter Dokumentarabteilung ist man in Sorge, dass das dokumentarische Drehen nun wieder beschwerlich werden könnte. Zum Staatsbesuch des Schahs von Persien wird Roman Brodmann am 2. Juni 1967 mit einer Schwarz-weiß-Kamera nach Westberlin fahren. Seine Bilder vom "Polizeistaatsbesuch" (ARD/SDR 26.7.1967) dokumentieren den Beginn der Studentenbewegung. Deren gesellschaftlicher Erneuerungswille wird im bundesdeutschen Fernsehen der 1970er Jahre Einzug halten und die Formensprache des Fernsehens von Grund auf verändern.

Auch der Fernsehfunk steht zu Beginn des neuen Jahrzehnts vor einem Paradigmenwechsel. Um "eine bestimmte Langeweile" (Erich Honecker 1971) im Fernsehen der DDR endlich zu überwinden, wird das Programm im Rahmen einer umfassenden Reform entideologisiert: Viele unterhaltende Fernsehformen wie "Ein Kessel Buntes" (DFF ab 29.01.1972 bis 19.12.1992) und "Außenseiter Spitzenreiter" (DFF ab 18.06.1972) oder "Polizeiruf 110" (DFF ab 27.6.1971) entfalten beim Publikum Bindungskräfte, die selbst die DDR überdauern werden. Das Fernsehen der DDR wird also in jeder Weise bunter. Die SECAM-Fernsehgeräte zeigen aber nur die DDR-Sendungen in Farbe, das Schaufenster in den Westen bleibt grau in grau.

Zitierweise: Klaudia Wick: Am Ende der Anfangsjahre - Deutsches Fernsehen in Ost und West zwischen Etablierung und Neuorientierung, in: Deutschland Archiv, 11.3.2016, Link: www.bpb.de/222312


Fußnoten

1.
Der Text basiert auf einer Veröffentlichung im Kontext der diesjährigen Retrospektive der Berlinale zum Thema "Deutschland 1966 – filmische Perspektiven in Ost und West", erschienen in: Connie Betz, Julia Pattis und Rainer Rother, Deutschland 1966. Filmische Perspektiven in Ost und West, Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen (Hg.), Berlin 2016, http://www.bertz-fischer.de/deutschland1966.html.
2.
Fischer (Sektor Rundfunk/Fernsehen), 21.07.1966: "Zum Einfluß des Westfernsehens". Zit. n. Claudia Dittmar, Feindliches Fernsehen. Das DDR-Fernsehen und seine Strategien im Umgang mit dem westdeutschen Fernsehen, Bielefeld 2010, S. 220.
3.
O. V.: "Störsender – Vielköpfige Hydra". In: Der Spiegel, Nr. 45 (1980), S. 42-44.
4.
Abteilung Agitation, 19.10.1966: "Wie die westlichen Propaganda-Zentralen geschlagen werden". Zit. n. Dittmar, Feindliches Fernsehen (Anm. 2), S. 221.
5.
Ebd., S. 234.
6.
ARD wird hier als Kürzel für "Deutsches Fernsehen" verwendet; so lautete der offizielle Name des bundesweit gesendeten Gemeinschaftsprogramms der ARD-Rundfunkanstalten bis in die 1980er Jahre. In Klammern werden die ausstrahlende und die produzierende Sendeanstalt genannt.
7.
Knut Hickethier: "Leidenschaften interessierten Egon Monk nicht". In: Die Welt, 28.2.2007, http://www.welt.de/vermischtes/article740145/Leidenschaften-interessierten-Egon-Monk-nicht.html, Letzter Zugriff am 1.3.2016.
8.
Heinz Adameck: "Die Rolle des Fernsehens bei der Bewußtseinsbildung seiner Zuschauer". In: Einheit. Zeitschrift für Theorie und Praxis des wissenschaftlichen Sozialismus. Nr. 11 (1962), S. 79. Zit. n. Dittmar, Feindliches Fernsehen (Anm. 2), S. 226.
9.
Vgl. zu den Filmen von Heynowski und Scheumann Andreas Kötzing, Blinde Flecken. Das Jahr 1966 und die deutsch-deutschen Filmbeziehungen, in: Connie Betz, Julia Pattis und Rainer Rother, Deutschland 1966 (Anm. 1), S. 82-95.
10.
Paul Werner Wagner, Der Fernsehfilm Columbus 64. Booklet zur DVD-Ausgabe "Große Geschichten 70". Hamburg 2012.
11.
O. V.: "Lebenshilfe und zweckfreie Sinnenfreude". In: Der Spiegel, Nr. 8 (1963), S. 60.
12.
Dietmar Kammerer, "Samuel Becketts Fernseharbeiten". In: Samuel Beckett: Filme für den SDR. Booklet zur DVD-Ausgabe, Berlin 2008.
13.
Joan-Kristin Bleicher: Chronik zur Programmgeschichte des deutschen Fernsehens. Berlin 1993, S. 112.
14.
Egon Netenjakob, "Sehfunk. Niedersitz der Massen. Bemerkungen anläßlich des diesjährigen Durbridge." In: Funkkorrespondenz, Nr. 4 (1966), S. 9.
15.
Vgl. Rüdiger Steinmetz und Reinhold Viehoff (Hg.): Deutsches Fernsehen Ost. Eine Programmgeschichte des DDR-Fernsehens. Berlin 2008, S. 194.
16.
Zu Fechner ausführlich: Susanne Fischer, Max Fechner – Opfer oder Täter der Justiz der Deutschen Demokratischen Republik? In: Deutschland Archiv, 10.12.2015, www.bpb.de/217123.
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Autor: Klaudia Wick für bpb.de
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Demonstration am 4. November 1989 in Berlin.Deutschland Archiv 1/2011

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