Beleuchteter Reichstag

Demokratischer Denkmalsturz? Über den Umgang mit politischen Denkmälern der DDR nach 1989


19.7.2016
Sie zeugen noch heute vom Legitimationsanspruch der untergegangenen DDR – die in den östlichen Bundesländern zwischen 1949 und 1989 errichteten Denkmäler. Am Umgang mit Ihnen nach der Friedlichen Revolution kann man das Verhältnis der verantwortlichen Politiker und Denkmalschützer zur eigenen DDR-Geschichte ablesen. David Johst zeigt die wechselnden Umgangsformen mit dem künstlerischen Erbe der DDR im Straßenbild.

Das Berliner Marx-Engels-Denkmal, von Unbekannten besprüht mit dem Spruch "Wir sind unschuldig", aufgenommen im Oktober 1990Das Berliner Marx-Engels-Denkmal, von Unbekannten besprüht mit dem Spruch "Wir sind unschuldig", aufgenommen im Oktober 1990 (© picture-alliance / dpa)

Sie zeugen noch heute vom Legitimationsanspruch einer untergegangenen politischen Ordnung: in der DDR errichtete Denkmäler. Die überdimensionierte Thälmannbüste in Berlin oder der erst vor wenigen Jahren restaurierte Karl-Marx-Kopf in Chemnitz sind nur einige der bekanntesten dieser Monumentalplastiken. In jeder Bezirkshauptstadt der DDR, aber auch in Kleinstädten und Dörfern, existierten politische Denkmäler, die ein wichtiges Element in der Präsentation und Inszenierung des politischen Selbstverständnisses der SED-Herrschaft bildeten. Im Gegensatz zu den zahlreichen Traditionskabinetten, Porträts, Fahnen und Emblemen ließen sich die Denkmäler nach 1989 meist nicht geräuschlos beseitigen. Die gesellschaftliche Debatte über den richtigen Umgang mit den Hinterlassenschaften aus Bronze, Stein und Beton hält bis heute an,[1] auch wenn sich der Ton verändert hat, in dem über 25 Jahre nach der politischen Wende über DDR-Denkmäler diskutiert wird. Er ist sachlicher geworden, der Umgang gelassener. Ganz anders war die Situation in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung. Viele Menschen fühlten sich von den sichtbaren Zeichen des untergegangenen SED-Staates provoziert, andere wiederum verurteilten die Beseitigung von Denkmälern als politisch motivierten Denkmalsturz.

Doch im Gegensatz zu den osteuropäischen Ländern richtete sich der Volkszorn in Deutschland zunächst gar nicht gegen die Denkmäler sondern gegen andere sichtbare Zeichen des SED-Staates, wie die Zentralen der Staatssicherheit oder die Berliner Mauer. Die politischen Denkmäler blieben einstweilen unbeachtet oder wurden mit Hilfe von Spraydose oder Hammer und Meißel neu interpretiert. Am bekanntesten ist vielleicht jenes Graffiti am Berliner Marx-Engels-Denkmal – "Wir sind unschuldig" war dort eine Zeit lang auf dem Sockel zu lesen und auf der Rückseite: "Beim nächsten Mal wird alles besser."

Die Denkmalkultur der DDR



Betrachtet man die Denkmallandschaft der DDR als Ganzes, das heißt unter Abstraktion zeitlicher wie lokaler Besonderheiten, so lassen sich folgende Merkmale benennen: Erstens die besondere Bedeutung der lokalen Vorgeschichte: Indem die Denkmäler an lokale Ereignisse der Arbeitergeschichte erinnerten und auf zentrale Orte der Arbeiterkämpfe verwiesen, bildeten sie die Grundlage für ein neues, nationales wie regionales Traditionsverständnis. Mithilfe einer spezifisch sozialistischen Erinnerungskultur sollten nicht zuletzt überlieferte lokale Traditionen – wie die Erinnerung an Monarchen oder das Gefallenengedenken – zurückgedrängt und abgelöst werden. Zweitens der Internationalismus: Lokale wie nationale Formen des Gedenkens wurden immer ergänzt durch den Bezug auf einen internationalen Traditionszusammenhang, insbesondere durch den Bezug auf die Sowjetunion, aber auch auf die Befreiungskämpfe der kolonialisierten Völker oder auf den Spanischen Bürgerkrieg. Die Idee des Sozialismus stand hierbei nicht im Gegensatz zu lokalen oder nationalen Traditionen, sondern bildete den übernationalen Rahmen der lokalen Erinnerung. Drittens die Inszenierung des Denkmals: Die Inszenierung von Denkmälern im öffentlichen Raum durch Aufmärsche, Jahresfeiern oder Weihen stellte einen zentralen Aspekt der DDR-Denkmalkultur dar. Häufig wurden die Denkmäler als architektonischer Fluchtpunkt von Aufmarschplätzen konzipiert oder als Orte wiederkehrender Ereignisse, wie etwa der Aufnahme von Kindern in die Organisation der Jungpioniere, zum zentralen Ort politischer Inszenierungen. Viertens der enge Zusammenhang zwischen Denkmal und Topografie: Denkmäler wurden ab den 1960er Jahren nicht mehr nur "aufgestellt", sondern verstärkt als zentraler Bestandteil von Architektur- und Stadtplanung verstanden und konzipiert. So entstanden die zahlreichen architektonischen Ensembles wie der Thälmannplatz in Halle oder der Leninplatz in Berlin. Die großen Bauvorhaben der 1960er und 1970er Jahre zeugen nicht zuletzt von dem politischen Willen, bewusst und planerisch eine neue Gesellschaftsordnung zu schaffen.

Im Gegensatz zu der Symbolarmut des westdeutschen Staates stehen die Denkmäler der DDR für einen ausgeprägten Denkmalpathos und eine Tendenz zur "semiotischen Aufladung des öffentlichen Raumes."[2]

Demokratische Säuberungen



Kundgebung vor dem Monument der revolutionären Arbeiterbewegung ("Fäustemonument") in Halle am 20. März 1971Kundgebung vor dem Monument der revolutionären Arbeiterbewegung ("Fäustemonument") in Halle am 20. März 1971 (© Bundesarchiv, Bild 183-K0320-0017-001, Foto: Manfred Siebahn)
Nach 1989 kam es in den ostdeutschen Bundesländern zu einer unsystematischen "Säuberung" der sozialistischen Denkmallandschaft. Anders als nach 1945 gab es nach 1989 dazu aber keinen zentralen Befehl, der, analog zum allgemeinen Kontrollratsbefehl Nummer 30, den Umgang mit den überlieferten Denkmälern regelte.[3] Die Beseitigung einzelner Denkmäler verlief zumeist nicht spontan von unten, sondern war in der Regel das Ergebnis gezielter politischer Initiativen einzelner Akteure, die den Abriss von oben anordneten. Auffällig ist hierbei, dass der Denkmalsturz nicht als symbolische Handlung inszeniert wurde, sondern die Denkmäler oftmals ohne öffentliche Debatte "entsorgt" wurden. In mehreren Fällen lässt sich belegen, dass öffentliches Aufsehen ausdrücklich vermieden werden sollte, um einen möglichst reibungslosen Ablauf der Beseitigung zu gewährleisten, so beispielsweise im Fall eines zentralen politischen Denkmals der Stadt Halle, dem sogenannten "Fäustemonument".[4]

Im Gegensatz dazu stehen die spontanen Versuche, die Denkmäler ironisch oder politisch zu kommentieren, ihren ungeklärten Status in Form von Happenings oder Graffitis zu thematisieren. So brachte die Junge Union am "Monument der revolutionären Arbeiterbewegung" in Halle mehrere Styroportafeln mit Jahreszahlen an, die an den Aufstand des 17. Juni 1953, den Mauerbau 1961, das Wendejahr 1989 und die Wiedervereinigung 1990 erinnern sollten.[5] In der Aktion wurden die ursprünglich auf dem Denkmalsockel angebrachten Jahreszahlen, die an zentrale Ereignisse der revolutionären Arbeiterbewegung und der Geschichte der DDR erinnern sollten, um diese neuen Jahreszahlen ergänzt. Einen weniger ernsthaften Hintergrund hatte eine andere Aktion. In Halle verabredeten sich Hunderte Jugendliche in der Silvesternacht von 1989 zu 1990 an der „Flamme der Revolution“, einem der größten DDR-Denkmäler der Stadt, und hinterließen neben zahlreichen leeren Flaschen verschiedene Sprüche am Monument: "Neue Farbe braucht das Land", "Ich bleibe Bier" oder "Die Flamme der Revolution zum bunten Segel der Wende".

Es lassen sich zahlreiche Beispiele für solche spontanen Inszenierungen von unten finden. Denkmäler wurden als Kulisse für Aktaufnahmen benutzt, mit Seil und Haken "bestiegen" oder durch eine Installation kurzfristig umgewidmet. Es gab Versuche, die Denkmäler zu verhüllen, zu begrünen oder neu zu bemalen. Auch wenn die Grenze zwischen Interpretation und Vandalismus dabei bisweilen fließend war, zielten solche Aktionen im Kern nicht auf eine Zerstörung des Denkmals, sondern auf eine Umdeutung oder eine ironische Brechung seiner ursprünglichen Aussage. Derartige Aktionen legen nahe, dass es nach 1989 auch einen Willen gab, sich jenseits der Alternative Abriss oder Erhalt mit den politischen Denkmälern der DDR auseinanderzusetzen. Doch die entsprechenden Aktionen führten niemals zu einer dauerhaften Umgestaltung des Denkmals. Im Gegensatz dazu folgte die Beseitigung zahlreicher Denkmäler in den 1990er Jahren offiziell aus rein pragmatischen Gründen und war gekennzeichnet durch die Weigerung, sich inhaltlich mit den Denkmälern auseinanderzusetzen. Der Abbau wurde zumeist mit dem schlechten Erhaltungszustand der Denkmäler, mit den Schäden, welche durch Vandalismus und Witterung entstanden waren, begründet. So verwies die Stadt Halle beim Abbau des Fritz-Weinecke-Denkmals auf bauliche Schäden an der Skulptur sowie die Verunreinigungen durch Graffitis.[6] Der Eindruck eines politisch motivierten Denkmalsturzes sollte vermieden werden. Gleichzeitig war es in vielen Fällen offensichtlich, dass die Abrissforderungen nicht nur stadtplanerischen Überlegungen folgten, sondern auch politisch motiviert waren. So folgte der Abriss des Lenin-Denkmals in Berlin einerseits der Überlegung, durch die Wegnahme des Denkmals die Grundlage für eine architektonische Neugestaltung des Platzes zu schaffen, andererseits stellte der Abriss, aus Sicht des zuständen Bausenators von Berlin, eine "Fortsetzung und Bestandteil der friedlichen Revolution von 1989" dar. Die Bürger seien nicht mehr bereit, die Insignien des SED-Staates zu dulden.[7]

Gründe für die Beseitigung



Sehr häufig aber stand die Forderung nach der Beseitigung eines Denkmals im Zusammenhang mit geplanten oder bereits begonnenen Bauvorhaben. Häufig überlagerten sich dabei ästhetische, bauliche und politische Argumente. In Halle begründete die Stadt den Abriss des "Fäustemonuments" mit den baulichen Veränderungen am zentral gelegenen Riebeckplatz.[8] Die Umbaumaßnahmen würden dazu führen, dass das Denkmal auf einem hohen Sockel stehen würde, zudem sei eine aufwendige Sicherung des Fundamentes notwendig. Eine solche Aufwertung des Denkmals und die damit verbundenen Kosten seien nicht zu rechtfertigen.[9] Am Beispiel des Fäustemonuments lässt sich sehr gut zeigen, wie durch die Bauplanung eine Situation entstand, in der das Denkmal nun plötzlich als Fremdkörper erschien, der sich architektonisch nicht mehr integrieren ließ. Die bauliche Veränderung schaffte hier die Vorbedingung für den Abriss. Die Baumaßnahmen wurden gleichsam am Denkmal vorbei vorgenommen. Damit wurden alternative Möglichkeiten, das Denkmal zu erhalten, oft gar nicht berücksichtigt oder erst dann erwogen, wenn die entsprechende Planung beziehungsweise Umgestaltung schon so weit vorangeschritten war, dass sich das Denkmal eben nicht mehr oder nur mit großem Aufwand integrieren ließ. Der finanzielle Aufwand, das Denkmal am Ort zu erhalten und zu sichern, überzeugte am Ende oft auch die Gegner eines Abrisses. Im Fall der „Fäuste“ veranschlagte die Stadt Halle 200.000 D-Mark für den Erhalt des Denkmals, eine Summe, die angesichts leerer Stadtkassen politisch kaum zu rechtfertigen war.[10]

Neben den Baumaßnahmen wurden aber auch ästhetische Argumente zur Rechtfertigung des Abrisses herangezogen. Das Denkmal sei künstlerisch wertlos und ein "Schandfleck" für die Stadt, begründeten die Halleschen Verkehrsbetriebe als Bauherr die geplante Beseitigung des Fäustemonuments.[11] Äußerungen wie diese zeigen, dass die Denkmäler meist nicht im historischen Kontext betrachtet, sondern an einem angenommenen, überzeitlichen ästhetischen Wertmaßstab gemessen wurden.

Das Lenin-Denkmal am Leninplatz in Berlin, 1991 (seit 1992 Platz der Vereinten NationenDas Lenin-Denkmal am Leninplatz in Berlin, 1991 (heute Platz der Vereinten Nationen) mit der Aufschrift "Keine Gewalt" einer Kreuzberger Künstlergruppe (© Bundesarchiv, B 145 Bild-F089665-0025, Foto: Joachim F. Thurn)
Ob ein Denkmal erhalten blieb oder beseitigt wurde, hing außerdem von der Lage des Denkmals sowie seinem Inhalt, das heißt der zentralen Aussage des Monumentes ab. Zunächst lässt sich als allgemeine Regel festhalten, dass der Erhalt immer dann besonders umstritten war, wenn das Denkmal sich an einem zentralen Platz befand und damit das Stadtbild dominierte. Zu diesen Denkmälern gehörte unter anderem das Lenin-Denkmal in Berlin oder das Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz, aber auch das Monument der revolutionären Arbeiterklasse in Halle oder das Lenin-Denkmal in Dresden. Durch ihre zentrale Lage und Größe waren diese Denkmäler weithin sichtbar und prägten das Stadtbild.

Als weiterer wichtiger Faktoren erwiesen sich die dem Denkmal zugeschriebene Aussage und die Eindeutigkeit dieser Aussage. Der letzte Punkt ist erklärungsbedürftig. Während einzelne Denkmäler aufgrund ihrer abstrakten Gestaltung oder ihrer allgemein gefassten Aussage einen gewissen Interpretationsspielraum boten, waren andere Monumente eindeutig inhaltlich festgelegt. So ließ sich beispielsweise das "Fahnenmonument" in Halle als Flamme, als Fahne oder als aufstrebende Spirale betrachten und damit unterschiedlich interpretieren. Ganz anders verhielt es sich im Fall des bereits kurz nach der Wende abgerissenen Denkmals für die an der Mauer getöteten Grenzsoldaten in Berlin – in diesem Fall war die Denkmalaussage inhaltlich eindeutig festgelegt.

Besonders umstritten waren Denkmäler, die an Ereignisse, Personen oder Gruppen der DDR-Geschichte erinnern sollten. Hierzu zählte neben eben jenem Grenzsoldaten-Denkmal unter anderem das in Berlin befindliche Kampfgruppen-Denkmal. Denkmäler, die sich auf Ereignisse vor 1945, insbesondere den kommunistischen Widerstand im Nationalsozialismus, bezogen, blieben in vielen Fällen erhalten. Eine Sondergruppe bilden die zahlreichen Thälmann- und Lenin-Denkmäler. Während fast alle Lenin-Denkmäler beseitigt wurden, blieben viele Thälmann-Denkmäler erhalten. Dem entspricht, dass viele Thälmannstraßen ihren Namen behielten, während es heute keinen Leninplatz und keine Leninallee mehr gibt. Für den Erhalt vieler Thälmann-Denkmäler war ausschlaggebend, dass sich hier häufig eine Verbindung zu konkreten historischen Ereignissen und zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung herstellen ließ,[12] zudem war die Person Ernst Thälmanns weniger umstritten, gehörte das Andenken an Thälmann fast schon zur Folklore der DDR. Lenin war nicht nur als Denker und Politiker wesentlich umstrittener. Hinzu kam, dass der konkrete historische Bezug fehlte. Die entsprechenden Lenin-Denkmäler wurden daher oft als aufgezwungene Symbole der Sowjetmacht und als Fremdkörper im Stadtbild wahrgenommen.

DDR-Denkmäler und Denkmalschutz



Einige prominente DDR-Denkmäler standen nach 1989 zunächst unter Denkmalschutz, sie waren in der nationalen Denkmalliste der DDR verzeichnet. Dieser Umstand führte dazu, dass es immer wieder zu Konflikten zwischen den Städten und den jeweiligen Landesdenkmalbehörden kam.

Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung zwischen Stadtverwaltungen und Landesdenkmalbehörden stand die Frage nach dem Denkmalwert.[13] Dabei lassen sich zwei Denkmalwerte unterscheiden. Erstens der allgemeine ästhetische Denkmalwert. In diesen Zusammenhang gehört die Frage nach dem künstlerischen Wert, nach der Abgrenzung zwischen individuellem Kunstwerk und Propagandawerk ohne künstlerischen Wert. Wird die Beseitigung eines Denkmals aus ästhetischen Gründen gefordert, liegt solchen Forderungen zumeist ein weitgehend subjektiver Denkmalbegriff zugrunde, der zumeist vollständig vom Entstehungskontext abstrahiert und eine Differenzierung in der Wahrnehmung eines Denkmals ablehnt. Der ästhetische Denkmalwert ist zumeist zeitgebunden und häufig politisch aufgeladen.

Vom ästhetischen Denkmalwert lässt sich der Denkmalwert im Sinne des Denkmalschutzes unterscheiden. Der Wert eines Denkmals wird hierbei nicht allein ästhetisch begründet, sondern das Denkmal in seiner Komplexität von Entstehungskontext, architektonischer Besonderheit und kunsthistorischer Bedeutung betrachtet. Die Entscheidung über den Denkmalwert ist institutionell geregelt, das verhindert ästhetisch begründete Ad-hoc-Entscheidungen.

Durch den Einigungsvertrag hatte die DDR-Denkmalliste auch nach 1989 zunächst noch Gültigkeit. In der Bundesrepublik aber ist der Denkmalschutz unter der Kulturhoheit der Länder. In den einzelnen Landesdenkmalgesetzen wurde dann im Detail geregelt, wie diese Liste durch eigene Landesdenkmallisten ersetzt werden sollte. Somit galt in der ersten Zeit nach der Wende die DDR-Denkmalliste. In mehreren Fällen kam es aufgrund unterschiedlicher Auffassungen über den Denkmalwert eines Objektes zum Konflikt zwischen Stadtrat und Landesdenkmalbehörde. In Halle führte die Debatte um das sogenannte "Fahnenmonument" dazu, dass das Denkmal entgegen der ursprünglichen Entscheidung des Stadtrates erhalten blieb. In seiner Stellungnahme zum Antrag auf Abbruchgenehmigung der Deutschen Telekom AG vom 4. März 1996 fordert das zuständige Landesdenkmalamt den Erhalt des Denkmals:
    "Nach sorgfältiger Prüfung der bau- und kunsthistorischen Einordnung sowie der zeitgeschichtlichen Bedeutung dazu der ästhetischen und städtebaulichen Bewertung des Fahnenmonumentes sind wir zu der denkmalfachlichen Auffassung gelangt, dass dieses wichtige Zeugnis der DDR-Geschichte für die Stadt Halle unverzichtbar und deshalb unbedingt zu erhalten ist."[14]
In den meisten Fällen konnte ein Veto der Landesdenkmalbehörden die Beseitigung eines Denkmals jedoch nicht verhindern. Die entsprechenden gesetzlichen Vorschriften verlangten häufig lediglich, ein Benehmen zwischen städtischer Behörde und Landesdenkmalamt anstatt einer einvernehmlichen Lösung.[15] Damit waren den Landesdenkmalbehörden enge Grenzen gesetzt und der Einfluss auf politische Entscheidungen blieb gering. Allerdings konnte sich der geplante Abriss durch den Einspruch der Landesdenkmalbörde verzögern, die Argumente der Denkmalschützer wurden zudem häufig von der Presse aufgegriffen und öffentlich diskutiert. Eine stille Beseitigung war damit nicht mehr möglich.

Umgangsformen



Der Vergleich verschiedener Denkmalkonflikte zeigt, dass der Umgang mit den politischen Denkmälern nach 1989 keinem klaren Muster folgte. Es gab keine systematische politische Initiative zur Beseitigung politischer Denkmäler der DDR. Lediglich in Berlin befasste sich eine eigens gebildete Expertenkommission mit dem Problem und formulierte Empfehlungen für den Umgang mit den einzelnen Monumenten.[16]

Doch auch wenn die Beseitigung der politischen Denkmäler nach 1989 zumeist unkoordiniert verlief und es letztlich den einzelnen Gemeinden und Ländern oblag, über Erhalt oder Abbau zu entscheiden, lassen sich Parallelen zum Systembruch nach 1945 ziehen.

Das umstrittene Denkmal "Flamme der Revolution" in Halle, 2004Das Denkmal "Flamme der Revolution" in Halle, 2004. Mitte der 1990er Jahre wich die rote Farbe einem neuen Anstrich (© picture-alliance / ZB, Foto: Peter Endig)
Grundsätzlich lassen sich für den Umgang mit politischen Denkmälern nach Systembrüchen fünf verschiedene Formen des Umgangs unterscheiden. Die erste Form ist der vollständige Erhalt eines Denkmals am ursprünglichen Ort, der zumeist eine Sanierung oder zumindest die Beseitigung von Schäden beinhaltet. So wurde beispielsweise das Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz erst vor kurzem vollständig saniert.[17] Die zweite Form ist die Umgestaltung des Denkmals. Sie zielt auf eine neue Interpretation des Denkmals, wobei die ursprüngliche Gestalt zumeist erhalten bleibt und der intendierte Sinn des Denkmals aufgegriffen wird. So blieb die Gestalt des "Fahnenmonuments" in Halle erhalten, es bekam jedoch einen völlig neuen Anstrich, der bewusst an die damalige Gestaltung des Denkmals anknüpft. In Ausnahmefällen wird das Denkmal umgewidmet[18] – hierfür lassen sich für die Zeit nach 1989 keine Beispiele finden. Auch die Kommentierung des Denkmals durch Tafeln oder Dauerausstellungen stellt eine Veränderung dar, ebenso die Errichtung von Gegendenkmälern. Eines der bekanntesten Beispiele ist das von Alfred Hrdlicka angefertigte Gegendenkmal zum sogenannten 76er Kriegerdenkmal in Hamburg.[19] Die dritte Form ist die Einlagerung des Denkmals. Das Denkmal wird in diesem Fall von seinem Ort entfernt, jedoch nicht vernichtet. Damit ist es möglich, das Denkmal an einem anderen Ort wieder aufzustellen oder es im Rahmen von Ausstellungen temporär zu zeigen. Durch die Einlagerung bleibt zudem immer die Möglichkeit bestehen, das Denkmal wieder an seinem ursprünglichen Ort aufzustellen.[20] Die vierte Form ist die Umsetzung des Denkmals, in diesen Fällen wird das Denkmal nicht durch Eingriffe am Denkmal umgestaltet, sondern durch seine Verlagerung in einen anderen Kontext gestellt. So entschied die sächsische Stadt Riesa beispielsweise, das an zentraler Stelle stehende Lenindenkmal der Stadt auf den sowjetischen Ehrenhain der Stadt versetzen zu lassen.[21] Im Gegensatz zu einer Einlagerung ist das Denkmal damit weiterhin im öffentlichen Raum zugänglich, verliert jedoch zugleich seinen Bezug zum Ort. Durch die Umsetzung wird das Denkmal zumeist aus dem Zentrum an die Peripherie oder von öffentlichen Plätzen in Parks oder auf Friedhöfe verschoben. Die fünfte Form ist die Beseitigung und Vernichtung des Denkmals. Der Verkauf des Denkmals an private Personen stellt einen Sonderfall dar. Hier bleibt das Denkmal zwar erhalten, wird jedoch durch die private Nutzung der Öffentlichkeit zumeist entzogen, was faktisch einer Vernichtung sehr nahe kommt. So verkaufte die Stadt Dresden ihr Lenindenkmal für 200.000 D-Mark an einen bayrischen Natursteinfabrikanten.[22]

Auch wenn es noch keine exakten Erhebungen über den Verbleib sozialistischer Denkmäler nach 1989 gibt, deuten erste Auswertungen darauf hin, dass die Denkmäler in der Mehrheit der Fälle entweder am Ort erhalten blieben oder eingelagert wurden. Dies lässt sich anhand der ausgewerteten Materialien etwa für die Stadt Halle belegen.[23] Nur in Ausnahmefällen wurden die Denkmäler vollständig vernichtet. Allerdings ist der Verbleib einzelner Denkmäler oft ungeklärt.

Demokratische Bereinigung oder symbolische Neuordnung?



Auch wenn es keine einheitliche Denkmalpolitik gab, lässt sich festhalten, dass die Beseitigung einzelner Denkmäler immer auch darauf zielte, öffentliche Räume symbolisch neu in Besitz zu nehmen. Dies erklärt, warum insbesondere solche Denkmäler beseitigt wurden, die sich an zentralen öffentlichen Plätzen befanden. Der Wille zur Neugestaltung führte jedoch nicht zu einer flächendeckenden Umgestaltung der bestehenden Denkmallandschaft. So blieben beispielsweise in Berlin die meisten der in der DDR entstandenen Denkmäler und Gedenkorte erhalten. Lediglich besonders exponierte und inhaltlich umstrittene Monumente wie das Lenin-Denkmal oder das Denkmal für die Kampfgruppen mussten weichen. Entstanden nach der politischen Wende neue Denkmäler, ordneten sich diese meist in die bestehende Denkmallandschaft ein, auf eine symbolische "Inbesitznahme" zentraler Plätze wurde ebenso verzichtet wie auf überdimensionierte Objekte und eine pathetische Denkmalsprache.[24]

Ein Vergleich zwischen dem Wandel der städtischen Denkmallandschaft innerhalb der SBZ/DDR nach 1945 und den denkmalpolitischen Entscheidungen nach 1989 zeigt, dass nach 1989 eher eine symbolische Bereinigung als eine bewusste symbolische Neuordnung stattfand. Weder wurde die Beseitigung einzelner Denkmäler zur politischen Inszenierung genutzt, noch wurden an zentralen Plätzen neue Denkmäler errichtet. Im Vergleich hierzu bestand in der DDR ein ideologisch untermauertes, ungebrochenes und in gewisser Hinsicht naives Verhältnis zu Personen, Traditionen und utopischen Idealen, die nicht zuletzt eine Monumentalität und Eindeutigkeit der Denkmalkunst zuließen, die sich heute kaum mehr glaubhaft vermitteln lässt.

Zitierweise: David Johst, Demokratischer Denkmalsturz? Über den Umgang mit politischen Denkmälern der DDR nach 1989, in: Deutschland Archiv, 19.7.2016, Link: www.bpb.de/231079


Fußnoten

1.
Einen Überblick über die Diskussionen um Erhalt oder Abriss findet sich bei: Jürgen Trimborn, Denkmale als Inszenierungen im öffentlichen Raum. Ein Blick auf die gegenwärtige Denkmalproblematik in der Bundesrepublik aus denkmalpflegerischer und medienwissenschaftlicher Sicht, Köln 1997.
2.
Herfried Münkler, Das kollektive Gedächtnis der DDR, in: Dieter Vorsteher (Hg.), Parteiauftrag ein neues Deutschland. Bilder, Rituale und Symbole der frühen DDR, München 1996, S. 458–468, hier S. 460.
3.
David Johst, "Als Totenehrung erlaubt" – Die Entmilitarisierung des Kriegstotengedenkens in der Sowjetischen Besatzungszone. In: Deutschland Archiv, 4.4.2014, www.bpb.de/182057, letzter Zugriff am 27.06.2014.
4.
Akte Riebeckplatz/Fäustemonument, Schreiben vom 18.4.1997, in: Archiv des Landesdenkmalamtes Sachsen Anhalt (AdLDSA).
5.
Fäuste zeigen vier neue Daten aus Styropor, in: Mitteldeutsche Zeitung Nr. 291 vom 16.12.1997.
6.
Kleiner Trompeter wird eingelagert, in: Mitteldeutsche Zeitung Nr. 206 vom 3.4.1997.
7.
Akte Lenin-Denkmal, Schreiben Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz an Senator für Bau- u. Wohnungswesen vom 14.9.1991, in: Landesdenkmalamt Berlin Archiv (AdLDB).
8.
Der offizielle Titel der Skulptur lautet "Monument der revolutionären Arbeiterbewegung", zur Bau- und Kunstgeschichte, vgl. Helge Jarecki, Das Fäustemonument am Riebeckplatz, in: Ralf Jacob (Hg.), Jahrbuch für hallische Stadtgeschichte 2003, S. 107–117.
9.
Akte Riebeckplatz/Fäustemonument, Schreiben HAVAG an Regierungspräsidium v. 23.4.2007, in: AdLDSA.
10.
David Johst, Entleerung der Geschichte. Vier Fäuste für Ernst Thälmann, in: taz, 30.7.2003, S. 17.
11.
Schreiben HAVAG an Regierungspräsidium (Anm. 9).
12.
So sollte das Thälmann-Denkmal in Halle an die Besuche Ernst Thälmann in der Stadt erinnern. Um diesen Zusammenhang besonders hervorzuheben, waren am Denkmal Tafeln angebracht, die auf die einzelnen Besuche Thälmanns verwiesen.
13.
Vgl. zum Begriff des Denkmalwertes Alois Riegl, Der moderne Denkmalwert, sein Wesen, seine Entstehung, in: Ders. (Hg.), Gesammelte Aufsätze, Leipzig 1928, S. 144–194.
14.
Stellungnahme im Rahmen der Anhörung nach § 8 (1) zu einem Wegnahmeantrag, 2.4.1996, in: AdLDSA, Akte Fahnenmonument.
15.
Vgl. u.a. § 8 Landesdenkmalgesetz von Sachsen Anhalt, www.lda-lsa.de/denkmalschutzgesetz/, letzter Zugriff am 27.6.2016.
16.
Akte zum Lenin-Denkmal, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Ergebnisprotokoll der Abteilungsleitersitzung vom 2.10.1991, Berufung eines Beirates zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin, in: AdLDB.
17.
"Nischel" in Chemnitz fertig saniert, in: Sächsische Zeitung, 7.4.2012, S. 4.
18.
So wurde etwa in Allrode (Harz) das Kriegerdenkmal des Ortes 1946 vollständig umgewidmet, die Inschriften und die Namen der gefallenen Soldaten wurden entfernt und eine neue Inschrift „Nie wieder Krieg!“ angebracht, vgl. LHASA Md. Rep. 3, Nr. 10615.
19.
Hier wurde dem seit 1936 bestehenden Denkmal, welches den Soldatentod verherrlicht, durch Alfred Hrdlicka zwei Denkmäler zu Erinnerung an den Bombentod und die Opfer der "Cap Arcona"-Katastrophe entgegengesetzt. Siehe www.gedenkstaetten-in-hamburg.de/gedenkstaetten/gedenkort/gegendenkmal-zum-so-genannten-76er-denkmal/, letzter Zugriff am 27.6.2016.
20.
Ein prominentes Beispiel ist das Reiterstandbild Friedrich des Großen Unten der Linden in Berlin, welches nach 1945 zunächst abgebaut und eingelagert und 1980 wieder am alten Standort aufgestellt wurde.
21.
Good by Lenin, in: FAZ 29.5.2012, S. 6.
22.
Marx und Lenin für den Freizeitpark, in: Der Spiegel Nr. 43 1993, S. 25.
23.
David Johst, Zerstören, Erhalten, Vergessen – der Umgang der Stadt Halle mit politischen Denkmälern der DDR nach 1989, in: Manfred Hettling (Hg), Politische Denkmale in der Stadt Halle, Halle 2016, S. 85–114.
24.
Einzige Ausnahme bildet das Berliner Holocaust-Mahnmal.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: David Johst für bpb.de
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