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"Demokratie und Diktatur im geteilten Deutschland" – Tagungsbericht zum Hermann Weber Forschungskolloquium in Mannheim


23.8.2016
Am 23. August 2016 wäre Hermann Weber 88 Jahre alt geworden. Im März würdigte eine Tagung den allseits anerkannten Kommunismus- und DDR-Forscher an seinem ehemaligen Wirkungsort. Das gemeinsam von der Universität Mannheim und dem Sozialdemokratischen Bildungsverein Mannheim/Ludwigshafen organisierte Kolloquium reflektierte zudem das Selbstverständnis der Zeitgeschichtsschreibung.

Unter dem Titel "Demokratie und Diktatur im geteilten Deutschland" fand im Mannheimer Schloss vom 4. bis 5. März 2016 ein von der Universität Mannheim, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Sozialdemokratischen Bildungsverein Mannheim/Ludwigshafen veranstaltetes und hochrangig besetztes Forschungskolloquium zu Ehren des im Dezember 2014 verstorbenen Mannheimer Professors und Nestors der deutschen Kommunismus- und DDR-Forschung Hermann Weber statt.

Der Historiker Hermann Weber im Jahr 2003 mit seinem Buch "Damals als ich Wunderlich hieß" in seinem Arbeitszimmer in MannheimDer Historiker Hermann Weber im Jahr 2003 mit seinem Buch "Damals als ich Wunderlich hieß" in seinem Arbeitszimmer in Mannheim (© picture-alliance / dpa)
Um es vorweg zu nehmen: Die Tagung machte Hermann Weber in seinem facettenreichen Wirken und Schaffen alle Ehre. Sie würdigte den Mannheimer Professor als Wissenschaftler, denn unter selbstreflexiver Herausarbeitung ihrer Methoden, Kontroversen, Brüche und Widersprüche gelang eine institutionelle wie ideelle Standortbestimmung der durch ihn geprägten Zeitgeschichtsforschung. Sie würdigte ihn ebenso als politischen Zeitgenossen, dessen Biografie wie kaum eine andere mit den Zeitläuften der deutsch-deutschen Geschichte verbunden war und dessen akademisches Wirken immer auch als gesellschaftskritische Intervention und Beitrag zur politischen Bildung und Aufklärung zu verstehen war.

Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte



Die erste Sektion fragte vor dem Hintergrund der Gründungs- und Institutionengeschichte der Politischen Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Mannheim nach der Besonderheit und zukünftigen Bedeutung dieser wissenschaftlichen Disziplin in und zwischen Politik- und Geschichtswissenschaft. In seiner Einführung rief der Moderator und Mitorganisator der Tagung Jens Hildebrandt (Sozialdemokratischer Bildungsverein Mannheim/Ludwigshafen) die ursprünglich "doppelte Perspektive" der sozialwissenschaftlichen Fakultät in Erinnerung, die "empirische Sozialforschung mit der Interpretation geschichtlicher Quellen" verband und sozialwissenschaftliche "Gegenwartsdiagnose und politische Analyse" zusammendachte. Hermann Weber sei dabei Teil eines innovativen Forschungszusammenhangs gewesen, den man heute am ehesten mit einem interdisziplinären Exzellenzcluster vergleichen könne.

Für Prof. Peter Steinbach (Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und bis 2013 Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte in Mannheim) stand Mannheim mit seiner traditionellen Expertise in der empirischen Forschung im Spannungsfeld zur stark von Migranten geprägten Berliner Politologie und ihrer neuen Ausrichtung nach 1945 als "Demokratiewissenschaft mit politischem Bildungsauftrag". Die drängenden Kernfragen der Nachkriegszeit, die Hermann Weber verkörpert habe, lagen auf der Hand: "Warum bricht eine Demokratie zusammen? Warum war die Konsolidierung der Diktatur möglich? Warum gab es nach 1945 einen Systemgegensatz?" Der erste Politologentag, der am 9. November 1968 in Mannheim stattfand, habe eine große methodische Aufgeschlossenheit zum Ausdruck gebracht und schließlich den politischen Bildungsauftrag "Zivilität zu fördern" als neues Selbstverständnis der Disziplin gefestigt. Dies entsprach, wie Prof. Egbert Jahn (in der Nachfolge von Hermann Weber bis 2005 Lehrstuhl für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte, Mannheim) in seinem Beitrag fortführte, der bildungspolitischen Devise der amerikanischen Demokratieförderung und stand zudem in bewusster Distanz zur bisherigen "deutschnationalen Forschung" der alten Geschichtswissenschaft. Jene hingegen lehnte die Zeitgeschichte allein deswegen schon ab, weil sie "vor der Archivöffnung" stattfinde. Ein vorgeschobenes Argument, so Jahn, da es ihr eigentlich darum gegangen sei, die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte während des Nationalsozialismus abzuwehren.

Während Egbert Jahn zum Zeitpunkt seiner Berufung die Zeitgeschichte für einen so selbstverständlichen Bestandteil der Politikwissenschaft hielt, dass er über den Begriff im Titel seines Lehrstuhls noch überrascht war, berichtete Prof. Michael Ruck (Seminar für Politikwissenschaft und Zeitgeschichte, Flensburg), dass ihm seine Doppelvenia in Geschichte und Politikwissenschaft "beinahe Kopf- und Kragen gekostet" habe. Als "Letzter seiner Art" befinde er sich im "freien Fall zwischen den Stühlen". Als Person könne man heute den Anspruch der Zeitgeschichte als interdisziplinär vermittelnde Disziplin nicht mehr einlösen. "Crossover-Biografien" wie die von Hermann Weber, seien angesichts zunehmender disziplinärer Entfremdung und Spezialisierung, gängiger Drittmittelvergabe und notweniger Arbeitsteilung weder geduldet noch möglich. Die Disziplin der Zeitgeschichte als Zweckgemeinschaft mit der Sozialwissenschaft habe den Historikern zwar geholfen, ihre Begriffslosigkeit (Stichwort "Macht, Interessen und Institutionen") zu überwinden, zu hoch seien heute jedoch Reibungseffekte und die Gefahr der Vereinfachung beim Anspruch der – medial durchaus nachgefragten – "sozialwissenschaftlichen Synthetisierung mit historischer Tiefenschärfe".

Auch der Mitorganisator der Tagung Prof. Philipp Gassert (Lehrstuhl für Zeitgeschichte an der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim) verwies auf die innere Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystems und eine entsprechend andere Methodenausbildung seiner jüngeren Generation. "Die Systementwicklung erlaubt uns nicht, die Zweckgemeinschaft aufrecht zu erhalten" rechtfertigt sich der Historiker, der nichtsdestotrotz auf eine enge Anbindung seines Lehrstuhls an die Landeszentrale für politische Bildung und damit das anhaltende bildungspolitische Selbstverständnis eines Zeithistorikers verweist. Wenn also die Geschichtswissenschaft die Zeitgeschichte als "Vorgeschichte der Gegenwart" längst akzeptiert und integriert habe, was, so provozierte der Moderator die Diskutanten, bedeute es dann, dass die Zeitgeschichte aus der Politikwissenschaft abgewandert ist? War die Zweckgemeinschaft ein bloßer und kurzzeitiger Zufall der Geschichte? Oder lohne es sich für die Politikwissenschaft nicht doch, gegen eine vermeintliche "Schicksalsmächtigkeit" an einem ethischen und methodischen Selbstverständnis als zeitgeschichtlich informierte Demokratiewissenschaft festzuhalten?

Statt den Wegfall der zeithistorischen Forschung aus der gegenwärtigen Mannheimer Politikwissenschaft "wehleidig" zu beklagen, forderte Steinbach seine Zunft auf, selbstbewusst herauszustellen, worin der zukunftsweisende Beitrag der Zeitgeschichte für die Politikwissenschaft liege. Durch sie erlerne man den "Umgang mit Unsicherheiten und Offenheiten", sie sei "die Verkörperung einer offenen Diskussion dessen, was sich entwickeln kann" und unabdingbar für alle, die sich beispielsweise nach Bewertungskriterien und Argumenten für oder gegen politische und militärische Interventionen in Kriegs- und Krisengebieten fragen. Ohne Historiker seien sie von vornherein zum Scheitern verurteilt. So warnte auch Egbert Jahn vor einer "präsentistischen Erstarrung" der Politikwissenschaft, die im Mannheimer Fall Studierenden auch schon verboten habe, Prüfungsthemen aus der DDR- und Kommunismusforschung auszuwählen – wegen "zu wenig Gegenwartsbezug".

Geschichte der deutsch-deutschen Beziehungen



Der zweiten Sektion war der Vortrag von Prof. Klaus Schönhoven (bis 2007 Professor für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte, Mannheim) vorangestellt, in dem dieser die gesamtdeutsche Vergangenheit als deutsch-deutsche Streitgeschichte rekonstruierte.[1] Anhand zentraler Topoi und Kontroversen aus der Geschichte der Arbeiterbewegung und der DDR-Forschung sowie der Frage nach einer adäquaten Gedenk- und Erinnerungspolitik zeigte er die "zweistaatliche Selbstbezogenheit" der Geschichtsschreibung in Bundesrepublik und DDR auf. Nur wenige vermochten es so früh wie Hermann Weber, die deutsch-deutsche Beziehungsgeschichte jenseits der Dichotomie von Demokratie und Diktatur in den Blick zu nehmen. Die "Blindheit füreinander" habe auch zu Blindstellen im Selbstbild geführt: Die Bundesrepublik habe sich mit der Kernbotschaft der "geglückten Demokratie" eine Meistererzählung ihres Erfolges geschaffen und sich in Kontrast zum Nationalsozialismus und zur DDR konzipiert. Dabei sei die illusorische und zynische Rede von der Möglichkeit einer "Vergangenheitsbewältigung" ebenso unhinterfragt geblieben, wie die "teleologische Ausrichtung" der deutschen Geschichte und das dabei heraufbeschworene Bild der ständigen Westbindung. ("Wie lange sind wir denn noch auf den ‚Weg in den Westen‘?") Auf der anderen Seite stand eine von der antifaschistischen "Integrations- und Ausgrenzungsideologie" geformte Geschichtswissenschaft, die dennoch spannende, in der Bundesrepublik kaum rezipierte Debatten führte, wie die zur Idee eines sozialistischen Patriotismus. Das späte Forschungsinteresse an der deutsch-deutschen Verklammerung, des vertrackten Neben- und Miteinanders sei dann insbesondere durch Christoph Kleßmann etabliert worden.

Das vielfältige Aufeinanderbezogensein, die dabei auftretenden Widersprüchlichkeiten und die dahinter sichtbar werdenden langen Traditionsbestände markierte Prof. Julia Angster (Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte, Mannheim) als die von Schönhoven vorgeschlagenen drei Sichtachsen auf die deutsch-deutsche Geschichte und eröffnete damit die zweite Podiumsdiskussion zum Thema "Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Die Bedeutung des Epochenjahrs 1989 für das demokratische Selbstverständnis von SPD, Linkspartei und Gewerkschaften". Als Beispiel für ein bisher kaum benanntes Aufeinanderbezogensein während der Widervereinigung führte Prof. Jörg Roesler (Historische Kommission Die Linke) den Entstehungsprozess zweier Positionspapiere zur Wiedervereinigung an, in denen SPD und SED/PDS jeweils eine sehr ähnliche Überleitung in einen gemeinsamen deutschen Staat vorschlugen. Prof. Bernd Faulenbach (Historische Kommission SPD) illustrierte in seinem Beitrag Schönhovens These von der Selbstbezogenheit, in dem er von seiner damaligen Teilnahme an einer sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft zur deutschen Frage erzählte, in der von der "DDR-Krise" kaum Notiz genommen wurde, weshalb letztlich auch dort alle von der Wende überrascht worden seien. Prof. Wolfgang Schröder (IG Metall Grundsatzabteilung) erläuterte die Position der wichtigen, aber erst spät als deutschlandpolitische Akteure auftretenden Gewerkschaften. Im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) seien wenig "Selbsttransformationsbemühungen" zu finden gewesen, weshalb eine ungünstige "asymmetrische Startprogrammierung" vorgelegen habe. Die westdeutschen Gewerkschaften setzten vor allem auf die Tarifpolitik als Angleichungsstrategie, die vor der Herausforderung stand, sowohl Anreize gegen die Abwanderung von Arbeitskräften in den Westen und als auch für Investitionen in den Osten zu setzen. In seiner Erklärung für die insgesamt schwache deutschlandpolitische Prägekraft der Sozialdemokratie verwies Schröder auf deren personelle Zusammensetzung ("Lafontaine und Pfarrerstöchter") und entfachte mit seiner These von der friedlichen Revolution als "Konsumentenrevolution" die eigentliche Diskussion zwischen den nun intervenierenden Podiums- und weiteren Diskussionsteilnehmern aus dem Publikum. Der Umstand, dass einige dieser Podiums- und Diskussionsteilnehmer gleichzeitig als Geschichtspolitiker, Zeitzeugen und Zeithistoriker eingeladen waren und sich diese Rollen zu überlagern begannen, brachte ihnen den Vorwurf einer "Selbsthistorisierungsdiskussion" (Sabrow) ein. Und doch erwies sich diese Verquickung der Historiker als Zeitzeugen besonders in der folgenden Sektion als anschauliche und vielleicht nicht ganz zufällige Doppelperspektive, offenbart sie doch einerseits die biografische Nähe vieler DDR-Forscher zu ihrem Gegenstand und andererseits, wie viele öffentliche Intellektuelle sich unter Zeithistorikern befinden.

Politik mit Geschichte



Die Sektion "Politik mit Geschichte. Die Aufarbeitung der SED Diktatur durch den deutschen Bundestag" warf, moderiert von Jens Hildebrandt, unterschiedliche Teilnehmerperspektiven auf die Enquete Kommissionen des Bundestags zur "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur" (1992–1994) und zur "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit" (1995–1998). Prof. Jürgen Hofmann (Die Linke) berichtete von den großen Vorbehalten seiner Partei gegen die Kommission. Es sei eine schwierige Gratwanderung zwischen jenen "denen das Herz noch blutete" und einer nüchternen Bestandsaufnahmen gewesen, zumal man aus der Verteidigungsposition agiert habe. Mit selbstkritischem Blick auf die bis heute unter den Mitgliedern seiner Partei fortgesetzten Diskussionen über beispielsweise den Diktaturcharakter der DDR (Stichwort "Unrechtsstaat"), forderte Hofmann uneingeschränkt dazu auf, dass den Opfern Gerechtigkeit widerfahren müsse, "da muss man über seinen Schatten springen". Dass sich die Kader überhaupt der Aufarbeitung widmeten, gehöre zu den bleibenden Errungenschaften der Kommission, so Prof. Manfred Wilke, der in seinem Beitrag auch an Hermann Webers Initiativen zur Rehabilitierung der Opfer stalinistischer Herrschaft erinnerte. Obwohl damaliges SPD-Mitglied, war Wilke als Sachverständiger der CDU in die Kommission berufen worden. Er verdeutlichte, dass die Enquetekommission parteienübergreifend bis zur PDS als Medium gesamtdeutscher Geschichtsschreibung konzipiert und anerkannt wurde, schilderte aber auch "verzwickte historische Wahrnehmungen" der Teilnehmer, die die gesamtdeutsche Aufarbeitung erschwerten und dazu führten, dass ihm ein Generationenwechsel notwendig erscheine. Auf einzelne Persönlichkeiten der Kommission ging auch Prof. Gerd Weisskirchen (SPD) ein. In einer sehr anschaulichen Anekdote schilderte er, wie der letzte Kulturminister der DDR, Dietmar Keller, als Mitglied der Enquetekommission mit sich selbst rang. Die Kommission habe bei ihm eine beobachtbare "Selbstaufklärung" ausgelöst, wie auch die Kommission in einem Selbstverständigungsprozess gesteckt habe. "Wie in einem Ping-Pong-Spiel bildete der Andere die Resonanzfläche." In den Worten Hannah Arendts sah Weisskirchen in der Enquete-Kommission gar eine "constitutio libertatis", einen Ort der wechselseitigen Freiheitsermöglichung, der über die Kommission hinaus Ausstrahlungskraft besaß und zu einem "Katalysator" einer westdeutschen Debatte über die richtige Deutschlandpolitik wurde. In der anschließenden Diskussion problematisierte Martin Sabrow das Verhältnis von Politik und Geschichtswissenschaft in der Enquete-Kommission, die sowohl mit der Delegitimierung der DDR wie auch ihrer Historisierung beauftragt war.

Wieviel Zukunft hat die DDR-Forschung?



Ausgehend von der Beobachtung, dass die Existenz der DDR als "Kristallisationskern des anti-kommunistischen Konsenses" aber auch des westdeutschen "Anti-Anti-Kommunismus" ein bestimmendes Merkmal der Bundesrepublik war, beantwortete Prof. Christoph Kleßmann (bis 2004 Professur für Zeitgeschichte und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung, Potsdam) die Frage seines Vortrags "War die DDR mehr als eine ‚Randnotiz der Geschichte‘?" in zwei Richtungen: Zum einen stellte er die DDR-Forschung in den erweiterten Rahmen der Kommunismusforschung und zum andern betrachtete er sie als Teil einer integrierten Nachkriegsgeschichte der Verflechtung von Bundesrepublik und DDR.[2] Zumindest die Idee des Kommunismus lasse sich mit den Worten Stefan Heyms nicht zur "Fußnote der Geschichte" herunterstufen, sondern behalte als alternative Gesellschaftsordnung ihre Attraktivität ("Marx bleibt"). Um die historische Faszination zu verstehen, empfahl er, den Essay von Czesław Miłosz "Verführtes Denken", die Schriften von Alfred Kantorowicz und Hermann Webers "Als ich Wunderlich hieß" zu lesen. Hieraus zog er auch den Schluss, dass die jeweilige nationale Frage in den Fokus der Kommunismusforschung aufgenommen werden sollte, zum Beispiel durch einen diachronisch-strukturellen Vergleich der deutschen mit der polnischen Frage. So plädierte er für ein "Hinauswachsen der DDR-Forschung über ihre Grenzen" und meinte damit auch ihre disziplinäre Verortung: Geschichts- und Politikwissenschaft sowie Osteuropaforschung seien als transdisziplinärer Zugang zu einer integrierten Nachkriegsgeschichte unabdingbar. Eine Trennung und Parallelisierung von Bundesrepublik und DDR sowie die bloße Dichotomisierung einer Erfolgs- und Nichterfolgsgeschichte seien nicht mehr möglich, wobei er deutlich machte, dass dabei die prinzipiellen Unterschiede zwischen Diktatur und Demokratie nicht verwischt werden dürfen. Als "Säulen einer Architektur der deutschen Nachkriegsgeschichte" schlug er mit Referenz auf sein "Potsdamer Modell" die drei Bezugsfelder Außenbeziehungen, innere Entwicklung sowie dialektische Verflechtung und Abstoßung vor. So betrachtet, könne nicht behauptet werden, dass die DDR schon "ausgeforscht" sei. Dennoch sei die Privilegierung als eigenständige Stelle in der Geschichte beendet. ("Der Boom ist vorbei, die Erträge enorm, aber DDR-Lehrstühle sollte es nicht geben!") Ausblickend skizzierte er, die aktuelle Massenmigration als Relikt des Kalten Krieges als Teil der Kommunismusforschung zu begreifen. Kleßmann verwies auf die neuen Spaltungstendenzen und Vorurteile zwischen Ost- und Westeuropa, die sich in dem Bemühen um eine EU-Flüchtlingspolitik zeigten und forderte auf, das Misstrauen der osteuropäischen Länder gegenüber Fremden als Langzeitwirkung des kommunistischen Systems und der Nationalstaatsbildungsprozesse der postsowjetischen Periode zu untersuchen.

Die Teilnehmer und Organisatoren verstanden es, die jeweils offenen Diskussionspunkte sektionsübergreifend im Blick zu behalten, sodass sich am Ende die Einzelbeiträge aufeinander bezogen und wechselseitig erhellten. So lagen schon nach der ersten Sektion jene Fragen nahe, die dann auf dem letzten Podium eingehend erörtert wurden: Wer oder was steuert eigentlich (zeitgeschichtliche) Forschung? Wer entscheidet über Titel, Forschungsprofil und Programmatik eines Lehrstuhls jenseits vermeintlicher "Systemzwänge"? Und welche strukturellen Anreize zur innovativen und interdisziplinären Forschung können überhaupt durch eine kluge Wissenschaftspolitik gesetzt werden? In seinem Beitrag erläuterte Prof. Martin Sabrow (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) die programmatische Rolle von Wissenschaftsverlagen und der "Public History", die jeweils bestimmte Themen evozierten. Sabrow zeichnete ein Gegenwartszenario der Zeitgeschichte als einer Disziplin, die längst ihre eigenen Wege gehe und sich von der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und der DDR loslöse. Nach dieser "Zäsur" habe eine "Dissoziierung der Zeitgeschichte" stattgefunden, die sich breiteren Themen wie der Globalisierung, der Wohlstandsforschung oder der Migration zuwende.

Prof. Dorothee Wierling (Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg) berichtete von lebensgeschichtlichen Interviews, die sie in einer Arbeitsgruppe mit Lutz Niethammer in der DDR durchgeführt hatte und grenzte sich mit ihrem mentalitätsgeschichtlichen Ansatz von Hermann Webers DDR-Forschung ab. Nur ungenügend könne man mithilfe einer klassischen politischen Herrschaftsanalyse beispielsweise jenen Umständen nachspüren, unter denen sich einzelne Individuen dem System entzogen und das "Wie" und das "Warum" dazu untersuchen. Zu wenig sei bislang zum kommunikativen Gedächtnis der DDR geforscht worden, das bis ins Kaiserreich zurückgehe, oder zur Frage, ob es eine mentale Sowjetisierung der DDR gegeben habe. Für die disziplinäre Weiterentwicklung der Zeitgeschichte, die auch durch das institutionelle Eigeninteresse bestehender Forschungseinrichtungen zu erklären sei, äußerte sie das Bedürfnis, sich stärker von politischer Bildungsarbeit abzugrenzen.

Dass es bereits zu einer solchen "Entpolitisierung der Zeitgeschichte" gekommen sei, konstatierte Prof. Michael Schwartz (Institut für Zeitgeschichte, München). Er sah darin eine Beruhigung einer stark umtosten Problematik, durch die sich die Wissenschaft "freischwimmen" könne und neue thematische Querverbindungen und Fragestellungen entwickle ("DDR+X"). Nötig seien dafür eine "periodische Selbstvergewisserung" der Disziplin sowie ein innerwissenschaftlicher Wettbewerb. So betonte er wie Frau Prof. Wierling die Rolle der Kultur- und Alltagsgeschichte für die DDR-Forschung, die er in einen breiteren Rahmen einer vergleichenden Transformationsgeschichte stellte. Schwartz warf die Frage nach der Rolle der Auftragsforschung auf, die meist wenig innovativ sei, wobei die Bundesregierung manchmal aber auch Impulse setzen könne, so beispielsweise in einem Projekt zur Beziehung der Innenministerien von Bundesrepublik und DDR. Auch Sabrow hielt solche Auftragsforschung für nicht innovationskräftig, weil paradigmengeleitet. Diese Art der "Forschungsvorentscheidung" sei prinzipiell konservativ und vom "Zeitlichkeitsregime des presentisme" (François Hartog) geprägt. Demgegenüber forderte Sabrow die "Entfesselung der DDR-Forschung aus der Forschungsförderung" und den "Wechsel von Sehepunkten", die dann auch der Zeitgeschichte "neue Haltepunkte" geben könnten. Gegen die vom Moderator Mählert geäußerte These von der aufgebrauchten, oft noch biografisch begründeten Leidenschaft an der DDR-Forschung, der wesentliche Triebkräfte weggefallen seien und die als "Schmuddelkind der Wissenschaft" gelte, konterte Sabrow, dass die wissenschaftliche Attraktivität der DDR als "Spiegel der zeithistorischen Galaxie" sogar wachse. Noch nicht ausgeforscht sei, wie sich postkommunistische Historisierung eigentlich vollziehe und was ein biografischer Zugang zur Geschichte leisten könne; ob der Untergang des Kommunismus mit Blick auf den Fortbestand und das Wiedererstarken Nordkoreas und Chinas noch immer als klare zeitgeschichtliche Zäsur gelten und wie das Paradoxon von Stabilität und Zusammenbruch der DDR erklärt werden könne.

Ausblick



Diese Nennung zeithistorischer Forschungsdesiderata zeigte zum Abschluss der Tagung auf, worin der Reiz einer Fortsetzung des Hermann Weber Forschungskolloquiums besteht: Erstens könnte die bisherige thematische und disziplinäre Selbstverortung der Zeitgeschichte dem Verdacht der "Provinzialität" (Jahn) entgehen und durch die internationale Zeitgeschichtsforschung ergänzt werden. Die Kritik an der zweistaatlichen deutsch-deutschen Selbstbezogenheit der Geschichtsschreibung müsste ansonsten auch an der gesamtdeutschen gegenüber der internationalen zeithistorischen Forschung vorgebracht werden. Dabei könnte zweitens dem wissenschaftlichen Nachwuchs ein eigenes Forum eingerichtet werden. Wer trägt eigentlich gegenwärtig mit welchen Dissertations- und Habilitationsthemen zur (internationalen) Kommunismus- beziehungsweise der "erweiterten" DDR-Forschung bei? Drittens könnte dieser zweifach erweiterte Blickwinkel helfen, das spannungsvolle Verhältnis von Politik und Zeitgeschichtsschreibung auszuloten: So bleibt bisher unklar, ob das Abwandern der Zeitgeschichtsforschung aus der Politikwissenschaft auch eine Zäsur des Selbstverständnisses der Zeitgeschichtsforschung als solche beinhaltet. Der "Förderung von Zivilität" (Steinbach) könne durch zeitgeschichtliche Lehrstühle auch an den Historischen Instituten der Philosophischen Fakultäten nachgegangen werden. Dies allerdings setze voraus, dass die dortigen jüngeren Repräsentanten der Zeitgeschichtsforschung einen besonderen gesellschaftspolitischen Interventions- und Bildungsauftrag ihrer Disziplin annähmen. Was die Politikwissenschaft angeht, so scheint die disziplinäre Verschiebung durchaus als ein Abschied vom zeithistorisch mitbegründeten Selbstverständnis als bildungspolitisch anspruchsvolle Demokratiewissenschaft wahrgenommen zu werden. Nicht zuletzt wird die Wirkkraft der Zeitgeschichte auf demokratische Selbstverständigungsdiskurse durch den Verlust ihrer sozialwissenschaftlich-historischen Doppelperspektive geschwächt. Wenn auch von einzelnen Forscherpersönlichkeiten ein solches interdisziplinäres Profil offenbar kaum mehr abverlangt werden kann, so bedarf es forschungspolitischer Strukturanreize, die erneut gemeinsame Konzepte fördern, die sich den möglichen Entwicklungen einer geschichtslosen Gegenwartsanalyse der Politikwissenschaft und einer begriffslosen Vorgeschichtsschreibung der Gegenwart entgegensetzen. Im Sinne Hermann Webers wäre das allemal.

Zitierweise: Heike List, "Demokratie und Diktatur im geteilten Deutschland" – Tagungsbericht zum Hermann Weber Forschungskolloquium in Mannheim, in: Deutschland Archiv, 23.8.2016, Link: www.bpb.de/232617


Fußnoten

1.
Das Deutschland Archiv online veröffentlichte bereits den Vortrag von Klaus Schönhoven, Gibt es eine gesamtdeutsche Vergangenheit?, in: Deutschland Archiv, 4.5.2016, Link: www.bpb.de/227192.
2.
Vgl. hierzu auch den Beitrag Christoph Kleßmann „Was bleibt von der Mauer? Gemeinsame Nachkriegsgeschichte in Deutschland, in Europa?“, in: Deutschland Archiv, 11.12.2014, Link: www.bpb.de/197550.
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Autor: Heike List für bpb.de
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