Beleuchteter Reichstag

Gegen den Strom. West-Ost-Übersiedlungen in der evangelischen Kirche


6.4.2017
Entgegen dem Hauptmigrationsstrom wanderten bis zum Mauerbau 1961 eine halbe Million Menschen aus der Bundesrepublik in die DDR ab.[1] Unter ihnen befanden sich 1000 bis 2000 evangelische Theologiestudierende, Vikare, Pfarrer sowie Diakone und Diakonissen. Warum und wie es zu dieser besonderen Migration kam, zeigt der nachfolgende Beitrag.[2]
Sektorengrenze mit Warnschild “Achtung Sie verlassen jetzt West-Berlin” in Staaken, Bezirk Berlin-Spandau, 1953. Dahinter die Dorfkirche Alt-StaakenSektorengrenze im Bezirk Berlin-Spandau, 1953. Dahinter die Dorfkirche Alt-Staaken (© picture alliance/akg-images )

Der Pfarrermangel in der DDR



In der evangelischen Pfarrerschaft klaffte 1945 eine spürbare personelle Lücke. Die Studierendenzahlen waren im „Dritten Reich“ stark zurückgegangen und führten zusammen mit den Kriegsverlusten unter den Theologen zu einem Pfarrermangel. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Gemeindemitglieder durch den Flüchtlingsstrom aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie. Galten diese Konstellationen für alle deutschen Landeskirchen, so konnte der Mangel in den westlichen Kirchen jedoch durch die „Ostpfarrer“ aus Schlesien, Ostpreußen und Pommern abgemildert werden. In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) ließen sich hingegen weniger vertriebene Geistliche nieder. Zugleich verließen Pfarrer der acht ostdeutschen Landeskirchen aus familiären oder politischen Gründen die SBZ, wodurch dort die Zahl der Pfarrer weiter abnahm. Um dem entgegenzuwirken, beschloss die gesamtdeutsche Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) 1946, dass Pfarrer aus der SBZ erst nach der Freigabe durch die zuständige ostdeutsche Landeskirche in den Dienst einer westlichen Landeskirche übernommen werden durften.[3]

Langfristig verschärft wurde die Personalsituation in Ostdeutschland durch die niedrigen Studierendenzahlen. Infolge der Begrenzung des Zulassungskontingents für die sechs Theologischen Fakultäten in der SBZ reichte der ab 1946 ausgebildete theologische Nachwuchs nicht aus, um die Lücken in den ostdeutschen Landeskirchen zu schließen. Viele in der SBZ abgewiesene Bewerber begannen ihr Theologiestudium in den westlichen Besatzungszonen oder West-Berlin. Großen Zulauf hatte die Kirchliche Hochschule in Berlin-Zehlendorf, wo bis 1952 insgesamt 1200 in der DDR abgelehnte Studierende ausgebildet wurden.[4]

Die Haltung des SED-Staates



Das kirchliche Wanderungsgeschehen war in erster Linie von der Voraussetzung bestimmt, die innerdeutsche Grenze überqueren und sich in der DDR ansiedeln zu dürfen. Ob dies gewährt wurde, war abhängig von der jeweiligen Deutschland-, Arbeitsmarkt- und Hochschulpolitik des SED-Staates sowie von seiner kirchenpolitischen Strategie. Bis zum Sommer 1952 wurde der allgemeine Zuzug in die DDR staatlicherseits restriktiv reguliert. Davon waren auch die kirchlichen Übersiedler betroffen. Für sie galten zudem geheime Sonderregelungen. So entschied im Februar 1951 das Politbüro der SED, dass Pfarrer, die in West-Berlin oder Westdeutschland ausgebildet worden waren, keine Zuzugsgenehmigung für die DDR erhielten.[5] Damit sollte die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg sanktioniert werden, die sich weigerte, ihren Sitz nach Ost-Berlin zu verlegen. Im Kontext des gesamtdeutschen Kirchentages 1951 in Berlin, der von der SED deutschlandpolitisch instrumentalisiert wurde, erhielten hingegen 71 kirchliche Antragsteller eine Zuzugsgenehmigung. Am 12. November 1951 wiederum beschloss das Sekretariat des Zentralkomitees (ZK) der SED, den „Zuzug Geistlicher beider Konfessionen“ aus Westdeutschland in die DDR „bis zu einer Verständigung in einer gesamtdeutschen Beratung“ nicht mehr zu erlauben.[6]

Infolge der Abwanderungskrise setzte im Herbst 1952 eine gezielte Zuzugsförderung von Fachkräften aus der Bundesrepublik ein. Im Juni 1953 wurde dann auf Druck der Sowjetunion mit einer Rückkehrförderung begonnen. Mit Ausnahme des kirchlichen Pflegepersonals profitierten die kirchlichen Übersiedler erst verzögert von der gelockerten Praxis. Die Genehmigungen erfolgten dann zumeist problemlos und der Zuzug ohne einen Zwischenaufenthalt in einem der „Auffanglager“. Jedoch gab es deutliche regionale Unterschiede. Um die Kirchen als „stärkste legale Position der imperialistischen Kräfte“ in der DDR zu schwächen, sollte dann 1954 westliche Einflussnahme in Form des Zuzugs von kirchlichem Personal erneut flächendeckend verhindert werden. Daher beschloss das Sekretariat des ZK am 10. Juni 1954, dass kirchlichem Personal „in der Regel“ keine Zuzugsgenehmigung erteilt werden sollte.[7] Somit blieb den Entscheidern auf Bezirksebene noch ein kleiner Spielraum, der kirchenpolitisch im Sinne der Differenzierungsstrategie genutzt werden konnte. Die Differenzierungs- und Unterwanderungspolitik kombinierte selektive Integrationsangebote für „fortschrittliche“ Christen mit gezielten Repressionen gegen „reaktionäre“ Kirchenglieder. In der Praxis bedeutete dies, dass immer weniger und ab 1957 so gut wie gar keine Zuzugsgenehmigungen mehr erteilt wurden.

Die Position der Kirchen



In der EKD bestand Konsens darüber, dass aus gesamtdeutscher Verantwortung heraus den ostdeutschen Kirchen Hilfe geleistet werden musste. In den westdeutschen Landeskirchen stieß indes die seit 1949 von der EKD formulierte Aufforderung, Pfarrer in die DDR zu entsenden, auf gemischte Reaktionen: Sie reichten vom Appell an das Berufsethos der Pfarrer über die Wahrung institutioneller Eigeninteressen und konfessioneller Schranken bis hin zur Kritik an der Freigabepraxis der ostdeutschen Landeskirchen. Angesichts des begrenzten eigenen Personalbestands appellierten die westlichen Landeskirchen zumeist nur an die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten oder aus der SBZ geflohenen Pfarrer. Die Landeskirchen in der DDR mochten allerdings auch nicht jeden Bewerber aus dem Westen aufnehmen. Wenig erwünscht waren pfarramtliche Kräfte, die zu alt oder disziplinarisch vorbelastet waren. Denn einige westliche Kirchen verstanden die Arbeit in der DDR als einen „Bewährungsdienst“ für Pfarrer nach einem Disziplinarverfahren.

Das größte Interesse hatten die ostdeutschen Gliedkirchen an jungen Pfarrern und Vikaren. Um diesen Personenkreis zu gewinnen, wandten sich ostdeutsche Ausbildungsreferenten in den westdeutschen Studentenstädten bei Veranstaltungen auch direkt an den theologischen Nachwuchs. Besonders aber bemühten sich die Kirchen um die Rückkehr der im Westen studierenden ostdeutschen Theologen. Mitte 1951 ging man bei einer Zahl von circa 700 Oststudierenden im Westen von einer Verbleiberzahl von 400 bis 500 aus.[8] Um diese zu senken, wurde sowohl um die Studierenden geworben, als auch finanzieller und moralischer Druck ausgeübt. Stipendienzuteilungen wurden an die Bereitschaft zum Dienst in der ostdeutschen Herkunftskirche gebunden und die Rückkehrwilligkeit zur Glaubensfrage erklärt. Da ab Herbst 1950 immer mehr Rückkehrern die Zuzugsgenehmigung oder die Immatrikulation an einer staatlichen Fakultät verweigert wurde, bemühten sich die Kirchen auf verschiedenen Wegen politischer Einflussnahme, die Schwierigkeiten zu überwinden. So etwa als 1952 den Studierenden der Kirchlichen Hochschule in West-Berlin der Übergang an eine Theologische Fakultät in der DDR verweigert wurde: Der Berliner Bischof und Vorsitzende des Rates der EKD Otto Dibelius und der Berliner Generalsuperintendent Friedrich Wilhelm Krummacher schrieben an den stellvertretenden Ministerpräsident Otto Nuschke und dieser an den Staatssekretär für Hochschulwesen Gerhard Harig; der Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Regierung der DDR Heinrich Grüber wandte sich an den Staatssekretär im Innenministerium der DDR, Johannes Warnke; der Dekan der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Leonhard Rost schrieb ebenfalls an Harig und Dibelius sprach in der Angelegenheit mit Ministerpräsident Otto Grotewohl[9] – doch dies alles sowie weitere Bemühungen blieben erfolglos.

Als im Sommer 1953 die kirchlichen Übersiedler in die neue Zuzugs- und Rückkehrerpolitik der SED einbezogen wurden, versuchten die Kirchen erneut, die sich im Westen aufhaltenden Pfarrer, Vikare und Theologiestudierenden zu einer Rückkehr zu bewegen. Auch westdeutscher Pfarrernachwuchs wurde dazu aufgefordert, überzusiedeln. Ostdeutsche Theologen sprachen von einer „Sendungsaufgabe“ der ganzen evangelischen Christenheit in Deutschland, das Evangelium in einer kommunistischen Umwelt zu verkündigen und zu leben.

Seit der faktischen Zuzugssperre für kirchlichen Nachwuchs tauschten Kirchen- und Staatsvertreter in der DDR die immer gleichen Argumente aus: Die Kirchenvertreter argumentierten jeweils deutschlandpolitisch mit Bezug auf „das Ziel der Einheit unseres Volkes“[10] und die Staatsvertreter behaupteten, dass der Pfarrermangel in der Bundesrepublik noch größer sei.[11]

Die Neuzuziehenden



Die meisten der Neuzuziehenden migrierten zwischen 1949 und 1955.[12] Viele von ihnen kamen aus West-Berlin und siedelten nach Brandenburg über, wodurch es sich um eine kirchliche Binnenmigration über eine Sektoren- beziehungsweise Staatsgrenze hinweg handelte. Die Mehrzahl der Neuzuziehenden war zwischen 1920 und 1929 geboren und hatte erst nach Kriegsende das Theologiestudium begonnen. Für die jungen, überwiegend ledigen Theologen war es leichter, sich auf eine Übersiedlung einzulassen. In einigen Fällen kamen indes bereits Ehefrauen oder Verlobte mit in die DDR, vereinzelt auch Kinder.

Warum aber begaben sie sich freiwillig in eine angespannte politische, wirtschaftliche und kirchliche Situation? Ein spontanes Handeln scheidet oftmals aus. Denn aufgrund der Zuzugsschwierigkeiten verging zwischen dem Entschluss und der Übersiedlung einige Zeit. Die Gründe mussten also eine gewisse Nachhaltigkeit besitzen. Die Motivstruktur der Abwanderung war vielfältig und beim Einzelnen oft multi-kausal angelegt. Auch gruppenspezifische Verhaltensmuster sowie politische Bestimmungsfaktoren spielten eine Rolle. Wirtschaftliche Motive scheiden aus, da sich die kirchlichen Migranten mit einem Wechsel in die DDR finanziell verschlechterten. Nur für wenige Neuzuziehende spielte der Wunsch, den erlernten Beruf auszuüben, bei der Entscheidung eine Rolle. So bei Ostpfarrern, die im Westen keine Dauerstelle erhielten oder bei gemaßregelten Pfarrern, deren Wiederverleihung der geistlichen Rechte an eine Dienstaufnahme in einer ostdeutschen Kirche gebunden war. Einer kirchenamtlichen Aufforderung folgten West-Berliner Vikare und Pfarrer, die eine Pfarrstelle in Ost-Berlin oder Brandenburg antraten. Ähnliches galt für ihre Kollegen in den Landeskirchen von Hannover, Braunschweig und Hessen-Nassau, die in deren ostdeutschen Gebietsteilen Dienst taten. Auch familiäre Bindungen konnten eine Rolle bei der Entscheidungsfindung spielen. In einigen Fällen entschlossen sich Theologen zu einer Übersiedlung, um ihre ostdeutsche beziehungsweise Ost-Berliner Verlobte heiraten oder mit ihrer ostdeutschen beziehungsweise Ost-Berliner Ehefrau gemeinsam leben zu können.

Die meisten der Neuzuziehenden aber reagierten auf die Aufforderungen der östlichen Kirchenleitungen, auf Grund des akuten Pfarrermangels in die DDR zu gehen. Sie sahen in ihrer Entscheidung einen Akt in der Nachfolge Christi. Sie waren davon überzeugt, dass sie mit dem Wechsel in die DDR einem Ruf Gottes folgten. Unter Zurückstellung persönlicher Bedürfnisse wollten sie dorthin gehen, wo die gesellschaftliche Stellung der Kirche umkämpft war und die Gemeinden sie zur Bewältigung ihrer schwierigen Situation brauchten. Dieses individuelle Motiv entsprach dem kirchlichen Deutungsmuster für den Wechsel in den Kirchendienst im sozialistischen Staat. Mehrere kirchliche Neuzuziehende wollten zudem einer als restaurativ empfundenen kirchlich-theologischen Entwicklung der Nachkriegszeit in Westdeutschland entkommen. Sie standen in der Tradition des radikalen Flügels der Bekennenden Kirche und hofften, dass dessen staatskritische und gemeindeorientierte Tradition im Osten Deutschlands für die verfasste Kirche mehr Prägekraft entfalten würde.

Politische Gründe im Sinne einer Entscheidung für das sozialistische System hatten nur sehr wenige der Neuzuziehenden für ihren Wechsel in die DDR. Unter den sozialismusaffinen Zuwanderern stand der „Arbeiter- und Bauernstaat“ für Bodenreform, das Recht auf Arbeit und Wohnraum, den Abbau von Bildungsprivilegien und vor allem für Antifaschismus. Indes kann auch der Wille, die Position der Kirche gegen den atheistischen Staat zu stärken, zumal wenn er mit einer antikommunistischen Haltung verbunden war, als ein indirektes politisches Motiv gewertet werden.

Eng verbunden mit den Motiven sind die Erwartungshaltungen, mit denen die Neuzuziehenden kamen. Ihre Vorstellungen von der kirchlichen Situation in der DDR waren weitgehend realistisch. Ihnen war klar, dass der Kirche ein atheistischer Staat konfrontativ gegenüber stand, der ihre Wirkungsmöglichkeiten in der Gesellschaft einschränkte. Zum politischen System der DDR waren sie mehrheitlich kritisch eingestellt. Die kirchlichen Neuzuziehenden hatten eine bessere Ausgangssituation für eine erfolgreiche Integration als andere Übersiedler, die oft unter beruflicher und sozialer Benachteiligung litten.[13] Vikare und Pfarrer hatten bei ihrem Zuzug in die DDR bereits Gewissheit über ihren Arbeits- und Wohnort. Sie zogen in die ihnen von der Kirche zugewiesene Gemeinde und in das dortige Pfarrhaus. Ihr beruflicher Einstieg wurde ihnen durch das Verhalten der Kirchengemeinden und Pfarrerkollegen erleichtert, die sie erwartungsfroh aufnahmen. Das Misstrauen von Partei und Staat gegenüber kirchlichen Neuzuziehenden wirkte hingegen zum Teil auch noch Jahrzehnte nach. Schwierig gestaltete sich oftmals die Situation der mitübersiedelnden Ehefrauen. Sie hatten mit den Widrigkeiten einer Mangelversorgung zu kämpfen und litten unter dem Umstand, dass ihren Kindern als Christen Ausbildungswege versperrt wurden. Auch die Trennung von ihren Herkunftsfamilien empfanden sie als besonders schmerzhaft.

Bei allen Neuzuziehenden blieben familiäre und berufliche Verbindungen in die Bundesrepublik erhalten. Für einige wenige führten diese Bindungen schließlich auch zu einer Rückkehr in den Westen.

Die Rückkehrer



Die meisten Rückkehrer kamen 1952.[14] Um nicht infolge der neuen Meldeordnung der DDR vom Juni 1952 ihre ostdeutsche Staatsbürgerschaft zu verlieren, kehrten sie in die DDR zurück. Sie waren im Durchschnitt etwas jünger als die Neuzuziehenden. Einige von ihnen siedelten bereits mit ihrer Ehefrau oder Verlobten über, die in der Regel aus dem Westen stammte. Überproportional stark waren Pfarrersöhne unter den Rückkehrern vertreten. Auf Grund ihrer Sozialisation war ihre Bindung an die Herkunftskirche tiefer. Vermutlich wurden sie auch von ihren Eltern nachhaltiger zu einer Rückkehr aufgefordert.

Auch bei den Rückkehrern scheiden wirtschaftliche Motive aus. Sie hätten in der Bundesrepublik ein Pfarramt erhalten, mit dem sie finanziell besser gestellt gewesen wären. Familiäre und private Gründe, wie sie bei den Rückkehrern außerhalb des kirchlichen Bereichs überwogen, gab es auch bei den kirchlichen Rückkehrern. Sie wollten zurück zu den Eltern, den Geschwistern oder der Verlobten. Stärker noch waren landeskirchliche Bindungen. Sie wollten zurück in die Kirche der Vorfahren und der eigenen religiösen Sozialisation. Ihr gegenüber fühlten sie sich verpflichtet und die ostdeutschen Landeskirchen forderten diese Loyalität auch ein. Zum Teil standen die potenziellen Rückkehrer auch unter einem Gruppendruck. Am stärksten herrschte dieser an der Kirchlichen Hochschule in West-Berlin. Hier waren viele Studierende aus dem Osten, die untereinander in engem Kontakt standen. Auch wurde hier durch die Hochschulleitung am intensivsten zur Rückkehr gemahnt. Entsprechend hoch war der Rückkehreranteil. An westdeutschen Theologischen Fakultäten war der sozialmoralische Druck geringer. Doch auch dort hielten ostdeutsche Studierende untereinander Kontakt und berieten sich über die kirchenamtliche Aufforderung zur Rückkehr.

Die meisten Theologiestudierenden und Vikare kamen aus religiösen, theologischen und berufsethischen Motiven in die DDR zurück. Der Hinweis der Kirchenleitungen auf den ostdeutschen Pfarrermangel wurde von allen akzeptiert und von vielen religiös interpretiert. Auch hegten nicht wenige der Rückkehrer den Wunsch, in der DDR die Tradition der Bekennenden Kirche für die Organisation und theologische Ausrichtung der Nachkriegskirche prägend werden zu lassen. Als Anhänger der Theologie von Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer – den beiden bedeutendsten Theologen des „Kirchenkampfes“ im „Dritten Reich“ – stärkten sie mit ihrer Rückkehr die Präsenz dieser Theologie in den DDR-Kirchen.

Welche konkreten Kenntnisse von der Situation der Kirche in der DDR aber besaßen die nach Jahren zurückkehrenden Theologen? Einigen stand noch das Bild von der Kirche ihrer Kindheit vor Augen. Andere hatten erst in der Kriegsgefangenschaft zum Christentum gefunden und zuvor keinen Kontakt zur Kirche gehabt. Mehrere hingegen hatten zumindest die ersten Nachkriegsjahre in der SBZ verbracht und in diesen eine selbstbewusste Kirche erfahren. Auch den beginnenden staatlichen Druck auf die Kirche hatten einige bereits miterlebt. Teilweise konnten die Theologiestudierenden aber auch ihre Ferien in der SBZ beziehungsweise DDR verbringen und sich dabei ein eigenes, aktuelles Bild von der kirchlichen Situation machen.

Die Aufnahme in der DDR verlief für die Rückkehrer aus dem kirchlichen Bereich in der Regel ohne größere Schwierigkeiten. Sie verfügten über familiäre Netzwerke und traten in beruflicher Hinsicht in geregelte Bahnen. Die Aufnahme in ihrer neuen Kirchengemeinde war gut und ihre Entscheidung zur Rückkehr in die DDR fand dort Anerkennung. Auch von den neuen Amtskollegen wurden sie positiv aufgenommen; eine Konkurrenzsituation konnte angesichts des Pfarrermangels nicht entstehen. Erhöhte Aufmerksamkeit wurde den Rückkehrern von Seiten der Staatssicherheit zuteil. Mehrere Rückkehrer berichten über eine jahrelange Beobachtung und dem „ständige[n] Mißtrauen irgendwie ‚westl.[icher] Spion‘ zu sein“[15] seitens der Stasi.

Eine Migration der besonderen Art?



Bei der staatlichen Abschnürung der kirchlichen West-Ost-Migration handelte es sich um einen Sonderfall, basierend auf nur für diesen Personenkreis geltenden Beschlüssen. Da die kirchlichen Mitarbeiter – mit Ausnahme von Pflegepersonal – für die DDR nicht von arbeitsmarktpolitischem Interesse waren, folgte die sie betreffende Übersiedlungspolitik der SED allein deutschland- und kirchenpolitischen Überlegungen. Eine Sonderstellung nahmen die kirchlichen Migranten auch dadurch ein, dass sie nicht nur Angehörige einer Berufsgruppe waren, sondern auch Vertreter einer Institution. Die restriktive Zuwanderungspolitik zielte weniger auf den Einzelnen als auf die Schwächung der Kirche in der DDR. Dieses elementare Ziel der SED-Kirchenpolitik sollte auch durch eine Reduktion des kirchlichen Nachwuchses und den Ausschluss von westlich sozialisierten Theologen erreicht werden.

Die Übersiedlung von kirchlichem Personal stellte zudem insofern etwas Besonderes dar, als es eine Wanderung zwischen zwei Staaten, aber innerhalb der gesamtdeutschen EKD war. Im Unterschied zur Ost-West-Übersiedlung handelte es sich um ein kirchlich gefördertes Wanderungsgeschehen. Die ostdeutschen Kirchen hatten angesichts ihres Personalmangels daran ein institutionelles Interesse. Die kirchlichen West-Ost-Migranten unterschieden sich von den anderen Übersiedlern vor allem durch ihre Motive. Ihre Wanderungsentscheidung war nicht wirtschaftlich oder primär familiär, sondern berufsethisch motiviert. Sie wollten ihren Dienst dort leisten, wo sie besonders gebraucht wurden. In den ostdeutschen Kirchengemeinden waren sie willkommen und die institutionellen Rahmenbedingungen erleichterten ihnen die Integration. Den DDR-Sicherheitsorganen waren sie jedoch aufgrund ihres Westhintergrundes und ihres Berufes doppelt suspekt.

In der bundesdeutschen Gesellschaft stießen die kirchlichen Übersiedler auf Unverständnis, aber auch auf Anerkennung. Nach 1990 gerieten sie indes in den Streit um die Rolle der Kirchen in der DDR. Ihre Übersiedlung wurde mitunter als Option für den Sozialismus ausgelegt. Der Streit hat sich inzwischen gelegt und so kann auch die West-Ost-Übersiedlung im kirchlichen Bereich nunmehr nüchtern betrachtet werden.

Zitierweise: Claudia Lepp, Gegen den Strom. West-Ost-Übersiedlungen in der evangelischen Kirche, in: Deutschland Archiv, 6.4.2017, Link: www.bpb.de/245909


Fußnoten

1.
Vgl. hierzu Andrea Schmelz, Migration und Politik im geteilten Deutschland während des Kalten Krieges. Die West-Ost-Migration in die DDR in den 1950er und 1960er Jahren, Opladen 2002.
2.
Vgl. ausführlich zu der Thematik: Claudia Lepp, Wege in die DDR. West-Ost-Übersiedlungen im kirchlichen Bereich vor dem Mauerbau, Göttingen 2015. Die Untersuchung basiert auf der Auswertung von Forschungsliteratur, publizierten Quellen sowie Materialien aus mehreren kirchlichen und staatlichen Archiven. Als besondere Quellengattung kommen schriftliche Zeitzeugenbefragungen hinzu. 101 Zeitzeugen wurden angeschrieben, 70 von ihnen gaben schriftlich – zumeist anhand eines ausgefüllten standardisierten Fragebogens – Auskunft.
3.
Die Protokolle des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bd. 1, 1945/46, Göttingen 1995, S. 589.
4.
Vermerk von Friedrich Merzyn über die Referentenbesprechung der östlichen Gliedkirchen, Berlin 17.7.1952, in: Evangelisches Zentralarchiv (EZA) 4/629.
5.
Protokoll der Sitzung des Politbüros des ZK der SED, 20.2.1951, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-BArch), DY 30/IV 2/2/134.
6.
Protokoll der Sitzung des Sekretariats des ZK der SED, 12.11.1951, in: SAPMO-BArch, DY 30/J/IV/2/3/247.
7.
Protokoll der Sitzung des Sekretariats des ZK der SED, 10.6.1954, in: SAPMO-BArch, DY 30/J/IV 2/3/431.
8.
Schreiben von Ludwig Quaas an Hans Erich Heß, 21.7.1951, in: Zentralarchiv Darmstadt, B 155/256.
9.
Schreiben vom 19.5.1952, EZA, 4/652; Schreiben vom 3.6.1952, BArch, DO 4/2352; Schreiben vom 16.6.1952, EZA, 4/629; Schreiben vom 17.6.1952, EZA, 4/629; Schreiben vom 28.6.1952, EZA, 4/652; Vermerk von Kurt Grünbaum vom 28.7.1952, BArch, DO 4/2352.
10.
Schreiben Krummachers an den Vorsitzenden des Rates des Kreises Oranienburg vom 6.11.1954, EZA, 104/827.
11.
Vgl. z. B. das Schreiben des Vorsitzenden des Rates des Bezirks Potsdam an Krummacher vom 3.12.1954, EZA, 104/827.
12.
Die nachfolgenden Aussagen basieren auf der Auswertung eines Untersuchungssamples von 70 Neuzuziehenden. Darunter befinden sich auch Personen, die nicht auf die Anfrage der Verfasserin geantworteten haben (s. Anm. 2) oder die bereits verstorben waren, zu denen jedoch publiziertes Material (Autobiografien, Biografen, Interviews etc.) vorliegen. In das Untersuchungssample aufgenommen wurden nur die Fälle, in denen zumindest Name, Zeitpunkt der Übersiedlung sowie Ausgangs- und Zielort ermittelt werden konnten. Schmelz, Migration (Anm. 1), S. 312 f.
13.
Schmelz, Migration (Anm. 1), S. 312 f.
14.
Die folgenden Aussagen basieren auf der Auswertung eines Untersuchungssamples von 64 Rückkehrern.
15.
Schriftliche Information von Bernhard Brinksmeier vom 22.7.2006.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Claudia Lepp für Deutschlandarchiv/bpb.de
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