Beleuchteter Reichstag

Dynamo gegen den Rest der Republik – Das DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess


20.9.2017
Seit 1970 gab es in der DDR Eishockey-Oberliga nur zwei Mannschaften. René Feldvoß beleuchtet in diesem Beitrag, wie es zu dieser „kleinsten Liga der Welt“ kam und was im Transformationsprozess nach der Friedlichen Revolution mit dieser Liga geschah.

Eishockey-Meisterschaft SC Dynamo Berlin gegen SG Dynamo Weißwasser, 1977Eishockey-Meisterschaft SC Dynamo Berlin gegen SG Dynamo Weißwasser, 1977 (© Bundesarchiv, Bild 183-S1018-025, Foto: Hubert Link)

Spätestens seit dem sogenannten Leistungssportbeschluss des SED-Politbüros im Jahr 1969 nahm der Eishockeysport in der DDR eine Sonderrolle ein. Die „Grundlinie der Entwicklung des Leistungssports in der DDR bis 1980“, so die offizielle Bezeichnung des Beschlusses, sah vor, bestimmte olympische Sportarten stärker als bisher zu fördern. Dazu gehörten insbesondere jene, die eine hohe Medaillenausbeute versprachen. Eishockey, als personal- und finanzintensiver Mannschaftssport, bei dem es lediglich eine Medaille zu erringen gab, fiel aus diesem Förderungsrahmen fortan heraus. Durch die Intervention des Ministers für Staatssicherheit (MfS), Erich Mielke, konnte für den Eishockeysport in der DDR jedoch ein Kompromiss mit dem Präsidium des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) ausgehandelt werden. Dieser sah vor, dass der Spielbetrieb der Eishockey-Oberliga ab 1970 nur noch mit zwei Mannschaften, dem Sportclub (SC) Dynamo Berlin und der Sportgemeinschaft (SG) Dynamo Weißwasser, weitergeführt werden sollte.[1]

Diese Mini-Liga bestand bis zur Auflösung der DDR 1990 in gleichbleibender Besetzung fort. Aus einem Pool von insgesamt circa 40 Spielern stellte der Deutsche Eislauf-Verband (DELV) auch weiterhin eine Landesauswahl zusammen, die an den Weltmeisterschaftsturnieren der International Ice Hockey Federation (IIHF) teilnahm. Der folgende Beitrag gibt zunächst einen kurzen Überblick über das DDR-Eishockey vor und nach 1969. Anschließend wird der Vereinigungsprozess der beiden Eishockeyfachverbände aus West- und Ostdeutschland dargestellt. Schließlich soll ein Ausblick die Entwicklung des ostdeutschen Eishockeys seit der Wiedervereinigung skizzieren.

Die „kleinste Liga der Welt“



Die Wurzeln des ostdeutschen Eishockeys reichen bis in die 1920er Jahre zurück, als die traditionellen Vereine in Weißwasser und Crimmitschau beziehungsweise Frankenhausen, seit 1950 Teil von Crimmitschau, gegründet wurden. Auch in den größeren Städten wie Dresden und Leipzig fanden sich vor dem Zweiten Weltkrieg Spieler zusammen, die gemeinsam dem Puck hinterherjagten. Berlin hatte sich bereits um die Jahrhundertwende zu einem frühen Mittelpunkt des europäischen Eishockeys entwickelt und beherbergte eine Vielzahl an Mannschaften, die auf den vorhandenen Kunsteisflächen spielten.[2]

Nach dem Zweiten Weltkrieg gestaltete sich der Neuanfang für den Kufensport in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) zunächst schwierig. Kunsteisflächen waren auf dem gesamten Gebiet der SBZ nicht vorhanden und nur die klimatisch begünstigten Regionen in Sachsen ließen bei entsprechender Witterung einen Spielbetrieb zu. Dennoch fand bereits 1949 die erste „Ostzonenmeisterschaft“ statt. Ab 1950 stand mit der Werner-Seelenbinder-Halle in Berlin auch wieder Kunsteis zur Verfügung, sodass eine Oberliga als höchste Spielklasse eingeführt werden konnte. Nach und nach entstanden auch in Crimmitschau/Frankenhausen, Weißwasser, Dresden, Karl-Marx-Stadt, Rostock und Erfurt Kunsteishallen. Dominante Mannschaft blieb lange Zeit das Team aus Weißwasser. Zwischen 1951 und 1965 wurde die Mannschaft fünfzehnmal in Folge DDR-Meister.[3]

Das erste Länderspiel einer DDR-Auswahl fand im Januar 1951 gegen Polen statt. Die größten Erfolge feierte das Nationalteam der DDR Mitte der 1960er Jahre, als man mehrfach einen fünften Platz bei den Weltmeisterschaften erreichte und 1966 sogar die Bronzemedaille der Europameisterschaft erspielte. Um auch an den Olympischen Winterspielen teilnehmen zu können, waren zwischen 1956 und 1964 jeweils Ausscheidungsspiele gegen die Landesauswahl der Bundesrepublik zu bestreiten, da beide deutsche Staaten auf Wunsch des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gemeinsam an den Spielen teilnehmen sollten und man sich nicht auf ein gemischtes Eishockeyteam einigen konnte. Die DDR-Sportführung war bestrebt, diese Qualifikation zu gewinnen, da von dem Ausgang der Spiele zu einem großen Teil die Delegation des obersten Funktionärs innerhalb der gemeinsamen Olympiamannschaft aus Bundesrepublik und DDR abhing. Man hatte sich im Vorfeld geeinigt, dass derjenige Verband diesen „Chef de Mission“ stellen würde, der auch die Mehrheit der Sportler zu den Spielen schickte. Da bei den Winterspielen kaum Mannschaftssportarten vertreten waren, konnte man durch die Entsendung einer eigenen Eishockeymannschaft das Verhältnis der teilnehmenden Athleten schnell für sich entscheiden.[4]

Als der DDR ab 1968 gestattet wurde, eine eigene Delegation zu den Olympischen Spielen zu schicken, fielen auch die Ausscheidungsspiele weg. Für die Parteiführung verlor der teure Eishockeysport somit an Bedeutung. Hierin ist einer der Gründe zu suchen, weshalb sich Eishockey auch auf der Liste von Sportarten wiederfand, die im Rahmen des sogenannten Leistungssportbeschlusses von 1969 nicht mehr in den Genuss einer besonderen staatlichen Förderung kommen sollten. Der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, legte jedoch sein Veto gegen diese Entscheidung ein. Er setzte durch, dass die beiden Dynamo-Mannschaften aus Weißwasser und Berlin weiterhin in der Oberliga spielten. Mielke war gleichzeitig auch Vorsitzender der Sportvereinigung (SV) Dynamo und hatte somit ein gesteigertes Interesse daran, dass „seine“ Eishockeymannschaften weiter bestanden.[5]

Da die beiden Dynamo-Teams auch gleichzeitig in der Verantwortung standen, die DDR bei den anstehenden Eishockeyweltmeisterschaften gebührend zu vertreten, erkannten die verantwortlichen Funktionäre, dass ein Spielbetrieb mit nur zwei Mannschaften nicht ausreichen würde, um die Spieler hierauf genügend vorzubereiten. Die „Analyse des Trainings- und Wettkampfjahres 1970/71“ vom 4. April 1971 bilanzierte deshalb neben den acht Meisterschaftsspielen der Saison insgesamt 46 internationale Begegnungen der beiden Eishockeyvertretungen aus Berlin und Weißwasser.[6] Tatsächlich dürften die zahlreichen Begegnungen mit Mannschaften aus dem Ausland für eine bessere Spielpraxis gesorgt haben als die Spiele gegen die ehemaligen Oberligamannschaften. Während in diesen die Nationalspieler aus Berlin und Weißwasser nur selten gefordert wurden, sah man sich bei den internationalen Begegnungen ebenfalls durch eine Vielzahl von Nationalspielern aus Schweden, Finnland, der Sowjetunion und anderen Ländern herausgefordert. Das Niveau der absolvierten Partien lag also für die Mannschaften aus Weißwasser und Berlin deutlich über dem der vor 1970 veranstalteten Spiele.

Wende im DDR-Eishockey



Die Ereignisse im Herbst 1989 bedeuteten auch für den DDR-Sport eine tief greifende Veränderung. Die Kritik an den enormen Kosten, die der Leistungssport verursachte, hatte bereits seit Mitte der 1980er Jahre stetig zugenommen. Die Forderungen nach einer besseren materiellen und personellen Versorgung des Breitensports wurden nun lauter.[7] Konsequenterweise wurde der Leistungssportbeschluss von 1969 zurückgenommen. Zudem sollten die einzelnen Sportfachverbände des DTSB nunmehr „selbstverantwortlich und eigenständig“ handeln.[8] Auch im Eishockey hoffte man auf ein Ende der Beschränkung auf nur zwei Mannschaften. Noch im November 1989 wurden öffentlich die Möglichkeiten diskutiert, die Oberliga bereits im darauffolgenden Jahr wieder auf vier Mannschaften aufzustocken. Im Gespräch waren hierfür die Standorte Rostock und Crimmitschau. Bereits im Januar 1990 begannen die Überlegungen zur Gründung eines eigenständigen Eishockeyverbandes der DDR. Crimmitschau sollte kurzfristig wieder zum Leistungszentrum im Eishockey aufgebaut werden und bereits in der Saison 1990/91 in der DDR-Oberliga mit einer Mannschaft antreten.[9]

Der ersten Euphorie folgte schnell die Konfrontation mit der Realität. Als erster DDR-Sportler überhaupt wechselte Dieter Frenzel vom SC Dynamo Berlin am 1. Dezember 1989 offiziell zu einem westdeutschen Verein. Für eine Ablösesumme von 2000 D-Mark ging Frenzel zum EC Ratingen in die 2. Eishockeybundesliga und belegte dort einen Kontingentplatz für ausländische Spieler, da nach damals gültigen Regularien des Deutschen Eishockey Bundes auch Spieler unter die Ausländerregelung fielen, die aus einem anderen nationalen Eissportverband nach Westdeutschland wechselten. Der damals 34-jährige war nach der B-WM in Norwegen im April 1989 eigentlich vom aktiven Sport zurückgetreten. Doch der finanzielle Anreiz, noch ein paar Jahre im westdeutschen Eishockey Geld zu verdienen, gab letztendlich den Ausschlag, noch einmal die Schlittschuhe zu schnüren.[10] Dennoch erscheint die Ablösesumme, auf die sich der SC Dynamo Berlin einließ, vollkommen unverhältnismäßig. Da die Sportclubs der DDR jedoch noch keinerlei Erfahrungen mit den internationalen Wechselmodalitäten und den damit verbundenen Ablösesummen hatten, liegt die Vermutung nahe, dass der EC Ratingen seinen Verhandlungspartner schlicht und einfach übervorteilte.

Der nächste Spieler folgte schon im Januar 1990. Friedhelm Bögelsack ging ebenfalls vom SC Dynamo Berlin in die 2. Bundesliga zum EHC Hannover. Genau wie Frenzel war auch Bögelsack zu diesem Zeitpunkt 34 Jahre alt und hatte seine aktive Karriere im Sommer 1989 bereits für beendet erklärt. Anschließend verließen zunächst keine weiteren Eishockeyspieler die beiden Dynamo-Teams.[11]

Gründung des Deutschen Eishockey-Verbandes



Der DELV selbst hatte für den 8. und 9. Januar 1990 Gespräche mit dem westdeutschen Deutschen Eishockeybund (DEB) bezüglich einer möglichen zukünftigen Zusammenarbeit vereinbart. Die Beibehaltung der Souveränität des DELV stand zu diesem Zeitpunkt noch im Vordergrund. In erster Linie sollte die Form der Zusammenarbeit der beiden deutschen Verbände geklärt werden. Dennoch sah man durchaus die Möglichkeiten, die sich aus den gesellschaftlichen Veränderungen auch für den Eishockeysport in der DDR ergaben. Aufgrund des randständigen Daseins der Sportart in den 20 Jahren zuvor hoffte man auf Unterstützung durch den DEB, um zukünftig wieder einige Mannschaften etablieren zu können. Um „wilde“ Abwerbungen zu verhindern, sahen sich die DELV-Funktionäre aber genötigt, eine verbindliche Vereinbarung mit dem DEB zu treffen, die solche Abgänge wie weiter oben beschrieben in geordnete Bahnen lenken sollten. Gleichwohl muss festgestellt werden, dass zu diesem Zeitpunkt lediglich zwei Spieler, die ihre aktive Laufbahn bereits für beendet erklärt hatten, den Weg zu westdeutschen Vereinen angetreten hatten. Der vermeintliche Schaden, der dem DELV hierdurch entstanden war, konnte somit kaum als solcher bezeichnet werden.

In einer Pressemitteilung des DELV über die Beratungen mit dem DEB wurden einige der besprochenen Punkte erörtert. In einem Sportkalender sollten die Aktivitäten für die jeweilige Saison festgelegt und Vereinbarungen zur Organisation von gemeinsamen Wettkämpfen und Veranstaltungen getroffen werden. Darüber hinaus waren sich beide Seiten einig, dass „ohne Einschränkung von Initiativen bestimmte Prinzipien der Zusammenarbeit der Verbände eingehalten werden müssen.“ Abschließend wurden die Beratungen sowohl vom DELV als auch vom DEB als konstruktiv und „ausbaufähiger Beginn zur Erweiterung der Beziehungen zwischen beiden Verbänden eingeschätzt.“[12] Noch war man im DELV-Präsidium vorsichtig mit den Ergebnissen dieser Beratungen beziehungsweise mit dem, was man hiervon nach außen kommunizierte. Aus einem internen Bericht über die Beratungen geht hervor, dass der DEB das Angebot unterbreitet hatte, die beiden Dynamo-Teams in der neuen Saison an einem Pokalwettbewerb teilnehmen zu lassen, an dem insgesamt 16 Mannschaften beteiligt sein sollten. Weiterhin wurde ein Austausch der Nationalmannschaftstrainer der Bundesrepublik und DDR vereinbart, sowie ein gemeinsames Trainingslager in Füssen und verbandsübergreifende Lehrgänge von Trainern und Schiedsrichtern.[13] Diese Vereinbarungen trugen bereits den Charakter einer Vorbereitung auf eine eventuelle Zusammenführung der beiden Verbände, wenngleich noch nicht abzusehen war, wie schnell dies letztendlich vonstattengehen würde. Auch die Integrationsbemühungen um die Mannschaften aus Berlin und Weißwasser in den westdeutschen Spielbetrieb griffen den bevorstehenden Entwicklungen voraus. Den DELV-Funktionären war bereits zu diesem Zeitpunkt klar, dass mit den angestrebten Veränderungen in der DDR auch die Frage nach der Finanzierung des Leistungssports neu bewertet werden würde. Mit dem Wegfall der SV Dynamo als einzige Finanzierungsquelle für den Eishockeysport in der DDR mussten neue Wege beschritten werden. Da man selbst noch keinerlei Erfahrungswerte mit Sponsoren hatte, nahm man die Hilfestellungen des DEB dankend an.

Parallel zu diesen Entwicklungen bildete sich eine „Initiativgruppe Eishockey“ unter dem ehemaligen internationalen Schiedsrichter Fritz Groß. Ziel war die Ausgliederung der Eishockeyabteilungen in Weißwasser und Berlin sowie der noch bestehenden Betriebssportgemeinschaften mit Eishockeysektion aus dem DELV, um einen eigenständigen Eishockeyverband der DDR zu gründen[14]. Zunächst mussten hierzu jedoch noch vorhandene Wiederstände innerhalb des DELV beseitigt werden. Im „Beschlußprotokoll der außerplanmäßigen Bürotagung [des DELV] am 6. März 1990“ heißt es zur Arbeit der Initiativgruppe:
    „Sportfreund Schnabel informierte über die Ergebnisse der Beratung der Initiativgruppe Eishockey am 02.03.1990 in Weißwasser. Das Vorhaben der Initiativgruppe vor dem Verbandstag im Mai einen eigenständigen Fachverband zu bilden, wird nicht zugestimmt. Das Büro ist verpflichtet, entsprechend der Satzung des DELV der DDR diese Entscheidung mit einer 2/3-Mehrheit auf dem Verbandstag herbeizuführen. Es wird akzeptiert, daß die Initiativgruppe die notwendigen personellen und inhaltlichen Maßnahmen in Vorbereitung des Verbandstages veranlaßt.“[15]
Über die internen Verhandlungen zwischen dem DELV-Präsidium und der „Initiativgruppe Eishockey“ sind in den eingesehenen Unterlagen des DELV keine Aufzeichnungen vorhanden. Anscheinend konnten die Unstimmigkeiten jedoch nicht ausgeräumt werden, da die Initiativgruppe am 17. April 1990 auf eigenes Bestreben hin einen außerordentlichen Fachverbandstag abhielt, auf dem die Gründung des Deutschen Eishockey Verbandes der DDR (DEHV) beschlossen wurde. Zum Präsidenten wählten die Vertreter aus Berlin, Weißwasser, Crimmitschau und 22 Betriebssportgemeinschaften den ehemaligen Crimmitschauer Nationaltorhüter Peter Kolbe. Ursprünglich hatte man den Berliner Schiedsrichter Gerhard Müller favorisiert, der bis 1983 aktiv beim SC Dynamo Berlin Eishockey gespielt hatte. Müller wollte jedoch seine Schiedsrichterlaufbahn nicht aufgeben, so dass man sich auf Kolbe einigte. Kolbes vorrangiges Interesse bestand darin, das DDR-Eishockey schnellstmöglich im westdeutschen DEB unterzubringen, damit auch in Crimmitschau und anderen Standorten wieder organisiert Eishockey gespielt werden konnte. Am Rande eines IIHF-Treffens in der Schweiz tat er sein Vorhaben dem damaligen DEB-Präsidenten Otto Wanner kund. Wanner war der gleichen Ansicht, so dass ein zügiger Beitritt des DEHV zum DEB beschlossen wurde.[16]

Beitritt der DDR-Clubs zur Eishockey-Bundesliga



Nachdem sowohl der SC Dynamo Berlin, als auch die SG Dynamo Weißwasser bereits eigenmächtig Verhandlungen mit den Vereinen der Eishockey-Bundesliga aufgenommen hatten, beschlossen diese die Aufnahme der Dynamo-Teams in die 1. Bundesliga im Juni 1990. Ursprünglich wollten die Mannschaften aus Berlin und Weißwasser, nach eigener Einschätzung ihrer Spielstärke, ab der Saison 1990/91 in der 2. Bundesliga antreten. Doch die Vertreter der 2. Eishockey-Bundesliga konnten sich nicht darauf einigen, verbindliche Zusagen zu machen, sodass die Präsidenten der Erstligavereine kurzerhand beschlossen, Berlin und Weißwasser in die 1. Bundesliga aufzunehmen.[17] Mit diesem Beschluss vollzogen die beiden DDR-Teams bereits im Juni 1990 die Deutsche Einheit. Hierdurch galten die Spieler der noch bestehenden DDR auch nicht mehr als Ausländer in westdeutschen Mannschaften.[18]

Bevor die Saison 1990/91 im September 1990 startete, löste sich bereits am 21. März 1990 die Eishockeyabteilung des SC Dynamo Berlin aus dem Sportclub heraus und nannte sich fortan Eishockeyclub (EHC) Dynamo Berlin. Die SG Dynamo Weißwasser nahm ebenfalls eine Umbenennung vor und trat nun als Polizei-Eishockey-Verein (PEV) Weißwasser an.[19] In Weißwasser legte man den Namenszusatz „Dynamo“ umgehend ab, da der damalige Vorsitzende Rüdiger Noack befürchtete, dass es mit diesem Namen Schwierigkeiten geben könnte, vor allem im Hinblick auf potenzielle Sponsoren. In Berlin blieb man vorerst beim Namen „Dynamo“ und verwies hierbei auf die Erfolge, die man unter diesem Namen im Europapokal erreicht hatte.[20]

Tatsächlich waren die beiden Dynamo-Teams in der gesamtdeutschen Bundesliga überfordert. Das Niveau in der Liga war, auch bedingt durch die hohe Anzahl an ausländischen Spielern, ungleich höher als das der ewigen Vergleiche der beiden DDR-Mannschaften untereinander. Auch die Anzahl der Saisonspiele war um ein Vielfaches höher. Statt maximal zwölf Spiele in einer Saison auszutragen, waren es nun über 50 Begegnungen. Auch die langen Fahrten zu Auswärtsspielen waren eine ungewohnte Belastung, da die Strecke zwischen Weißwasser und Berlin in zwei Stunden bewältigt werden konnte.[21] Dennoch konnte sich die Mannschaft aus Berlin, seit 1992 unter dem Namen EHC Eisbären Berlin, nach zwischenzeitlichem Abstieg in der Bundesliga beziehungsweise ab 1994 in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) schnell etablieren, und ist seit 2011 Rekordmeister der höchsten deutschen Spielklasse. Die Mannschaft aus Weißwasser ist seit 1996 nicht mehr in der höchsten Spielklasse vertreten und spielt derzeit unter dem Namen EHC Lausitzer Füchse in der zweitklassigen DEL2.

Nachdem die Teilnahme der Mannschaften aus Berlin und Weißwasser an der Eishockey-Bundesliga gesichert und der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik politisch geregelt war, richteten die Präsidenten des DELV (Heinz Beier) und des DEHV (Peter Kolbe) in einem Schreiben vom 31. Juli 1990 die Bitte an die IIHF, den sofortigen Austritt des DELV aus dem internationalen Eishockeyverband zu veranlassen.[22] In der deutschen Nationalmannschaft spielten zunächst nur wenige ehemalige DDR-Sportler überhaupt eine Rolle. Jedoch konnten sich im Laufe der Zeit einige Nachwuchsspieler durchsetzen, die zuvor bei einem der Dynamo-Clubs die Jugendmannschaften durchlaufen hatten. Beim DEB werden bis heute die Spieler der DDR-Nationalmannschaft nicht in den Statistiken geführt, obwohl dies in anderen Sportverbänden, so auch beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), durchaus der Fall ist.

René Feldvoß, Dynamo gegen den Rest der Republik – Das DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess, in: Deutschland Archiv, 20.9.2017, Link: www.bpb.de/255842


Fußnoten

1.
Andreas Ritter, Wandlungen in der Steuerung des DDR-Hochleistungssports in den 1960er und 1970er Jahren, Potsdam 2003, S. 238.
2.
Steffen Karas, 100 Jahre Eishockey in Berlin. Faszination durch Tradition, Berlin 2008, S. 9–11.
3.
Michael Lachmann, Matthias Mader und Sven Wreh, Mehr Wellblechpalastgeschichte(n), Berlin 2004, S. 151–159.
4.
Uta Balbier, Kameraden, Rivalen, Boykotteure – Deutsche Olympioniken im Kalten Krieg, in: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.), Wir gegen uns. Sport im geteilten Deutschland, Darmstadt 2009, S. 62–73, hier S. 63–64.
5.
Volker Kluge, "Wir waren die Besten" – Der Auftrag des DDR-Sports, in: Irene Diekmann und Hans Joachim Teichler, Körper, Kultur und Ideologie. Sport und Zeitgeist im 19. und 20. Jahrhundert, Bodenheim b. Mainz 1997, S. 169–216.
6.
Analyse des Trainings- und Wettkampfjahres 1970/71, 4.4.1971, Bundesarchiv (BArch) DY 12/5533.
7.
Hans Joachim Teichler, Sport und Sportpolitik in der DDR, in: Michael Krüger und Hans Langenfeld (Hg.), Handbuch Sportgeschichte, Schorndorf 2010, S. 227–240, hier S. 227.
8.
Klaus Reinartz, Die Zweiteilung des DDR-Sports auf Beschluß der SED, in: Hans Joachim Teichler und Klaus Reinartz, Das Leistungssportsystem der DDR, Schorndorf 1999, S. 55–86, hier S. 77.
9.
Stephan Müller, Deutsche Eishockey-Meisterschaften, Berlin 2000, S. 137.
10.
Lachmann, Mader und Wreh, Mehr Wellblechpalastgeschichte(n) (Anm. 3), S. 21–22.
11.
Notizen, in: Neues Deutschland, 11.1.1990, S. 6.
12.
Pressemitteilung des DELV, bezüglich Beratung zwischen DELV und Eishockeyverband der BRD am 8. und 9.1.1990, 10.9.1990, BArch DY 12/1730.
13.
Bericht über die Verhandlungen des DELV mit dem Deutschen Eishockeybund der BRD in München am 8. und 9.1.1990, 14.1.1990, BArch DY 12/1730.
14.
Holger Frenzel, Bernd Götz und Dieter Röhl, Der Kampf um den Puck, Chemnitz 2010, S. 10–11.
15.
Beschlußprotokoll der außerplanmäßigen Bürotagung am 6.3.1990, BArch DY 12/1730.
16.
Frenzel, Götz und Röhl, Der Kampf um den Puck (Anm. 14), S. 10–11.
17.
Ebd., S. 11.
18.
Müller, Deutsche Eishockey-Meisterschaften (Anm. 9), S. 131.
19.
Lachmann, Mader und Wreh, Mehr Wellblechpalastgeschichte(n) (Anm. 3), S. 180.
20.
Ebd., S. 139.
21.
Ebd., S. 12–13.
22.
Schreiben der Präsidenten des DELV (Heinz Beier) und des DEHV (Peter Kolbe) an die IIHF, 31.7.1990, BArch DY 12/1730.
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