Beleuchteter Reichstag

Wochenkrippen und Kinderwochenheime in der DDR


19.1.2018
In der DDR gab es eine Vielzahl unterschiedlicher Institutionen, die eine außerfamiliäre Betreuung von Kindern jeden Alters ermöglichten, wie beispielsweise Säuglingsheime, Tageskrippen, Saisonkrippen, Erntekindergärten, Kindergärten, Kinderheime, Vorschulheime oder Horte. Eine besondere Betreuungsform waren die Wochenkrippen und Kinderwochenheime. Diesem Modell der DDR-Erziehung widmet sich Ute Stary.

Kindergärtnerin mit Kindern in einem Betriebs-Kinderwochenheim im VEB Baumwollspinnerei und Weberei Adorf im Vogtland, 1954Kindergärtnerin mit Kindern in einem Betriebs-Kinderwochenheim im VEB Baumwollspinnerei und Weberei Adorf im Vogtland, 1954 (© Bundesarchiv, Bild 183-27645-0027, Foto: Klein)

Besondere Einrichtungen



Wochenkrippen und Kinderwochenheime, in denen Kinder die ganze Woche über verblieben, also auch über Nacht, befanden sich in der DDR vorrangig in kommunaler oder betrieblicher und vereinzelt in konfessioneller Trägerschaft. Es gab diese Betreuungsform von 1950 bis Anfang der 1990er Jahre. Das belegen unter anderem das Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau aus dem Jahr 1950 sowie die Anweisung zur Kindergartenordnung aus dem Jahr 1990 mit einem Hinweis zur Gruppengröße in Kinderwochenheimen.[1] Auch die Chronik des Kinderwochenheims Villa Schöningen in Potsdam verweist auf eine Betriebsdauer von 1951 bis 1992.

Bei den Wochenkrippen und Kinderwochenheimen handelte es sich entweder um eigenständige Einrichtungen oder um Bestandteile einer Tageskrippe beziehungsweise eines Kinderheims, beispielsweise in Form von separaten Gruppen. In den späteren Jahrzehnten der DDR gab es auch sogenannte Kombi-Einrichtungen, das bedeutete zum Beispiel, dass Wochenkrippe und Kinderwochenheim an einem Standort waren.

In Wochenkrippen wurden Kinder nach Ende des Mutterschutzes in der Regel bis zum vollendeten dritten Lebensjahr betreut. Bis 1963 endete der Mutterschutz sechs Wochen nach der Geburt, bis 1972 acht Wochen, bis 1976 zwölf Wochen, danach 20 Wochen nach der Geburt.[2] Das Kind konnte teilweise auch nach seinem dritten Geburtstag weiterhin in der Wochenkrippe betreut werden, wenn kein Platz in einem Kindergarten oder Kinderwochenheim zur Verfügung stand. In Kinderwochenheimen wurden Kinder in der Regel ab dem vollendeten dritten Lebensjahr bis zur Einschulung betreut. Die Wochenkrippen waren demnach das wöchentliche Betreuungsmodell für die Null- bis Dreijährigen, Kinderwochenheime für die Drei- bis Sechs- beziehungsweise Siebenjährigen. Es gab auch Kinderwochenheime, die Schulkinder betreuten.[3] Während der Begriff der Wochenkrippen durchgängig benutzt wurde, finden sich für die Kinderwochenheime unterschiedliche Formulierungen in den Medien: Wochenkindergärten, Wochenvollheim, Wochenheim oder Wochenkinderheim.[4]

Betreuungsplätze in Wochenkrippen und Kinderwochenheimen wurden vorrangig an alleinerziehende Mütter, Studierende oder im Schichtsystem arbeitende Eltern vergeben. In der Regel wurden die Kinder montags ab 6 Uhr morgens von den Eltern in der Einrichtung abgegeben und freitags bis 18 Uhr wieder abgeholt. Jedoch zeigen jährliche statistische Erhebungen der damaligen Zeit, dass Kinder auch an Wochenenden und Feiertagen in den Einrichtungen betreut wurden. So betrug im Jahr 1967 die Gesamtzahl der Belegungstage an arbeitsfreien Sonnabenden und an Sonn- und Feiertagen 150.261 für alle erfassten Wochenkrippen der DDR. Dies wurde auch von Betroffenen bestätigt, zum Beispiel, wenn deren Eltern im Schichtsystem mit einer sogenannten Sieben-Tage-Woche arbeiteten.[5]

Eine Mutter erinnert sich:
    „Es war damals in der DDR so, dass eine Frau, die Zwillinge hatte, keine zwei Kindergartenplätze kriegen konnte und deswegen haben sie mir das empfohlen, die Kinder in ein Wochenheim zu geben.“[6]

Umfang der Wocheneinrichtungen



1950 existierten 30 Prozent aller vorhandenen Krippenplätze in Wochenkrippen. Das bedeutet in Zahlen: 2550 Plätze. Im Jahr 1989 fielen noch 1,6 Prozent aller bestehenden Krippenplätze auf Wochenkrippen, in Zahlen waren das 4800. Der prozentuale Anteil ging aufgrund des massiven Ausbaus von Tageskrippen zurück, jedoch gab es nach knapp 40 Jahren immer noch fast doppelt so viele Betreuungsplätze in Wochenkrippen wie zu Beginn ihrer Existenz.[7] In den Jahren dazwischen war die Gesamtzahl der vorhandenen Wochenkrippenplätze deutlich höher. 1966 gab es 744 Wochenkrippen – davon 462 kommunale und 282 betriebliche Einrichtungen – mit einer Gesamtkapazität von 39.124 Plätzen.[8] Im Jahr 1980 wurden 330 Wochenkrippen – davon 189 kommunal und 141 betrieblich – mit einer Gesamtkapazität von 17.655 Plätzen erfasst. Konfessionelle Wocheneinrichtungen wurden in den Statistiken nicht separat ausgewiesen.[9]

Die Zahl der Kinder, die über den gesamten Zeitraum der DDR in Wochenkrippen und/oder Kinderwochenheimen betreut wurden, lässt sich aufgrund der vorliegenden Daten nur vorsichtig hochrechnen. Dies liegt auch an der damaligen unterschiedlichen Zuständigkeit der Ministerien für beide Betreuungsformen. Wochenkrippen als eine Form der Krippenbetreuung unterstanden seit 1952 dem Ministerium für Gesundheitswesen, wohingegen die Kinderwochenheime als eine Einrichtung der Vorschulerziehung in der Verantwortung des Ministeriums der Volksbildung lagen. Während für die Wochenkrippen umfangreiches Datenmaterial vorhanden ist (aufgrund der Fokussierung des Ministeriums für Gesundheitswesen auf den Gesundheitszustand der Krippenkinder und dessen Verbesserung durch hygienische und pflegerische Maßnahmen), finden sich bisher keine vergleichbaren Statistiken oder Studien für Kinderwochenheime. Legt man jedoch allein schon die Anzahl von 2550 Wochenkrippenplätzen aus dem Jahr 1950 zugrunde und multipliziert diesen Wert mit 39 Jahren bis zum Jahr 1989, ergibt sich eine Größenordnung von knapp 100.000 Plätzen. Hierbei sind sowohl die quantitative Steigerung der Plätze in den Jahren nach 1950 als auch die fehlenden Werte von Kinderwochenheimplätzen unberücksichtigt.

Der gesellschaftspolitische Bezug



Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war die Zuständigkeit der Verwaltung in Deutschland unter den vier Siegermächten USA, Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion aufgeteilt. Der Osten des Landes bildete die sowjetische Besatzungszone. Ziel war es, einen sozialistischen deutschen Staat nach Vorbild der Sowjetunion auf Grundlage der Werte und Normen des Kollektivismus zu schaffen. Demnach stand das Wohl der Gruppe im Vordergrund, dem die Interessen des einzelnen Menschen untergeordnet waren. 1949 gründete sich die Deutsche Demokratische Republik (DDR) auf dem Gebiet der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau wurde 1949 in der ersten Verfassung der DDR verankert. Bisherige bürgerliche Rollenverteilungen von Mann und Frau wurden aufgehoben.[10] Die Familie wurde als kleinste Zelle der Gesellschaft definiert.[11]

Für den Wiederaufbau des Landes fehlten Arbeitskräfte, da viele Männer im Krieg gefallen waren, sich in Kriegsgefangenschaft befanden oder mit ihren Familien in weniger zerstörte Gebiete Deutschlands abwanderten. Es galt, den Frauen die Berufstätigkeit zu ermöglichen und gleichzeitig die Bevölkerungszahl der jungen Republik zu steigern. Die Kinder sollten von Beginn an zu sozialistischen Staatsbürgern erzogen werden und somit die DDR stärken. Es mussten demnach Voraussetzungen für die Doppelrolle der Frau als Mutter und Arbeitskraft geschaffen werden. Dies konnte nur durch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelingen. Die Lösung bestand darin, ein flächendeckendes Netz an Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder während der Arbeitszeit aufzubauen. Das Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau sah daher 1950 vor:
    „Um die Heranziehung der Frauen zur gesellschaftlichen schöpferischen Arbeit, zur aktiven Arbeit in den Organen [...], zur politischen und kulturellen Tätigkeit [...] zu ermöglichen, sind in den nächsten fünf Jahren zu errichten: [...] Kinderkrippen mit insgesamt 40.000 Plätzen [...], Kindertagesstätten mit insgesamt 160.000 Plätzen.“[12]
und weiter:
    „Das Ministerium für Volksbildung hat [...] die zur Betreuung der Kinder arbeitender Frauen erforderlichen Erziehungs- und Hilfskräfte sicherzustellen.“[13]
Es gab in diesem Zusammenhang eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Gesetzen, die auf die eine oder andere Weise das hier behandelte Thema aufnahmen. Darunter waren die erste Verfassung der DDR 1949, das bereits erwähnte Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau von 1950, das Gesetz über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens in der DDR von 1959, das Familiengesetzbuch der DDR von 1965 und das Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem von 1965.

Der Grund für die Schaffung dieser umfangreichen Einrichtungen lag in der Notwendigkeit, die DDR-Wirtschaft anzukurbeln. Dafür war es unerlässlich, rund um die Uhr zu produzieren und Arbeitskräfte im Schichtsystem einzusetzen. Das Mutter- und Kindesschutzgesetz forderte daher:
    „Die Regierung und [...] haben deshalb dem Bau und der Arbeit [...] der Kinderkrippen, der Kindertagesstätten und Kinderwochenheime ihre besondere Aufmerksamkeit zu widmen.“[14]
Und:
    „Die Öffnungszeiten der Kinderkrippen und Kindertagesstätten sind der Arbeitszeit der Frauen anzupassen.“[15]

Die Eltern



Es gab mehrere Gründe dafür, dass Eltern bereit waren, ihr Kleinkind in eine außerfamiliäre Betreuungsform zu geben. Es muss berücksichtigt werden, dass in der vorangegangenen Zeit des Nationalsozialismus eine Erziehung propagiert worden war, die dadurch gekennzeichnet war, das eigene Kind nicht zu verwöhnen. Dies verdeutlichten die damaligen Erziehungsratgeber der Ärztin Johanna Haarer „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ sowie „Unsere kleinen Kinder“, die in einer hohen Auflage erschienen und Grundlage sogenannter Mütterkurse waren.[16] Solches Gedankengut mag nachgewirkt haben. Darüber hinaus waren viele Frauen bereits durch den Krieg in der Situation gewesen, Geld verdienen zu müssen und das Kind anderweitig betreuen zu lassen. In der Nachkriegszeit mangelte es häufig an allem. In den Einrichtungen wurden die Kinder täglich verpflegt, medizinisch und hygienisch versorgt, etwas, dass sich zu diesem Zeitpunkt nicht alle Familien leisten konnten. Gleichzeitig war es den Eltern möglich, durch eigene Berufstätigkeit Geld zu verdienen, um eine Grundversorgung überhaupt erst gewährleisten zu können. Die Entscheidung für eine Wocheneinrichtung war jedoch nicht immer auf die Arbeitszeiten oder die fehlende Alternative von Tageseinrichtungen zurückzuführen. Häufig wurde es den Eltern als die geeignete Lösung nahegelegt, um dem Beruf oder der Ausbildung ohne Sorgen um das Kind nachgehen zu können. Eine entsprechende gesetzlich verankerte Propaganda hatte die neue Rolle der Frau in der Gesellschaft in den Medien zu untermauern.[17]

Eine Mutter gab in einem Interview 2017 zu ihrer damaligen Entscheidung, den Sohn in eine Wochenkrippe zu geben, an:
    „Ich hatte das Studium ja schon begonnen und wollte natürlich auch, ich bin ein Mensch der Sicherheit, das Studium beenden. Ich wollte finanziell auch unabhängig sein. Und da wurde mir vom Rat des Kreises angeboten, das Kind in eine Wochenkrippe zu bringen. Ich hab’ da vorgesprochen und das wurde eigentlich ganz schnell abgehandelt.“[18]

Der pädagogische Bezug



Wie in Kindereinrichtungen pädagogisch gearbeitet werden sollte, wurde in Form von Bestimmungen und Erziehungsplänen zentral geregelt (Tabellen 1 und 2). Diese waren für jeweils alle Formen der Krippen- oder Kindergartenbetreuung verbindlich, wie nachfolgende Festlegungen beispielhaft belegen:
    „Für alle Kinderkrippen und Dauerheime für Säuglinge und Kleinkinder der DDR gilt dieses Programm für die Erziehungsarbeit als verbindliche Arbeitsgrundlage.“[19]
Oder:
    „Die Kindergartenordnung gilt für alle staatlichen Kindergärten und Kinderwochenheime, Vorschulteile an Sonderschulen, Vorschulinternate und selbständige Kindergärten des Sonderschulwesens unabhängig von ihrer Unterstellung – nachfolgend Kindergarten genannt.“[20]

Tabelle 1: Die wesentlichen Bestimmungen von 1946–1990
 
1946 Richtlinien für den Kindergarten der sowjetischen Besatzungszone
1953 Verordnung über die Aufgaben und Organisation der Krippen und Säuglingsheime als Einrichtungen des Gesundheitswesens
1962 Richtlinie für die Hygiene in Krippen und Heimen für Säuglinge und Kleinkinder
1968 Anordnung über die Sicherung einer festen Ordnung in den Einrichtungen der Vorschulerziehung – Kindergartenordnung
1973 Anweisung Nr. 1 zur Gewährleistung der sozialistischen Erziehung, der Betreuung und des Gesundheitsschutzes der Kinder in Krippen und Heimen
1974 Anweisung Nr. 2 zur Gewährleistung der sozialistischen Erziehung, der Betreuung und des Gesundheitsschutzes der Kinder in Krippen und Heimen
1975 Anweisung Nr. 3 zur Gewährleistung der sozialistischen Erziehung, der Betreuung und des Gesundheitsschutzes der Kinder in Krippen und Heimen
1976 Verordnung über Kindereinrichtungen der Vorschulerziehung
1983 Anweisung zu den Aufgaben der sozialistischen Bildung und Erziehung und zur Gewährleistung einer festen Ordnung in den Kindergärten – Kindergartenordnung
1988 Anweisung über die Erziehung, Betreuung und den Gesundheitsschutz der Kinder in den Kinderkrippen – Krippenordnung
1990 Anweisungen und Orientierungen zur Arbeit in den Kindergärten


Neben diesen Anweisungen waren insbesondere die sogenannten Erziehungspläne wichtig:


Tabelle 2: Erziehungspläne 1956–1985
 
1956 „Die Pflege und Erziehung unserer Kinder in Krippen und Heimen“
1957 „Leitfaden für die Erziehung in Krippen und Heimen“
1958 „Rahmenplan für die erzieherische Arbeit in Krippen und Heimen“
1967 „Bildungs- und Erziehungsplan für den Kindergarten“
1973 „Zur Arbeit mit dem Bildungs- und Erziehungsplan im Kindergarten“
1983 „Krippenpädagogik. Pädagogik“
1985 „Programm für die Erziehungsarbeit in Kinderkrippen“
1985 „Programm für die Bildungs- und Erziehungsarbeit im Kindergarten“


Bis in die 1960er Jahre wurden in den Titeln der Erziehungspläne für Krippenkinder sowohl die Krippen als auch die Heime explizit aufgeführt; in den späteren Jahrzehnten findet sich diese Unterscheidung nicht mehr. Auch inhaltlich wurde zu Beginn der DDR stärker auf die Besonderheiten der einzelnen Betreuungsformen eingegangen, wie das Beispiel einer exemplarischen Tagesplanung verdeutlicht (Abbildung 1).
Abbildung 1: Mustertageseinteilung für Wochenkrippe und Dauerheim.Abbildung 1: Mustertageseinteilung für Wochenkrippe und Dauerheim. Quelle: Eva Schmidt-Kolmer, Die Pflege und Erziehung unserer Kinder in Krippen und Heimen. Berlin 1956, S. 95.


Für die Altersgruppe der Kindergartenkinder gab es in den 1950er Jahren eine Vertiefung der Thematik der Kinderwochenheime durch die Publikation „Heimkinder – Ein Buch für alle Erzieher in Kinderheimen, besonders in Vorschul- und Kinderwochenheimen“.[21]

Die Erziehungspläne orientierten sich vorrangig an russischen Pädagogen und Pädagoginnen, wie Anton Semjonowitsch Makarenko, Nadeschda Konstinowna Krupskjaja oder Iwan Petrowitsch Pawlow. Ein Schwerpunkt der täglichen pädagogischen Arbeit war die Gesundheitsvorsorge mit allen entsprechenden pflegerischen und hygienischen Aufgaben. Das wesentliche Ziel der Erziehungs- und Bildungsarbeit bestand darin, dass Kind zu einer sozialistischen Persönlichkeit zu formen. Dabei stand neben der ideologischen Lehre vor allem die Selbständigkeit des Kindes im Vordergrund. So beschrieben die Autoren eines Erziehungsplans:
    „Die Herausbildung der geistigen und sittlichen Qualitäten der Kinder, ihr Wissen und Können, ihre Verhaltensweisen, Einstellungen und Motive des Handelns müssen in erster Linie geeignet sein, sie in zunehmendem Maße zur selbständigen Teilnahme an der Gestaltung des Lebens im Kinderkollektiv zu befähigen.“[22]
Wie bei den Tageskrippen und Kindertagesstätten fanden auch in Bezug auf die Wochenkrippen und Kinderwochenheime Hinweise in Bezug auf die Gestaltung des Tagesablaufes für den Bindungsaufbau des Kindes oder die emotional wichtige Eingewöhnung in der Praxis kaum Anwendung.

Auswirkungen der Betreuung in Wocheneinrichtungen



Zusammenhang zwischen beruflichem Ausbildungsgrad der Eltern und Art der Unterbringung der KinderAbbildung 2: Zusammenhang zwischen beruflichem Ausbildungsgrad der Eltern und Art der Unterbringung der Kinder. Quelle: Anm. 25, S. 68.
Die Medizinierin, Sozialhygienikerin und Krippenforscherin Eva Schmidt-Kolmer erforschte in der DDR in zwei Studien die Entwicklung von Kindern in den ersten drei Lebensjahren hinsichtlich des Einflusses der verschiedenen Betreuungsformen Tageskrippe, Wochenkrippe und Dauerheim. Die erste Studie erfolgte von 1953 bis 1957; sie untersuchte insgesamt 1789 Kinder im Alter von wenigen Monaten bis zum vollendeten dritten Lebensjahr, davon 439 Kinder aus Wochenkrippen. Anhand von aufgestellten Entwicklungsreihen wurden die erzielten Ergebnisse der Kinder erfasst und verglichen. Als Norm wurde das früheste Auftreten typischer kindlicher Verhaltensweisen zugrunde gelegt, die auf der Grundlage von Vorversuchen mit Familien- und Tageskrippenkindern festgestellt wurden. Das Resultat der Studie ergab bei Wochenkrippenkindern im Vergleich zu Tageskrippenkindern eine Entwicklungsverzögerung in den Bereichen Bewegung und Sprache in den ersten zwei Lebensjahren; diese fiel für Heimkinder noch deutlicher aus. Nach der Auswertung der Ergebnisse wurde konstatiert, dass die Befriedigung der Grundbedürfnisse wie Essen, Schlaf und Gesundheit für eine normale Entwicklung des Kindes nicht genügt. Dafür benötigt es eine verlässliche Bindung zu mindestens einem Erwachsenen.[23]

Eine der Schlussfolgerungen Schmidt-Kolmers und eine deutliche Empfehlung lauteten:
    „Eine Unterbringung in Wochenkrippen dürfte nur dann erfolgen, wenn durch die Schichtarbeit der Mutter oder anderer Familienangehöriger ein tägliches Abholen des Kindes unmöglich ist.“[24]
Zusammenhang zwischen Familienstand der Eltern und Art der Unterbringung der KinderAbbildung 3: Zusammenhang zwischen Familienstand der Eltern und Art der Unterbringung der Kinder. Quelle: Anm. 25., S. 69.
Zwar schlugen sich die Befunde der Studie vor allem in den nachfolgenden Erziehungsplänen und in einem verstärkten Ausbau von Tageskrippen nieder, dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die Anzahl der Wocheneinrichtungen in den darauffolgenden Jahren weiter anstieg und der dortige Alltag sowie die Tagesstruktur für den Aufbau einer sicheren Bindung weiterhin häufig nicht förderlich waren.

Von 1971 bis 1973 untersuchte Schmidt-Kolmer erneut insgesamt 6426 Krippenkinder aus den benannten Betreuungsformen, davon 890 Wochenkrippenkinder. Diesmal wurde zusätzlich der Einfluss der Familie beleuchtet. Dabei zeigte sich, dass in Wochenkrippen der Anteil von Säuglingen, ebenso wie der Anteil alleinerziehender oder geschiedener Mütter, deutlich höher war als in Tageskrippen. Auch unterschied sich das Bildungsniveau der Eltern in beiden Betreuungsformen wesentlich zugunsten der Tageskrippen.[25]

Im Ergebnis stellte Schmidt-Kolmer fest: „Der Rückstand der Wochen- gegenüber den Tageskindern hat sich im Vergleich zu dem vor 10 bis 15 Jahren bestehenden auf etwa ein Drittel verringert.“[26] Dennoch entwickelten sich die Wochenkinder noch immer langsamer als die Tageskrippenkinder, am deutlichsten im Bereich der Sprache.

Einfluss des Tages- bzw. Wochenaufenthaltes der Kinder auf ihre EntwicklungAbbildung 4: Einfluss des Tages- bzw. Wochenaufenthaltes der Kinder auf ihre Entwicklung. Quelle: Anm. 25, S. 137.

Als Schlussfolgerung empfahl Schmidt-Kolmer keine gezielten Maßnahmen für die Betreuungsform der Wochenkrippen. Einen Handlungsbedarf formulierte sie ausschließlich im Bereich der Zusammenarbeit und Unterstützung der Familien sowie der Qualitätsverbesserung in den Krippen.

Beide Studien lassen aufgrund der festgelegten zu untersuchenden Merkmale nur bedingt Rückschlüsse auf die soziale Entwicklung der Kinder zu. So erfassten sie die emotionale Entwicklung der Kinder nicht. In den von mir geführten Interviews mit ehemaligen Kindern aus Wochenkrippen und Kinderwochenheimen zeichnen sich jedoch gerade in diesen beiden Bereichen Auswirkungen ab, zum Beispiel bezüglich des Selbstbildes, im Umgang mit Gefühlen oder der Fähigkeit, Beziehungen zu gestalten. So schilderten ein Großteil der Befragten Verlustängste, die sie Zeit ihres Lebens begleiten, ebenso wie Schuldgefühle, nicht richtig zu sein und bei Beziehungsproblemen grundsätzlich etwas falsch gemacht zu haben. Viele von ihnen berichteten von wiederholten Schwierigkeiten, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen und dem grundsätzlichen Gefühl, anders zu sein.

Bindungserfahrungen in der frühen Kindheit beeinflussen die Entwicklung eines Kindes bis ins Erwachsenenalter. Die damalige mehrtägige Trennung der Kinder von ihren Eltern durch die Unterbringung in einer Wocheneinrichtung hat sich unmittelbar nachteilig auf das Wachstum und den Kompetenzerwerb der Kinder ausgewirkt. Inwieweit dies weitere langfristige Auswirkungen auf die Biografie der Betroffenen hatte, dem geht das Forschungsprojekt nach.[27] Die Ergebnisse könnten Rückschlüsse für die heutige Betreuung von Kleinkindern ermöglichen.

Zitierweise: Ute Stary, Wochenkrippen und Kinderwochenheime in der DDR, in: Deutschland Archiv, 19.1.2018, Link: www.bpb.de/262920


Fußnoten

1.
Vgl. 2. Anweisung zur Kindergartenordnung vom 20.2.1990, Paragraf 3 Absatz 2, in: Anweisungen und Orientierungen zur Arbeit in Kindergärten, 1990, S. 6.
2.
Vgl. Paragraf 10 Abs. 1 Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau, 27.9.1950 und nachfolgende Aktualisierungen des Gesetzes.
3.
Vgl. das Beispiel Kinderwochenheim Köpenick unter: www.argus.bstu.bundesarchiv.de/dy34asoz/mets/dy34asoz_06771/index.htm?target=midosaFraContent&backlink=http://www.argus.bstu.bundesarchiv.de/dy34asoz/index.htm-kid-6a6456b5-0798-470d-836c-d64c122c1882&sign=6771#1, letzter Zugriff am 23.11.2017.
4.
Vgl. Paragraf 9 Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz (Anm. 2).
5.
Vgl. Mitteilungen Kinderkrippen, Dauerheime und Saisonkrippen 1966, 3 (1967) 7, S. 22.
6.
Aus einem Interview, geführt von Ute Stary im Rahmen des Forschungsprojektes zu Wocheneinrichtungen in der DDR, 2017. Bis 2019 werden unter anderem 50 Interviews mit ehemaligen betroffenen Kindern geführt und ausgewertet, aktuell sind 15 Interviews erstellt.
7.
Vgl. Karl Zwiener, Deutsches Jugendinstitut, Kinderkrippen in der DDR. Materialien zum 5. Familienbericht, Band 5, München 1994, S. 15.
8.
Vgl. Mitteilungen Kinderkrippen (Anm. 5), S. 9.
9.
Vgl. Mitteilungen Kinderkrippen, Dauerheime und Saisonkrippen 1980, 17 (1981) 5, S. 12.
10.
Vgl. Artikel 7 Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik 1949.
11.
Vgl. Familiengesetzbuch der Deutschen Demokratischen Republik, 20. Dezember 1965.
12.
Paragraf 5 Abs. 1 Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz (Anm. 2).
13.
Paragraf 24 Abs. 1 ebd.
14.
Paragraf 9 ebd.
15.
Paragraf 24 Abs. 2 ebd.
16.
Vgl. Sigrid Chamberlain, Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, Gießen 1997.
17.
Paragraf 28 Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz (Anm. 2).
18.
Aus einem Interview 2017 (Anm. 6).
19.
Ministerium für Gesundheitswesen, Programm für die Erziehungsarbeit in Kinderkrippen, Berlin 1985, S. 4.
20.
Anweisung zu den Aufgaben der sozialistischen Bildung und Erziehung und zur Gewährleistung einer festen Ordnung in den Kindergärten – Paragraf 1 Kindergartenordnung, 23. Juni 1983.
21.
Liselotte Kritsch u. a., Heimkinder – Ein Buch für alle Erzieher in Kinderheimen, besonders in Vorschul- und Kinderwochenheimen, Berlin 1958.
22.
Autorenteam, Bildungs- und Erziehungsplan für den Kindergarten, Berlin 1967, S. 5.
23.
Vgl. Eva Schmidt-Kolmer, Verhalten und Entwicklung des Kleinkindes, Berlin 1960.
24.
Ebd., S. 133.
25.
Vgl. Eva Schmidt-Kolmer, Zum Einfluß von Familie und Krippe auf die Entwicklung von Kindern in der frühen Kindheit, Berlin 1977, S. 133 ff.
26.
Ebd., S. 307.
27.
Da es sich um ein laufendes Forschungsprojekt handelt (Anm. 6), kann dieser Beitrag nur einen Ausblick auf weitere Ergebnisse geben.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Ute Stary (ehemals Bendt) für bpb.de
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