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22.2.2019 | Von:
Maximilian Kutzner

Die Generation 1989 und die deutsch-deutsche Vergangenheit

Im dreißigsten Jahr nach dem Mauerfall führen wir im „Deutschland Archiv“ eine Debatte über die Erinnerungskultur zur DDR-Geschichte. Die neue Reihe wird eröffnet mit einem Beitrag des Historikers Maximilian Kutzner, der – aus der Perspektive eines 1989 Geborenen – eine grundlegende Modernisierung der Erinnerungskultur fordert. Die Redaktion ist interessiert an weiteren Fach- und Debattenbeiträgen zu diesem Thema. Vorschläge können Sie an deutschlandarchiv@bpb.de senden.

Reste des Grenzzaunes an der ehemaligen innerdeutschen Grenze in der Gedenkstätte Point Alpha.Reste des Grenzzaunes an der ehemaligen innerdeutschen Grenze in der Gedenkstätte Point Alpha. (© picture-alliance/dpa)

Ein Plädoyer zu Aufbrüchen in der Erinnerungskultur

Die Generation der um 1989 Geborenen hat die deutsche Teilung nicht miterlebt. Für uns sind Freiheit, Einheit und Demokratie selbstverständlich geworden. Doch sollen die Lehren der Geschichte auch für die 1989er lebendig sein, braucht es eine Veränderung der Erinnerungskultur.

Selbstverständlich ist, was Teil des Alltags ist, worüber man nicht weiter nachdenken muss und was sich von selbst erklärt. So ist es für viele aus der Generation der um das Jahr 1989 Geborenen (Generation 1989),[1] wenn sie etwa von Hessen nach Thüringen zum Fußballverein, zum Arbeitsplatz oder zu Freunden fahren. Eine andere Seite gibt es nicht mehr. Die gleiche Sprache, die gleichen Interessen und Probleme verbinden eine Altersgruppe, für die die deutsche Teilung weit weg ist, im grauen Dunst der Geschichte irgendwo zwischen Hitler und dem 11. September. Ich selbst bin in Rasdorf, im unmittelbaren Schatten der ehemaligen Grenzanlagen geboren. Natürlich kennt meine Generation die Erzählungen der Eltern und Großeltern, von Schüssen in der Nacht, Panzern auf Dorfstraßen und Tränen, als all dies überwunden war. Wir kennen die Bilder aus dem Fernsehen, die immergleichen Sequenzen von jubelnden Menschen in bunten Jacken und mit komischen Frisuren, die auf der Berliner Mauer sitzen und mit Hämmern Blöcke aus ihr herausschlagen. Aber erlebt haben wir es nicht. Für uns ist es selbstverständlich, dass es ein vereintes Deutschland gibt und dass man uns nicht mit Waffen daran hindert, über die (ehemalige) Grenze hinweg zu fahren. Das ist auch gut so. Die Wiedervereinigung ist ein historisches Geschenk. Die Mehrheit von uns hat es angenommen, indem wir 1989er die Mauer auch in den Köpfen abgeschafft haben.


Doch darin liegt zugleich ein Problem, denn der mahnende Charakter der Geschichte ist immer weiter zurückgetreten, je weniger über die deutsche Teilung in unserer Generation bekannt ist. Wir sehen Freiheit und Einheit als gegeben an, weil wir keine andere Situation kennen. Schon vor 15 Jahren wurde deutlich, dass die schulischen Lehrpläne in dieser Hinsicht Defizite aufwiesen.[2] Die Folge ist, dass Schülerinnen und Schüler immer weniger über das totalitäre Wesen der zweiten deutschen Diktatur wissen. Freiheitliche Werte und deren Verteidigung waren den jungen Menschen der 2000er Jahre weniger wichtig als noch einer Generation zuvor.[3] Es gelang ihnen nicht, eine Verbindung zwischen der Lebenswirklichkeit der beiden deutschen Diktaturen und ihrer eigenen herzustellen. Doch bis heute haben sich die Lehrpläne nicht grundlegend verändert. So wurde eine historische Epoche vielfach ausgespart, und es entstand eine tiefe Wissenslücke.[4] Allein die Schulen dafür in die Pflicht zu nehmen, würde zu kurz greifen. Schon an den Universitäten, also bei der Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer, beginnt das Dilemma. Denn in der Breite ist die DDR als eigenständiges Forschungsfeld an den Lehrstühlen für Zeitgeschichte/Neueste Geschichte noch immer nicht angekommen, wenngleich einige Einrichtungen hier die Rolle von Zentren einnehmen.[5] Nur zwei von über hundert Fachsektionen des Deutschen Historikertages 2018 in Münster haben sich im engeren Sinne mit der DDR befasst.[6] Am Titelthema „Gespaltene Gesellschaften“ konnte dies ebenso wenig gelegen haben wie an der Aktualität, denn immerhin stand das Jubiläumsjahr 2019 unmittelbar bevor.
Das Problem der Erinnerungskultur zur Wiedervereinigung ist, dass sie in ihren Formen, Symbolen und Ritualen auf Wissen aufbaut, welches die älteren Generationen durch ihre Biografie erworben haben. Sie haben die Montagsdemonstrationen vor dem Fernseher verfolgt oder waren selbst auf der Straße. Sie lebten in der Situation der Teilung und kennen deren Charakter. Doch wir Jüngeren, nach 1989 Geborenen, kennen sie nicht mehr gut genug, wenn wir uns nicht explizit und eigenständig mit ihr beschäftigt haben. Der britische Historiker Niall Ferguson sieht den Sinn von Geschichte gerade in der „Gegenüberstellung von Vergangenheit und Gegenwart“.[7] Zum Erinnern gehört der explizite Gegenwartsbezug zur Vergangenheit; eine Handlung im Jetzt, die mit dem Gestern verbunden ist.[8] Zwar kennen auch wir 1989er die Bilder, Texte und Symbole, die die Erinnerungskultur um die Wiedervereinigung prägen, aber zwischen uns und ihnen liegt mehr als nur eine biografische Distanz. Sie sind kein Teil unseres funktionalen Gedächtnisses, welches die Anbindung vom Gestern an das Heute herstellt, sondern (wenn überhaupt) Teil des Anderen, des Fernen, des Fremden, im Speichergedächtnis abgelegten Vergangenheitswissens, wie es Aledia Assmann nennt.[9] Nur mühsam und durch Abstraktion lassen sich Verbindungslinien zwischen der Vergangenheit der Teilung und der Gegenwart der Einheit für uns herstellen, wie Befragungen von Studierenden, allesamt nach 1989 geboren, offenlegen.[10] Dies führt zu dem Befund, dass die bestehende Erinnerungskultur um die Wiedervereinigung, mit all ihren unterschiedlichen Bestandteilen, für die 1989er offenbar noch nicht anschlussfähig ist und sie sich nicht darauf eingestellt hat, dass wir die erste Generation ohne aktive oder passive Diktaturerfahrung nach 1989 im eigenen Land sind.


Wenn es das Ziel der Erinnerungskultur ist, im Sinne einer lebendigen Mahnung die Lehren aus der Vergangenheit wach zu halten, dann ist es dringend geboten, mit Blick auf die Generation 1989 mit einer Aktualisierung der Erinnerungskultur zu beginnen. Denn die Folgen könnten dramatisch sein, wenn sich die Formen des Gedenkens nicht weiterentwickeln. Die DDR selbst liefert dafür ein Beispiel: Sie erhob den Antifaschismus zu ihrem Gründungsmythos und machte ihn zum Kern ihrer Erinnerungskultur, um in der Nachkriegszeit auf personelle Kontinuitäten in der Bundesrepublik verweisen zu können.[11] Gleichzeitig lehnte sie die Verantwortung für das Erbe des Nationalsozialismus ab. Dass es auch in der DDR NS-belastete Funktionsträger und neo-nationalsozialistisch motivierte Übergriffe gab, wurde von der Staatsführung sorgfältig unter den Teppich gekehrt. Ganz nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.[12] Wohin dies führen kann, zeigte sich bei den fremdenfeindlichen Übergriffen in Rostock-Lichtenhagen 1992.[13] Die DDR hatte ihr Gedenken nie erweitert und verändert, als jüngere Generationen nach 1945 hinzukamen, die den Nationalsozialismus nicht selbst miterlebt hatten.
Die Warnsignale, dass auch die deutsche Erinnerungskultur im Jahr 2019 ihre Bindungskraft verliert, sind überdeutlich. Bei den Tumulten in Chemnitz 2018 wurde der Hitlergruß offen gezeigt, Journalisten attackiert und ein bestimmter Teil der Bevölkerung aufgrund seiner Herkunft marginalisiert; auch von jungen Menschen, die nach der Wiedervereinigung geboren wurden. An dieser Stelle muss weiter gedacht werden. Wir als 1989er müssen uns fragen, welches Geschichtsbild wir unseren Kindern weitergeben wollen. Es braucht neue Impulse bei der Vermittlung von Inhalten, den Trägerformen und der Ausrichtung der Erinnerungskultur, wenn sie auch für die Generationen nach 1989 integrative Kraft besitzen soll.

Inhalte – Aufbrüche in den Alltag

Fragen der 1989er an die Geschichte sollten in Bezug zur Lebenswirklichkeit gesetzt werden: Welche Folgen hatten die vertraglichen Regelungen der Neuen Ostpolitik in den 1970er Jahren für die Einreise von Westbürgern in die DDR? Was bedeuteten die neuen Grenzvereinbarungen für Bewohner des DDR-Sperrgebiets? Die Alltagsgeschichte liefert den leichtesten Zugang für unsere Generation zur DDR-Vergangenheit, denn sie ermöglicht es, dass wir uns historisches Wissen durch Gegenüberstellung von täglichen Erfahrungen im Gestern und Heute erschließen. Das haben einige Akteure der Erinnerungskultur bereits erkannt. Das Grenzmuseum Point-Alpha an der hessisch-thüringischen Grenze setzt seit einigen Jahren bewusst darauf, seinen Besuchern Einblicke in das Leben im Sperrgebiet zu vermitteln.[14] Ein wichtiges Mittel sind dabei die Zeitzeugen. Sie verkürzen durch die Schilderung subjektiver Eindrücke die Distanz zwischen dem Gestern und dem Heute. Dies ist nicht unumstritten, wie sich etwa an der anhaltenden Debatte um den Einsatz von ehemaligen Häftlingen als Gästeführer in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen zeigt. Aber eine richtig angewandte Oral-History, in der die Erinnerung der Zeitzeugen nicht die historische Wahrheit selbst, sondern nur ein Zugang zu dieser ist, findet bereits vereinzelt im Geschichtsunterricht ihre Anwendung und zeigt dort Erfolge.[15]
In der Hinwendung zur Alltagsgeschichte liegt noch ein weiterer, tieferer Aspekt. Sie öffnet den 1989ern auch den Blick für das, was der Historiker Alf Lüdtke den „Eigen-Sinn“ nannte und sein Kollege Stefan Wolle mit der „heilen Welt der Diktatur“ umschrieb.[16] Es war möglich, einen eigenen Raum im repressiven Staat zu beanspruchen, sich einzurichten in den Gegebenheiten. Die DDR war mehr als Bautzen und Schießbefehl. Sie war auch Ostseeurlaub und Puhdys. Zwei Seiten einer Medaille. Totalitäre Züge müssen klar benannt werden, die kleinen Freiheiten aber auch. Selbst im unmittelbaren Schatten der Grenzanlagen lebten Menschen, nicht nur in Berlin. Auch hier haben sie Dinge erlebt, die nicht nur negativ waren.[17]
Die Alltagsgeschichte könnte dazu beitragen, dass die 1989er einen leichteren Zugang zur Historie finden und zu einer differenzierten Betrachtung der DDR-Vergangenheit gelangen, vom Holzschnittartigen zur Tiefenschärfe. Eine so vermittelte Geschichte ohne vorgefertigte Denkmuster ist zudem dringend notwendig. Denn das Bild, das die 1989er voneinander in Ost und West haben, ist weniger von Vorurteilen belastet als noch eine Generation zuvor.

Vermittlungswege – Aufbrüche ins Digitale

Medien übernehmen eine wichtige Aufgabe in der Erinnerungskultur. Sie sind eine Voraussetzung dafür, dass wir uns mit dem von ihnen vermittelten Vergangenheitswissen beschäftigen können.[18] Im Radio läuft „Wind of Change“ von den Scorpions, eine der Hymnen der Wiedervereinigung. Zeitungen und Zeitschriften vermitteln Textformeln aus Reden von Politikern. Mehr noch haben Spielfilme wie Sonnenallee (1999) oder GoodBye Lenin (2003) das Bild von der DDR in den Köpfen der jüngeren geprägt. Doch der Einfluss der Medien auf die Erinnerungskultur wird bei der „visuellen Revolution“ nicht stehen bleiben.[19] Das kommunikative Gedächtnis baut auf der mündlichen Überlieferung auf, auf den Erfahrungen, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Wie hätte wohl die Definition dieser Art des Erinnerns, wie sie Jan Assmann 1992 etablierte, ausgesehen, hätte er bereits damals Twitter, Facebook und YouTube gekannt?[20]
Die Erinnerungskultur wird sich in ihren Vermittlungsformen öffnen müssen, wenn sie für die 1989er anschlussfähig werden will. Sie muss den Aufbruch ins Digitale wagen. Denn soziale Medien sind längst Teil des Alltags. 280 Zeichen bei Twitter können bei uns mehr bewirken als eine fünfteilige Fernsehdokumentation über die DDR. Erste Ansätze einer verstärkten Nutzung digitaler Medien für Erinnerungsprojekte sind bereits erkennbar. In den vergangenen Jahren hat sich angedeutet, welches Potenzial in dem Kurznachrichtendienst für die Vermittlung der deutsch-deutschen Erinnerungskultur liegen könnte. Unter #3oktober und #9november haben Zehntausende Nutzerinnen und Nutzer ihre Meinungen und Eindrücke zu zwei wichtigen Daten der Deutschen geteilt. Journalistinnen und Journalisten, Politikerinnen und Politiker sowie Historikerinnen und Historiker, allesamt zentrale Akteure für die Erinnerungskultur, haben verstärkt Twitter für Botschaften und Bilder genutzt.


Ein weiterer wichtiger, aber bisher noch weniger für die Erinnerungskultur relevanter Kanal sind Videoportale. Die Zeitzeugenplattform „Gedächtnis der Nation“ wird vom Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland betrieben. Sie erstellt und sammelt seit 1998 Zeitzeugeninterviews und veröffentlicht diese in kurzen Sequenzen seit einigen Jahren auf YouTube.[21] Bei aller Kritik an dem Projekt,[22] lässt sich doch gerade in der Verbindung mit der bereits erwähnten Alltagsgeschichte hier eine Anschlussmöglichkeit für junge Menschen schaffen. Ein Beispiel: Der Enkel fragt Opa, wie das früher war, als er zum Dienst in der Nationalen Volksarmee (NVA) eingezogen wurde. Er zeichnet die Erinnerungen auf, verarbeitet sie zu einem Video, lädt die Sequenz hoch und teilt den Link mit seinen Freunden. So wird der Kern des kommunikativen Gedächtnisses, die Weitergabe von erlebter Vergangenheit von einer Generation zur nächsten, über digitale Kanäle einer breiten Masse zugänglich gemacht und zugleich konserviert.


Auch soziale Plattformen können einen Beitrag zur Veränderung der Erinnerungskultur leisten. Facebook-Gruppen wie „DDR Kinder“, in denen Kindheitserinnerungen an Dosenwurst und Vita Cola geteilt werden, haben bereits annähernd 300.000 Mitglieder aus der Generation derer, die den Sozialismus noch selbst erlebten. Dies zeigt, welchen Stellenwert soziale Medien für den Prozess der Erinnerung bereits haben, auch wenn Gruppen dieser Art den Zeitzeugen vorbehalten sind. Natürlich besteht hier die Gefahr, dass „Ostalgie“ die Vergangenheit verklärt. Umso mehr braucht unsere Generation ein fundiertes, fakten- und forschungsbasiertes Wissen über die DDR, um die „Ostalgie“ einordnen zu können. In sozialen Netzwerken ergeben sich Räume, in denen die Jüngeren in Kontakt mit den Erinnerungen der Älteren treten können. Dies ist durchaus in einem archaischen Sinne zu betrachten: Facebook ersetzt das Lagerfeuer, an dem in der Vorzeit die Erzählungen von den Ahnen weiter gegeben wurden. So entsteht das kommunikative Gedächtnis im digitalen Raum.


Diesen Raum in der Breite durch einen vernünftigen Diskurs über die Vergangenheit zu besetzen ist dringend notwendig. Denn der Wirkungskreis und die Offenheit von Facebook ermöglichen es, Geschichtsumdeutern ihre Botschaften in die Öffentlichkeit zu bringen, etwa wenn es um die Angst vor Zuwanderung geht. „Auch wenn die DDR ein genauso falsches System war wie das jetzige, wurde da wenigstens unsere Grenze geschützt und die innere Sicherheit war zu 100 Prozent gegeben“, schreibt einer der User.[23] Angesichts solcher Parolen muss hinterfragt werden, ob das „Leichengift der Diktatur“ tatsächlich seine Wirkung für unsere demokratische Ordnung verloren hat.[24] Der öffentliche Raum im Internet hat den Kreis des Sagbaren für die Instrumentalisierung der Vergangenheit erweitert. So entsteht, aus Unwissen und Reichweite, eine Gefahr für das Erinnern an das Unrecht was den Menschen zugefügt wurde. Für die 1989er wird es auch darum gehen, auf sozialen Netzwerken solchen Fehlinterpretationen entgegen zu treten.

Individualisierung – Aufbrüche in die eigene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Die bestehende Erinnerungskultur ist in Deutschland in hohem Maße zentralisiert. Staatlich organisierte Gedenkveranstaltungen haben dazu beigetragen, bestimmte Formen des Erinnerns zu ritualisieren. Die Wiederholung von Formeln und Handlungen wurden zur Tradition und formten das kulturelle Gedächtnis.[25]


Doch stellt sich die Frage: Sind diese Formen verständlich und damit anschlussfähig für die 1989er? Denn es deutete sich bereits an, dass diese Akte der Erinnerungskultur nicht einmal mehr von allen verstanden werden, die die Teilung selbst miterlebten. Bei den zentralen Gedenkveranstaltungen im Erinnerungsjahr 2009 hatte sich gezeigt, dass die vergangenheitspolitische Inszenierung der friedlichen Revolution auf wenig Interesse in der Bevölkerung stieß. Die Notwendigkeit zur Individualisierung des Erinnerns wurde bereits damals betont.[26] Der Zugang über die Alltagsgeschichte und die Vermittlung über neue Medien und soziale Netzwerke ermöglicht für die 1989er Generation eben diese notwendige Individualisierung des Erinnerns. Jeder kann sich selbst zum eigenen Historiker machen. Die Distanz zwischen der Vergangenheit und Gegenwart des Einzelnen lässt sich so überbrücken. Diese Aufgabe können Gedenkreden nur schwer leisten. Zwei Nebeneffekte dieser Neuausrichtung werden sich einstellen: Die Individualisierung der Erinnerung wird zwangsläufig dazu führen, dass sich die Erinnerungskultur immer weniger an zentralen Akteuren, Orten und Symbolen orientiert. Dies entspricht nebenbei auch dem historischen Charakter der Zweistaatlichkeit. Es war die Summe der Handlung vieler Einzelner, die zu ihrer Überwindung führte. Die Individualisierung wird dazu beitragen, dass die Geschichte der deutschen Teilung für die Träger der Erinnerungskultur facettenreicher und tiefer wird. Es wird zudem viel schwieriger für Volksverhetzer werden, die Vergangenheit zu instrumentalisieren, wenn sie kleinteiliger und individueller wird und schwarz-weiß Kategorien in der Masse vieler individueller Erlebnisse verschwimmen. Damit leistet diese Art der Vergangenheitsbeschäftigung einen Beitrag, Geschichte nicht als Antwort auf komplexe Fragen zu missbrauchen.


Natürlich liegt in der Individualisierung auch eine Gefahr. Fehlinterpretationen können entstehen, ja sie sind sogar vorprogrammiert. Daher kann diese Art der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kein Exklusiv- oder Alternativweg zur bestehenden Erinnerungskultur sein, sondern nur eine Ergänzung. Denn es braucht nach wie vor eine Vergangenheitspolitik, die auf objektivierbarem Faktenwissen über die Vergangenheit aufbaut, und diese auch vermittelt, etwa in der Erwachsenenbildung und der politischen Bildung.


Es geht nicht darum, die bestehende Erinnerungskultur radikal zu ändern. Stattdessen geht es um eine bewusste Erweiterung bestehender Formen des Erinnerns, die auf die Lebenswirklichkeit der 1989er, die selbst die Teilung nicht miterlebten und die Freiheit und Sicherheit für weithin selbstverständlich halten, angepasst ist, aber nicht exklusiv nur ihr zur Verfügung steht. Das Erinnerungsjahr 2019 kann der Beginn eines Aufbruchs sein, der die Auseinandersetzung aller Generationen mit der Vergangenheit der deutschen Teilung beeinflusst. Aus Sicht von uns 1989ern ist dieser dringend notwendig, damit nicht selbstverständlich wird, was nicht selbstverständlich ist: Freiheit, Einheit, Demokratie.


Zitierweise: Maximilian Kutzner, Die Generation 1989 und die deutsch-deutsche Vergangenheit - Ein Plädoyer zu Aufbrüchen in der Erinnerungskultur, in: Deutschland Archiv, 21.2.2019, Link: www.bpb.de/286431

Die Redaktion ist interessiert an weiteren Fach- und Debattenbeiträgen zu diesem Thema. Vorschläge können Sie an deutschlandarchiv@bpb.de senden.

Fußnoten

1.
Die Generation 1989 meint in diesem Sinne die Geburtenjahrgänge um das Jahr 1989, anders als im Generationenmodell vorangegangener Arbeiten, in denen die Wiedervereinigung als prägendes Lebensereignis einer bestimmten Alterskohorte definiert wurde. Vgl. Claus Leggewie, Die 89er. Portrait einer Generation, Hamburg 1995.
2.
Ulrich Arnswald, Zum Stellenwert der DDR-Geschichte in schulischen Lehrplänen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 41/42 (2004), S. 28-35.
3.
Klaus Schroeder und Monika Deutsch-Schroeder (Hg.), Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern – Ein Ost-West-Vergleich, Stamsried 2008.
4.
Arbeitsgruppe im Verband der Geschichtslehrer Deutschlands, Modell für die integrierte Behandlung der Geschichte beider deutscher Staaten 1945-1990, in: Ulrich Arnswald, Ulrich Bongertmann und Ulrich Mählert (Hg.), DDR-Geschichte im Unterricht. Schulbuchanalyse – Schülerbefragung – Modellcurriculum, Berlin 2006, S. 179-222.
5.
Wie das Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam, der Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin oder das Graduiertenkolleg „Die DDR und die europäischen Diktaturen
6.
Liste der Fachsektionen des 52. Deutschen Historikertages in Münster, 25.9—28.9.2018, https://www.historikertag.de/Muenster2018/sektionen/, letzter Zugriff am 16.12.2018.
7.
Niall Ferguson, Der Westen und der Rest der Welt. Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen, Berlin 2013, S. 15.
8.
Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Stuttgart 2017, S. 6.
9.
Aleida Assmann, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999, S. 137 ff.
10.
Annette Schuhmann, Was bleibt? 22 Gedanken über das, was von der DDR geblieben ist, in: Zeitgeschichte Online (8.11.2018), https://zeitgeschichte-online.de/thema/was-bleibt, letzter Zugriff am 16.12.2018.
11.
Herfried Münkler, Antifaschismus als Gründungsmythos der DDR. Abgrenzungsinstrument nach Westen und Herrschaftsmittel nach innen, in: Reinhard Brandt und Steffen Schmidt (Hg.), Mythos und Mythologie, Berlin 2004, S. 221-236.
12.
Jürgen Danyel, Der vergangenheitspolitische Diskurs in der SBZ/DDR 1945-1989, in: Christoph Cornelißen (Hg.), Krieg – Diktatur - Vertreibung. Erinnerungskulturen in Tschechien, der Slowakei und Deutschland seit 1945, Essen 2005, S. 173-196.
13.
Christoph Koch, Das Sonnenblumen-Haus, in: Neon, 26.10.2007, S. 17.
14.
Informationen zur Dauerausstellung „Freiheiten“ https://pointalpha.com/gedenkstaette/historischer-ort/haus-auf-der-grenze/freiheiten-0, letzter Zugriff am 16.12.2018.
15.
Gerhardt Henke-Bockschatz, Zeitzeugenbefragung, in: Ulrich Mayer (Hg.), Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht, Schwalbach im Taunus 2013, S. 354-369.
16.
Alf Lüdtke, Eigen-Sinn. Fabrikalltag, Arbeitererfahrungen und Politik vom Kaiserreich bis in den Faschismus, Hamburg 1993; Stefan Wolle, Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989, Berlin 1998
17.
Maximilian Kutzner, Alltagsleben im Grenzgebiet. Ein Oral History Projekt, in: Deutschland Archiv Online, 26.08.2013, http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/kutzner-alltagsleben-im-grenzgebiet/, letzter Zugriff am 16.12.2018.
18.
Christoph Classen, Medien und Erinnerung, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.), Dossier Geschichte und Erinnerung, 26.8.2008, http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-und-erinnerung/39857/medien-und-erinnerung?p=all, letzter Zugriff 16.12.2018.
19.
Ebd.
20.
Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992, S. 56f.
21.
https://www.zeitzeugen-portal.de/ueber-uns, letzter Zugriff 16.12.2018.
22.
Prof. Dr. Norbert Frei im Gespräch mit Britta Bürger, Deutschlandfunk Kultur, 12.10.2011, https://www.deutschlandfunkkultur.de/erinnerungen-veraendern-sich.954.de.html?dram:article_id=146672, letzter Zugriff 16.12.2018.
23.
Vgl. https://www.facebook.com/search/str/innere+sicherheit+ddr/keywords_blended_posts, letzter Zugriff 16.12.2018.
24.
Thomas Großbölting, Die DDR im vereinten Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 25/26 (2010), S. 35-41.
25.
J. Assmann, Gedächtnis (Anm. 20), S. 18ff.
26.
Großbölting, DDR (Anm. 24).

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