30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Beleuchteter Reichstag

5.11.2019 | Von:
Joachim Jauer

Die Mauer fiel nicht in Berlin am 9. November...

...sondern im ungarischen Hegyeshalom sechs Monate zuvor.

Die Vorgeschichte des Mauerfalls wird in Deutschland kaum beachtet, sagt der ehemalige Osteuropa-Korrespondent des ZDF, Joachim Jauer. Er rekonstruiert, wie Ungarns Regierung bereits am 2. Mai 1989 den "Eisernen Vorhang" zerschneiden ließ und damit den ersten Stein aus der Berliner Mauer brach.

Beginn der Demontage des Grenzzauns nahe Nickelsdorf (Österreich) und Hegyeshalom (Ungarn) am 2. Mai 1989 durch ungarische Grenzer.Beginn der Demontage des Grenzzauns nahe Nickelsdorf (Österreich) und Hegyeshalom (Ungarn) am 2. Mai 1989 durch ungarische Grenzer. (© picture-alliance, Votava)

Am 23. November 1988 wählten die ungarischen Kommunisten sehr überraschend einen Wirtschaftsfachmann zum Ministerpräsidenten. Der damals 40-jährige Miklós Németh galt als Reformer, der das hoch verschuldete Land vor der Pleite retten sollte. An seinem ersten Arbeitstag, so erzählte mir Németh, habe er sich den Plan der Staatsausgaben vorlegen lassen. Er habe seinen Rotstift gezückt und einen der Posten von umgerechnet 200 Millionen Dollar gestrichen. Hätte der bedeutende österreichische Schriftsteller Stefan Zweig 1988 erlebt, er hätte die Bürostunde des Miklós Németh sicher in seine »Sternstunden der Menschheit« aufgenommen, »solche schicksalsträchtigen Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde und oft nur eine Minute zusammengedrängt ist«.

Der Rotstift galt den maroden Grenzanlagen zu Österreich mit Stacheldraht, der gegen Devisen aus dem westlichen Ausland hätte beschafft werden müssen, so Németh. Da habe er sich entschlossen: »Das Ding muss weg.«

Ein Vierteljahr später, am 5. März 1989, reiste Ministerpräsident Németh nach Moskau zu einem Treffen mit dem sowjetischen Parteichef Gorbatschow. Németh hatte fünf Punkte im Gepäck, doch die hatten es in sich: Einführung eines Mehrparteiensystems und damit Verzicht auf das Machtmonopol der Kommunistischen Partei. Dann Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen, an die hunderttausend Mann, und Abtransport auch der atomaren Mittelstreckenraketen aus Ungarn. Doch der brisanteste Punkt war sein Plan zum Abbau des Eisernen Vorhangs. Er habe Gorbatschow »nicht um Genehmigung gebeten, sondern ihn nur informiert«, versicherte Németh.

In unserem Gespräch fragte ich Miklós Németh, wie der sowjetische Parteichef auf diesen heikelsten Punkt, den Abbau des Eisernen Vorhangs, der ja zugleich Teil der Grenze des kommunistischen Machtbereichs zum Westen Europas war, reagiert hätte. »Das ist deine Entscheidung, Miklós, das ist deine Verantwortung, mir ist das egal«, habe der mächtigste Mann des Ostblocks geantwortet. Und Gorbatschow versprach, solange er im Amt sei, werde es keine »Wiederholung von 1956« geben, also keinen sowjetischen Einmarsch mehr in ein aufmüpfiges Bruderland.

Sorge vor sowjetischen Hardlinern

Németh sagte mir dann, das sei natürlich keine Garantie dafür gewesen, dass alles glatt laufen würde. Denn er und die ungarischen Reformer konnten keineswegs ausschließen, dass Gorbatschow seine Machtposition gegen die stalinistischen Hardliner in Moskau würde behaupten können. Und er musste auch scharfe Reaktionen, besonders wirtschaftlichen Boykott der »Bruderstaaten«, allen voran der DDR, fürchten. Wie gefährlich das alles war, habe ich erst lange Jahre nach 1989 erfahren.

Zur gleichen Zeit gab es in Polen die erste Maikundgebung der Solidarność, der ersten freien Gewerkschaft im sozialistischen Lager. Gerade zwei Wochen war Solidarność nach sieben Jahre langem Verbot durch Verhandlungen am Runden Tisch wieder zugelassen. Die Polen demonstrierten für höhere Löhne, eine bessere Versorgung, aber vor allem für Freiheit und Demokratie.

Zuvor hatten sich einige Zehntausend rings um die Stanislaus-Kostka-Kirche versammelt, um während eines Gottesdienstes des von polnischen Geheimdienstpolizisten ermordeten Priesters Jerzy Popiełuszko zu gedenken.

Beim Nachbarn DDR das Übliche, wie ich es oft erlebt habe. In Ost-Berlins Karl-Marx-Allee machte der kommandierende General der Nationalen Volksarmee im offenen sowjetischen Straßenkreuzer vor dem Podest der Staats- und Parteiführung Halt, begrüßte und beglückwünschte per Megafon die Abordnungen der NVA zum 1. Mai, dem Internationalen Kampftag der Arbeiterklasse. Und die Männer aller Waffengattungen in Paradeuniform brüllten jedes Mal »Hurra, hurra, hurra«.

Dann der perfekt organisierte Vorbeimarsch von über einer halben Million Ost-Berlinern, eine Prozession unter roten Fahnen mit Treueschwüren zur Partei von Marx und Lenin. Die Losungen und Verpflichtungen auf den Transparenten waren vom Zentralkomitee der SED Wochen zuvor formuliert und genehmigt worden, die Transparente im Auftrag der Partei vorgefertigt. Lautsprecher entlang der Karl-Marx-Allee brüllten Kampflieder der Arbeiterbewegung vom Bande.

Rote Nelken gab es reichlich, und alle zusammen liefen begeistert oder mürrisch drei Stunden lang für den Aufbau des Sozialismus an den Herren auf dem Ehrenpodest vorbei. Die winkten den Demonstranten und den Fernsehkameras leutselig zu. Alle hatten ein Sommerhütchen auf, wie es die alten Männer im Saarland tragen. Der Saarländer Erich Honecker bestimmte nicht nur die Richtlinien der Partei, er war auch modisch tonangebend, die Nomenklatura der Einheitspartei trug Einheitsanzüge in DDR-Grau.

Die DDR-Nachrichtensendung Aktuelle Kamera berichtete über den sozialistischen »Tanz in den Mai« in ihrer Halbstundensendung – nur ergänzt durch den Wetterbericht – 27 Minuten lang. Was die Riege der alten Herren auf dem Podest nicht ahnte oder nicht wahrhaben wollte: Dies sollte die letzte Maidemonstration in der Geschichte der DDR sein. Denn vom nächsten Morgen an sollte alles anders sein im eingezäunten, zugemauerten und mit Schusswaffen bewachten Ostblock.

In Budapest war ein klassisch-kommunistisches Ritual nicht mehr zu besichtigen. Der »Kampftag der Arbeiterklasse« war im Dauerregen gerade noch eine halbe Stunde lang, man beeilte sich, ins Trockene zu kommen. Nur noch ein paar Tausend Genossen waren morgens an Budapests Aufmarschmeile erschienen, alle mit Regenschirmen, wenige mit einer roten Fahne dazu. Jahrzehntelang waren sie am Maifeiertag vor dem 10 Meter hohen Bronze-Lenin aufmarschiert. Doch der war über Nacht verschwunden, und so stand Nochparteichef Károly Grósz mit dem letzten Aufgebot der einst mächtigen Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei etwas ratlos vor dem Sockel des Schriftgelehrten der Russischen Revolution. Reformkommunist Grósz kündigte seiner klein gewordenen Anhängerschar »trübe Jahre« an und forderte noch schnell von der eigenen Partei konsequente wirtschaftliche und soziale Erneuerung im Bündnis mit den Gewerkschaften. Die hatten sich allerdings gerade nach dem Vorbild der polnischen Solidarność von der kommunistischen Vormundschaft befreit und selbständig gemacht. Die Kommunisten besaßen nicht mehr das Versammlungsmonopol und blieben unter sich. Dagegen hatte die im Februar wieder gegründete Sozialdemokratische Partei bei ihrer Maifeier bereits internationale Gäste, auch einen aus der Bundesrepublik Deutschland: Peter Glotz, SPD.

"Eine äußerst wichtige Pressekonferenz"

In Budapest war der späte Nachmittag des 1. Mai für Kamerateam und Korrespondent frei. Nach Gulyassuppe, Lammpörkölt und Somloer Nockerln gab es im Hotel reichlich Bier und den »einzigartigen« Unikum. Dieser Kräuterschnaps hilft seit Generationen dem Magen gegen Ungarns gute Küche. Vielleicht wäre es nicht bei einem einzigen Unikum geblieben, wenn uns nicht – völlig außergewöhnlich – ein Mitarbeiter des Außenministeriums am frühen Abend zu einer »äußerst wichtigen Pressekonferenz der ungarischen Grenztruppen« am nächsten Morgen eingeladen hätte.

So brachen wir um 6 Uhr morgens auf und kamen ins 200 Kilometer entfernte Hegyeshalom. Der frühe Morgen war verregnet. Aprilwetter am 2. Mai 1989. Militärpolizei erwartete uns an der Einfahrt von Hegyeshalom, einer Grenzstation nach Österreich. Man geleitete uns in die Dorfschule. Der Klassenraum war von Journalisten und 10 Fernsehteams überfüllt, vor der Tafel an einem Tisch führende Offiziere der ungarischen Grenztruppen. Wir Korrespondenten, Österreicher, Ungarn, Amerikaner und Deutsche, rätselten, warum man uns in eine Zwergschule an der Strecke Budapest–Wien nahe dem Grenzübergang nach Österreich eingeladen hatte.

Pressekonferenzen haben ihre eigenen Gesetze. Entweder will der Veranstalter eine Botschaft an die Journalisten loswerden, die ist dann verbunden mit Eigenwerbung oder Eigenlob. Oder man lädt gezwungenermaßen ein, weil man auf unangenehme Fragen der Öffentlichkeit eine Antwort geben muss. Die Pressekonferenz im Grenzort Hegyeshalom hatte nichts von beidem. Sie begann ohne Eigenlob mit einer langstieligen Erläuterung der Aufgaben von Ungarns Grenzbewachern im Rahmen des Warschauer Pakts. Und dass die Grenze als Friedensgrenze bewacht wird und auch in Zukunft bewacht werden muss, betonte der General.
Im Sommer 1989 verwaist: die ungarische Grenzstation HegyeshalomIm Sommer 1989 verwaist: die ungarische Grenzstation Hegyeshalom (© picture-alliance, APA/picturedesk)

Kameramann Peter Schumann schickte schon fragende Blicke, ob er das alles aufnehmen solle. Dann übernahm ein zweiter Offizier, und der kam zur Sache. Die Grenze Ungarns zu Österreich, also zum Westen, sei 354 Kilometer lang, durch hohe Stacheldrahtverhaue und durch eine elektronische Warnanlage gesichert, aber bedauerlicherweise sei das ganze System altersschwach und verrostet, also untauglich geworden und daher erneuerungsbedürftig. Oberst Balász Nováky dann wörtlich:

»Mit den Grenzbefestigungen hätten wir drei Möglichkeiten. Die Anlagen reparieren, das kostet viel Geld. Das Sperrsystem völlig zu erneuern, das wäre noch viel teurer. Oder schließlich die politische Grenzideologie zu ändern, und das heißt die Sperren abzureißen.«

Geschätzte Kosten für die Runderneuerung: 200 Millionen US-Dollar. Dieses Geld, so der Oberst, stehe wegen der hohen Auslandsverschuldung Ungarns nicht zur Verfügung, und daher werde die gesamte verrottete Sperranlage demontiert. Die Bevölkerung werde gebeten, das Militär beim Abbau der Drahtzäune zu unterstützen.

Das alles haben wir wie üblich gedreht, und ich habe automatisch mitgeschrieben. Nur langsam begriff ich, was das bedeuten könnte. Für den Korrespondenten aus Berlin war der Eiserne Vorhang selbstverständlich Teil des gesamten kommunistischen Machtbereichs.

Die Geschichtsstunde von Hegyeshalom Limes, zu dem als letztes, 1961 geschlossenes Schlupfloch die Berliner Mauer gehörte. Wenn also hier, beim Dorf Hegyeshalom an der Grenze zu Österreich der Stacheldraht mit dem elektronischen Meldesystem entfernt würde, hätten auch Flüchtlinge aus der DDR eine neue, bislang ungekannte Chance.

Der erste fehlende Stein der Mauer

Das Loch im Eisernen Vorhang wäre – tausend Kilometer entfernt – der erste fehlende Stein der Mauer von Berlin und damit der Dominostein, der eine Kettenreaktion auslösen könnte, an deren Ende der gesamte Eiserne Vorhang ausgedient hätte. Ich fragte den Oberst Nováky, ob denn »die völlige Entfernung der Grenzanlagen mit dem Warschauer Pakt abgestimmt« sei und ob »die DDR protestiert« hätte. Militärisch knapp antwortete der Oberst: »Diese Maßnahme der ungarischen Regierung ist eine innere Angelegenheit unseres Landes.«

»Und was wird aus den Urlaubsreisen für DDR-Bürger?«, fragte ich Nováky weiter: »Wir befassen uns nicht mit den Entscheidungen anderer Staaten bezüglich der Reisen ihrer Bürger nach Ungarn. Dies wiederum ist eine innere Angelegenheit dieser Staaten.«

Ende der Pressekonferenz, Fahrt von der Dorfschule mit Bussen ins Grenzgebiet, zwischen die gestaffelt gebauten Drahtverhaue, die für viele Menschen das Ende ihres Weges in die Freiheit bedeutet hatten und für eine unbekannte Zahl von Flüchtlingen schwere Verletzungen oder gar den Tod. Maigrün das Gras zwischen den rostigen Stacheldrahtwänden und mittendrin ein kleiner Empfang für die internationale Presse in einem weißen Partyzelt mit heißem Kesselgulyas, Würstchen, Cola und Kaffee. Picknick im Landregen zwischen zwei Welten.

Dann Militärlastwagen, Soldaten sprangen ab, traten ohne Waffen in Zehnerabteilungen an. Sie trugen dicke Schutzhandschuhe, die bis zum Ellenbogen reichten, und große Scheren. Das Kommando »Elöre – Vorwärts«, und wie im Takt begannen die Männer der Grenztruppe, den Stacheldraht zu zerschneiden.

Andere wickelten die rostigen Reste auf große Spulen. Zur gleichen Zeit wurde bei den Ortschaften Köszeg und Sopron mit dem Entfernen des Eisernen Vorhangs begonnen, und die Bevölkerung schaute erstaunt zu, bevor sie sich entschloss, gemeinsam mit den Grenzschützern wegzuräumen, was für sie über 40 Jahre lang das Ende ihrer Welt markierte.

Mauer und Schießbefehl als "Anachronismus"

Der Reformkommunist Imre Pozsgay, den man den Gorbatschow Ungarns nannte, erklärte, »Wachtürme, Stacheldraht und Schießbefehl sind ein Anachronismus«. Und: »Ungarn ist nicht bereit, mit Waffengewalt die Grenze anderer Staaten (die der DDR) zu schützen.«

Die Fernsehnachricht von der ungarischen Grenze war Tage später der Gesprächsstoff in den morgendlichen Brigadeversammlungen der DDR, die Bürger hatten verstanden und offen und energisch gefragt, ob ihre Urlaubsreise nach Ungarn gefährdet sei. Vielleicht war die ahnungsvolle Prophezeiung des Presseoffiziers der ungarischen Grenztruppen Anlass für Tausende, ihre Koffer in Richtung Budapest zu packen. Denn im heute journal des ZDF am Abend des 2. Mai hatte der Mann auf meine Frage, ob denn da nun jeder durchkönne, durch dieses Loch im Zaun, geantwortet: »Natürlich sichern wir die Grenze durch Streifengänge im Hinterland. Aber wahrscheinlich wird es demnächst hier so etwas wie eine Völkerwanderung geben. Doch nach einem halben Jahr oder so wird sich das auch wieder beruhigen.« So etwas wie eine Völkerwanderung.

Diese Nachricht, die natürlich nicht in den DDR-Medien, sondern nur über Westrundfunk und -fernsehen verbreitet wurde, hatte Folgen: Mielkes Staatssicherheit registrierte bereits in den ersten Maiwochen einen »bemerkenswerten Anstieg von Reiseanträgen nach Ungarn in allen Bezirken der Republik«.

Eiserner Vorhang - ein Begriff von Goebbels geprägt

Eiserner Vorhang: Das Wort wurde von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels kurz vor dem Untergang der Hitlerei als letzte Warnung vor dem Bolschewismus geprägt, es werde »sich ein eiserner Vorhang über Europa senken«. Dieses Bild hat der britische Kriegspremier Winston Churchill dann als Beschreibung von Stalins Teilungspolitik übernommen. In einer Rede am 6. März 1946 sagte er in Fulton, Missouri, USA:

«Von Stettin an der Ostsee bis nach Triest an der Adria ist ein Eiserner Vorhang quer durch den Kontinent heruntergelassen. Hinter dieser Linie liegen alle Hauptstädte der altehrwürdigen Staaten von Mittel- und Osteuropa: Warschau, Berlin, Prag, Wien, Budapest, Belgrad, Bukarest und Sofia. Alle diese berühmten Städte und die Bevölkerung ringsherum liegen in dem, was ich den sowjetischen Bereich nennen muss. Und alle sind in der einen oder anderen Weise nicht nur dem sowjetischen Einfluss, sondern in einem hohen, in manchen Fällen wachsenden Ausmaß Moskauer Kontrolle unterworfen.«

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges errichteten die Kommunisten auf sowjetischen Befehl ein nahezu unüberwindliches Sperrsystem zwischen Europa Ost und West. Die Berliner Mauer mit Wachtürmen und Schießbefehl für die Grenztruppe, mit Stacheldraht und Minenfeldern, mit Hundelaufwegen und Selbstschussanlagen war seit August 1961 der Schlussstein dieser Abgrenzungspolitik. Das ganze Territorium hinter den martialischen Befestigungen auf östlicher Seite war militärisches Sperrgebiet.

Viele Bewohner dieser Gegenden in der DDR wurden zwangsweise umgesiedelt und ins Hinterland gebracht. Die sehr grenznah in ihren Häusern bleiben durften, galten als zuverlässige Genossen und hatten Spezialausweise, mit denen sie nach scharfen Kontrollen die verbotene Zone betreten durften. Und trotz dieses – kalten – Kriegszustandes gelang vielen »Grenzverletzern« (Sprachregelung Ost), »Sperrbrechern« (Fachausdruck West) die Flucht in den Westen.

Wohl ebenso viele Fluchtversuche scheiterten, viele hundert, vielleicht sogar ein paar tausend Menschen wurden durch Schüsse aus Maschinenpistolen oder durch Minen schwer verletzt oder getötet. Niemand kennt die genaue Zahl. Ein vom SED-Politbüro beschlossener genereller Schießbefehl existiert offenbar nicht in schriftlicher Form. Allerdings liegt ein Protokoll mit der Unterschrift des SED-Generalsekretärs und Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates der DDR, Erich Honecker, vor, das die Existenz eines Schießbefehls bestätigt: »Nach wie vor muss bei Grenzdurchbruchsversuchen von der Schusswaffe rücksichtslos Gebrauch gemacht werden, und es sind die Genossen, die die Schusswaffe erfolgreich angewandt haben, zu belobigen«, so Erich Honecker am 6. Mai 1974.

»Anruf – Warnschuss – Zielschuss«

Bereits am 22. August 1961, also neun Tage nach Beginn des Mauerbaus war jedoch der mündliche Befehl »Anruf – Warnschuss – Zielschuss« von der SED-Zentrale an die Grenzeinheiten ausgegeben worden, wirksam vom 24. August 1961, 0 Uhr an. Noch am selben Tag, nachmittags um 16.10 Uhr, befolgten die Mauerwächter den Befehl. Günter Litfin, 24 Jahre alt, wurde beim Schwimmen durch den Humboldthafen in Berlin-Mitte erschossen.

Der Volkspolizei-Bericht mit dem Betreff »Verhinderter Grenzdurchbruch an der Staatsgrenze unter Anwendung der Schusswaffe« gibt wörtlich zu Protokoll: »Nachdem eine MPI-Salve von drei Schuss einige Meter vor dem Grenzverletzer ins Wasser abgefeuert wurde und dieser nicht umkehrte, erfolgte die Abgabe von zwei gezielten Schüssen, worauf der Grenzverletzer unterging.«

Das Gerichtsmedizinische Institut der DDR verzeichnete auf dem Totenschein: »Tod durch fremde Hand. Hals- und Mundbodendurchschuss, verbunden mit Ertrinken.« Günter Litfin war der erste Mauertote.

Dieser Text ist dem Buch entnommen: Joachim Jauer, Die halbe Revolution. 1989 und die Folgen, München 2019Dieser Text ist dem Buch entnommen: Joachim Jauer, Die halbe Revolution. 1989 und die Folgen, München 2019.
Ich habe als junger Redaktionsmitarbeiter von RIAS Berlin beobachtet, wie sein Leichnam geborgen wurde. Die West-Berliner Polizei hat mich auch als Augenzeugen notiert. Wir am Westufer des Humboldthafens mussten mit ansehen, wie Taucher der DDR-Volkspolizei den Toten durch das Wasser bis zu einer Treppe zogen, über die er dann – buchstäblich am Kragen gepackt – an Land geschleift wurde. Der Täter, ein Transportpolizist aus Halle, erhielt nach der Wende in einem der Mauerschützenprozesse ein Jahr mit Bewährung wegen »Totschlags minderer Schwere«. Selbst dieses milde Urteil bezeichnete er als »Sieger- bzw. Rachejustiz«. Flüchtlinge, die von den Grenzwächtern gefasst wurden, erhielten keine Bewährungsstrafen, sie wurden von DDR-Gerichten meist zu mindestens zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Das Staatsverbrechen hieß »Republikflucht«.

Das Tabu "Republikflucht"

In den SED-gelenkten Medien wurde, wenn überhaupt, nur in kurzen Zeilen über »Grenzverletzer« berichtet. Die Gründe für »Republikflucht« wurden öffentlich nicht diskutiert. 1975 brach die Leipziger Rockband Klaus Renft Combo dieses Tabu. In der Rockballade vom kleinen Otto schilderten die Musiker das Schicksal des kleinen Otto Ost, der zum großen Otto West fliehen wollte.

Der Song durfte in der DDR nicht öffentlich gespielt werden. Die Renft Combo wurde aufgelöst und verboten, zwei ihrer Musiker kamen ins Stasigefängnis Berlin-Hohenschönhausen, wurden später zwangsweise ausgebürgert und in den Westen abgeschoben. Die Rockballade vom kleinen Otto haben wir in Absprache mit den jungen Rockmusikern im ZDF gesendet:

Seine Kinderjahre
Lagen ihm im Magen
Wie Steine, doch er weint nicht mehr
Manchmal sagte Otto
Leben ist wie Lotto
Doch die Kreuze macht ein Funktionär!
[…] Als er mal ein Foto
Sah vom großen Otto
Aus Hamburg an der Reeperbahn,
Schrieb dem Namensvetter
Er: Du bist mein Retter,
Der mir die Freiheit kaufen kann!

[…]
Der mehrfach wiederholte Refrain lautet:

Ob ich nach Norden
Ob ich nach Norden
Ob ich nach Norden flieh?


Doch der »kleine Otto« hoffte vergeblich auf einen vom »großen Otto« bezahlten Fluchthelfer:

Die deutschen Mark, die harten
Ließen auf sich warten
Da ging er an die Autobahn
Und fuhr ungefährdet
Bis nach Wittenberge.

Dort sprang er auf’n Elbekahn
Nimm mich mit, oh Kapitän,
Auf die Reise!
Nimm mich mit, oh Kapitän,
Durch die Schleuse!


Doch die im Lied besungene Republikflucht als blinder Passagier scheiterte. Der »kleine Otto« kam ins Gefängnis. Seinen zweiten Fluchtversuch danach überlebte er nicht:

Nach dem Tütenkleben
Wollt er nicht mehr leben.
Er fuhr nach Wittenberge rauf.
Und ging in die Elbe,
Die Stelle war die selbe.
Vielleicht taucht er in Hamburg wieder auf.


Diese verbotene Rockballade hat wie kaum ein anderer Text die Unbarmherzigkeit der geschlossenen Schleuse Richtung Westen beschrieben und damit die Hoffnungslosigkeit der jungen Generation, einmal den Rest der Welt sehen zu dürfen. Die sensationelle Öffnung des Eisernen Vorhangs im Mai 1989 durch Ungarn war in den siebziger Jahren für die jungen DDR-Bürger außerhalb ihres Vorstellungsvermögens.

»Wenn die Menschen in der DDR das sehen, fangen sie an zu laufen.«

Auf der Rückfahrt von Hegyeshalom nach Wien hatten wir im Autoradio Deutsche Welle geschaltet und hörten einen Bericht aus Moskau. Dort erinnerte man an den 2. Mai, den Tag, an dem die siegreiche Sowjetarmee auf der Ruine des Reichstags in Berlin die rote Fahne gehisst hatte: Damals Beginn des Kalten Kriegs und nun Beginn der Nachkriegszeit. Weder Ostberlin noch Bonn haben 1989 aktuell den 2. Mai von Hegyeshalom in seiner politischen und historischen Dimension erkennbar wahrgenommen.

Doch Axel Hartmann, Büroleiter des Kanzleramtsministers Rudolf Seiters, wurde hellwach. Während er am 2. Mai abends seinem Chef den üblichen Tagesbericht vorlegte, lief im Hintergrund der Fernseher mit meinem heute-Bericht über das Loch im Grenzzaun. Hartmann, der lange Jahre zuvor in der deutschen Botschaft Budapest Erfahrungen mit fluchtwilligen DDR-Bürgern gesammelt hatte, sagte: »Herr Minister, das gibt Arbeit. Wenn die Menschen in der DDR das sehen, fangen sie an zu laufen.«

"Frag mal deine Genossen in Ungarn, was das an der Grenze da soll!«

Natürlich haben die SED-gelenkten Medien die Nachricht vom Grenzabbau der Ungarn verschwiegen. Die Staatssicherheit aber hatte den Vorgang registriert, allerdings bei der Staats- und Parteiführung nicht Alarm geschlagen. Doch bei der nächsten Sitzung des Politbüros fragte SED-Generalsekretär Erich Honecker laut in die Runde, was denn da in Ungarn an der Grenze los sei, er habe da merkwürdige Bilder im Fernsehen – in meinem heute-journal-Bericht des ZDF! – gesehen, so erzählte mir Ex-Politbürokrat Günter Schabowski. »Heinz«, habe Honecker dem DDR-Verteidigungsminister Heinz Kessler energisch aufgetragen, »Heinz, frag doch mal deine Genossen in Ungarn, was das an der Grenze da soll!«

Genosse Heinz kam nach einer halben Stunde mit der beruhigenden Auskunft zurück, die Ungarn hätten versichert, dass die Grenze ordentlich bewacht sei. Mit einem internen Vermerk an Honecker hat Kessler das dann noch einmal schriftlich bestätigt. Bei der »planmäßigen Demontage des Grenzsignalzauns an der Staatsgrenze der Ungarischen Volksrepublik zu Österreich« – nur von einem Signalzaun schrieb Kessler – gehe er davon aus, dass »es sich lediglich um eine grenzkosmetische Maßnahme handele und die ungarische Regierung die Ordnung an der Grenze wie bisher gewährleisten werde«.

Im Vertrauen auf die mit Budapest und den anderen Staaten des Warschauer Vertrags geschlossenen Verträge, die alle Bruderländer verpflichteten, ostdeutsche Flüchtlinge der DDR-Staatssicherheit auszuliefern, konnten oder wollten die Herren des Politbüros nicht wahrhaben, was unter dieser »Grenzkosmetik« zu verstehen war.
Zwei Tage vor dem Mauerfall am 9. November 1989 meldet die Zentrale Auswertungsgruppe des MfS, dass seit der Grenzzaunöffnung in Sopron insgesamt 51.010 DDR-Bürgerinnen und Bürger die DDR über die ungarisch-österreichische Grenze "ungesetzlich verließen", wie es in dem Stasi-Dokument heißt.Zwei Tage vor dem Mauerfall am 9. November 1989 meldet die Zentrale Auswertungsgruppe des MfS, dass seit der Grenzzaunöffnung in Sopron insgesamt 51.010 DDR-Bürgerinnen und Bürger die DDR über die ungarisch-österreichische Grenze "ungesetzlich verließen", wie es in dem Stasi-Dokument heißt. (© BStU, MfS, ZKG, 21574, Bl.30)

Politbüro verkannte die Dimension des Geschehens

Doch Honecker, noch immer misstrauisch, schickte sicherheitshalber seinen Außenminister Oskar Fischer mit der Frage nach Moskau, was denn der ungarische Stacheldrahtverzicht für die gesamte Einzäunung des sozialistischen Lagers bedeute.

Fischer kam mit der nicht gerade zufriedenstellenden Antwort nach Ostberlin zurück, Gorbatschows Leute hätten darauf hingewiesen, dass die Grenzordnung innere Angelegenheit von Ungarn sei. Neun Tage später sah sich das Innenministerium der DDR gezwungen, ohne jede Begründung in der FDJ-Zeitung Junge Welt zu versichern, Reisen nach Ungarn seien wie bisher möglich, Beschränkungen gebe es nicht. Die DDR-Regierung bestätigte damit indirekt die nur in den Westmedien publizierte Meldung vom »Loch im Eisernen Vorhang«.

Der damalige ungarische Botschafter in Bonn, István Horváth, erzählt in seinen Erinnerungen von einem Gespräch im Bonner Kanzleramt wenige Wochen später. Man habe ihn gebeten, nach Budapest zu berichten, dass sich »die Zahl der DDR-Bürger, die einen Reiseantrag nach Ungarn stellten, um 30 bis 40 Prozent erhöht« habe. Die Behörden der DDR versuchten, die Reisewilligen zu überreden, wegen der »unsicheren innenpolitischen Lage« nicht nach Ungarn zu fahren. Oder sie verweigerten ohne jede Begründung die Erteilung eines »Sichtvermerks für den visafreien Verkehr nach Ungarn«.

Es seien auch Informationen gestreut worden, ungarische Grenzer hätten »wegen der unsicheren innenpolitischen Lage« die Grenzen dicht gemacht, offenbar als ideologische Gegenoffensive zu den Berichten im Westfernsehen, dass Ungarn den Eisernen Vorhang geöffnet hatte. Budapest hatte Bonn auf dessen besorgte Anfrage diplomatisch-diskret wissen lassen, dass die ungarischen Grenzsoldaten keinen Schießbefehl mehr hätten. Waffen trügen sie seit dem Beitritt zur Genfer Flüchtlingskonvention nur noch zum Selbstschutz.

Verzicht auf Zurückführungen in die DDR

Mitte Juni waren bereits Hunderte meist junger DDR-Bürger in Budapest und versuchten von dort aus über die nunmehr »grüne« Grenze zu kommen. Mehrere hundert Flüchtlinge wurden bis August von ungarischen Grenzstreifen im Hinterland festgenommen, verwarnt, aber im Sommer 1989 – offenbar auf Intervention von Ministerpräsident Németh – nicht mehr in die DDR zurückgeschickt. Miklós Németh hatte diese Weisung erteilt, nachdem er erfahren hatte, dass ein Flüchtling beim illegalen Überschreiten der Grenze zu Österreich in einem Handgemenge erschossen worden war. Andere Flüchtlinge berichteten aber, dass die Grenzer sie zwar festgenommen hätten, sie dann auf der Wache jedoch hätten ausschlafen lassen, ihnen Verpflegung und sogar einige Forint aus dem eigenen Portemonnaie mit auf den Weg gegeben hätten. Vielen anderen gelang im Juli und August 1989 rings um das Gebiet des Neusiedler Sees bei Nacht die Flucht nach Österreich.

Ungarn machte sich frei und damit Europa auch. Balázs Nováky, inzwischen General im Ruhestand, sagte mir viele Jahre später, es wäre wohl der größte Fehler gewesen, wenn die ungarischen Grenztruppen die Aktion Drahtschere heimlich und im Stillen begonnen hätten. Im Gegenteil, das sei eine Entscheidung der ungarischen Regierung gewesen, die große Öffentlichkeit verdiente.
Am 12 Juli 1989 besuchte der damalige US-Präsident George H. Bush das Parlament in Budapest. Ungarns Premierminister Miklos Nemeth machte ihm dabei ein besonderes Geschenk - eine Plakette mit Stacheldraht des einstigen "Eisernen Vorhangs".Aus der Grenze wurden Souvenirs. Am 12 Juli 1989 besuchte der damalige US-Präsident George H. Bush das Parlament in Budapest. Ungarns Premierminister Miklos Nemeth machte ihm dabei ein besonderes Geschenk - eine Plakette mit Stacheldraht des einstigen "Eisernen Vorhangs" zwischen Österreich und Ungarn. (© picture-alliance/AP)

Nováky steht am Rand eines Weizenfeldes, an der Stelle, wo seine Pioniere damals im einstigen Todesstreifen die Grenzpfähle mit dem Stacheldraht entfernten und auf Militärlastwagen luden, auf LKW der Marke IFA, Modell W 50, Importe aus Ludwigsfelde, DDR.

»Uns war klar«, erinnert sich Nováky, »dass dies ein wichtiges Ereignis der damaligen Weltpolitik war und weitere Prozesse auslösen wird, zu denen es ohne diesen Schritt gar nicht gekommen wäre oder nur sehr viel später. Heute stehen wir genau da, wo es am 2. Mai 1989 losging. Wer hätte damals gedacht, dass fast genau 15 Jahre danach Ungarn EU-Mitglied wird.«

Tatsächlich wollten die Budapester Reformkommunisten mit der sehr risikoreichen, weil einseitigen Öffnung des Eisernen Vorhangs ihre Eintrittskarte in das freie Europa lösen. Darauf hatten viele Magyaren seit der Niederschlagung des Aufstandes von 1956 im Stillen gewartet. Ungarische Bürger konnten bereits seit Jahren regelmäßig in den Westen reisen, wenn sie denn ausreichend Geld dafür hatten. Ihnen also galt die Grenzöffnung nicht.

Heimlich den Grenzabbau zuvor geübt

Viel früher als damals bekannt hatten die ungarischen Grenztruppen die Aktion geplant und geübt. An der unverdächtigen Grenze zum Bruderstaat Tschechoslowakei hatten die Pioniere das maschinelle Ausheben der Grenzpfähle und das automatische Aufwickeln des Stacheldrahts geprobt. Genutzt wurden pikanterweise Spezialmaschinen aus der DDR.

Oberst Nováky hatte die Übungen der Pioniere 1988 gewissermaßen als Lehrfilm per Video aufzeichnen lassen. Der damalige Ministerpräsident Németh erklärte mir später, die Probe an der tschechoslowakischen Grenze und der inszenierte Öffnungsakt seien seine Planung gewesen und in Absprache mit ihm erfolgt, um zu testen, ob Moskau oder der Warschauer Pakt reagieren würden. Auch bei weiteren Tests blieb jede Reaktion aus.

Die Brisanz dieses 2. Mai hatten in Deutschland West offenbar wenige erkannt. Die meisten Zeitungen hielten die Sensation klein, auch mein erster Bericht über die Grenzöffnung wurde in der heute-Sendung um 19 Uhr gegen Ende der Nachrichten vor den Sportmeldungen ausgestrahlt, das Ereignis war für die Redaktion wohl kein Aufmacher, obwohl ich, am Stacheldraht stehend – neben den Pionieren mit der Drahtschere – ziemlich vollmundig kommentiert hatte:

»Ein historischer, ein bewegender Augenblick. … Heute beendet Ungarn an dieser Stelle die gewaltsame Spaltung von Ost und West. Das wird unabsehbare Folgen haben, für Deutschland, Europa und besonders für die DDR.«

Der Wiener Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, Michael Frank, berichtete ausführlich:

»Während mit speziellen Drahtwickelmaschinen bestückte Großtraktoren den Zaun aufzurollen beginnen, beschleicht viele Rührung angesichts des – vielleicht – weltgeschichtlichen Aktes. Manche lassen sich verstohlen von den freundlich-verlegenen Pionieren Erinnerungsstücke vom Stacheldraht abzwicken.«

Erste Sorgen vor einem Flüchtlingsstrom

Die 25 Zentimeter Stacheldraht, die ich mir schneiden ließ, hat der freundliche Grenzsoldat mit einem grün-weiß-roten Band der ungarischen Nationalfarben umwickelt. Eine Woche später erkannte der Spiegel in der ungarischen Aktion »ein Signal für Osteuropa«, sorgte sich aber, »wenn die Flüchtlinge in Scharen über die – offene – grüne Grenze kommen«.

»Ein verstärkter Flüchtlingsstrom«, so wurde ein Österreicher schon damals zitiert, »könnte ja an unserem Wohlstand kratzen.« Ganz anders in Deutschland Ost: Eine Frau aus Sachsen-Anhalt berichtete mir später nach dem Fall der Mauer, an jenem Abend habe es ungewöhnlich spät, nach 22 Uhr anhaltend bei ihr geklingelt. Ihr Nachbar, den sie immer für linientreu gehalten hatte, stammelte, stotterte, fragte: »Haben Sie gerade ZDF gesehen? Die Ungarn machen die Grenze auf, ein Loch im Eisernen Vorhang.« »Und dann schauten wir uns beide an«, erzählte sie, »und ich fing an zu weinen.«

Bundesregierung zeigte keine Reaktion

Eine Erklärung der Bundesregierung gab es in diesen Tagen nicht. Wollte man abwarten, den Grenzabbau nicht gefährden? Ostberlin nicht verschrecken oder gar vermeiden, DDR-Bürger indirekt auf das neue, vielleicht doch nicht so ungefährliche Schlupfloch Ungarn aufmerksam zu machen?

Altkanzler Kohl hat auch in seinen »Erinnerungen 1982–1990« das Datum des 2. Mai 1989 im Gesamtzusammenhang ungarischer Grenzpolitik zwar erwähnt, dem Tag aber keine eigene Bedeutung zugemessen. Kanzler Kohl war – den Agenturen zufolge – in diesen Tagen außenpolitisch mit der Stationierung neuer US-Raketen in Deutschland West befasst, innenpolitisch mit der Vorbereitung des 40. Jahrestages der Bundesrepublik Deutschland und parteipolitisch mit heftigen Angriffen auf Bürgermeister Mompers rot-grüne Landesregierung in West-Berlin, die er für die Schäden der Ausschreitungen am 1. Mai in der Stadt verantwortlich machte. Und innerdeutsch prüften Bund und Länder in diesen Tagen, ob die Auszahlung des Begrüßungsgeldes von 100 DM an Besucher aus der DDR geändert werden solle. Vor allem bei Berliner Sozialämtern waren Fälle von Betrug registriert worden. DDR-Bürger – Rentner oder Besucher in dringenden Familienangelegenheiten – hatten offenbar bei mehreren Ämtern Anträge gestellt und so das Begrüßungs-Westgeld mehrfach kassiert.

Immerhin war der 2. Mai 1989 im deutsch-deutschen Geschäftsbereich ein besonderer Tag. Die Ständigen Vertretungen der beiden deutschen Staaten in Bonn und Ostberlin bestanden an diesem Tag 15 Jahre. Sehr viel älter sollten sie nicht werden.

Symbolfoto an Zaun-Attrappe

Am 27. Juni wurde als weiterer Test ein offizieller Akt der Grenzöffnung vor der internationalen Presse wiederholt. Der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Kollege Alois Mock zerschnitten noch einmal symbolisch ein Stück des Drahtverhaus als Zeichen guter Nachbarschaft.

Dazu hatte die Grenztruppe eigens eine Attrappe des Eisernen Vorhangs hergestellt, denn das Original war, wie der ungarische Militärhistoriker János Sallai berichtet, bereits komplett entfernt.
Die Außenminister Österreichs, Alois Mock (l.), und Ungarns, Gyula Horn, durchschneiden am 27. Juni1989 symbolisch den Eisernen Vorhang bei SopronNachträglich inszenierte Grenzöffnung: Die Außenminister Österreichs, Alois Mock (l.), und Ungarns, Gyula Horn, durchschneiden am 27. Juni 1989 symbolisch den Eisernen Vorhang bei Sopron. Der eigentliche Abbau hatte schon am 2. Mai 1989 begonnen, weil Ungarn die hohen Ausgaben für den Grenzzaun einsparen wollte. Die Überlegungen zu diesem Schritt gab es seit dem 23. November 1988, als Ungarns Kommunisten mit Miklós Nemeth überraschend einen Wirtschaftsfachmann zum Ministerpräsidenten wählten. Nemeth unterrichtete bei einem Treffen am 5. März 1989 den sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow über seine Pläne und erhielt grünes Licht. (© picture-alliance/AP, Bernhard J. Holzner)

Doch erst mit den Fotos der prominenten Staatsmänner wurde manchem die Bedeutung der ungarischen Öffnung Richtung Westen bewusst. Achtzehn Jahre später, rechtzeitig zu Weihnachten 2007, wurde am Grenzübergang Hegyeshalom/Nickelsdorf eine Gedenksäule eingeweiht.

Die Ungarn gehörten nun zum grenzenlosen Europa und waren so frei zu reisen, wie seit hundert Jahren nicht mehr. Es war der Tag der Schengen-Erweiterung für die neun ost- und mitteleuropäischen Neulinge der EU. Hier, wo die »freie Fahrt« zwischen Ost und West begonnen hatte, winkten Politiker aus Ungarn und Österreich zur Feier des Tages die Autofahrer ohne Pass- und Zollkontrolle durch. Und auch zwischen Polen oder Tschechien und Deutschland können die Menschen seitdem die Grenzen mit den Händen in den Manteltaschen überqueren.

Erst zu Weihnachten 2007 war damit der Eiserne Vorhang, der einst im Kalten Krieg vom Baltikum bis zur Adria die Grenze zwischen zwei Welten markierte, endgültig gefallen.

Ergänzende Textangebote der bpb:


Weitere Reportage aus Ungarn im Mai 1989.

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