Beleuchteter Reichstag

28.11.2019 | Von:
Martin Sabrow

Mythos 1989

Rückblick auf ein historisches Jahr. Wem gehört die Friedliche Revolution?

War der Umbruch vor über 30 Jahren eigentlich eine Revolution ohne Revolutionäre? Leistet die Intensität, mit der alle fünf Jahre aufwändig an den Zusammenbruch der DDR erinnert wird, einer überhöhten Mythenbildung Vorschub? Oder handelte es sich lediglich um eine lokal- und in der Folge weltpolitische Ereigniskette mit vielen Beteiligten, die zunächst in ganz unterschiedliche Richtungen strebten? Und wollen heute Rechtspopulisten diese Geschichte usurpieren? Eine Betrachtung von Prof. Martin Sabrow über das anhaltendende Ringen um die Deutungshoheit der Mauerzerfallsgeschichte.

Demonstration in der Leipziger Innenstadt am 4. September 1989.Demonstration in der Leipziger Innenstadt am 4. September 1989. (© Archiv Bürgerbewegung Leipzig/Armin Wiech)

Den damals Geschichte Miterlebenden und auch ihren Nachgeborenen gilt „1989“ als welthistorische Zäsur und als lebensgeschichtlicher Orientierungspunkt. Niemand, der alt genug war, um die Dramatik dieser Wochen und Monate erfahren zu können, wird vergessen haben, wo er an jenem Abend war, an dem die Berliner Mauer fiel. Das lange, nämlich bis 1991 währende Jahr „1989“ markiert den fraglosen Endpunkt einer Epoche, die das kurze 20. Jahrhundert umschließt.

Diese Epoche begann mit der Russischen Revolution 1917, um dann ein Menschenalter später ebenso überraschend wieder von der weltgeschichtlichen Bühne abzutreten, wie sie gut 70 Jahre zuvor begonnen hatte.

Der Fall [oder Sturz?] der Berliner Mauer und die Überwindung der kommunistischen Diktaturen in Europa sind so fest im gesellschaftlichen Gedächtnis verankert wie der Sturm auf die Bastille in Paris 1789 und der Sturm auf das Petrograder Winterpalais 1917. Das „Wunder von 1989“ schildern Spielfilme und Dokudramen.

Der Verlauf des 9. Novemberist fachwissenschaftlich und geschichtskulturell bis in kleinste Verästelungen ausgeleuchtet, und das öffentliche Gedenken hat sich von Jahrfünft zu Jahrfünft immer weiter intensiviert.

Wissenschaft kann sich von den Ereignissen mitreißen lassen. Aber ihre vornehmste Aufgabe ist die distanzierte Suche nach Erklärung und Einordnung. Uns interessiert dabei nicht allein die gut erforschte Empirie, sondern ebenso sehr die rückblickende Einordnung eines weltgeschichtlichen Vorgangs, der sich vor den Augen der Zeitgenossinnen und Zeitgenossen abgespielt hat und immer neue Fragen aufwirft: Bewahrheitet sich bei genauerem Hinsehen der so empfundene Epochencharakter des Geschehens von 1989, und wie stehen im Rückblick dreißig Jahre später Umbruch und Kontinuität zueinander? Wie sehr haben sich die Deutungsachsen in den letzten dreißig Jahren verschoben, ohne dass wir uns darüber Rechenschaft abgelegt hätten, und welche Rolle spielte und spielt die Zeitgeschichte als Aufarbeitung in diesem Prozess?

Ereignis und Mythos

Am Beginn steht die Frage, ob wir es überhaupt noch mit einem gemeinsam erinnerten und empirisch gesicherten Geschehen zu tun haben, wenn wir von „1989“ reden – oder ob der Begriff ähnlich mythisierend über die Sache herrscht, wie wir das von „1968“ kennen, das schon als Datum in magisches Dunkel gehüllt ist, weil bekanntlich die studentische Rebellion in Deutschland mit dem Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 begann und in den USA mit den landesweiten Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg sogar schon im April 1967.

Nun wirkt es schon ein bisschen frivol, von einem Ereignis als Mythos zu sprechen, dessen Konturen so klar und unbestreitbar zutage liegen wie die Etappen des Geschehens, das zum Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft in Ostdeutschland und Ost- bzw. Ostmitteleuropa führte.

Der nicht mehr eindämmbare Protest gegen die gefälschten Kommunalwahlen in der DDR vom 7. Mai 1989 traf auf die Erosion des sozialistischen Machtblocks nach den halbfreien Wahlen in Polen, die im Juni 1989 die Macht der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) zugunsten der Solidarność brachen und zur Ablösung Jaruzelskis durch Tadeusz Mazowiecki führten.

Der Abbau des ungarisch-österreichischen Grenzzaunes ab 2. Mai 1989 sowie Ungarns Beitritt zur Genfer Flüchtlingskonvention im Juni stärkten die ostdeutsche Ausreisebewegung.

Die von Woche zu Woche mehr Zulauf findenden Leipziger Montagsdemonstrationen stimulierten die Bürgerbewegung in der DDR, sich ab September aus dem Schutzraum der evangelischen Kirche auf die Straße und in die Arena der politischen Auseinandersetzung zu begeben. Mit Aufrufen und Gründungsmanifesten begannen sie, das Machtmonopol der SED zu untergraben.

Unzweifelhaft sind auch die Daten, die die einzelnen Etappen des sozialistischen Herrschaftszerfalls markieren:

  • - der 4. Oktober 1989, als die über DDR-Territorium geleiteten Ausreisezüge aus Prag und Budapest zu bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen am Dresdner Hauptbahnhof führten;
  • - der 7. und 8. Oktober, alsProteste im Umfeld der Vierzigjahrfeier des SED-Regimes in gewaltsam erstickte Straßenunruhen in Ost-Berlin mündeten; der 9. Oktober, als der Machtapparat in Leipzig vor den 70.000 über den Ring ziehenden Demonstrantinnen und Demonstranten zurückwich;
  • - der 18. Oktober, jener Tag, an dem Honecker gestürzt wurde, nachdem er zwei Tage zuvor nicht mehr mit seinem Vorschlag durchgedrungen war, die staatliche Autorität mit einem demonstrativen Panzeraufgebot wiederherzustellen;
  • - dann der 4. November, als eine nach Hunderttausenden zählende Protestversammlung auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz schon die sich anbahnende Machtablösung ankündigte, die der Fall der Berliner Mauer fünf Tage später weiter vorantrieb.
Mutiges Transparent am 4.11.1989 in Ost-Berlin: "Mauer ins Museum".Transparent am 4.11.1989 in Ost-Berlin. (© bpb-DVD Feindbilder)

Folgenreiche Ereigniskette

Nach zahlreichen Zwischenetappen erfolgten schließlich die ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990, aus denen als Überraschungssieger eine CDU-geführte Regierung unter Lothar de Maizière hervorging, die innerhalb eines halben Jahres und gegen den schwindenden Widerstand der Alliierten zusammen mit der Bundesregierung den Weg in die staatliche Einheit bewerkstelligte und am 3. Oktober 1990 einen politischen und gesellschaftlichen Umbruch abschloss, wie er sich im Ergebnis nicht anders im gesamten Ostblock ereignete und zeitversetzt auch in der zerfallenden Sowjetunion.

Nichts an dieser Ereigniskette ist im engeren Sinne mythisch zu nennen, wenn wir ein seines sakralen Mantels entkleidetes Wortverständnis zugrunde legen, das Mythos als Gegenbegriff zu Logos auffasst und darunter eine „märchenhaft-vage, fabulös(e) oder legendär(e) Vorstellung“[1] von identitätsstiftender Kraft versteht.

„1989“ ist kein bloßer Mythos, es ist ein wirkliches und unbestreitbares Ereignis, und es verweist auf ein Geschehen von weltgeschichtlicher Bedeutung.

Anders verhält es sich allerdings, wenn wir die in der Alltagssprache inflationär genutzte Rede vom Mythos als kulturwissenschaftliche Kategorie zu fassen versuchen[2] und Mythen mit Hans Blumenberg als Ausdruck existenzieller Grunderfahrungen definieren, die über „mächtige Gemeinschaftsvorstellungen“ Orientierung und Sicherheit schaffen (Benedict Anderson) und Gegenstand eines öffentlichen Kultes mit zivilreligiösem Geltungsanspruch werden, ohne damit zugleich einen zwingenden Kontrast von Wahrheit und Mythos zu behaupten.

Mediale Mythisierung und ihre Grenzen

Alles könne im modernen Medienzeitalter zum Mythos werden, konstatierte Roland Barthes schon in den fünfziger Jahren, weil die Mythisierung nicht am Gegenstand selbst hafte, sondern an der Art und Weise, wie er präsentiert wird.[3]

Wer wollte bestreiten, dass die sich kontinuierlich steigernden öffentlichen Inszenierungen des Mauerfalljubiläums alle Kriterien dieses Mythenbegriffs erfüllen? Das 25-jährige Jubiläum des Mauerfalls 2014 erlebte ein von Hunderttausenden gefeiertes Lichterfest, das mit zahllosen in den Himmel aufsteigenden Heliumballons zugleich die euphorische Leichtigkeit aufsteigen ließ, mit der ein Vierteljahrhundert zuvor das eben noch unüberwindlich scheinende Bollwerk der Unfreiheit überwunden worden war, und es euphorisierte auch die Presseberichterstattung: „Selten fühlte sich ein Gedenktag in Deutschland so leicht an wie dieser.“[4]

Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte bei der Eröffnung einer neuen Dauerausstellung der Gedenkstätte Berliner Mauer am 9. November 2014 die Macht der nur scheinbar Ohnmächtigen;[5] Wolf Biermann sang im Bundestag und nutzte die Gunst der Revolutionsfeierstunde für einen Seitenhieb auf die Linkspartei als „den elenden Rest dessen, was zum Glück überwunden ist“.[6]

Den in der Inszenierung omnipräsenten Freiheitskult, dessen zivilreligiösen Geltungsanspruch 2014 niemand stärker verkörperte, als der damals amtierende Bundespräsident Joachim Gauck selbst, zum 30. Jahrestag noch weiter zu steigern, das nahm sich die bundesdeutsche Geschichtspolitik für 2019 vor.

Eine im April 2019 gebildete Kommission "30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit", die sich aus „22 renommierten Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur, Politik und Gesellschaft“ zusammensetzte,[7] stellte im September 2019 ihr Jubiläumskonzept vor für den „Glücksfall der deutschen Geschichte, den wir gemeinsam feiern“.[8]

Die Planungen für dieses Jahr sahen eine ganze „Festivalwoche zum Jubiläum des Mauerfalls“ vor,[9] die beispielsweise der Berliner Tagesspiegel mit einer monatelangen Artikelserie „30 Jahre Revolution und Mauerfall“ begleitete und noch das Kaufhaus KaDeWe zu einer Schaufensterausstellung über den 9. November aus der Sicht des Kaufhauspersonals veranlasste.[10]

Über die üblichen Zentren Berlin und Leipzig hinaus wurde ein noch nicht dagewesenes Feuerwerk von Reportagen und Zeitzeugenforen entlang der einstigen innerstädtischen Grenze gezündet, das in Echtzeit von Günter Schabowskis verunglückter Ankündigung am 9. November 1989 um 18.57 bis zur Öffnung des Schlagbaums an der Bornholmer Straße um 23.20 reichen sollte.

Ein wesentlicher Aspekt aber fehlt der medialen Inszenierung von 1989, der zum traditionellen Inventar historischer Mythenbildung gehört: der heroisierende Bezug auf eine „gemeinsam erlebte und durch herausragende Individuen geprägte Geschichte“, deren „Protagonisten (...) mit transzendentalen Attributen versehen“ werden.[11] In der Schaffung charismatisierter Führungsfiguren und ihrer Stilisierung zum Messias, Retter und Propheten erreicht der Mythos seine stärkste Prägekraft – und eben dieses Merkmal fehlt der kulturellen Aneignung des Umbruchs von 1989/90.

Er hat keine Helden hervorgebracht, obwohl es doch hinreichend Stoff zur Schaffung von Heldenmythen und Heldengestalten gegeben hätte: Zu denken wäre etwa an Kurt Masur, den mutigen Kapellmeister aus Leipzig, dessen Appell zur Entschärfung der explosiven Lage am 9. Oktober beigetragen hat, oder auch an die Offiziere Edwin Görlitz und Harald Jäger von der Stasi-Passkontrolleinheit, die am 9. November 1989 in der Bornholmer Straße gegen 23 Uhr 20 den Befehl gaben: "Wir fluten jetzt!", um eine weitere Eskalation zu vermeiden. Auch der unbeirrte Pfarrer der Nikolaikirche Christian Führer, dessen seit 1982 veranstalteten Friedensgebete zum Kristallisationspunkt der regimesprengenden Montagsdemonstrationen wurden, mit ihrem Höhepunkt am 9. Oktober 1989, hat dankbare Anerkennung gefunden, aber keine Heldenverehrung.
9. Oktober 1989 in Leipzig. Die eigentlichen Heldinnen und Helden? 70.000 Demonstrierende zeigen keine Angst mehr vor ihrem autoritären Staat. Zunächst ist es auf dem Leipziger Ring noch vergleichweise leer. Aber dann nimmt der Zustrom stark zu und immer mehr Parolen werden hörbar, zum Beispiel "Gorbi! Gorbi!", "Wir sind das Volk!" oder "Schließt Euch an!". (© Aram Radomski, Siegbert Schefke sowie Roland Jahn)

Die stärker scham- als stolzgrundierte Geschichtskultur hat zunächst in der Bonner und nach 1990 auch in der Berliner Republik eine narrative Grundhaltung ausgebildet, die auf lernende Umkehr und nicht auf verpflichtende Kontinuität gegründet ist und Heldenverehrung weitestgehend durch Opferempathie ersetzt hat, was der klassischen Mythisierung enge Grenzen setzt. Nicht umsonst argumentiert Herfried Münkler, dass die „Bundesrepublik eine weitgehend mythenfreie Zone“ sei[12] und erörtert in seiner enzyklopädischen Studie über die Deutschen und ihre Mythen die Gründe, warum die Selbstermächtigung der ostdeutschen Bevölkerung am 9. November sich nicht „zum politischen Gründungsmythos der neueren und größeren Bundesrepublik“ entwickelt habe: weil der Mauerfall auf ein ambivalentes Datum gefallen sei, das auch den Hitlerputsch 1923 und den Judenpogrom 1938 erinnere, und weil er eine rein ostdeutsche, nicht aber eine gesamtdeutsche Erfahrung repräsentiere.[13]

Dennoch greift Münklers Argumentation zu kurz. Sie ist allein „mythenpolitisch“ angelegt und denkt das „Problem einer gründungsmythischen Aufarbeitung des 9. November 1989“ von den handelnden Protagonisten und intentional her.[14] Die Macht historischer Mythen aber entfaltet sich am stärksten hinter dem Rücken der Akteure, und das Ereignis kann umso leichter zum Mythos werden, je weniger diese Verwandlung bemerkt wird: Der Mythos als „Imagination von Kollektividentität“[15] entfaltet seine integrative Kraft, weil er für wahr gehalten wird und nicht dadurch, dass er sich als Konstruktion durchschaubar macht.

In der Tat haben andere Autoren die Mythenfähigkeit des Mauerfalls betont, weil er „komplex verschlungene Ereignisse auf ideale Weise verdichtete“ und – in diametralem Gegensatz zu Münkler – durch eine charakteristische „Entsubjektivierung konkrete Akteure weitgehend aus(klammerte) – als sei die Mauer wie von Geisterhand und von allein ‚gefallen‘.“[16] Auch diese Betrachtung aber blendet die eigentliche Leistung aus, die mit der Verwandlung des Ereignisses zum Mythos verbunden ist: ihre Fähigkeit zur Umdeutung. Dies will ich im Weiteren an drei miteinander verflochtenen Aspekten erörtern, die sich zum einen auf die Intentionen der beteiligten Akteure, zum anderen auf die Urheberrechte am Sturz des SED-Regimes richten und zum dritten auf die historische Geltungstiefe der Zäsur von 1989.

Mythisierung durch Harmonisierung

Die mythische Qualität der Revolution von 1989 erweist sich vielleicht am prägnantesten in ihrer Harmonisierungskraft, die die Unterschiede zwischen den zeitgenössischen Zielvorstellungen und den historischen Ergebnissen einzuebnen vermochte.[17] Unmittelbare Beobachter der radikalen Veränderungen in Ostdeutschland und der von ihr ausgelösten Aufbruchsstimmung zeigten sich gegen Ende 1989 vielfach noch ganz selbstverständlich davon überzeugt, dass die Erneuerung auf eine „sozialistisch inspirierte Alternative zur Konsumgesellschaft in der Bundesrepublik“ hinziele[18], die Stalinismus und Thatcherismus gleichermaßen hinter sich lassen wolle.[19]

Diese Interpretation deckt sich mit zahllosen regimekritischen und oppositionellen Verlautbarungen des Herbstes 1989. „Es geht nicht um Reformen, die den Sozialismus abschaffen, sondern um Reformen, die ihn weiterhin in diesem Lande möglich machen“, deklarierte eine Resolution populärer Künstler in der DDR vom 18. September 1989[20] und drückte damit aus, was in vielfältigen Abstufungen den oppositionellen Aufbruch im SED-Staat insgesamt beseelte: „Niemand forderte das Ende des Sozialismus, keiner dachte an das Ende vom Sozialismus".[21] Auch wenn die einzelnen oppositionellen Gruppen die Vision eines Dritten Weges mit erheblichen Abstufungen verfolgten, steht außer Frage, dass die regimekritische Bewegung der achtziger Jahre in der DDR sich insgesamt „an einem alternativen Sozialismus, nicht aber an einer Alternative zum Sozialismus“ orientierte. [22]

In diesem Modell eines „Dritten Weges“ nahm allerdings anders als in der Programmatik der Vereinigten Linke auch die Bundesrepublik einen wichtigen Platz ein: „Wir laden die Deutschen in der Bundesrepublik ein, auf eine Umgestaltung ihrer Gesellschaft hinzuwirken, die eine neue Einheit des deutschen Volkes in der Hausgemeinschaft der europäischen Völker ermöglichen könnte. Beide deutsche Staaten sollten um der Einheit willen aufeinander zu reformieren.“[23]

Auch der „Demokratische Aufbruch“ stellte Ende Oktober 1989 den „Demokratischen Sozialismus“ als seine Orientierungsnorm heraus: „Die kritische Haltung des Demokratischen Aufbruchs (DA) zum real-existierenden Sozialismus bedeutet keine Absage an die Vision einer sozialistischen Gesellschaftsordnung. Wir beteiligen uns am Streit um die Konzeption des Sozialismus.“ [24] Das „Neue Forum“ verwahrte sich entschieden dagegen, zum „Feind des Sozialismus“ abgestempelt zu werden, und sprach sich in Grundsatzpapieren für einen „menschliche(n), demokratische(n) Sozialismus“ aus.[25] Nicht anders warnte der Aufruf zur Gründung einer Grünen Partei in der DDR Ende November 1989 davor, dass die „Erneuerungsbewegung (...) eine Gesellschaft der Ellbogenfreiheit, der Verschwendung und der Wegwerfmentalität entstehen läßt“.[26]

"Schöpferischen Sozialismus" vor Augen?

Die immer stärkere Erosion des diktatorischen Machtgebäudes im Herbst 1989 nährte unter Oppositionellen wie SED-Reformern die Hoffnung, dass in der DDR „der Untergang des dogmatischen und bürokratischen Sozialismus und der Anfang des wahren, des schöpferischen Sozialismus“ bevorstünde.[27]

Die aus einer Gewerkschaftsversammlung im Deutschen Theater Berlin hervorgegangene Demonstration „der Kunst- und Theaterschaffenden“ am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz mobilisierte Hunderttausende[28] und wurde zur massenwirksamsten Manifestation eines verbesserlichen Sozialismus in der Geschichte der DDR überhaupt.

Gemeinsam bekannten sich an diesem Tag 22 kritische Intellektuelle und führende SED-Funktionäre, Regimevertreter und Regimegegner von der zur Rednertribüne umgestalteten Lastwagenpritsche hinweg zu einem Geist der Erneuerung, den am eindrucksvollsten Stefan Heym formulierte: „Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, (...) den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengewäsch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit“. Die Zukunft, die Heym wie andere Redner auch in der frischen Luft des Umbruchs zu erkennen glaubte, war der „Sozialismus, nicht der Stalinsche, der richtige, den wir endlich erbauen wollen zu unserem Nutzen und zum Nutzen von ganz Deutschland“.[29]

In der unüberschaubar großen Menschenmenge standen Basisdemokraten, die den Slogan "TschüSSED" in die Höhe reckten, neben reformwilligen SED-Mitgliedern, die gleichermaßen von der Vorstellung beseelt waren, dass „wir es in der DDR selbst schaffen würden, Gesellschaft und politische Ordnung eigenverantwortlich umzugestalten“.[30]

Die Kundgebung vom 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz blieb vielen Beteiligten als „das zentrale Erlebnis der Wendezeit“ im Gedächtnis,[31] und der in ihr zum Ausdruck kommende Schulterschluss zwischen Opposition, SED-Reformern und Bevölkerung ließ die Verwirklichung der alten Utopie des „Dritten Wegs“ zum Greifen nahe erscheinen, wie sich Friedrich Schorlemmer erinnerte: „Wir schwebten noch im Traum einer Selbstbefreiung. Wie meinten, nun würde eine deutsche demokratische Republik möglich, eine revolutionäre Frucht des gemeinsamen aufrechten Gangs“.[32] Mit Recht konnte Egon Krenz rückblickend darauf verweisen, dass an diesem 4. November keine Forderungen nach Abschaffung der DDR zu hören waren.[33]

Im Gegenteil: Selbst dem Fall der Mauer fünf Tage später kam im Horizont dieses Aufbruchsdenkens nur beiläufige Bedeutung zu.[34] Weit wichtiger war in ihm der von einer Million DDR-Bürgern unterzeichnete Aufruf „Für unser Land“ vom 26. November 1989, der die Vision einer „sozialistischen Alternative zur Bundesrepublik“ beschwor und davor warnte, dass „ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte beginnt und über kurz oder lang die Deutsche Demokratische Republik durch die Bundesrepublik Deutschland vereinnahmt wird“.[35]

Scheitern des "Dritten Wegs"

In der Erarbeitung einer neuen, betont plebiszitären und sozialrechtlichen DDR-Verfassung, in der das SED-Emblem von Hammer und Sichel durch das oppositionelle Friedenszeichen „Schwerter zu Pflugscharen“ ersetzt werden sollte, schien der Traum eines Dritten Weges im April 1990 konkrete Gestalt anzunehmen und sollte doch von der Wirklichkeit der politischen Umstände sofort wieder in Luft aufgelöst werden: Die vom vorgezogenen Termin der letzten Volkskammerwahlen überraschte Arbeitsgruppe konnte dem Zentralen Runden Tisch auf dessen 16. und letzter Sitzung am 12. März 1990 noch keinen fertigen Entwurf präsentieren, und ihr Vorschlag, einen Verfassungsrat zu gründen, der die Verfassung im Auftrag der Volkskammer ausarbeiten und einem Volksentscheid zu überantworten, fand keine Mehrheit mehr.[36]

Sechs Tage später entzog der Ausgang der Volkskammerwahlen mit der vollständigen Marginalisierung der Bürgerrechtsbewegung und dem grandiosen Sieg der vereinigungsorientierten Allianz für Deutschland dem Konzept eines Dritten Weges die politische Handlungsgrundlage und ließ nicht nur Bärbel Bohley um „die verlorene Chance“ trauern, „dass hier wirklich etwas hätte entstehen können, was ganz neu ist in der Welt“.[37]

Der weitere Gang der Ereignisse und das lautstarke Drängen der ostdeutschen Bevölkerungsmehrheit auf eine möglichst rasche Vereinigung mit der Bundesrepublik entzog der Idee eines „Dritten Weges“ rasch den politischen Handlungsrahmen.
"Wir sind ein Volk" - fotografiert bei einer Kundgebung am 9. Dezember 1989 in Ost-Berlin.Wunschtraum anno 1989? "Wir sind ein Volk" - fotografiert bei einer Kundgebung am 9. Dezember 1989 in Ost-Berlin. (© Holger Kulick)

Von der eigenen Bevölkerung abgelehnt und ohne Widerhall in West wie in Ost, konnte ein „Dritter Weg“, dem sich alleine noch ausgerechnet die gerade gestürzte Diktaturpartei verpflichtet fühlte, keine politische Option der bürgerrechtlichen Bewegung mehr sein. Bei vielen Oppositionellen der späten DDR wurde der identitätsstiftende Glauben an eine sozialistische Erneuerung der DDR binnen kurzer Zeit zur Scham über die „peinliche Utopisterei“,[38] deren Überwindung als persönliche Befreiung erlebt und durch unzweideutige Abgrenzung von allen Spielarten ihrer Erneuerung versichert werden konnte.[39]

Der „Dritte Weg“ einer demokratisch erneuerten DDR wurde kein Erinnerungsort der jüngsten Zeitgeschichte. Die öffentliche Erinnerung wurde und wird auch in diesem Jubiläumsjahr von einem zeithistorischen Narrativ beherrscht, das die Öffnung der Grenzen am 9. November 1989 vom Blickwinkel der deutschen Vereinigung vom 3. Oktober 1990 betrachtet und auf die zielstrebige Geschlossenheit des atemberaubenden Revolutionsgeschehens abhebt: „Wir dachten daran“, erinnerte sich Rainer Eppelmann schon in den neunziger Jahren, „in der DDR einen freiheitlichen Staat aufzubauen, der in zunehmend engerer Verbindung zur Bundesrepublik Deutschland neue Wege erproben sollte.“[40]

Diese Engführung von Revolution und Wiedervereinigung hat sich durchgesetzt; ihr folgen Gesamtdarstellungen der Friedlichen Revolution ebenso wie eine bundesdeutsche Geschichtspolitik, die 2019 „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“ zusammen feiert und mit dem Bundesminister für Heimat und Inneres „auch den Menschen eine Stimme“ geben will, „die auf dem Land für ein vereintes Deutschland gekämpft haben. Die Geschichte der Friedlichen Revolution ist die Geschichte aller Menschen in Deutschland und Europa."[41]

In einer solchen „heroisierte(n) Erzählung von Selbstbefreiung und freiwilligem Beitritt“,[42] die die friedliche Revolution als gradlinige Entwicklung von der Freiheit zur Einheit im Zusammenspiel von Ost und West versteht,[43] schrumpfen zeitgenössische Zielvorstellungen einer sozialistischen und demokratischen DDR zum realitätsfernen Hirngespinst von randständigen Sonderlingen, die während des Umbruchs den Kontakt zur Bevölkerung verloren hätten[44] und sie werden überstrahlt von einer Mythosbildung, die die Friedliche Revolution als Auftakt der deutschen Wiedervereinigung interpretiert und darüber hinweggeht, dass der Mauerfall in den Augen vieler Akteure einen euphorischen Aufbruch bedeutete, der „im Konkurs mündete“.[45]

Mythisierung durch Aneignung

Mythische Kraft konnte der Umbruch von 1989 womöglich noch mehr dadurch gewinnen, dass er so unerwartet eintrat. Das „Wunder von 1989“ hatte niemand geplant und niemand hatte es vorhergesehen.[46] „Wie kommt es eigentlich, daß wir einfach so unsere DDR aufgegeben haben?“ fragte sich Erich Mielke noch 1993 fassungslos in einem Spiegel-Interview. Tatsächlich stellte die politische Opposition bis in den Sommer 1989 hinein zahlenmäßig in Bezug auf den Machterhalt keine imposante Größe dar: Die 150 Basisgruppen, 600 Führungsfunktionäre, 2.400 Aktivisten und 60 unbelehrbare Feinde des Sozialismus, die das MfS auflistete, konnten einem gegen den inneren Feind hochgerüsteten Staat kaum gefährlich werden.

Mit Recht zitiert Stefan Wolle den Satz eines Stasi-Offiziers: „Wir haben die Waffen zu früh abgegeben. Die Plüschheinis von der Friedensbewegung wären beim ersten Schuss auseinander gelaufen“.[47] Dass diese Waffen ungenutzt blieben, dass die chinesische Karte, die Egon Krenz noch im Sommer öffentlich ins Spiel brachte, am Ende nicht gezogen wurde, lässt sich schwerlich aus der zahlenmäßigen Breite und dem Machtpotential der Regimegegner erklären.

Auf solchem Boden gedeihen Verschwörungstheorien. Der entmachtete Generalsekretär Honecker begriff seinen Sturz vom ersten Tag an als „Ergebnis eines großangelegten Manövers, deren (!) Drahtzieher sich noch im Hintergrund halten“.[48] Bis in seine letzten gedruckten Worte blieb Gorbatschow für ihn der vom Freund zum Feind gewordene Judas, der die DDR verraten habe: „Die ‚Wende‘ 1989 wurde, wie man jetzt noch deutlicher als damals erkennen kann, durch die radikale Änderung der Weltpolitik erzwungen, die ihren Ausgangspunkt in der radikalen Änderung der sowjetischen Führung unter Gorbatschow hatte.“[49]

Auch andere Stimmen raunten nach dem Ende der DDR von einer „Verschwörung gegen Honecker“, die Gorbatschow angezettelt habe, um den Generalsekretär 1987 mit Hilfe des KGB zu stürzen, wie etwa der Spiegel 2009 berichtete[50] oder Einfluss auf die Bürgerbewegung zu nehmen, um den Weg in die deutsche Einheit aufzuhalten.[51]

Ehemalige Insider wie der frühere stellvertretende Chefredakteur der SED-Tageszeitung Neues Deutschland, Harald Wessel, halten bis heute daran fest, dass eine geheime KGB-Gruppe namens „Luch“ oder „Ljusch“, auf Deutsch „Strahl“, ohne Wissen Gorbatschows, aber unter Einbeziehung Markus Wolfs auf Honeckers Sturz hingearbeitet habe.

Aber niemals hat sich für dieses Gerücht auch nur die geringste empirische Bestätigung gefunden und gilt bis zum Beweis des Gegenteils, was Gorbatschows Berater Nikolai Portugalow, selbst KGB-Offizier, in einem ZDF-Interview 1999 feststellte: „Ljusch gab es wirklich. (...) Ljusch bestand immer als eine Art Werbeoperation, wenn Sie wollen: Agentensuche, Agentenwerbung. Die konnten höchstens ein paar Tipps geben, und nicht einmal die haben sie gehabt. Im Grunde genommen wurde daraus ein Flop.“[52]

"Revolution ohne Revolutionäre"

Dass solche konspirativen Mythen überhaupt Nahrung finden konnten, hängt nicht zuletzt mit dem Umstand zusammen, dass der Umbruch von 1989/90 gleichsam eine Revolution ohne Revolutionäre darstellte. Keine einzige der sich im Sommer 1989 rasant ausbreitenden Oppositionsgruppen strebte die Beseitigung der DDR und ihre Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik an, kämpfte für die Abschaffung des Sozialismus und die Übernahme des westlichen Wirtschaftssystems oder arbeitete auch „nur“ gezielt auf den Sturz der Machthaber hin.[53]

Der Massenexodus schließlich, der ihn faktisch einleitete, wurde von Menschen getragen, die gerade der Glaube an den unverrückbaren Fortbestand des SED-Regimes die Flucht ergreifen ließ. Selbst die Maueröffnung vom 9. November 1989 erschien weder ihrem Verkünder Günter Schabowski, noch den Massen, die ihn schon in derselben Nacht beim Wort nahmen, oder den Oppositionellen, die von der Entwicklung überrascht wurden, als Anfang vom Ende der DDR, sondern als ein überfälliger, wiewohl nicht risikoloser Schritt zur Normalisierung.[54]

Das unmittelbare Verdienst schließlich, am 9. November 1989die Mauer unvermutet zum Einsturz gebracht zu haben, gebührt nicht den Ausreisern, nicht den Montagsdemonstranten und schon gar nicht den Oppositionellen, sondern einem doppelten Missverständnis, wie es nur das Medienzeitalter produzieren konnte, nämlich zum einen dem bekannten Ungeschick Günter Schabowskis, der den Entwurf eines für den nächsten Tag terminierten Reisegesetzes „sofort und unverzüglich“ in Kraft setzte, und der ungeduldigen Konkurrenz der Westmedien, die sich anbahnende Sensation möglichst als erste einfangen zu können. Sie wurden in diesem Fall von Beobachtern zu Handelnden, die die Wirklichkeit nicht abbildeten, sondern erst schufen und den bis dato nur an der Bornholmer Straße entstandenen Druck verstärkten, der dann dazu führte, dass der Übergang um 23.20 „geflutet“ wurde.[55]
UNESCO-Weltdokumentenerbe: Das Video-Zeitzeugnis aus der Bornholmer Straße in der Nacht vom 9. auf den 10. November '89. (© 2019 Spiegel-TV)

Dass eine absurde Verkettung von Kommunikationspannen zum eigentlichen Auslöser eines Weltereignisses wurde, war aber natürlich nur möglich, weil im Herbst 1989 eine revolutionäre Situation entstanden war, in der den Worten Lenins zufolge die da unten nicht mehr wollten und die da oben nicht mehr konnten.

Nur ergab sich diese Situation aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren, die von den desolaten ökonomischen Verhältnissen der DDR und der Unfähigkeit der Planwirtschaft, dem weltweiten Globalisierungsdruck zu begegnen, dann der außenpolitischen Isolierung und schließlich der inneren Lähmung der SED-Führung bis hin zum Zusammenschießen von „Voice“ und „Exit“, von Protest und Flucht in der aufbegehrenden Bevölkerung reichten, aber weder eine erkennbare Führung noch ein gemeinsames Programm hatte. Eben dieser offene Raum führte nach 1989 zu einem bis heute anhaltenden Bemächtigungskonflikt, in dem Inhaberrechte und Deutungshoheit über den Umbruch von 1989/90 ausgetragen werden.

Lange Zeit dominierte in ihm ein semantischer Streit um die angemessene Bezeichnung der Vorgänge, die zum Sturz der SED-Herrschaft führten. Im Ringen um diese Deutungsmacht war zunächst der neugewählte SED-Generalsekretär Egon Krenz erfolgreich, der sich in seiner ersten Fernseh- und Rundfunkansprache am Abend des 18. Oktober 1989 mit der Ankündigung eines Neuanfangs von seinem Vorgänger abzusetzen versuchte: „Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wiedererlangen.“[56]

"Wendemanöver" oder "revolutionäre Erneuerung"?

Dieser Versuch, im Umbruch das Steuer des Staatsschiffs in der Hand zu halten, scheiterte bekanntlich binnen weniger Wochen. Das Wendemanöver der erneuerten SED-Führung ähnelte eher einer kopflosen Halse und verlor von Tag zu Tag deutlicher den Anschluss an die machtvoll ausgreifende Aufruhrstimmung. Als Christa Wolf am 4. November 1989 vor Hunderttausenden auf dem Berliner Alexanderplatz ihre ‚Schwierigkeiten mit dem Wort Wende‘ bekannte und lieber „von revolutionärer Erneuerung sprechen“ wollte[57], war das polare Begriffspaar geboren, das als Konkurrenz von Wendegedächtnis und Revolutionsgedächtnis den narrativen Umgang mit dem Epochenjahr im Weiteren prägen sollte und in den ersten beiden Jahrzehnten noch von einer Anschlusserinnerung begleitet wurde, die vor allem von den entmachteten Eliten des SED-Staats gepflegt wurde und den Umbruch als eine historische Niederlage begriff, die folgerichtig in die „Übernahme“ durch den Bonner Staat mündete[58]

Alltagssprachlich etablierte sich nicht der pathoshaltigere Revolutionsbegriff, sondern der nüchternere Wendebegriff. Seiner taktischen Funktion in Krenz‘ Strategie der Machtsicherung entkleidet, entwickelte er sich rasch zu der mit Abstand gebräuchlichsten Bezeichnung für die Ereignisse des Herbstes und Winters 1989/90. Die Akzeptanz des Wende-Worts verdankte sich dabei nicht zuletzt seiner semantischen Nutzungsbreite, mit der sich die Hoffnung auf eine gezielte Einhegung des Umbruchs ebenso zum Ausdruck bringen ließ wie die euphorische Reverenz vor der Erfüllung eines politischen Traums.

Viele der oppositionellen Träger des gesellschaftlichen Aufbegehrens hingegen sahen sich mit dieser semantischen Anleihe bei der Herrschaftssprache eines überwundenen Regimes um den Verdienst und Rang der ostdeutschen Volkserhebung betrogen: „Wer also [...] für die Ereignisse von 1989 den Begriff ‚Wende‘ benutzt, der degradiert den Sturz der SED-Herrschaft in der DDR zum bloßen Regierungswechsel.“[59]

In dieser Sicht auf 1989 wird allein die Bezeichnung „Revolution“ den Ereignissen gerecht[60], während die „restaurativ gemeinte“ Rede von der Wende[61] eine „Lüge des frisch gekürten Generalsekretärs des SED, Egon Krenz,“ nachbete[62], deren gedankenlose Nutzung und Verbreitung mit Ehrhart Neubert den „größte(n) Erfolg“ bildet, den die Postkommunisten nach 1989 errungen hätten.[63]

Neuberts schroffes Urteil übersah, dass der letzte SED-Generalsekretär nicht nur für die Popularität des Wendebegriffs verantwortlich war, sondern auch das Kompositum „friedliche Revolution“ in Umlauf zu bringen half, als er mit ihm in Anlehnung an eine Formulierung des Regierenden Bürgermeisters West-Berlins, Walter Momper [64], einen Monat nach dem Sturz Honeckers seine Politik am 17. November 1989 auf einer Pressekonferenz zu charakterisieren versuchte: „Und Sie werden feststellen, wir machen eine friedliche Revolution, und ich bin froh und glücklich darüber, daß unser Volk eine solche Stimmung hat, auf die Straße geht, aber daß es auch nicht vergißt zu arbeiten. Und das ist das Wichtigste, denn ohne Arbeit kann man keine Revolution machen.“[65]

Von dieser Zähmung zu einem arbeitspolitischen Mobilisierungsappell vermochte sich der Begriff der Friedlichen Revolution allerdings rasch zu emanzipieren. Während sich die Erinnerung an den gewaltlosen Machtübergang 1999 auf einem von verschiedenen Institutionen getragenen „Geschichtsforum 1949 – 1989 – 1999“ in Berlin noch hinter das fünfzigjährige Jubiläum der doppelten deutschen Staatsgründung zurückgedrängt sah und zum 15. Jahrestag des Mauerfalls nicht wenige ehemalige Bürgerrechtler das Deutungsmuster der Friedlichen Revolution noch aus einer Defensivposition heraus gegen eine Welle der Ostalgie glaubten verteidigen zu müssen[66] , erlangte der Terminus mit wachsendem Abstand zu den Ereignissen immer stärker öffentliche Geltungsdominanz.

2009 wurden in Leipzig und Berlin stolz und pompös „20 Jahre Friedliche Revolution“ gefeiert. Dieser Terminus bestimmt heute die Sprache der politischen Bildungsträger wie die des staatlichen Gedenkens, während der Wendebegriff seine Alltagstauglichkeit heute behauptet hat und heute wieder unbefangener benutzt wird als noch vor einigen Jahren.

Der Pollack-Kowalczuk-Diskurs 2019

Das frühere Erregungspotential des Konflikts um Wende oder Revolution ging in diesem Jahr überraschend auf einen öffentlich ausgetragenen Deutungskonflikt um die Besitzrechte am Sturz der SED-Diktatur über, der seinerseits die komplexitätsreduzierende und identitätspolitische Mythenfähigkeit von „1989“ veranschaulicht. Die Auseinandersetzung entzündete sich an der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorgetragenen Argumentation des Münsteraner Religionssoziologen Detlef Pollack, dass die Erzählung von der revolutionären Überwindung der Macht durch die Bürgerbewegung eine Legende und der Umbruch von 1989 vielmehr „ein Aufstand der Normalbürger“ gewesen sei.[67]

Der DDR-Forscher Ilko-Sascha Kowalczuk setzte dem in einer ausführlichen Replik seine Auffassung entgegen, dass der „Umbruch von 1989 in der DDR (...) das Werk von wenigen (war), während die Normalbürger abgewartet hätten.[68] Damit hätte es sein Bewenden haben können – die unterschiedlichen Sichten waren altbekannt und lagen zudem weniger weit auseinander, als unvertraute Leser vermutet hätten; in seiner großen Studie zur Revolution 1989 hatte Kowalczuk die Ausreisebewegung selbst als herausragenden Faktor des beginnenden Regime-Zusammenbruchs identifiziert und das „Erwachen der Gesellschaft“ über die politische Opposition hinaus an den Massenzulauf findenden Demonstrationen festgemacht, die sich im Herbst zu einem Flächenbrand in der ganzen DDR ausweiteten.[69]

Bemerkenswert war die zu Dutzenden von weiteren Auslassungen führende Debatte nicht wegen ihres Inhalts, sondern wegen der verletzenden Schärfe, mit der sie geführt wurde. Durch Pollack sahen sich zahlreiche DDR-Oppositionelle um ihre Anerkennung gebracht, und so schlugen sie zurück. Den Ton gab Kowalczuk vor, der in einer Seitenbemerkung die nach seiner Auffassung beschränkte Sicht Pollacks darauf zurückführte, dass der die sich zuspitzende Entwicklung damals von der Schweiz aus verfolgt habe und überhaupt nicht zum ersten Mal im Westen gewesen sei: „Vorsichtig formuliert: Wer das Privileg genoss, Reisekader zu sein, gehörte nicht gerade zu den entschiedensten Gegnern des SED-Staates.“ [70]

Dieses schon aus Schopenhauers Eristik bekannte Verfahren, eine Sachaussage zu entkräften, indem man ihren Autor diskreditiert, verletzt die Spielregeln der Fachkontroverse und hätte nach üblichem Herkommen auf Kowalczuk selbst zurückfallen müssen. Doch Pollacks postwendende Klage, dass Kowalczuks Denunziation darauf ziele, ihn als Person zu beschädigen, lief ebenso ins Leere wie sein Appell, die DDR-Bevölkerung nicht in dualistischer Vereinfachung in viele Verteidiger und wenige Widerständler einzuteilen.[71]

Die Brandenburger Aufarbeitungsbeauftragte Maria Nooke etwa wehrte sich gegen die „Destruktivität“ der Ausführungen von Pollack, der durch eine vergiftende Relativierung von Fakten die Bedeutungslosigkeit der Opposition in der Friedlichen Revolution zu belegen suche; in Wahrheit seien die DDR-Oppositionellen für eine Demokratisierung der Gesellschaft eingetreten, „währenddessen Pollack seinem Hero Luhmann in Bielefeld lauschte“.[72]

Auch der frühere Bürgerrechtler und spätere Grünen-Politiker Werner Schulz fand, die „Friedliche Revolution ist und bleibt das Verdienst der DDR-Opposition, das sich weder von den Demagogen der Linkspartei umschreiben noch von einem eigensinnigen Religionssoziologen kleinschreiben“ lasse, der vor allem von seiner eigenen Biographie ablenken wolle.[73] Gerd Poppe, Gründungsmitglied der Initiative Frieden und Menschenrechte und Teilnehmer am Zentralen Runden Tisch wies in einem Schreiben an FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube darauf hin, dass von Pollack nichts zu hören gewesen sei, als Biermann ausgebürgert und Havemann unter Hausarrest gestellt wurde[74], um zu bilanzieren: „Statt die Friedliche Revolution angemessen zu würdigen, formieren sich die Relativierer.“[75]

Dass daraufhin die Frühneuzeithistorikerin Barbara Stollberg-Rilinger in einem kurzen Leserbrief die aus ihrer Sicht schockierende Neigung einiger Debattenteilnehmer, „ihrer Kritik an Pollacks Thesen durch persönliche Unterstellungen mehr Gewicht zu verleihen“, auf das nachwirkende „Gift des alten Bespitzelungssystems“ zurückführte[76], steigerte die Tonlage der Kontroverse nochmals.

Kowalczuk erklärte sich ihre „harschen und ungerechten Worte“ damit, „dass sie viele Jahre sehr eng mit Kollegen Detlef Pollack an der Uni Münster in einem SFB zusammengearbeitet haben. (Saßen Sie womöglich auch in der Berufungskommission, die Herrn Pollack nach Münster holte?)“[77] ,

Gerd Poppe wiederum fand sich durch Stollberg-Rillingers Leserbrief persönlich beleidigt und empfahl der Autorin, in ihrer neuen Aufgabe im Wissenschaftskolleg Berlin sich „jetzt vielleicht einmal richtig über Ereignisse des 20. Jahrhunderts zu informieren.“[78]

Differenzierende Stimmen hatten es schwer in dieser Debatte um die Besitzansprüche an „1989“.[79] Niemand erwähnte den Unwillen über den Fall der Mauer, den nicht wenige Protagonisten der Bürgerbewegung und ihrer Spitze Bärbel Bohley verspürten.[80] Als Pollack auf dem Gegensatz und auch der Aufmerksamkeitskonkurrenz zwischen Ausreise- und Oppositionsbewegung insistierte, unterstützte nur ein einziger Kommentator ihn mit der nüchternen Feststellung, die seinerzeit auch in oppositionellen Kreisen Geltung hatte: „Genau betrachtet war die Republikflucht für die SED machterhaltend.“[81]

Was sich in der Debatte eindrucksvoll manifestierte, war die identitätspolitische Vergewisserung des Mythos einer friedlichen Revolution, die dem ganzen deutschen Volk, in Ost und West (gehört), wie Günter Nooke schrieb, und „sogar als Gründungsmythos des vereinigten Deutschland (taugt)“.[82] Bereitwillige Komplexitätsreduktion, entschlossene Kritikabwehr und aggressive Gemeinschaftsvergewisserung zeichnen die Arbeit am Revolutionsmythos 1989 aus.

Sie schlug sich in diesem Jahre nicht anders im Streit um die Einladung Gregor Gysis zu einer Festrede am 9. Oktober 2019 in der Leipziger Peterskirche nieder, die etwa die Liedermacherin Bettina Wegner als „Schlag ins Gesicht“ und „Zwangsversöhnung“ verurteilte: „Der 9. Oktober, so Wegner weiter, sollte denen vorbehalten sein, die sich in der DDR mutig gegen Unterdrückung und Gängelung eingesetzt und oft Unerträglichkeiten dafür in Kauf genommen hätten.“[83] Der Furor dieser Zugehörigkeitsverhandlungen über die Überwindung der SED-Diktatur gibt nicht zu erkennen, dass die in Rede stehenden Ereignisse bereits 30 Jahre zurückliegen – sie werden mit derselben Heftigkeit geführt wie in den frühen neunziger Jahren, und darin erweist sich die mythische Kraft von „1989“.

Die Mythisierung der Zäsur von 1989

Eine dritte und ganz anders geartete Mythosbildung unternimmt der Rechtspopulismus unserer Tage, indem er sich zum legitimen Erben von 1989 erklärt, mit Wahlplakaten „Damals wie heute. WIR sind das Volk!“ oder „Hol Dir Dein Land zurück – vollende die Wende!“ auf Stimmenfang geht oder eine „Revolution 2.0“ einfordert, weil das „System Merkel“ so schlimm sei wie einst die DDR.
"Wir sind das Volk" - AfD-Wahlplakat bei den Landtagswahlen 2019 in BrandenburgAfD-Wahlplakat bei den Landtagswahlen 2019 in Brandenburg (© bpb / Holger Kulick)

Empört verwahrten sich zahlreiche ehemalige Bürgerrechtler „gegen solche absurden Gleichsetzungen und Aneignungsversuche der Revolution von 1989“ und erklärten: „Wenn heute die ‚Alternative für Deutschland‘ versucht, die DDR mit der jetzigen Bundesrepublik gleichzusetzen und ihre Führung versucht, sich als Vollender einer angeblich unvollkommenen Revolution anzupreisen sowie zum Aufstand aufzurufen, so wird hier eine Geschichtslüge verbreitet.“[84]

Die Frage, wem der Umbruch von 1989 gehört, stellt sich hier noch einmal in ganzer Schärfe: „Für die Demagogen der AfD sind wir 1989 nicht auf die Straße gegangen“, hält die Erklärung fest.[85]

Und der Furor, mit dem etwa ein Erstunterzeichner wie Kowalczuk sich dagegen wehrt, dass der Umbruch stärker dem versteckten Murren unzufriedenen „Normalos“ als dem offenen Bekenntnis der mutigen Oppositionellen zugerechnet wird, findet hier seine tiefste Erklärung: Nur wenn, wie die Erklärung behauptet, es allein die Bürgerrechtler waren, die „mit ihrem Mut, ihrer Friedfertigkeit und Wahrhaftigkeit die Diktatoren in die Knie zwangen, (...) die Berliner Mauer (stürzten) und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten am 3. Oktober 1990 (ermöglichten)“, lässt sich die Berufung des Rechtspopulismus auf das Erbe von 1989 zurückweisen. Aber ist es so einfach, oder ringen hier nicht vielmehr zwei entgegengesetzte, aber gleichermaßen mythisierende Bemächtigungsversuche miteinander?

Ohne die Schubkraft der Massenversammlungen und Massendemonstrationen wäre der Handlungsdruck nicht entstanden, der die Machthaber des SED-Staates seit dem Oktober 1989 Schritt um Schritt zum Rückzug zwang. „Der Aufbruch in der DDR ist den Kundgebungen zu danken“, stellte der SED-Bezirkschef Siegfried Lorenz am Karl-Marx-Stadt am 6.November vor 50.000 Demonstranten.[86]

Aus "Wir sind das Volk“ wurde „Wir sind ein Volk“

Aber von diesen Massen waren bald auch nationalistische Töne zu hören. Schon Ende November gab Franz Schönhuber die Gründung erster Ortsverbände der rechtsgerichteten Partei „Die Republikaner“ bekannt und fand im Amt für Nationale Sicherheit ein Krisengespräch des Präsidiums des Verbandes der Jüdischen Gemeinden über die neonazistischen und antisemitischen Tendenzen in der DDR statt, und wich auf den Leipziger Montagsdemonstrationen der Schlachtruf „Wir sind das Volk“ dem Slogan „Wir sind ein Volk“.[87]

Die Zusammensetzung der Teilnehmer änderte sich in diesen Wochen. Viele Bürgerrechtler zogen sich verstört zurück und überließen das Feld mehr und mehr lautstarken Vertretern des Wunsches nach „Deutschland einig Vaterland“, die in den folgenden Wochen immer massiver die deutsche Einheit „‘sofort‘ oder ‚so schnell wie möglich‘“ fordern.[88]

Im Januar 1990 nimmt die Aggressivität in der DDR-Bevölkerung spürbar zu. Auf der Leipziger Montagsdemonstrationen am 22. Januar 1990 kam es zu Jagdszenen auf eine Gruppe linker Jugendlicher; einen Monat später fordern in KM-Stadt an die 80.000 Bürger immer wieder „Deutschland, Deutschland“ und „Rote raus, Rote raus“.[89] Wachsender Volkszorn rief in Leipzig nach Lynchjustiz gegen MfS-Mitarbeiter und verhinderte in Lindow mit einer förmlichen Belagerung, dass der aus der Haft entlassene Honecker in einem Gästehaus der Regierung Zuflucht fand.

Keine Frage: Auch Pegida begann im Herbst 1989, und „Die AfD gehört zum Erbe von '89“, wie Andreas Wassermann im Sommer 2019 in einem Spiegel-Essay schrieb.[90] Aber gehört sie mit zu den Trägern des Umbruchs und wurde die DDR „auch von Menschen zu Fall gebracht, die heute gemeinsam mit Neonazis demonstrieren“[91] , oder „zum etwas piefigen Erbe der DDR, die Ausländer so gern aus der Öffentlichkeit verbannte und Mauern baute“, wie eine Gegenstimme postulierte?[92]

Abwehr rechtspopulistischer Vereinnahmung

Für beide Auffassungen sprechen gewichtige Indizien. Eine breite Mehrheit früherer Bürgerrechtler hat sich gegen jede Vereinnahmung durch den Rechtspopulismus entschieden gewehrt und mit Recht auf die fundamentalen Unterschiede in den politischen Zielen hingewiesen: „Es ging um ganz andere Ziele als jene der AfD, es ging um Weltoffenheit und um Bürgerrechte“, konstatierte etwa der Bündnis-Grüne Werner Schulz, Bundestagsabgeordneter von 1990 bis 2005[93] und Roland Jahn bezeichnete die Versuche der AfD, sich als Vertreterin der Ostdeutschen zu gerieren, als „eine Verhöhnung der Opfer“.[94]

Einige prominente Vertreter der ostdeutschen Bürgerrechtsbewegung aber sind in der Tat nach rechts abgedriftet, wie Vera Lengsfeld, Angelika Barbe, der in der DDR als Umweltaktivist verfolgte Michael Beleites oder der Schriftsteller und frühere sächsische Stasi-Landesbeauftragte Siegmar Faust, der 2018 erklärte, „dass es unter den Ex-Dissidenten nicht zuletzt in Hohenschönhausen ‚wenige‘ gebe, ‚die anders denken‘“. Anders als er.[95]

Barbe und Beleites interpretieren abwehrende Reaktionen auf ihre „Kritik am Merkel-System“ als „Strategie der Kommunisten im neuen Gewand“[96] und wollen „erstaunlich viele Parallelen“ zwischen den einstigen Montagsdemonstrationen und heutigen Pegida-Märschen ausgemacht haben.[97]

In der Tat ist nicht von der Hand zu weisen, dass außerhalb Berlins die Schwerpunkte der gesellschaftlichen Auflehnung gegen den SED-Staat 1989/90 vielfach deckungsgleich sind mit den Hochburgen des rechtsradikalen Zorns auf das „System Merkel“ seit 2015. Nur zwölf Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung, aber 38 Prozent der AfD-Anhänger sehen die DDR 2019 rückblickend als einen „eigentlich ganz erträglich(en)“ Staat[98] und bekunden damit, dass in der AfD die Unterscheidung von Diktatur und Demokratie signifikant schwächer bewertet wird als im liberaldemokratischen Spektrum, das in diesem Fall von den Grünen (vier Prozent Zustimmung) über die SPD (sieben Prozent Zustimmung) zur CDU (14 Prozent Zustimmung) und der Linkspartei (16 Prozent Zustimmung) reicht. Eine andere Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach vom Januar 2019 erlaubt dieses Ergebnis nach Ost- und Westdeutschland zu differenzieren: Ihr zufolge halten nur 42 Prozent der Ostdeutschen gegenüber 77 Prozent der Westdeutschen die in Deutschland gelebte Demokratie für die beste Staatsform.[99]

Was besagen diese Werte? Wer in Ostdeutschland sich eigensinnig gegen die Obrigkeit stellte, war in der DDR ein Gegner der Diktatur und konnte in der vereinigten Bundesrepublik ein Gegner der Demokratie werden, ohne sich eines Identitätswechsels bewusst zu werden. Es brauche auch heute Dissidenten, fand Michael Beleites in einem Gespräch mit Christoph Dieckmann[100], und befragte AfD-Wähler bekunden gern, sie ließen sich doch nicht vorschreiben, wen sie zu wählen hätten – wenn das Establishment vor ihnen zittere, um so besser.

Ist diese Haltung ein Erbe der DDR oder ihrer Überwinder – oder ist sie beides?

Der Beitrag von Prof. Martin Sabrow bildete den Eröffnungsvortrag einer Ringvorlesung "1989 - (k)eine Zäsur?", die in Kooperation mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur im Wintersemester 2019/20 vom Lehrstuhl für Neueste und Zeitgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin, dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und der Stiftung Berliner Mauer veranstaltet wird. Nähere Informationen unter: https://zzf-potsdam.de/de/veranstaltungen/offentliche-ringvorlesung-1989-keine-zasur

Ergänzend:

- Weitere Beiträge über 1989 und den Mauerfall

- Vom MfS gesammelt: Die Parolen der Friedlichen Revolution

Fußnoten

1.
Johannes Engels: Mythos. In: Gert Ueding (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik Online. Band 6, Niemeyer Verlag Tübingen 2003, Spalten 80–98.
2.
Zur Unterscheidung von alltags- und fachsprachlicher Verwendung des Mythosbegriffs: Stephanie Wodianka/ Juliane Ebert, Vorwort, in: dies. (Hg.), Metzler Lexikon der modernen Mythen, Stuttgart/Weimar 2014, S. V ff.; Matthias Waechter, Mythos, in: Docupedia-Zeitgeschichte. http://docupedia.de/zg/Mythos
3.
Roland Barthes, Mythologies, Paris 1957, S. 181
4.
Annett Meiritz/Christoph Sydow, Mauerfall-Jubiläum. Berlin erinnert, Berlin jubelt. Tagsüber besinnlich, abends Volksfest: Hunderttausende Menschen feiern in Berlin das Mauerfall-Jubiläum, über dem Himmel der Stadt schweben Ballons der "Lichtgrenze". Das moderne Gedenken ist erstaunlich gut gelungen, in: Spiegel online, 9.11.2014, URL: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/mauerfall-jahrestag-berlin-gedenkfeier-am-brandenburger-tor-a-1001910.html (28.6.2019).
5.
Es ist eine Botschaft der Zuversicht, heute und künftig weitere Mauern einreißen zu können – Mauern der Diktatur und der Gewalt, der Ideologien und der Feindschaften. Zu schön, um wahr zu sein? Ein Tagtraum, der wie eine Seifenblase zerplatzt? Nein, der Mauerfall hat uns gezeigt: Träume können wahr werden. Nichts muss so bleiben, wie es ist – mögen die Hürden auch noch so hoch sein.“ Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung der Gedenkstätte Berliner Mauer am 9. November 2014 in Berlin, in: Die Bundesregierung, Bulletin 126-3, 9.11.2014, URL: https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/bulletin/rede-von-bundeskanzlerin-dr-angela-merkel-794850 (28.6.2019)
6.
Mauerfall-Gedenken Bundestag: Biermann beschimpft Linke als Drachenbrut, in: Zeit online, 7.11.2014, URL: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-11/biermann-mauerfall-gysi-bundestag (28.6.2019).
7.
Kommission "30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit" stellt Jubiläumskonzept vor. Pressemitteilung des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat, 9.9.2919. https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2019/09/jubilaeumskonzept-30ja-deu-einheit.html
8.
Ebd.
9.
Vorgesehen sind rund 200 Veranstaltungen, „darunter eine große Bühnenshow am 9. November vor dem Brandenburger Tor. Sieben Tage lang werden 3-D-Videoprojektionen und Open-Air-Ausstellungen gezeigt. (...) Am meisten freut sich Kulturprojekte-Geschäftsführer Moritz van Dülmen auf die 150 Meter lange Kunstinstallation am Brandenburger Tor, zu der 30 000 Menschen Botschaften, Visionen und Geschichten beigetragen haben.“ Festivalwoche zum Jubiläum des Mauerfalls. Die letzten Vorbereitungen laufen, in: Der Tagesspiegel, 19.10.2019.
10.
Elisabeth Binder, Der Traum vom Schlaraffenland.Eine Ausstellung in den Schaufenstern des KaDeWe erzählt, wo die Mitarbeiter am 9. November 1989 waren. Einige erinnern sich noch gut an den Ansturm der DDR-Bürger, in: Der Tagesspiegel, 20.10.2019
11.
Waechter, Mythos
12.
Herfried Münkler, Die Deutschen und ihre Mythen, Berlin 2009, S. 9.
13.
Ebd., S. 477 ff.
14.
Ebd., S. 479.
15.
Rudolf Speth/Edgar Wolfrum, Einleitung: Politische Mythen – Geschichtspolitik, in: dies., Politische Mythen und Geschichtspolitik. Konstruktion – Inszenierung – Mobilisierung, Berlin 1996, S. 7.
16.
Olaf Briese, Mauerfall/Wende, in: Stephanie Wodianka/ Juliane Ebert (Hg.), Metzler Lexikon moderner Mythen. Figuren, Konzepte, Ereignisse, Stuttgart 2014, S. 251 ff.
17.
Ich greife in diesem Abschnitt eine bereits 2010 vorgetragene Argumentation auf: Martin Sabrow, Der vergessene „Dritte Weg“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage B 11/2010, S. 6-13.
18.
Hubertus Knabe, Die deutsche Oktoberrevolution, in: ders. (Hg.), Aufbruch in eine andere DDR. Reformer und Oppositionelle zur Zukunft ihres Landes, Reinbek, 1989, S. 9-20, hier S. 19.
19.
“In East Germany, New Forum and other groups are beginning to polarise along new lines. Some seek to influence the reform wing of the ruling Communist Party in a more social democratic direction. Others want to fight for a distinctive third camp, socialism based on new forms of popular democratic planning, and on social and co-operative ownership — equally opposed to Stalinism and East European-style neo-Thatcherism. John Palmer, Eastern bloc in search of a third way, in: The Guardian. 22.11.1989, S. 23.
20.
Zit. b. Christof Geisel, Auf der Suche nach einem dritten Weg. Das Selbstverständnis der DDR-Opposition in den achtziger Jahren, Berlin 2004, S. 68 f. Eine Zusammenstellung weiterer Äußerungen in derselben Richtung bei: Andreas Peglau, Echter Sozialismus statt Einheitsbrei! Die größte Demonstration der DDR-Geschichte forderte nicht die Einheit, sondern einen besseren Sozialismus, in: rubikon, 9.11.2019, URL: https://www.rubikon.news/artikel/echter-sozialismus-statt-einheitsbrei (20.11.2019).
21.
Frank Eigenfeld, Bürgerrechtsbewegungen 1988-1990 in der DDR, in: Pabst/Schultheiß/Bohley (Hg.), Wir sind das Volk?, S. 65-78, hier S. 68.
22.
Sung-Wang Choi, Von der Dissidenz zur Opposition, S. 116. # Stellvertretend für die mit zahlreichen empirischen Belegen gegen die teleologische Entfärbung der sozialistischen Oppositionsziele anschreibende Forschungsliteratur siehe des Weiteren: Dirk Rochtus, Zwischen Realität und Utopie. Das Konzept des „dritten Weges“ in der DDR 1989/90, Leipzig 1999; S. 201 ff.; Geisel, Auf der Suche nach einem dritten Weg, S. 55 ff.; Thomas Klein, „Frieden und Gerechtigkeit!“. Die Politisierung der Unabhängigen Friedensbewegung in Ost-Berlin während der 80er Jahre, Köln/Weimar/Wien 2007, S. 512 ff.
23.
Ebd., S. 35.
24.
Vorläufige Grundsatzerklärung und Diskussionspapier des „Demokratischen Aufbruch“ (DA) vom 30. Oktober 1989, in: Ebd., S. 161-170, hier S. 163.
25.
Lothar Probst, Ostdeutsche Bürgerbewegungen und Perspektiven der Demokratie, Köln 1993, S. 111.
26.
Erklärung der Gründungsinitiative für eine Grüne Partei, 26.11.1989, in: Gerhard Rein (Hg.), Die Opposition in der DDR. Entwürfe für einen anderen Sozialismus, Berlin (W) 1989, S. 119.
27.
Zit. n: Friedrich Schorlemmer, Träume und Alpträume. Einmischungen 1982-1990, Berlin 1990, S. 49. S. auch Gisela Helwig, Die Chance der Umkehr, in: Deutschland Archiv 1988, H. 8, S. 801.
28.
Die stark differierenden Zahlenangaben reichen bis zu einer Million Demonstranten (Hermann Weber, Die DDR 1945-1990, München 1993, S. 106). Vermutlich lag die Zahl tatsächlich aber weit darunter; nach jüngerer Schätzung ist von etwa 200.000 Teilnehmern auszugehen. Kowalczuk, Endspiel, S. 451 f
29.
Protestdemonstration Berlin-Alexanderplatz: Tonbandprotokolle der Reden von Stefan Heym, Christoph Hein, Friedrich Schorlemmer und Christa Wolf, in: Schüddekopf (Hg.), „Wir sind das Volk!“, S. 207-216, hier S. 207 f.
30.
Dieter Segert, Das 41. Jahr. Eine andere Geschichte der DDR, Wien/ Köln/ Weimar 2008, S. 108.
31.
Larissa Klinzing, Mein eigenwilliges Gedächtnis. Spannende Tage an der Humboldt-Universität, in: blz. Zeitschrift der GEW Berlin, Nov. 2009, S. 11-12, hier S. 11.
32.
Friedrich Schorlemmer, Worte öffnen Fäuste. Die Rückkehr in ein schwieriges Vaterland, München 1992, S. 295.
33.
Wir sind hochmütig geworden“. Gespräch mit Egon Krenz über Sprachlosigkeiten im SED-Politbüro, Moskauer Misstrauen und zwei erzwungene Rücktritte, in: Neues Deutschland, 12.10.2009.
34.
Als ich an diesem denkwürdigen 9. November nach Hause kam, [...] wurde ich von zwei westdeutschen Rundfunkanstalten angerufen und gefragt, was ich über die Öffnung der Mauer dächte. Mich hat das erstaunlich wenig berührt, auf diese Weise zu erfahren, daß die Mauer auf ist. Ich war noch ganz beschäftigt mit unserem Mauerdurchbruch in den Sälen meiner Stadt.“ Schorlemmer, Worte öffnen Fäuste, S. 297.
35.
Aufruf „Für unser Land“, in: Neues Deutschland, 26.11.1989.
36.
Dirk Rochtus, Zwischen Realität und Utopie. Das Konzept des "dritten Weges" in der DDR 1989/90, Leipzig 1999, S. 252 f.
37.
Konrad H. Jarausch, Die unverhoffte Einheit: 1989-1990, Frankfurt am Main 1995, S. 180.
38.
Gehrke, 1989 und keine Alternative?, in: Bernd Gehrke/Wolfgang Rüddenklau (Hg.), ... das war doch nicht unsere Alternative. DDR-Oppostionelle zehn Jahre nach der Wende, Münster 1999, S. 417-440, hier S. 430.
39.
Sabrow, Der vergessene „Dritte Weg“, S. 12.
40.
Rainer Eppelmann, Fünf Jahre deutsche Einheit, in: DA 1995,9, S. 897-898, hier S. 897. Der von Eppelmann mit der Autorität des Zeitzeugen und Zeitgestalters zugleich vertretenen Sicht folgten die wichtigsten jüngeren Gesamtdarstellungen der friedlichen Revolution: „Der 18. März vollendete, was die Fluchtbewegung, die Massenproteste und die Bürgerbewegungen seit dem Spätsommer und Frühherbst gemeinsam erzwangen: freie demokratische Wahlen.“ Kowalczuk, Endspiel, S. 528
41.
30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit. Pressemitteilung der Bundesregierung, 9.10.2019.
42.
Jarausch, Die unverhoffte Einheit, S. 11.
43.
Als Beispiel unter vielen: „Für die Deutschen ist sie schon deshalb etwas Einzigartiges, da es die erste Revolution war, die erfolgreich die Ideen von Freiheit und Nation miteinander verband. Unmittelbar und ohne Umwege ging aus ihr die Bundesrepublik als ein geeinter Nationalstaat hervor. Schon deswegen ist sie ‚unsere Revolution‘. Aber auch weil sie sich im Zusammenhandeln und Wirken von West und Ost vollzog und vollendete.“ Ehrhart Neubert, Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989/90, München 2008, S. 13.–
44.
So Neuberts Interpretation der Demonstration vom 4. November 1989 in Berlin: „Auf der Tribüne ging es um Reformen, auf dem Platz um Revolution.“
45.
Christian Petzold, Auf die Uhren schießen. Es gab das utopische Moment. Doch das Neue Forum verschwand, und die Schnäppchenjäger kamen. Über eine Revolution, die im Konkurs endete, in: Der Tagesspiegel, 9.11.2019.
46.
Das Wissen über die allgemeine Ahnungslosigkeit am Tag des Mauerfalls bewahren die Erinnerungen auch von damaligen Entscheidungsträgern unverändert noch nach dreißig Jahren, wie beispielsweise der damalige stellvertretende Direktor des Aspen Instituts Berlin bezeugt: „An jenem Abend veranstalteten wir dort [im Aspen Institut Berlin auf Schwanenwerder; MS] einen Ost-West-Empfang für eine neue Kollegin – was zeigt, dass niemand wirklich damit gerechnet hat, dass die Mauer in jener Nacht geöffnet wird, denn der Regierende Bürgermeister war da, ebenso West-Berliner Politiker und sogar Westalliierte, sowjetische und ostdeutsche Funktionäre und Experten.“ Daniel S. Hamilton, Vom Projekt zur Parole. Die USA unter Präsident Donald Trump sind nicht das Amerika, das Europa braucht. Darunter leidet die Vision von einem freien, geeinten Westen, in: Der Tagesspiegel, 20.10.2019
47.
Wolle, Heile Welt, S. 342.
48.
Reinhold Andert/Wolfgang Herzberg, Der Sturz. Erich Honecker im Kreuzverhör, Berlin (O)/ Weimar 1990, S. 19 ff.
49.
Erich Honecker, Moabiter Notizen. Letztes schriftliches Zeugnis und Gesprächsprotokolle vom BRD-Besuch 1987 aus dem persönlichen Besitz Erich Honeckers, Berlin 2010, S. 26. Die Authentizität dieser laut Verlagsmitteilung von Margot Honecker transkribierten und von Erich Honecker paraphierten Einlassungen ist in ihrem Wortlaut nicht zweifelsfrei, aber in der Sachaussage durch zahlreiche andere Äußerungen Honeckers gesichert.
50.
„Bei einem geheimen Treffen zwischen KGB- und SED-Funktionären am 4. März 1987 in Dresden soll konkret über den Sturz von SED-Staats- und Parteichef Erich Honecker gesprochen worden sein. Anstelle des reformunwilligen Honecker sollte der als moderat geltende Hans Modrow, damals Parteichef des Bezirks Dresden, als SED-Generalsekretär installiert werden. An dem Treffen soll neben Modrow selbst auch der damals gerade unter unklaren Umständen aus dem Ministerium für Staatssicherheit ausgeschiedene DDR-Spionagechef Markus Wolf teilgenommen haben, außerdem der eigens aus Moskau angereiste stellvertretende KGB-Chef Wladimir Krjutschkow.“ Neue Hinweise Verschwörung gegen Honecker? Versuchte der sowjetische Staatschef Gorbatschow 1987 mit Hilfe des KGB, Erich Honecker zu stürzen? Und war der Dresdner SED-Chef Hans Modrow Teil dieser Putschpläne? Zeitungsberichte nähren alte Gerüchte - doch die entscheidenden Zeugen sind tot, in: Der Spiegel, 13.8.2009.
51.
Vgl. beispielsweise die populärwissenschaftliche Darstellung von Reuth und Bönte: „Im Frühjahr 1992 (…) informierte das Bundesamt für Verfassungsschutz eine kleine Zahl ausgewählter Verantwortungsträger der Bundesrepublik über eine geheime KGB-Struktur in Deutschland. In dem streng geheimen Papier heißt es, daß außerhalb der bekannten KGB-Residentur in Karlshorst (…) eine weitere geheime KGB-Residentur existiere, die sogenannte Gruppe »Luch« (russisch für Strahl). (…) Seit Mitte der 80er Jahre hatte die Gruppe ‚Luch‘ den Auftrag, Bürger der ehemaligen DDR in Leitungsfunktionen von Wissenschaft, Technik und Politik zur Zusammenarbeit mit dem KGB zu verpflichten, um auf diese Weise gesellschaftlich relevante Prozesse beeinflussen zu können.‘ Mit anderen Worten: Die Gruppe hatte die Aufgabe in der DDR die Umgestaltung nach sowjetischem Vorbild zu betreiben beziehungsweise zu unterstützen. (…) Bei den von »Luch« rekrutierten Personenkreisen soll es sich der Analyse des Verfassungsschutzes zufolge, neben Kadern aus der Staatsführung um Entscheidungsträger der FDJ, aus Bildungseinrichtungen und Handelsorganisationen, aber auch aus den Reihen der Kirche gehandelt haben. In den Jahren 1988/1989 sei die Arbeitsweise von »Luch« modifiziert worden. (…) Man habe sich »auf Mitglieder der Blockparteien der ehemaligen DDR, solcher neugegründeter Parteien im Zuge der Wende und Angehörige von Jugendorganisationen konzentriert.“ Ralf Georg Reuth/ Andreas Bönte, Das Komplott – Wie es wirklich zur deutschen Einheit kam, München 1995, S. 210 f.
52.
Zit.n. Alexander von Plato, Die Vereinigung Deutschlands – ein weltpolitisches Machtspiel. Bush, Kohl, Gorbatschow und die geheimen Moskauer Protokolle, Berlin 2002, S. 74. Im gleichen Sinne bestätigte auch Markus Wolf die Existenz einer dem Moskauer KGB-Chef direkt unterstellten Geheimdienstgruppe in Ost-Berlin, die gleichwohl keinerlei Putschpläne verfolgt habe: „Wir wußten, daß es seit Mitte der 80er Jahre neben der offiziellen KGB-Residentur in Karlshorst noch eine zweite, geheime Gruppe gab, die operative Aufgaben für die Moskauer Zentrale erfüllt (...) Die Aufgabe von ,Luch' - den Namen kannten wir damals nicht - bestand hauptsächlich darin, Kontakte in West-Berlin und der Bundesrepublik aufzubauen. Und zwar zu Mitarbeitern von Botschaften und Handelsmissionen, zu Bankern, Journalisten und Angestellten der Militärmissionen. Diese Gruppe unterstand direkt Krjutschkow, dem Chef des KGB." Ab 1988, so Wolf weiter, habe es eine Weisung aus Moskau an "Luch" gegeben, sich verstärkt um DDR-Kontakte zu bemühen.“ Zit.n. Eine geheime Gruppe des Moskauer Dienstes wählt ab 1988 DDR-Kader aus / Zur selben Zeit taucht ein zweites "Spiegel-Manifest" auf: Der KGB hatte die Posten im neuen SED-Apparat schon verteilt , in: Berliner Zeitung, 18.5.1995. Das Blatt ergänzt:: „Ab 1988 (...) habe es eine Weisung aus Moskau an "Luch" gegeben, sich verstärkt um DDR-Kontakte zu bemühen. Gerüchte, wonach die KGB-Gruppe das "Neue Forum" und die sich ab 1988 herausbildende DDR-Opposition unterlaufen habe, weist Wolf jedoch zurück. Dafür habe er keine Anhaltspunkte.“
53.
Vgl. Martin Sabrow, Der vergessene „Dritte Weg“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 11/2010, S. 6-13; Rainer Land, Eine demokratische DDR?, in: Ebd., S. 13-19.
54.
Vgl. aus oppositioneller Sicht den Kommentar Ludwig Mehlhorns zum Fall der Mauer in der illegalen Zeitung von „Demokratie Jetzt“: „Die Mauer ist weg, jedenfalls, was den wichtigsten Teil ihrer Funktionen nach innen betrifft. Grund zur Freude für alle, die in den letzten Jahren für das Menschenrecht auf Freizügigkeit und ihrer Person einstanden. [...] Aber aufgepaßt! Die neue Situation wird die gewaltigen wirtschaftlichen Probleme der DDR weiter verschärfen und soziale Konflikte hervorbringen. Es gibt warnende Stimmen, die ein weiteres Ausbluten der DDR und eine Kolonialisierung in Glanz und Glimmer befürchten, ohne daß wir in diesen Prozessen eine Möglichkeit der Mitsprache haben werden. Andere sehen die Gefahr, wir könnten uns die Demokratisierung des Staates durch Reisen abkaufen lassen. Ich möchte diese Kassandrarufe nicht bagatellisieren, meine aber, daß die Chancen größer sind.“ (Zit. n. Neue Chronik der DDR. Berichte, Fotos, Dokumente, 2. Folge 19. Oktober - 23. November 1989, recherchiert und zusammengestellt von Zeno und Sabine Zimmerling, Berlin (O) 1990, S. 88 f.) In der Bundesrepublik wiederum plädierten noch in einer Bundestagsdebatte vom 16.11.1989 neben den Grünen auch Teile der SPD für eine Stärkung einer selbständigen DDR.
55.
Ich folge hier der minuziösen Rekonstruktion des Ereignisverlaufs durch Hans-Hermann Hertle. Vgl. Hertle, Der Fall der Mauer, S. 187, und zuletzt: Schabowskis Zettel oder der Fall der Berliner Mauer. Am 9. November 1989 führten die Medien ein welthistorisches Ereignis herbei. Eine Chronologie der Ereignisse, in: Neue Zürcher Zeitung, 9.11.2019.
56.
Rede des Genossen Egon Krenz. Generalsekretär des Zentralkomitees der SED, in: Neues Deutschland, 19.10.1989.
57.
Christa Wolf, Christoph Hein und Steffie Spira auf der Berliner Großdemonstration am 4. November 1989, in: Konrad H. Jarausch/Helga A. Welsh (Hg.), Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern (DGDB), Bd. 10, Ein Deutschland in Europa1989–2009, URL: http://ghdi.ghi-dc.org/pdf/deu/Chapter1_Doc7German.pdf [Zugriff am 29.6.2019].
58.
Ilko-Sascha Kowalczuk, Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde, München 2019.
59.
Rainer Eppelmann/Robert Grünbaum, Sind wir die Fans von Egon Krenz? Die Revolution von 1989/90 war keine „Wende“, in: Deutschland Archiv (DA) 37 (2004), H. 5, S. 864–869, hier S. 869. Seine erste selbständige Veröffentlichung im vereinten Deutschland hatte Eppelmann allerdings selbst noch mit dem Wendewort betitelt: Wendewege: Briefe an die Familie, Bonn 1992.
60.
Elke Kimmel, 20 Jahre friedliche Revolution und deutsche Einheit, in: DA 41 (2008), H. 3, S. 523–525, hier S. 523.
61.
Annette Simon, Wende? Revolution! 1989 geschah in der DDR eine Revolution, keine Wende. Warum hat sich dieser Begriff im Alltag trotzdem durchgesetzt?, in: Die Zeit, 23.10.2014.
62.
Rainer Eckert, Gegen die Wende-Demagogie – für den Revolutionsbegriff, in: DA 40 (2007), H. 6,, S. 1084–1086, hier S. 1084.
63.
Michael Richter, Die Wende. Ein Plädoyer für eine umgangssprachliche Benutzung des Begriffs, in: DA 40 (2007), H. 5, S. 861–868, S. 862.
64.
Hierzu: Bernd Lindner, Begriffsgeschichte der Friedlichen Revolution. Eine Spurensuche, in: APuZ (2014), H. 64, S. 33–39, hier S. 36.
65.
Wir arbeiten für eine friedliche Revolution. Egon Krenz antwortete auf Fragen der Weltpresse Berlin, in: Neues Deutschland, 18.11.1989. Auch Krenz‘ erste Buchveröffentlichung nach dem Ende des SED-Regimes trägt den Revolutionsbegriff im Titel: Wenn Mauern fallen. Die friedliche Revolution. Vorgeschichte – Ablauf – Auswirkungen, Wien 1990.
66.
Tobias Hollitzer, 15 Jahre Friedliche Revolution, in: APuZ (2004), H. 41–42, S. 3–6.
67.
Detlef Pollack, Es war ein Aufstand der Normalbürger. Die letzten Tage der DDR. Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es höchste Zeit, mit einer Legende aufzuräumen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.7.2019.
68.
Ilko-Sascha Kowalczuk, Eine Minderheit bahnte den Weg. Der Umbruch von 1989 war das Werk von wenigen, die Normalbürger warteten ab. Erst als die großen Fragen entschieden waren, setzte sich das Volk in Bewegung. Zu aktuellen Versuchen, die ostdeutsche Revolution umzudeuten, in: ebd., 15.7.2019.
69.
Ders., Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 2009, S. 346 ff. und 435 ff.
70.
Kowalczuk, Eine Minderheit bahnte den Weg,
71.
Detlef Pollack, Die verachtete Bevölkerung der DDR. Weshalb der Leipziger Herbst 1989 nicht in dualistische Weltbilder passt – eine Erwiderung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung,16.7.2019
72.
Dr. Maria Nooke, Leserbrief an die FAZ (...), 17.7.2019.
73.
„Anstatt sich mit den eigenen Fehlern und Fehlleistungen zu beschäftigen, setzt Pollack lieber neue in die Welt. Dabei gäbe es für einen gelernten Theologen der Karl-Marx-Universität Leipzig genügend Material und Gründe für die Aufarbeitung.“ Werner Schulz, Wir waren die Mutigen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.8.2019. Worauf Schulz zielte, verdeutlichte er in einer späteren Passage seines Beitrags: „Deswegen ist Pollack nicht nur Niklas Luhmann gefolgt, sondern vor allem seinem Lehrmeister Prof. Hans Moritz, alias IM Martin, Mitglied im Zentralrat der FDJ und später im Hauptvorstand der Ost-CDU. Unter seiner Leitung hat e auch Arbeiten zur ‚Kirche im Sozialismus‘ verfasst, die er heute in seiner Vita verschweigt.“
74.
Gerd Poppe an Jürgen Kaube, 29.7.2019.
75.
Leserbrief, nicht abgedruckt.
76.
Das alte Gift wirkt noch immer. Leserbrief von Barbara Stollberg-Rillinger, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.8.2019
77.
Unveröffentlichte Antwort von Ilko-Sascha Kowalczuk,
78.
Unveröffentlichte Antwort von Gerd Poppe.
79.
Vgl. für eine abwägende Sicht Helmuth Fehr,
80.
„Ich nehme es der SED-Führung übel, wie sie die Mauer geöffnet hat. Die Menschen sind rübergerannt, um ihr Begrüßungsgeld in Empfang zu nehmen. Ich hätte mir einen würdigeren Gang in die Wiedervereinigung gewünscht.“ Zit. n. Karlen Vesper, Bohgauleyck – ein abstruser Schlagabtausch. Die Stiftung Aufarbeitung lud zum Streit über die Friedliche Revolution 1989 ans Brandenburger Tor, in: Neues Deutschland, 29.08.2009.
81.
Udo Knapp, Mythos Revolution, in: taz, 6.8.2019.
82.
Günter Nooke an Jürgen Kaube, o.D.
83.
Streit um Gysi-Auftritt in Leipzig am 9. Oktober geht weiter, in: Leipziger Volkszeitung, 10.7.2019.
84.
„Nicht mit uns: Gegen den Missbrauch der Friedlichen Revolution 1989 im Wahlkampf“. Offene Erklärung, 9.11.2019. https://www.havemann-gesellschaft.de/beitraege/nicht-mit-uns-gegen-den-missbrauch-der-friedlichen-revolution-1989-im-wahlkampf/
85.
Ebd.
86.
Zit.n. Hannes Bahrmann/Christoph Links, Chronik der Wende. Die DDR zwischen 7. Oktober und 18. Dezember 1989, Berlin 1994, S. 83.
87.
Ebd., S. 142 ff.
88.
Zit.n. Hannes Bahrmann/Christoph Links, Chronik der Wende 2. Stationen der Einheit. Die letzten Monate der DDR, Berlin 1995, S. 129.
89.
Ebd., S. 130.
90.
Rechtspopulismus in Ostdeutschland. Die AfD gehört zum Erbe von '89. Die DDR wurde auch von Menschen zu Fall gebracht, die heute gemeinsam mit Neonazis demonstrieren. Ein Essay, in: Der Spiegel, 16.82019
91.
Ebd.
92.
Ralf Julke, Ein Offener Aufruf und ein „Spiegel“-Artikel. Wessen Erbe ist eigentlich die ostdeutsche AfD?, in: Leipziger Internet Zeitung, 22.8.2019.
93.
DDR-Bürgerrechtler gegen AfD. „Wende war nie der Begriff der friedlichen Revolution“. Werner Schulz im Gespräch mit Michael Köhler, in: Deutschlandfunk, 22.8.2019. https://www.deutschlandfunk.de/ddr-buergerrechtler-gegen-afd-wende-war-nie-der-begriff-der.691.de.html?dram:article_id=456975
94.
Das ist eine Verhöhnung der Opfer“. Roland Jahn kritisiert die Versuche der AfD, sich als Vertreterin der Ostdeutschen zu inszenieren. Der Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde war in DDR-Zeiten Bürgerrechtler in Jena, in: Der Tagesspiegel, 25.10.2019.
95.
Markus Decker, DDR-Dissident Vom Bürgerrechtler zum AfD-Anhänger, in: Berliner Zeitung, 29.5.2018.
96.
Angelika Barbe, Früher „Konterrevolutionäre“, heute „Pathologen“, in: Cicero. Magazin für politische Kultur, 18.1.2018.
97.
So der in der DDR als Umweltaktivist verfolgte Michael Beleites, zit. n. Konstantin von Hammerstein, In Ostdeutschland. Warum ehemalige Bürgerrechtler sich jetzt bei der AfD engagieren, in: Der Spiegel, 7.1.2018
98.
Thomas Petersen, Das Verblassen der Erinnerung an die Diktatur, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2019
99.
Renate Köcher Ostdeutsche haben wenig Vertrauen in Staat und Demokratie, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.1.2019.
100.
Ostdeutsche Seelenklüfte. Der eine ist Spitzenbeamter, der andere gilt als Rechtsaußen. Christoph Dieckmann hat zwei frühere Bürgerrechtler getroffen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und fragt: Wem gehört die ostdeutsche Geschichte?, in: Die Zeit, 10.10.2019

Illustration, die Kathrin und Ereignisse rund um den Mauerfall 1989 zeigt.
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