>>> Alles zur Bundestagswahl 2017 <<<
Beleuchteter Reichstag
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Pfeil rechts

Frohe Ferien in der DDR

Kommunismus und Antikommunismus in den 1950er-Jahren


16.11.2011
Zehntausende westdeutscher Kinder lud die DDR zwischen 1954 und 1961 in Ferienlager ein. Die Bundesrepublik reagierte mit zusätzlichen Mitteln für Ferienhilfswerke, Kampagnen, polizeilichen und juristischen Maßnahmen. Die Geschichte der Ferienaktion wirft Schlaglichter auf die SED-Westpolitik, den westdeutschem Antikommunismus und die deutsch-deutsche Systemkonkurrenz.

Einleitung




In den Ferienlagern standen Spiele und Freizeit im Mittelpunkt. Werbebroschüre der ZAG, ca. 1957.In den Ferienlagern standen Spiele und Freizeit im Mittelpunkt. Werbebroschüre der ZAG, ca. 1957. (© Landesarchiv NRW, BR 2154 Nr. 7)
Kostenlose Ferien jenseits des Eisernen Vorhangs? In den 1950er-Jahren war dieses Angebot für viele westdeutsche Familien attraktiv. Die "Zentrale Arbeitsgemeinschaft (ZAG) – Frohe Ferien für alle Kinder", 1955 in Düsseldorf gegründet und mit Landesausschüssen in fast allen Bundesländern vertreten, bot Kindern und Jugendlichen Plätze in Ferienlagern in der DDR – gegen ein geringes Entgelt, in vielen Fällen auch kostenlos. Also rollten zwischen 1954 und 1960 Jahr für Jahr Sonderzüge von West- nach Ostdeutschland und brachten Tausende Kinder in Ferienlager an der Ostsee, im Harz oder im Thüringer Wald. Über 20.000 Kinder waren es allein im Premierenjahr 1954, mehr als 46.000 im darauf folgenden Jahr.[1]



Für viele Kinder bedeuteten die Ferienfahrten einige Wochen voller Lagerfeuerromantik und Naturerleben. Im Wettstreit der Systeme in der Hochphase des Kalten Krieges war die Ferienaktion jedoch eine hochpolitische Angelegenheit, die die Regierungen in Ost-Berlin und Bonn, die Medien, die Sicherheitsbehörden und schließlich auch die Justiz beschäftigten. Anhand der Ferienaktion lässt sich die Konkurrenz der beiden deutschen Staaten aufzeigen. Insbesondere auf dem sozialen Felde musste die DDR ihrem eigenen Selbstverständnis gemäß zeigen, dass sie das bessere Deutschland sei. Die Bundesrepublik wiederum musste auf diese Herausforderung reagieren.[2]

Die Ferienaktion ist auch ein Beispiel dafür, wie die DDR direkten Einfluss auf die bundesdeutsche Gesellschaft gewinnen wollte. Die "Westpolitik" der SED war vor dem Mauerbau vor allem darauf gerichtet, Sympathien zu gewinnen und – besonders nach dem Verbot der KPD 1956 – eine organisatorische Basis aufzubauen. Die ZAG zählte zu diesem Netzwerk kommunistischer Organisationen in der Bundesrepublik, die bislang nur wenig erforscht sind.[3]

Schließlich zeigen aber auch die westdeutschen Reaktionen das Ausmaß und die Bedeutung des Antikommunismus für die junge Bundesrepublik auf. Die Kampagnen gegen die kommunistische Unterwanderung stimmten dabei nicht unbedingt mit der tatsächlichen Gefahr für die Sicherheit in der Bundesrepublik überein. Dies lässt sich insbesondere an der juristischen Verfolgung der ZAG-Mitarbeiterinnen zeigen.[4]

Die Geschichte des deutsch-deutschen Systemwettstreits ist insbesondere in ihrer konstitutiven Bedeutung für die politische und Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik noch nicht abschließend geschrieben. Die Geschichte der Aktion "Frohe Ferien für alle Kinder" kann als exemplarische Fallstudie zu dieser Geschichte beitragen.



Fußnoten

1.
Nicht alle Kinder wurden über die Ferienaktion eingeladen, auch direkte Einladungen der Betriebe sind in den Zahlen enthalten. Aus internen Unterlagen des Amts für Jugendfragen bzw. des Ministeriums für Volksbildung der DDR lässt sich die Zahl westdeutscher Teilnehmer an den Ferienlagern nur für die Jahre 1954 (28.231), 1955 (46.199), 1959 (17.815) und 1960 (7.552; nur ZAG ohne Direkteinladungen) rekonstruieren. Das Propagandamaterial der ZAG spricht für 1955 von 55.000 und für die Folgejahre von 20–30.000 Kindern. Der Verfassungsschutz NRW schätzte etwas geringere Teilnehmerzahlen: 1954: 15.000, 1955: 23.800, 1956: 23.250, 1957: 14.750, 1958: 11.700, 1959: 12.180, 1960: 10.245). Diese Zahlen berücksichtigen nur die Sonderzüge der Bundesbahn, sind also zu niedrig. Zahlen in: BArch DC 4 Nr. 164, 1549; ebd. DR 2 Nr. 3090; Landesarchiv NRW Abt. Rheinland (LAV NRW R) NW 614 Nr. 597. Zur Gründung der ZAG: Amt für Jugendfragen (AfJ), Situationsbericht über [...] Vorbereitungsarbeiten für eine Feriengestaltung der Kinder in Westdeutschland im Jahre 1955, 21.4.1955, BArch DC 4/164, Bl. 487–498.
2.
Klassisch zu den deutsch-deutschen Beziehungen: Christoph Kleßmann, Verflechtung und Abgrenzung. Aspekte der geteilten und zusammengehörigen deutschen Nachkriegsgeschichte, in: APuZ, 29–30/1993, S. 30–41; zuletzt Hermann Wentker, Zwischen Abgrenzung und Verflechtung. Deutsch-deutsche Geschichte nach 1945, in: APuZ, 1–2/2005, S. 10–17; Udo Wengst/ders. (Hg.), Das doppelte Deutschland. 40 Jahre Systemkonkurrenz, Berlin 2008.
3.
Zur Geschichte der KPD vgl. Till Kössler, Abschied von der Revolution. Kommunisten und Gesellschaft in Westdeutschland 1945–1968, Düsseldorf 2005; außerdem: Eric D. Weitz, The Ever-Present Other. Communism in the Making of West-Germany, in: Hanna Schissler (ed.), The Miracle Years. A Cultural History of West-Germany, 1949–1968, Princeton/Oxford 2001, S. 219–232; Patrick Major, The Death of the KPD. Communism and Anti-Communism in West-Germany, 1945–1956, Oxford 1998.
4.
Vgl. vor allem Josef Foschepoth, Rolle und Bedeutung der KPD im deutsch-deutschen Systemkonflikt, in: ZfG 56 (2008), S. 889–909; ders., Postzensur und Telefonüberwachung in der Bundesrepublik Deutschland (1949–1968), in: ZfG 57 (2009), S. 413–426; ders., Staatsschutz und Grundrechte in der Adenauer-Zeit. Paradigmenwechsel in der Zeitgeschichte, in: Jens Niederhut/Uwe Zuber (Hg.), Geheimschutz transparent? Verschlusssachen in staatlichen Archiven, Essen 2010, S. 27–58.

 

Publikationen zum Thema

Deutschland Archiv 2016

Deutschland Archiv 2016

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2016 erschienen sind.

Schriftenreihe Bd. 1664 "Deutschland Archiv 2015": Cover

Deutschland Archiv 2015

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2015 erschienen sind.

Schriftenreihe Bd. 1544 "Deutschland Archiv 2014": Cover

Deutschland Archiv 2014

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2014 erschienen sind.

Coverbild Deutschland Archiv 2013

Deutschland Archiv 2013

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2013 erschienen sind.

WeiterZurück

Zum Shop

Deutschlandarchiv bei Twitter

Junge Pioniere mit ihren typischen Halstüchern vor dem Gebäude einer GrundschuleSchwerpunkt

Tagungsdokumentation

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Weiter... 

Bei der Aufarbeitung der DDR - Vergangenheit sind die Archive der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) von grundlegender Bedeutung.Dossier

Geschichte und Erinnerung

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum. Weiter... 

Brandenburger TorDossier

Deutsche Teilung - Deutsche Einheit

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer. Die Teilung bekommt eine konkrete Gestalt. Mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften. Weiter... 

DDR-Demonstration, Ministerium für Staatssicherheit Stasi, ÜberwachungsmonitoreDossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Weiter... 

www.chronik-der-mauer.de

Chronik der Mauer

Es erwarten Sie ein Fülle von herausragenden und multimedial aufbereiteten Informationen zum Thema. Weiter... 

jugendopposition.deOnline-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten. Weiter...