Beleuchteter Reichstag

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8.9.2011 | Von:
Dirk Moldt

Wie gründet man ein Museum?

Über die Entstehung des Jugend[widerstands]museums Galiläakirche

2008 wurde das Jugend[widerstands]museum Galiläakirche in Berlin-Friedrichshain eröffnet. Es widmet sich vor allem den Erfahrungen junger Menschen in der Diktatur. Innerhalb von zehn Jahren soll hier ein neuer Museumsstandtort etabliert werden.

I.

"Das gab es auch bei uns! Und es gibt noch mehr, was wir zeigen könnten." So lautete der Tenor von Besuchern aus dem geografisch eher nördlichen, politisch hingegen einst östlichen Teil des neuen Doppelbezirks Friedrichshain-Kreuzberg, als im Kreuzberg-Museum 2003 die Ausstellung "Geschichte wird gemacht! Berlin am Kottbusser Tor. Stadtsanierung und Protestbewegung in Kreuzberg SO 36" eröffnet wurde.



Der Bezirksteil Friedrichshain durchlebt zurzeit den zweiten Austausch seiner Bewohner seit 1990. Ursprünglich proletarisch geprägt, zogen seit den Siebziger- und Achtzigerjahren, aber besonders seit der Maueröffnung viele bunte Leute, Punks, Individualisten, Künstler, Hausbesetzer und andere in die marode Bausubstanz und verhalfen dem Stadtteil mit ihrer Präsenz zur Bezeichnung "Kreativbezirk". Inzwischen sind es eher junge Familien, Angehörige einer gut ausgebildeten Mittelschicht, die sich die sanierten Wohnungen leisten können und – wie manche befürchten – den Bezirk in eine Schlafstadt umwandeln. Kaum jemand von diesen Neubewohnern weiß etwas von der bewegten Geschichte Friedrichshains im letzten Jahrhundert. Dabei gibt es durchaus etwas zu erzählen, wie nur einige Stichworte belegen: Beginn des Aufstands am 17. Juni 1953, die Blues-Messen 1979–1980, der Kirchentag von Unten 1987 und die Mainzer Straße 1990.

Vor der Gründung des Museums formierte sich ein als Colloquium bezeichneter Gesprächskreis, bestehend aus Schul- und Museumspädagogen, einem Vertreter der Kirchengemeinde, ehemaligen Sozialarbeitern, einem Historiker und mehreren Vertretern widerständiger Gruppen, die in den Achtzigerjahren in Friedrichshain aktiv waren, sowie auch Vertretern der Hedwig-Wachenheim-Gesellschaft, die als Trägerin des Museum fungiert. Seit 2007 fanden unregelmäßig mehrere Treffen statt, im Februar 2010 sogar eine dreitägige Klausurtagung im Rüstzeitheim Hirschluch bei Storkow.

Schon früh in der Anfangsphase wurde die Erwartung formuliert, innerhalb von zehn Jahren ein Museum zu etablieren, das gerade Jugendliche ansprechen und sie über Jugendbewegungen vergangener Jahrzehnte in Friedrichshain informieren soll. Damit verbunden war von Beginn an der Gedanke, junge Menschen zu ermutigen, sich aktiv in der Gesellschaft für eigene Interessen einzusetzen: "Zivilcourage ist wie ein Muskel, der immer wieder trainiert werden muss."

Mit der Galiläakirche in der Rigaer Straße 9–10, deren Gemeinde sich mit der Samaritergemeinde vereinte, war auch ein Ort gefunden, wo diese Ausstellung eingerichtet werden konnte. Diese Kirche wurde 1910, kurz nach Errichtung der umliegenden Mietshäuser erbaut und ist als ein authentischer Ort unangepassten und widerständigen Handelns in beiden deutschen Diktaturen gut geeignet, Widerstandsgeschichte zu präsentieren. In den Dreißiger- und Vierzigerjahren wirkte hier mit Eugen Senger ein Pfarrer der Bekennenden Kirche, bis 1968 traf sich in den Kellerräumen der Kirche eine staatskritische Pfadfindergruppe und seit 1976 kamen unter Pfarrer Gerhard Cyrus Jugendliche, die mit der staatlichen Jugend- und Freizeitpolitik unzufrieden waren, in die Gemeinderäume. Seit Anfang der Achtzigerjahre waren es vor allem Punks, die sich hier trafen. 1986 ließ der Pfarrer erstmalig in der DDR eine Punkband in einem regulären Sonntagsgottesdienst spielen. Dabei erklärte er seiner Gemeinde: "Wenn ich Sorgen habe oder frustriert bin, dann setze ich mich in die Kirche und klage ich leise. Aber diese jungen Leute hier klagen laut."

Im Gegensatz zu einer Berliner Initiative, die seit Jahren ein DDR-Widerstandsmuseum einzurichten plant, gab es hier keine Berührungsängste zur Kirche: Dass Widerstand gegen die SED-Diktatur in und aus den Räumen der Kirche stattfand, soll selbstverständlich gezeigt werden, zumal bis zur Gründung der neuen Basisgruppen in Sommer und Herbst 1989 sich alle widerständigen Gruppen in Ost-Berlin als Teil der evangelischen Kirche ansahen – bis auf die Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM). Aber: die evangelische Kirche war nicht der Ausgangspunkt, Entstehungsort oder, sinnbildlich gesprochen, die "Mutter der Revolution". Immer gab es nämlich auch Konflikte zwischen den widerständigen Gruppen, Kirchengemeinden und Kirchenleitungen, die viel zu oft auf ein ausgewogenes Verhältnis zum SED-Staat setzten. Das Jugend[widerstands]museum in den Räumen der Kirche einzurichten, bedeutet, sich diesen Konflikten zu stellen und sie zu erklären.



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