Beleuchteter Reichstag

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8.9.2011 | Von:
Dirk Moldt

Wie gründet man ein Museum?

Über die Entstehung des Jugend[widerstands]museums Galiläakirche

III.

Flyer des Jugendwiderstandsmuseums.Flyer des Jugendwiderstandsmuseums. (© Gestaltung: Olga Akbal)
Das Jugend-[widerstands]museum richtet sich vor allem an Jugendliche, indem es Lebenswelten unangepasster Friedrichshainer Jugendlicher und junger Erwachsener von den Fünfzigerjahren bis ins Jahr 1992 darstellt und damit auch zeigt, dass es vornehmlich Jugendliche und junge Erwachsene waren, die auf gesellschaftliche Veränderungen drängten. Nicht nur Sicherheitskräfte oder Lehrer versuchten, sie daran zu hindern, oft genug waren es auch die eigenen Eltern, Nachbarn, sogar Kirchengemeinden und viele andere, die sich in der DDR eingerichtet hatten. Der in den letzten Jahren künstlich geschaffene Mythos Bürgerbewegung, dessen Befürworter eine Anti-SED-Volksbewegung beschwören, findet hier ebenso wenig Nahrung wie der Versuch, das soziale und kulturelle Widerstandspotential in urbanen Stadtzentren der Siebziger- und Achtzigerjahre in die Nähe bestimmter politischer Parteien zu rücken. Derartig intendierte Aufarbeitung der SED-Diktatur führt in eine gefährliche Sackgasse.

Das Konzept des Jugend[widerstands]museums sieht vor, renitentes Verhalten Jugendlicher bereits auf einem relativ niedrigen Niveau als authentische Willensäußerung darzustellen, gerade weil es von DDR-Sicherheitskräften oft als politisch motiviert angesehen und hart bestraft wurde. So stehen Ereignisse, wie die Beat-Demonstrationen am Strausberger Platz am 7.Oktober 1965 und 1966, die Krawalle am Alexanderplatz am 7. Oktober 1977 und die Bemalung des Storkower Tunnels im November 1983 gleichwertig neben eindeutig politisch widerständigen Ereignissen, wie den Berliner Appell 1982 oder den Kirchentag von Unten im Juni 1987. Spontane unbestimmte Unmutsgefühle und -äußerungen, wie sie jedem bewusst widerständigem Verhalten vorausgingen, sind typische Artikulationsformen Jugendlicher.

Hier ist der Ansatzpunkt, den Besuchern Geschichte zu vermitteln und sie selbst in ihrem eigenen couragierten Handeln zu bestärken. Dadurch wird auch eine ungerechtfertigte Verklärung von Helden vermieden. Oft genug stehen Helden aufgrund ihrer Darstellung in abstrakten Handlungsräumen weit entfernt von der Lebenswelt heutiger Jugendlicher. Emotionales Aufbegehren gegen eine als ungerecht empfundene Situation, aber auch das Gefühl, eine strengen Autorität durch eine witzige Aktion "aufs Kreuz" gelegt zu haben, kennt hingegen jeder. Genau hier wird in der Ausstellung angesetzt. Damit soll auch den leider weit verbreiteten Vorstellungen entgegentreten werden, dass die Friedens-, Umwelt- und Menschrechtsbewegung in der DDR aus alten bärtigen, traurig dreinschauenden Männern und Frauen mit trostlosen Geschichten bestand, deren aktuelles gesellschaftspolitisches Interesse bestenfalls noch im Verteilen moralinsaurer Ratschläge zu erkennen ist.



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