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8.9.2011 | Von:
Cornelia Kühn

Sozialistische Folklore?

Der Stralauer Fischzug in Berlin zwischen 1954 und 1962

In der frühen DDR wurden städtische Traditionen und regionale Folklore für die Konstruktion einer sozialistischen Heimat genutzt. Am Beispiel des Stralauer Fischzuges, der 1954 in Ost-Berlin wieder belebt wurde und bis 1962 auf der Halbinsel Stralau stattfand, lässt sich die sozialistische Inszenierung der Tradition exemplarisch darstellen.

Einleitung

Der Stralauer Fischzug 1860.Der Stralauer Fischzug 1860. (© Darstellung von Arnold Neumann, in: Rainer Milskott: Die Rummelsburger Bucht – Städtische Landschaft, Berlin 1993)
Die Geschichte des Stralauer Fischzuges lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Gegründet 1574 als Dorffest für die Fischer in Stralau, einer Halbinsel in der Rummelsburger Bucht der Spree, entwickelte sich der Fischzug Mitte des 19. Jahrhunderts mit bis zu 70.000 Besuchern zu dem beliebtesten Berliner Volksfest. Jedes Jahr am Bartholomäustag, dem 24. August, wurde bei Picknick, Bier und Schnaps, mit Essbuden, Gauklern und Musikern bis in den späten Abend in Stralau gefeiert.[1]



Das Fest wurde 1873 vom Amtsvorsteher von Stralau verboten, da es trotz Polizei- und Militärpräsenz zu Ausschweifungen, Schlägereien und Verwüstungen auf dem Friedhof kam. Bereits in den 1920er-Jahren wurde der Fischzug als ein großer Rummel wieder ins Leben gerufen und in den 1930er-Jahren vom Nationalsozialismus als "deutsches Volksfest" mit Festzügen und Wettkämpfen für propagandistische Zwecke genutzt.[2]

Der Stralauer Fischzug 1932, Festzug in den Straßen Stralaus.Der Stralauer Fischzug 1932, Festzug in den Straßen Stralaus. (© Bundesarchiv, Bild 102-13766, Foto: Georg Pahl)
Im Jahr 1954 sollte – im Kontext der Ost-West-Systemkonkurrenz – der Stralauer Fischzug auch in Ost-Berlin mit großem historischem Festzug, einem Wagenkorso und einer Bootsparade wieder belebt werden. Besonders durch den Standort Berlin und die Bekanntheit des historischen Fischzuges erhielt das Volksfest dabei innen- wie außenpolitische Bedeutung. Hier wollte sich die DDR im Vergleich zur Bundesrepublik als Staat mit kulturvoller Unterhaltung bei Beteiligung der "Werktätigen" präsentieren.

Am Beispiel des Stralauer Fischzuges soll im Folgenden die ideologische Umdeutung sowohl der Geschichte des Festes als auch mancher Elemente der Festgestaltung dargestellt werden. Dabei kann die Verwendung von traditioneller Volkskunst und Folklore in der Kulturpolitik der frühen DDR und deren Veränderungen im Laufe der 1950er-Jahre exemplarisch nachgezeichnet werden. Im zweiten Teil des Textes werden anhand von kurzen Darstellungen die Bemühungen um eine sozialistische Gestaltung des Festes aufgezeigt und deren Scheitern beschrieben, wobei der Widerspruch zwischen den kulturpolitischen Richtlinien und den Vergnügungswünschen der Festbesucher beispielhaft dargelegt werden kann.[3]


Fußnoten

1.
Neben einem Volksstück von Julius von Voß findet sich die bekannteste der zahlreichen Beschreibungen des Stralauer Fischzuges bei Adolf Glaßbrenner: Adolf Brennglas [Pseud.], Der Stralauer Fischzug (1833; 1845), in: Adolf Glaßbrenner, Berlin wie es isst und – trinkt. 1835–1850, Leipzig 1987, S. 32–47.
2.
Vgl. Hans-Jürgen Wesener, Der Stralauer Fischzug im Zeichen dirigistischer Kulturpolitik. Wiederbelebungsversuche des alten Berliner Volksfests im Dritten Reich und im real existierenden Sozialismus, in: Streifzüge durch die Berliner Kulturgeschichte. Von Bräuchen und Missbräuchen, Festen und Feiern, Gewöhnungen und Gewohnheiten, Hg. Luisenstädtischer Bildungsverein, Berlin 1993, S. 35–45, sowie ders., Der Stralauer Fischzug im Spiegel der Jahrhunderte, in: Berlinische Monatsschrift 2 (1993) 8, S. 25–30. Zur Geschichte des Stralauer Fischzuges siehe auch: Hermann Kügler, Der Stralauer Fischzug. Geschichte und Schicksale eines Berliner Volksfestes, in: Niederdeutsche Zs. f. Volkskunde, 1/1928, S. 44–61; Otto Hellmann, Stralau und seine Geschichte, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, 3/1929, S. 90–98; Willy Gensch u.a. (Hg.), Der Berliner Osten, Berlin 1930, S. 67–80.
3.
Die hier präsentierten Materialien beruhen auf einer Forschungsarbeit, die die Vf. in Zusammenarbeit mit Dominik Kleinen im Rahmen eines Forschungsprojektes zu den Berliner Volksfesten der Nachkriegszeit am Institut für Europäische Ethnologie an der HU Berlin unter der Leitung von Wolfgang Kaschuba durchgeführt hat.

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