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Musealisierung der Zeitgeschichte

Die DDR im Kontext


5.10.2011
Angesichts der großen Zahl von Museen, Gedenk- und Erinnerungsorten kann mit Recht von einer Musealisierung von Zeitgeschichte gesprochen werden. Doch wie wird dabei mit dem materiellen Erbe der DDR umgegangen?

Musealisierung vor 1989



Als sich im Herbst 1989 Oppositionelle in Gruppen zusammenschlossen, um eine Reform der verkrusteten Herrschaftsstrukturen der DDR im Sinne einer zivilgesellschaftlichen Perspektive zu erzwingen, ging es vor allem um die Zukunft. Heute, gut 20 Jahre danach, geht es um die Vergangenheit – ein gravierender Paradigmenwechsel in der öffentlichen Debatte, der die Frage nach dem Sinn und der Bedeutung einer "Historisierung" politischer Kommunikation provoziert. Wenn es im Folgenden vor allem um aktuelle Tendenzen einer Musealisierung der DDR gehen soll, so soll doch eingangs auf einen breiteren Kontext aufmerksam gemacht werden: Geschichte ist in zunehmendem Maß Teil einer öffentlichen Präsenz geworden, die auf verschiedenen Feldern von unterschiedlichen Akteuren an ein breites Publikum gerichtet ist. Im Fernsehen, im Stadtraum findet eine "Historisierung" der öffentlichen Kommunikation statt, die mit so unterschiedlichen Begriffen wie Histotainment, Erinnerungskultur oder Geschichtspolitik belegt wird. In diese verallgemeinerbare Tendenz ist die Musealisierung der Zeitgeschichte eingebettet. Ihre Wurzeln reichen bis in die 1980er-Jahre zurück und ergriffen die DDR bereits in der Phase ihres Zusammenbruchs.



Mit dem Begriff der Musealisierung ist der Übergang von Objekten der materiellen Kultur von einem gebrauchswertorientierten Nutzungszusammenhang in einen kulturellen, erinnerungsbezogenen gemeint, das Verbringen von Dingen, die einen praktischen Nutzen hatten, in ein Archiv, in dem sie einer kulturellen Re-Interpretation harren.[1] Gemeint sind Museen ebenso wie private Sammlungen als Depositorien kultureller (und damit auch historischer) Sinngebung. Musealisierung bedeutet demnach, Dinge aus ihrem Lebenszyklus von Produktion, Erwerb, Nutzung und schließlich Vernichtung herauszulösen, sie zu erhalten, zu bewahren und ihnen einen neuen Sinn zuzuschreiben. Diese jahrhundertealte Praxis der Anlage von kulturbedeutsamen Sammlungen findet seit gut 200 Jahren ihren Ausdruck in Museumsprojekten, deren Ziel neben der Bewahrung die öffentliche Präsentation ist.[2] Eine Tendenz der vergangenen 30 oder 40 Jahre ist eine Ausweitung des Museumsgedankens und ein immer schnellerer Rhythmus der Musealisierung der unmittelbaren Vergangenheit.

Mit der Dynamisierung des gesellschaftlichen Wandels beschleunigt sich der Erinnerungs- und Bewahrungsimpuls, den der Philosoph Hermann Lübbe als Kompensationsstrategie gegenüber den Zumutungen der Moderne charakterisiert hat.[3] Zunächst ergriff diese dynamisierte Musealisierung die Industriegesellschaft und die Städte. Industriemuseen gehören zu den bekanntesten Museumsneugründungen in der Bundesrepublik der 1980er-Jahre, ebenso wie die Modernisierung der bestehenden stadtgeschichtlichen Museen. Beiden gemeinsam ist die Einbeziehung der Alltagskultur in ihre Sammlungen und Ausstellungen und ihre Aufmerksamkeit für das 20. Jahrhundert.[4]

Die Vorstellung von einer Musealisierung im gesellschaftlichen Kontext betrifft aber nicht allein die Museen und ihre Sammlungen, sondern auch ihre Präsentation als zeitgemäße Darstellungsform von Geschichte. Hier entstand seit Ende der 1970er-Jahre ein neues Format, das sich zunächst als historische Landesausstellung formulierte[5] und zu einer immer stärker professionalisierten wie auch öffentlich rezipierten Geschichtskultur entwickelte. Historische Ausstellungen haben heute den Charakter eines Massenmediums, und sie werden deshalb als Vermittlungsform für historisches Wissen hoch eingeschätzt. Die Akzeptanz von historischen Ausstellungen als wirksames Mittel der Kultur- und Geschichtsvermittlung geht teilweise so weit, dass die Ausstellung mit dem Museum als Ganzes gleichgesetzt wird.

Schließlich griffen die Tendenzen einer allgemeinen Hinwendung zum Historischen und zu den alltagskulturellen Objekten auch auf den privaten Bereich über. Das private Sammeln von Alltagsdingen hat sich, so scheint es, enorm ausgeweitet und betrifft nicht nur das seit dem 19. Jahrhundert bekannte Briefmarkenalbum, sondern nahezu jedes Gebiet der materiellen Relikte einer industriellen Massenproduktion, also keineswegs nur diejenigen Dinge, die eigens zur Befeuerung einer Sammelleidenschaft hergestellt werden.[6]

Musealisierung im Sozialismus: "Die DDR - unser sozialistisches Vaterland so lautet das Thema der 2. Jugendweihestunde. Die Schüler der 8. Klasse der POS Gerhard Eisler nutzen dazu, wie viele Berliner Jugendliche, die entsprechenden Abschnitte im Museum für Deutsche Geschichte. Am Modell eines Abraumbaggers befassen sich die Schüler mit der Entwicklung der Volkswirtschaft der DDR anhand markanter Wendepunkte." (Originaltext ADN), 29. November 1982.Musealisierung im Sozialismus: "Die DDR - unser sozialistisches Vaterland so lautet das Thema der 2. Jugendweihestunde. Die Schüler der 8. Klasse der POS Gerhard Eisler nutzen dazu, wie viele Berliner Jugendliche, die entsprechenden Abschnitte im Museum für Deutsche Geschichte. Am Modell eines Abraumbaggers befassen sich die Schüler mit der Entwicklung der Volkswirtschaft der DDR anhand markanter Wendepunkte." (Originaltext ADN), 29. November 1982. (© Bundesarchiv, Bild 183-1982-1129-013, Foto: Matthias Hiekel)
Zu Beginn der 90er-Jahre hat Michael Rutschky die These formuliert, dass die DDR eigentlich erst nach ihrem Ende entstanden sei.[7] Gemeint war damit eine vor allem im Osten Deutschlands zu beobachtende Tendenz der Historisierung, die weniger die staatliche und politische Struktur der DDR als vielmehr deren Auswirkungen auf das eigenen Leben und eben auch deren materielle Kultur meinte. In der Tat hat sich die DDR nur wenig um die museale Dokumentation ihrer eigenen Existenz gekümmert. Das 1952 gegründete Museum für Deutsche Geschichte legte es mit seinem deterministischen Geschichtsbild vor allem darauf an, die DDR als Erfüllung eines gesetzmäßigen, wie es hieß, Sieges des Sozialismus zu interpretieren.[8] Die in der praktischen Museumsarbeit angelegten umfangreichen Sammlungen kamen dabei kaum zum Tragen. Erst in den 1980er-Jahren wurde den zahlreichen Stadt- und Heimatmuseen empfohlen, auch die politischen und alltagskulturellen Zeugnisse der DDR-Gegenwart zu sammeln. Inwieweit dem gefolgt wurde, lässt sich heute aufgrund fehlender vergleichender Untersuchungen nur schwer abschätzen.

Abschließend zur These eines Musealisierungsschubs in den 1980er-Jahren sei darauf verwiesen, dass auch in der Bundesrepublik Gründungsinitiativen für Geschichtsmuseen, nunmehr auch auf nationalstaatlicher Ebene, erfolgten. Das Deutsche Historische Museum im damaligen West-Berlin und das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn sind deutlicher Ausdruck einer verbreiteten Hinwendung zur Geschichte und als Ausdruck des politischen Bedürfnisses nach einer historischen Rahmung der Bundesrepublik verstanden worden.[9]

Diese einleitenden Ausführungen sollen die Musealisierung der DDR ab 1989 historisch und kulturell verorten. Es handelt sich dabei um Vorgänge, die einerseits auf einem erst vergleichsweise kurze Zeit bestehenden historischen Interesse beruhten, deren Intensität andererseits auf praktische Aneignungsformen und institutionelle Muster rekurrieren konnte. 1989/90 war das Interesse an Geschichte in der Öffentlichkeit bereits virulent und das wesentliche Instrumentarium, die moderne Museumsausstellung entwickelt.



Fußnoten

1.
Wolfgang Zacharias (Hg.), Zeitphänomen Musealisierung. Das Verschwinden der Gegenwart und die Konstruktion der Erinnerung, Essen 1990.
2.
Eine systematische Beschreibung dieser Prozesse bietet Friedrich Waidacher, Handbuch der Allgemeinen Museologie, Köln u.a. 1993.
3.
Hermann Lübbe, Der Fortschritt von gestern. Über Musealisierung als Modernisierung, in: Ulrich Borsdorf u.a. (Hg.), Die Aneignung der Vergangenheit. Musealisierung und Geschichte, Bielefeld 2004, S. 13–38.
4.
Zu dieser Debatte über industrie-, stadt- und alltagsgeschichtliche Museen vgl. Hermann Glaser u.a., Museum und demokratische Gesellschaft. Vorüberlegungen zum Konzept eines historischen Museums für Nürnbergs Industriekultur, Nürnberg 1979; Detlef Hoffmann u.a. (Hg.), Geschichte als öffentliches Ärgernis oder: ein Museum für die demokratische Gesellschaft. Das Historische Museum Frankfurt am Main und der Streit um seine Konzeption, Gießen 1974; Europa im Zeitalter des Industrialismus. Zur "Geschichte von unten" im europäischen Vergleich, Hg. Museum der Arbeit, Hamburg 1993.
5.
Wegweisend die Stauffer-Ausstellung in Stuttgart 1977 und die Preußen-Ausstellung 1981 in (West-)Berlin.
6.
Thema: Sammeln. Der Alltag, Nr. 73, Berlin 1996.
7.
Michael Rutschky, Wie erst jetzt die DDR entsteht. Vermischte Erzählungen, in: Merkur 49 (1995), S. 851–864.
8.
Stefan Ebenfeld, Geschichte nach Plan? Der Prozeß der Instrumentalisierung der Geschichtswissenschaft in der DDR am Beispiel des Museums für deutsche Geschichte in Berlin (1950–1955), Mag.-arb. Bielefeld 1999.
9.
Hermann Schäfer, Begegnungen mit unserer eigenen Geschichte. Zur Eröffnung des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn am 14. Juni 1994, in: APuZ, 23/1994, S. 11–18; Christoph Stölzl (Hg.), Deutsches Historisches Museum. Idee-Kontroversen-Perspektiven, Frankfurt a. M./Berlin 1988.

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