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Das Freiheits- und Einheitsdenkmal

Die geschichtspolitische Verortung in der Ideengeschichte der Bundesrepublik


13.9.2011
Das geplante Denkmal für Freiheit und Einheit soll für die "Idee eines deutschen 'positiven' Denkmals" (Edgar Wolfrum) stehen. Ist damit eine Verschiebung der historischen Erinnerung verbunden, die nicht mehr primär Nationalsozialismus und Holocaust, sondern eine 'positive' Nationalgeschichte in den Mittelpunkt des Identitätsdiskurses rückt?

Einleitung



Seit den 1960/70er-Jahren oszilliert die geschichtspolitische Debatte in der Bundesrepublik zwischen zwei Identitätspolen: Auf der einen Seite handelt es sich dabei um die im linksliberalen Spektrum angesiedelte "Holocaust-Identität"[1], welche die nationalsozialistische Vergangenheit gleichermaßen als Mahnung und Bürde für die bundesrepublikanische Gegenwart betrachtet. Auf der anderen Seite steht dem auf liberalkonservativer Seite ein Identitätsentwurf gegenüber, der sich gegen die einseitige Fokussierung auf die nationalsozialistische Vergangenheit und den Holocaust wendet.[2] Stattdessen betonen sie stärker den Aspekt der Normalität, wobei auch die Vergangenheit jenseits des Nationalsozialismus als Referenzrahmen mit einbezogen wird.

Obgleich der linksliberale Identitätsdiskurs die geschichtspolitische Debatte in der Bundesrepublik dominiert hat und immer noch dominiert[3], lässt sich eine Reihe von Versuchen ausmachen, in denen Liberalkonservative ihren Identitätsdiskurs stärker akzentuieren: Hierbei sind etwa die "Tendenzwende" in den 1970er-Jahren oder der Historikerstreit im folgenden Jahrzehnt zu erwähnen. Debatten wie diese und geschichtspolitische Erinnerungsdiskurse im Allgemeinen manifestieren sich zudem immer wieder auch in materialen Artefakten, was sich paradigmatisch an der Errichtung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas gezeigt hat.






Sieger des zweiten Wettbewerbs um die Ausschreibung für das "Freiheits- und Einheitsdenkmal" in Berlin: der Entwurf "Bürger in Bewegung" von Milla und Partner in Zusammenarbeit mit Sasha Waltz.Sieger des zweiten Wettbewerbs um die Ausschreibung für das "Freiheits- und Einheitsdenkmal" in Berlin: der Entwurf "Bürger in Bewegung" von Milla und Partner in Zusammenarbeit mit Sasha Waltz. (© Milla und Partner)
Davon ausgehend thematisiert der vorliegende Beitrag das Denkmal für Freiheit und Einheit, mit dem an die Friedliche Revolution in der DDR 1989 und an die deutsche Wiedervereinigung 1990 erinnert werden soll. Untersucht wird, wie sich dieses Denkmal in die geschichtspolitischen Identitätsdiskurse der Bundesrepublik einreiht und ob es sich dabei um eine "ganz neue Idee eines deutschen 'positiven' Nationaldenkmals"[4] handelt. Somit wird danach gefragt, inwiefern mit dem "Denkmal für Freiheit und Einheit" eine geschichtspolitische Verschiebung der historischen Erinnerung verbunden ist, insofern nicht mehr primär die Geschichte des Dritten Reiches und des Holocaust, sondern eine ins Positive gewendete deutsche Nationalgeschichte den Identitätsdiskurs bestimmt, was gleichsam auf einen geschichtspolitischen Übergang von der "Bonner" zur "Berliner Republik" schließen lassen könnte.

Hierzu wird zunächst der Diskurs um die Errichtung des Denkmals thematisiert, bevor im zweiten Abschnitt die topografische Aufstellung sowie schließlich die materielle Gestaltung des Denkmals behandelt werden.



Fußnoten

1.
Edgar Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948–1990, Darmstadt 1999, S. 355.
2.
Zur Bezeichnung "Liberalkonservativismus" vgl. Jens Hacke, Philosophie der Bürgerlichkeit. Die liberalkonservative Begründung der Bundesrepublik, 2. Aufl., Göttingen 2008, S. 20.
3.
Vgl. Tilman Mayer, Die kulturelle Hegemonie in der Berliner Republik, in: Ders./Reinhard C. Meier-Walser (Hg.), Der Kampf um die politische Mitte. Politische Kultur und Parteiensystem seit 1998, München 2002, S. 11–29.
4.
Edgar Wolfrum, Geschichte als Waffe, 2. Aufl., Göttingen 2002, S. 145.

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