Beleuchteter Reichstag

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13.9.2011 | Von:
Robert Meyer
Lutz Haarmann

Das Freiheits- und Einheitsdenkmal

Die geschichtspolitische Verortung in der Ideengeschichte der Bundesrepublik

1. Deutschland – "ein normales Land?": Nationale Identität in der Berliner Republik

Erinnerung steht seit einigen Jahren im Fokus der wissenschaftlichen Debatten und firmiert dabei nicht selten unter dem Stichwort der Geschichtspolitik. Die Instrumentalisierung der Geschichte für die Gegenwart wird dabei oftmals unter dem Rubrum der Kontroverse eingeordnet und mitunter als Kampf "um die Deutung von Geschichte"[5] gedeutet. In diesem Sinne lässt sich "Geschichte als Waffe"[6] begreifen, die weit in die Gegenwart hineinragt.[7]

Um die Erinnerung und die Geschichte ist in der Bundesrepublik immer wieder gestritten worden. Geschichte wurde dabei auf der einen Seite als Belastung gesehen, wobei immer wieder die Erinnerung an den Nationalsozialismus und den durch ihn hervorgebrachten Holocaust im Fokus stand. In gewisser Weise verbunden war damit die These vom deutschen Sonderweg, die nicht nur die Zeit des NS-Regimes, sondern die deutsche Geschichte insgesamt in das Zentrum rückte. Gegenüber derartigen Deutungslinien wurden immer wieder auch Versuche unternommen, die deutsche Geschichte von der Bürde der nationalsozialistischen Diktatur zu entlasten. Die deutsche Geschichte, so lautete hierbei das zentrale Argument, dürfe nicht nur auf die zwölf Jahre dauernde totalitäre Diktatur reduziert werden. Der Nachweis einer positiv besetzten deutschen Geschichte wurde in Ausstellungen, wie etwa Ende der 1970er und Anfang der 1980er-Jahre über die Staufer, Wittelsbacher und vor allem über Preußen, geführt. [8] Darüber hinaus kam es zum Bau einer Reihe von Museen: Dieser "Musealisierungsprozeß"[9] führte auch zur Gründung des Hauses der Geschichte in Bonn. Dies wurde bereits seit den 80er-Jahren, wie wir in der Einleitung angedeutet haben, auf linksliberaler Gegen-Seite als eine Verschiebung des deutschen erinnerungspolitischen Diskurses weg von der oben angesprochenen "Holocaust-Identität" hin zu einer "offensive[n], nationalkonservative[n] Besetzung der Geschichte"[10] durch die Bundesregierung Kohl gedeutet.

Diese Diskurslinie wurde nach der Friedlichen Revolution 1989/90 im vereinten Deutschland weiter gezeichnet.[11] Noch vor der staatlichen Wiedervereinigung warnte Jürgen Habermas im Frühjahr 1990 von einem nun heraufziehenden "DM-Nationalismus".[12] Auf der Gegenseite fragte im Sommer 1991 Klaus von Dohnanyi, ob Deutschland "ein normales Land" sei und kam zu dem Schluss, dass dies nicht der Fall sei, was er als "ein Schaden [...] für Europa, aber auch für die Deutschen" wertete.[13] Daneben konstatierte auch der Politologe Eckhard Jesse: "Findet die selbstquälerische Form der Vergangenheitsbewältigung kein Ende, so bedeutet das eine nachhaltige Hypothek für die politische Kultur in der Bundesrepublik – unter Umständen mit Konsequenzen, die nicht im Interesse der 'Bewältiger' sein dürften."[14] Damit zeigte sich auch im Kontext der deutschen Wiedervereinigung, dass sich linksliberale und liberalkonservative Deutungslinien unversöhnlich einander gegenüberstanden.

Der Bruch im erinnerungspolitischen Diskurs der Bundesrepublik erfolgte – zumindest in linksliberaler Deutung – mit der Walser-Bubis-Debatte[15]. Ausgelöst hatte die Kontroverse der Schriftsteller Martin Walser. In seiner Friedenspreisrede hatte Walser 1998 gesagt, wenn ihm jeden Tag in den Medien die NS-Vergangenheit vorgehalten werde, "merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen."[16] Die folgende Kontoverse wurde von linksliberaler Seite als "Einschnitt in die 'Erinnerungskultur' der Bundesrepublik" gewertet.[17] Im Rahmen der Walser-Bubis-Debatte wurde dem wiedervereinigten Deutschland gleichsam eine "erinnerungspolitische[...] Verschiebung im Rahmen eines sich transformierenden politisch-kulturellen Gefüges" attestiert. Ignatz Bubis´ Rolle in dieser Debatte wurde als ein "Kampf um die Erinnerung an die Shoah und gegen die soziale Freisetzung des latenten oder offenen antisemitischen Ressentiments" gesehen, die er gegen "den literarische[n] Agitator Walser" nicht habe gewinnen können. Dass der 1999 verstorbene Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland dann von der rot-grünen Bundesregierung posthum für sein Engagement gelobt wurde, die "Schatten der Vergangenheit kleiner werden zu lassen", war für den linksliberalen Diskurszweig ein weiterer Beleg für die "neuere deutsche Geschichtspolitik". Die Walser-Bubis-Debatte und die Diskussion um das geplante Holocaust-Mahnmal wurden als "Konturen" eben jener neuen geschichtspolitischen Lage des vereinten Deutschlands am Beginn der Berliner Republik verortet. Diese neue Verortung der Bundesrepublik mithilfe ihrer – unterstellten – neuen Geschichtsdeutung ziele "verstärkt auf die Normalisierung und Einordnung der deutschen Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus." Von liberal-konservativer Seite hingegen wurden Walsers Äußerungen positiver bewertet. Der Philosoph Peter Sloterdijk befand, Walser habe mit der Paulskirchenrede die "Annäherung an die psychopolitische Normalität" vorangebracht. Zudem habe der Schriftsteller eine "glanzvolle Antizipation einer möglichen deutschen Normalisierung" betrieben.[18]

Von späteren linksliberalen Diskursteilnehmern, wie der Historikerin Aleida Assmann, wurden hingegen noch 2007, also fast 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, weiterhin Zweifel an der deutschen Nation und an ihrem Umgang mit ihrer Geschichte geäußert: "Während sich in Bonn der Verzicht aufs Nationale ausdrückte, wird in Berlin in großem Stil die Nation re-inszeniert. Die Nation will nicht nur imaginiert, sie will auch repräsentiert sein: durch Ideen, Mythen, Erzählungen, Symbole und nicht zuletzt durch die Architektur ihrer neuen Hauptstadt."[19]

Inwiefern dies auch auf das Freiheits- und Einheitsdenkmal zutrifft, wird im Folgenden thematisiert.


Fußnoten

5.
Heinrich August Winkler, Einleitung, in: Ders. (Hg.), Griff nach der Deutungsmacht. Zur Geschichte der Geschichtspolitik in Deutschland, Göttingen 2004, S. 7–13, hier 7.
6.
Edgar Wolfrum, Geschichte als Waffe, 2. Aufl., Göttingen 2002, S. 145.
7.
Siehe auch Dominik Geppert/Jens Hacke (Hg.), Streit um den Staat. Intellektuelle Debatten in der Bundesrepublik 1960–1980, Göttingen 2008; Martin Sabrow (Hg.), Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen nach 1945, München 2003; Tilman Mayer, Die geschichtspolitische Verortung des 20. Juli 1944, in: APuZ, 27/2004, S. 11–14.
8.
Vgl. etwa zur Preußen-Ausstellung Edgar Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt 1999, S. 316–325.
9.
Hermann Lübbe, Der Fortschritt und das Museum. Über den Grund unseres Vergnügens an historischen Gegenständen, London 1982.
10.
Micha Brumlik u.a., Einleitung, in: Dies. (Hg.), Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik, 2. Aufl., Berlin 2004, S. 13.
11.
Vgl. Volker Kronenberg, Vorwort. Zeitgeschichte, Wissenschaft und Politik: Der "Historikerstreit" – 20 Jahre danach, in: Ders. (Hg.), Zeitgeschichte, Wissenschaft und Politik: Der "Historikerstreit", Wiesbaden 2008, S. 7–10.
12.
Jürgen Habermas, Der DM-Nationalismus, in: Die Zeit, 30.3.1990.
13.
Klaus von Dohnanyi, Deutschland – ein normales Land?, in: Die Zeit, 9.8.1991.
14.
Eckhard Jesse, Philosemitismus, Antisemitismus und Anti-Antisemitismus, in: Uwe Backes u.a. (Hg.), Die Schatten der Vergangenheit. Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus, Frankfurt a. M. 1990, S. 543–567, hier 543.
15.
Frank Schirrmacher (Hg.), Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation, Frankfurt a. M. 2000.
16.
Martin Walser, Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, Frankfurt a. M. 1998, S. 18.
17.
Micha Brumlik u.a., Einleitung, in: Dies. (Hg.), Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik, 1. Aufl., Berlin 2000, S. 6–12, hier 6. Das Folgende ebd., S. 6f.
18.
Peter Sloterdijk, Theorie der Nachkriegszeiten. Bemerkungen zu den deutsch-französischen Beziehungen sein 1945, Frankfurt a. M. 2008, S. 52 u. 56.
19.
Aleida Assmann, Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung, München 2007, S. 111.

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