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Mauerbilder in Ost und West

Korrespondenzen und Kontraste


19.7.2011
Bilder von der Mauer erlangten schon bald nach deren Bau einen festen Platz im kollektiven Bild-Gedächtnis des Kalten Krieges in Ost und West. Es etablierte sich ein "Set" von Motiven, die als Gegen-Bilder nicht nur semantisch aufeinander bezogen waren, sondern auch ikonografisch korrespondierten.

Ein internationales Medienereignis




Ein Bild – zwei Bildunterschriften: 
"Da hängt er nun im Klimmzug – harte Tatsachen für Mr. Clay, den Scharfmacher aus USA", "Berliner Zeitung", 13. August 1969. 
"US-General Lucius D. Clay, 1948/49 als Blockadebrecher berühmt geworden, riskiert am Potsdamer Platz einen Blick über das erste Stück Mauer.", "Stern", 20. August 1981 (richtig hätte es indes heißen müssen: am Pariser Platz).Ein Bild – zwei Bildunterschriften:
"Da hängt er nun im Klimmzug – harte Tatsachen für Mr. Clay, den Scharfmacher aus USA", "Berliner Zeitung", 13. August 1969.
"US-General Lucius D. Clay, 1948/49 als Blockadebrecher berühmt geworden, riskiert am Potsdamer Platz einen Blick über das erste Stück Mauer.", "Stern", 20. August 1981 (richtig hätte es indes heißen müssen: am Pariser Platz). (© Deutsches Historisches Museum, F 65/166)
Der Mauerbau war ein internationales Medienereignis. Zu Tausenden standen die Augenzeugen am 13. August 1961 und in den Folgetagen an den Absperrungen, unter ihnen zahlreiche Bildjournalisten und Kameraleute. Dramatische Flucht- und Trennungs-Szenen in den ersten Tagen der Abriegelung erlangten einen festen Platz in verschiedenen Facetten des kollektiven Bild-Gedächtnisses des Kalten Krieges und der Teilung Deutschlands.

Zwar hatte das Fernsehen im Westen seinen massenhaften Einzug in die Wohnzimmer angetreten, und in der DDR besaß immerhin jeder fünfte Haushalt einen Fernsehapparat; das Leitmedium der Verbreitung von Visualisierungen des Mauerbaus war jedoch die Fotografie. Mit ihren Mitteln wurde in West und Ost jeweils die Anklage bzw. Rechtfertigung des Mauerbaus visualisiert. Gelegentlich wurden dafür die gleichen Fotos mit entgegengesetzten Kommentaren versehen, in anderen Fällen zeugen unterschiedliche Aufnahmen ähnlicher Szenen davon, wie durch die Wahl von Perspektive und Ausschnitt gegensätzliche Botschaften fotografisch umgesetzt wurden. Vor allem jedoch etablierte sich jeweils ein typisches "Set" von Motiven, die nicht nur semantisch als Gegen-Bilder aufeinander bezogen waren, sondern auch hinsichtlich ikonografischer Elemente korrespondierten.

Im Folgenden werden solche Kontraste und Korrespondenzen anhand von Bildpaaren näher beleuchtet.

Bildprogramme:
Trennung versus Gemeinschaftsstiftung




"Päckchentransport vom West-Berliner Bürgersteig zu der Nachbarin im Ost-Berliner Mietshaus Brunnen-/Ecke Ber­nauer Straße", 8. September 1961."Päckchentransport vom West-Berliner Bürgersteig zu der Nachbarin im Ost-Berliner Mietshaus Brunnen-/Ecke Ber­nauer Straße", 8. September 1961. (© Landesarchiv Berlin, F Rep. 290, Not. 1 G Winkende, Nr. 77245, Foto: Horst Siegmann)
Bilder von Menschen, die über den Zaun einander die Hände reichten und bald schon über die Mauer hinweg nur winken konnten, waren in West-Berliner Zeitungen omnipräsent in den Tagen und Wochen nach dem 13. August 1961. Gesten des Tränen-Abwischens oder Beweise zerrissener Familienbande, wie das Hochhalten von Babys oder mit ihren Brautsträußen winkende frisch Vermählte, setzten Trennungsschmerz ins Bild. Auf ganzseitigen Arrangements wurden diese Bilder kombiniert mit Aufnahmen Uniformierter, die als Ulbricht-Schergen oder Gefängnis- und KZ-Wächter apostrophiert wurden.

"Die Berliner Bevölkerung fühlt sich mit den bewaffneten Kräften eng verbunden, die zur Sicherung des Friedens in der Hauptstadt der DDR ihren Dienst tun. Auf unserem Foto verteilen die Arbeiterinnen Erfrischungen.", 15. August 1961."Die Berliner Bevölkerung fühlt sich mit den bewaffneten Kräften eng verbunden, die zur Sicherung des Friedens in der Hauptstadt der DDR ihren Dienst tun. Auf unserem Foto verteilen die Arbeiterinnen Erfrischungen.", 15. August 1961. (© Bundesarchiv, Bild 183-85461-0001, Foto: ADN/ZB, Hannes)
Die SED-Presse schuf dagegen ein Bildprogramm rund um die Grenzschließung, das diese als Gemeinschaft stiftend inszenierte. Im Zentrum dieser sozialistischen Gemeinschaft standen die Arbeiter, die, in ihre Kampfgruppen- uniformen geschlüpft, an vorderster Linie die Grenzabriegelung gemeinsam mit der Grenzpolizei vollziehen und sichern. Fotos von Frauen, die ihnen Erfrischungen bringen oder in Dienstpausen in entspannter fröhlicher Atmosphäre das Gespräch suchen, von Kindern, die Blumensträuße überreichen, oder von Schriftstellern, die für die kulturelle Unterhaltung der Männer in Uniform sorgen, komplettierten den "Reigen" der ins Bild gesetzten Typisierungen von geschlechter- , alters- und schichtenspezifischen Rollen, aus denen eine heile, durch die Grenzschließung geeinigte und geschützte Welt kreiert wurde. Politische Funktionsträger – inklusive des Partei- und Staatschefs Walter Ulbricht – konnten durch diesen Kontext als dankbare Volks-Vertreter gegenüber den handelnden Polizisten und Kampfgruppenangehörigen anstatt als Befehlsgeber dargestellt werden.
"Telegraf", 20. August 1961."Telegraf", 20. August 1961.
"Berliner Zeitung", 21. August 1961."Berliner Zeitung", 21. August 1961.



Kontrastierende Bildikonen
und korrespondierende Gebrauchsweisen




"Conrad Schumann auf einer Presse­konferenz anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerbaus am 11. August 1986"."Conrad Schumann auf einer Presse­konferenz anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerbaus am 11. August 1986". (© AP)
In West und Ost avancierte jeweils ein Foto, das noch vor der Errichtung der Mauer aus Stein entstanden war, zur Bildikone des Mauerbaus: Einerseits der am 15. August an der Bernauer Straße über den Stacheldraht springende Grenzpolizist Conrad Schumann, und andererseits die vier Kampfgruppenmänner am Brandenburger Tor, die dieses am 14. August mit ihren Körpern verschließen und ihre bewaffnete Aufmerksamkeit gen Westen richten. Dem "Sprung in die Freiheit" stand visuell in der SED-Propaganda somit eine "menschliche Mauer" gegenüber; der durch die Desertion vom Waffendienst und Leben in der Diktatur verkörperten Illegitimität des SED-Regimes seine Legitimation als Generationen übergreifender, nur in der Schutzgeste bewaffneter Volkswille. Mit den Bildern, die solch gegensätzliche Bedeutungen trugen, verbanden sich trotz des grundlegendes Unterschieds zwischen der Medien-Markt-gelenkten und SED-gesteuerten Verbreitungspraxen korrespondierende Gebrauchsweisen. Die Fotos wurden zitiert, variiert, die abgebildeten Personen anlässlich von Jahrestagen thematisiert, bis hin zur Einbindung von Conrad Schumann als Ehrengast in die West-Berliner Festivitäten zum 750. Stadtjubiläum 1987, und der Kampfgruppenmänner Paul Stiawa, Joachim Behrens, Roland Höfer und Werner Fromm als Darsteller auf dem historischen Festumzug während der Ost-Berliner Feiern im gleichen Jahr.

Kampfgruppen am Brandenburger Tor 1961Kampfgruppen am Brandenburger Tor 1961 (© Bundesarchiv, Bild 183-85458-0001, Foto: ADN/ZB, Heinz Junge)
"Die vier ehemaligen Kampf­gefährten Paul Stiawa, Joachim Behrens, Werner Fromm (vlnr) und Roland Höfer (r.), die im August 1961 die Staatsgrenze am Brandenburger Tor schützten, im Gespräch mit dem Gefreiten Jochen Theise (2.v.r.) und dem Soldaten Thomas Thiel.", 1. August 1981."Die vier ehemaligen Kampf­gefährten Paul Stiawa, Joachim Behrens, Werner Fromm (vlnr) und Roland Höfer (r.), die im August 1961 die Staatsgrenze am Brandenburger Tor schützten, im Gespräch mit dem Gefreiten Jochen Theise (2.v.r.) und dem Soldaten Thomas Thiel.", 1. August 1981. (© Bundesarchiv, Bild 183-Z0731-303, Foto: ADN/ZB, Manfred Siebahn)



 

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