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Die Stasi war immer und überall zugegen

11.7.2011

"Das MfS-Lexikon"




Engelmann u.a. (Hg.): Das MfS-LexikonEngelmann u.a. (Hg.): Das MfS-Lexikon (© Ch. Links Verlag)
Es hat mehr als 20 Jahre seit dem Ende des SED-Staates und der Sichtung der schier unerschöpflichen Hinterlassenschaft seines Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gedauert, bis die Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR der interessierten Öffentlichkeit "Das MfS-Lexikon" vorlegte. Das Nachschlagewerk erschließt die Ergebnisse der bisherigen Forschungen der Abteilung "Bildung und Forschung" des BStU in lexikalischer Form und bietet einen zuverlässigen Überblick über "Begriffe" – die Fachterminologie der Stasi –, Biografien der führenden "Personen" des Staatssicherheitsdienstes und seine "Strukturen" – vor allem die zuletzt 13 Hauptabteilungen, Organisationseinheiten, die vom Minister oder einem seiner Stellvertreter direkt angeleitet wurden. Ein Dokumentenanhang veranschaulicht die Strukturen der MfS-Zentrale, der Bezirksverwaltungen, der Kreis- und Objektdienststellen. Hier finden sich auch Statistiken über die Personalentwicklung des MfS von 1950 bis 1989 und den MfS-Etat von 1954 bis 1990.

Den 37 Autoren des MfS-Lexikons ist es gelungen, die Entwicklung des Staatssicherheitsdienstes der DDR, seiner Organisation, seiner Aufgabengebiete und seiner Arbeitsweisen in grundlegenden und speziellen Artikeln, die durch zahlreiche Verweise untereinander verbunden sind, in knapper Form darzustellen. Gelegentlich festzustellende Lücken machen deutlich, dass die Forschung noch nicht am Ende ist oder dass die von der Bürgerbewegung 1989/90 nicht vollständig zu verhindernde Aktenbeseitigung durch Vernichtung oder durch wie auch immer geartete "Sicherstellung" weiße Flecken hinterlassen hat. Dies zeigt sich besonders im Fall der Hauptverwaltung A (HV A), der Spionageabteilung des MfS, die von 1953 bis 1986 von "Spionagechef" Markus Wolf geleitet wurde.

Neben Artikeln zur Rolle des MfS als Untersuchungsorgan bei der Strafverfolgung, bei der allgemeinen geheimpolizeilichen Überwachung der Gesellschaft, der Volkswirtschaft, des Kulturbereichs und des Gesundheitswesens finden sich in dem Lexikon Darstellungen zur Bekämpfung und Infiltration der Kirchen, zur Bekämpfung der Republikflucht, der Ausreisebewegung, von Widerstand und Opposition sowie zur Rolle des MfS beim Volksaufstand im Juni 1953 und bei der Herbstrevolution von 1989. Interessante Informationen enthalten auch die Beiträge zum Verhältnis des MfS zur SED – die Stasi war tatsächlich kein Staat im Staate, sondern wirklich nur "Schild und Schwert" der alles entscheidenden Partei oder besser ihres jeweiligen Generalsekretärs –, zum sowjetischen Geheimdienst, zu Justiz, Volkspolizei und Nationaler Volksarmee.

Müller-Enbergs u.a. (Hg.): Wer war wer in der DDRMüller-Enbergs u.a. (Hg.): Wer war wer in der DDR (© Ch. Links Verlag)
Der Westarbeit des MfS, die aus Spionageaktivitäten – "operative Arbeit im und nach dem Operationsgebiet" – bestand, ist zwar ein eigener Artikel gewidmet, in dem aufgezählt wird, welche Diensteinheiten neben der HV A beteiligt waren, doch erfährt der Leser hier wie in dem Artikel über die Hauptverwaltung A so gut wie nichts über Erfolge oder Misserfolge dieser Aktivitäten und einzelner "Kundschafter" – auch das Stichwort "Rosenholz" im Lexikon hilft da nicht weiter.

Wer sich genauer über die Mitwirkung des MfS bei dem von der Bundesregierung betriebenen Häftlingsfreikauf und der "Familienzusammenführung" informieren will, wird vom MfS-Lexikon im Stich gelassen. Außer Hinweisen, dass seitens der DDR "die konkreten Freikaufaktionen vom MfS koordiniert und durchgeführt" wurden (Artikel: "Haft im MfS"), der Aufgabenbereich "bis hin zur Mitwirkung an den Entscheidungen in Ausreisefällen" reichte (Artikel: "Zentrale Koordinierungsgruppe" [ZKG]) und "für die organisatorische Abwicklung des Häftlingsfreikaufs die Offiziere für Sonderaufgaben zuständig" waren (Artikel: "Abteilung XIV"), erfährt man nichts. Ein Stichwort "Sonderaufgaben" oder "Offiziere für Sonderaufgaben" fehlt im MfS-Lexikon.

Einen dieser Offiziere findet man hingegen in der fünften, überarbeiteten und erweiterten Ausgabe des biografischen Lexikons "Wer war wer in der DDR", herausgegeben von Helmut Müller-Enbergs und anderen (Berlin: Links 2010, 2 Bde., 1604 S., € 49,90, ISBN: 9783861535614). Dort liest man unter dem Stichwort "Volpert, Heinz": "Leiter des Sonderaufgabenbereichs Devisenbeschaffung/Häftlingsfreikauf im MfS...1969 Versetzung zum Büro der Leitung (ab 1971 zum Sekretariat des Ministers)‚ zur Durchführung von Sonderaufgaben (Devisenbeschaffung, Häftlingsfreikauf)". Das MfS-Lexikon vermerkt unter dem Stichwort "Sekretariat des Ministers" als dessen Aufgaben lakonisch: "Realisierung von Sonderaufgaben und Sonderaufträgen." Sein Leiter wird nicht genannt. Dabei hätte Hans Carlsohn, Minister Erich Mielkes rechte Hand, ab 1953 sein persönlicher Referent und ab 1971 Leiter des Sekretariats des Ministers, von 1985 als Generalmajor, gewiss ein Stichwort im MfS-Lexikon verdient.




 

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