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Beleuchteter Reichstag

Teilung, Mauer und Grenzregime

Neue Literatur zu den Grenzen der DDR


22.6.2011
Neue Bücher zum Grenzregime und zum politischen Umgang mit der deutschen Teilung sowie zum Leben mit und an den Grenzen der DDR.

Sammelrezension zu:




Karen Meyer-Rebentisch: Grenzerfahrungen. Dokumentation zum Leben mit der innerdeutschen Grenze bei Lübeck von 1945 bis heute, Lübeck: Kulturbüro der Hansestadt Lübeck 2009, 136 S., € 5,–, ISBN: 9783980775291.

Hendrik Thoß (Hg.): Europas Eiserner Vorhang. Die deutsch-deutsche Grenze in Kalten Krieg (Chemnitzer Europastudien; 9), Berlin: Duncker & Humblot 2008, 275, € 78,–, ISBN: 9783428128914.

Guntram König (Hg.), Bernd Biedermann: Frontstadt Berlin. Vom Potsdamer Abkommen bis zum Mauerbau (Dokumente, Fakten, Zeugnisse und Bilder), Aachen: Helios 2010, 180 S., € 19,90, ISBN: 9783869330174.

Frank Roggenbuch: Das Berliner Grenzgängerproblem. Verflechtung und Systemkonkurrenz vor dem Mauerbau (Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin; 107), Berlin: de Gruyter 2008, 494 S., € 128,–, ISBN: 9783110203448.

Klaus Otto Nass: Die Vermessung des Eisernen Vorhangs. Deutsch-deutsche Grenzkommission und DDR-Staatssicherheit, Freiburg i. Br.: Centaurus 2010, 380 S., € 24,90, ISBN: 9783825507664.

Patrick Major: Behind the Berlin Wall: East Germany and the Frontier of Power, Oxford: Oxford University Press 2010, 336 S., £ 63,–, ISBN: 9780199243280.


"Grenzerfahrungen"




© Hansestadt Lübeck.© Hansestadt Lübeck. (© Hansestadt Lübeck )
Die Jahrestage von Mauerfall und Mauerbau haben zahlreiche Publikationen entstehen lassen, und ein Ende der Welle ist noch nicht abzusehen. Die Veröffentlichungen umfassen Rechtfertigungsschriften, Tagungsbände, Überblicksdarstellungen und erschöpfende Einzeldarstellungen. Karen Meyer-Rebentischs Buch ist Teil eines Projektes der Hansestadt Lübeck. Unter dem Titel "Grenzerfahrungen" widmete sich eine Ausstellung 2009/10 den Folgen der "Zonenrandlage" Lübecks ab 1945 und deren Nachwirkungen bis heute, zu der Meyer-Rebentisch die Dokumentation verfasste. Für die Wissenschaft bietet die Lektüre keine neuen Erkenntnisse, sie ist aber auch nicht das Zielpublikum. Teilweise bleiben die Aussagen hinter dem neuesten Kenntnisstand zurück, etwa, wenn Meyer-Rebentisch behauptet, dass konservative Schätzungen von ungefähr 1.000 Todesopfern an Mauer und innerdeutscher Grenze ausgehen (64). Seriöse Schätzungen gehen eher von 600 bis 750 Todesopfern aus.[1]

Die Dokumentation richtet sich an interessierte Laien, ist gut verständlich geschrieben und durch zahlreiche Abbildungen – Karten, Fotos, Zeitungs- und Zeitschriftentitel, Dokumente, Plakate und Skizzen – sehr anschaulich. Bearbeitete Zeitzeugenberichte ergänzen das Bild. Der Schwerpunkt liegt auf den Erfahrungen, die die Menschen auf der Westseite der Grenze machten. Die Kapitel folgen der Chronologie der Ereignisse ab 1945, können aber auch für sich gelesen werden.

Die Autorin vermeidet einfache Schwarz-Weiß-Malerei, aber das menschenrechtsverletzende Grenzregime der SED-Diktatur wird dennoch deutlich. Hysterische, dem Klima des Kalten Krieges geschuldete Reaktionen im Westen, etwa im Zuge der Wiederbewaffnung, schildert sie ebenfalls. Außerdem werden grenzüberschreitende Kollaborationen nicht verschwiegen, wie die Geschichte der Deponie Schönberg. Auf Basis des Grundlagenvertrages entstand zwischen der Bundesrepublik und der DDR Ende der Siebzigerjahre eine Kooperation im Bereich der Müllentsorgung. Die Bundesrepublik lieferte ihren Müll in die DDR, diese richtete für die Hinterlassenschaften des Klassenfeindes eine Deponie ein. Ein Geschäft, von dem beide Seiten profitierten: Die DDR erhielt dringend benötigte Devisen, und die Bundesrepublik nutzte die Bedingungen einer Diktatur, um Proteste von Umweltschützern gegen den laxen Umgang mit Giftmüll zu vermeiden. Auf der Strecke blieb der Umweltschutz: Nach der Grenzöffnung lagerten etwa 10 Millionen Tonnen Giftmüll aus ganz Europa auf der nicht hinreichend gesicherten Deponie.

Die absurd-tragische Grenzsituation illustriert eindrücklich der Zeitzeugenbericht eines ehemaligen Beamten des Bundesgrenzschutzes: "Es gab in Eichholz ein Altenheim, jede Menge alte verwirrte Leute. Die liefen auch mal im Grenzbereich rum. Es hätte ganz einfach sein können, wenn die Turmbesatzung drüben mit uns hätte in Verbindung treten dürfen, um uns zu sagen, da laufen wieder zwei Opas, holt die mal runter. Aber wir durften ja nicht auf DDR-Gebiet. Dann haben wir da gestanden und laut gerufen: Hallo, kommen Sie wieder zurück, Sie sind auf DDR-Gebiet." (62) Trotz kleinerer Sachfehler und anderer Kritikpunkte sowie einiger Wiederholungen ist dies ein empfehlenswertes Buch für diejenigen, die sich kompakt und auf verständlichem Niveau über die alltäglichen Auswirkungen der deutsch-deutschen Teilung informieren möchten.

"Europas Eiserner Vorhang"




Hendrik Thoß, Europas Eiserner VorhangHendrik Thoß, Europas Eiserner Vorhang (© Duncker & Humblot)
In einem aus einem im Januar 2007 gehaltenen Workshop hervorgegangenen Band greifen vier Autoren in sechs Aufsätzen einzelne Aspekte der Geschichte der deutschen Teilung und des Grenzregimes der DDR auf. Reiner Pommerin bettet Mauerbau und Mauerfall in die internationale Politik unter den Bedingungen des Kalten Krieges ein, wobei er betont, dass 1961 das stillschweigende amerikanische Akzeptieren der Grenzschließung durch die DDR und 1989 das sowjetische Akzeptieren der Wiedervereinigung notwendige Bedingungen für diese Ereignisse waren. Peter Joachim Lapp trägt einen Überblick zur Geschichte der Grenzpolizei von 1946 bis 1961 bei, in dem er die Bedeutung der Zäsur der Grenzschließung von 1952 für das Grenzregime und die seit 1955 und 1957 zunehmende Militarisierung der Grenzpolizei hervorhebt. Herausgeber Hendrik Thoß beschreibt die Entwicklung der Grenztruppen und des Grenzregimes von 1961 bis 1989. Er konzentriert sich auf den fortgesetzten Aus- und Umbau der Grenzsperranlagen vornehmlich an der innerdeutschen Grenze in den Siebziger- und Achtzigerjahren. In einem zweiten Aufsatz setzt Thoß sich mit der gerichtlichen Ahndung der Todesfälle an Mauer und innerdeutscher Grenze auseinander. Walter Jablonsky ist ebenfalls mit zwei Beiträgen vertreten, deren erster die Rolle der Grenztruppen in der Landesverteidigung und in den Planungen des Warschauer Paktes aufnimmt und deren zweiter – etwas überraschend in einem Band zum Grenzregime – die Rolle der Nationalen Volksarmee (NVA) in den Militärplanungen des Warschauer Paktes beschreibt.

Der heterogene Band, dessen einzelne Beiträge durchaus solide sind, trägt zum allgemeinen Kenntnisstand nur wenig Neues bei und weist zwischen den Beiträgen einige Redundanzen auf. Interessant ist vor allem die Argumentation von Jablonsky, der deutlich macht, dass die Grenztruppen an der innerdeutschen Grenze – anders als die in Berlin und an der Ostsee – in den Militärplanungen des Warschauer Paktes keine Rolle gespielt haben und für Kriegshandlungen unzureichend gerüstet gewesen seien. Leider kann auch er aufgrund der in diesem Punkt extrem dünnen Aktenlage nicht klären, warum der Grenzpolizei und den Grenztruppen der DDR überhaupt die für sie spezifische doppelte Aufgabenstellung zugewiesen worden ist: polizeiliches Instrument nach innen gegen die Fluchtbewegung und militärisches Instrument nach außen als Teil der Landesverteidigung zu sein. Diese Frage ist angesichts der Konsequenzen, die sich aus militärischer Ausbildung und Bewaffnung für den polizeilichen Teil der Aufgabe, der ja tägliche Praxis war, und für den Einsatz von Schusswaffen gegen Flüchtlinge ergab, von erheblicher Bedeutung.

"Frontstadt Berlin"




Guntram König/Bernd Biedermann, Frontstadt BerlinGuntram König/Bernd Biedermann, Frontstadt Berlin (© Helios Verlag)
Weniger zu empfehlen ist eine in Aachen erschienene Publikation. Die Herausgeber Guntram König und Bernd Biedermann wollen für die bereits recht gut erforschte Nachkriegsgeschichte Berlins bis zum Mauerbau "Dokumente, Fakten, Zeugnisse und Bilder, die bisher in dieser Form noch nicht veröffentlicht wurden, oder nur wenig bzw. gar nicht bekannt sind, für sich sprechen" lassen (4). Dies wird jedoch nicht im Ansatz erreicht. Wer Neues erfahren will, kann das Buch getrost ignorieren. Wer hingegen nachlesen möchte, wie Veteranen aus dem Umfeld der NVA der DDR die Vergangenheit (v)erklären, dem sei es empfohlen. Dabei ist das Problem vordergründig nicht einmal die Ignoranz, mit der Worthülsen aus der Politschulung von ehedem wiederholt werden, sondern das vollständige Fehlen eines roten Fadens. Es werden vielfach publizierte Fotos präsentiert, etwa das der "großen Drei" von Potsdam (11). Außerdem gibt es Faksimiles bekannter Dokumente wie der Teheraner Erklärung – allerdings aus einer mit Schreibmaschine gefertigten DDR-Quelleneditionen (10f). Wo beim Nachdruck anderswo besser edierter Quellen der Sinn liegen soll, erschließt sich nicht.

Auch die Ordnung des Stoffes und die Schwerpunktsetzung sind offensichtlich mehr von den Zufälligkeiten der Internetrecherche als von Überlegung bestimmt. So erfährt man zwar viele technische Details über den Unfalltod des sowjetischen Stadtkommandanten Nikolai E. Bersarin und sein Motorrad (33), aber die Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED wird mit keiner Zeile erwähnt. Ärgerlich ist schließlich die Verwendung des ideologisch geprägten SED-Jargons. Das beginnt bereits beim Titel und setzt sich fort, wenn pejorativ von "Schiebern und Spekulanten" (52) die Rede ist. Die Stoßrichtung des Buches zeigt sich auch an anderen Stellen, so wird die massive Fluchtbewegung Ende der 1950er-Jahre verharmlosend als "Ausreisewelle" tituliert (115). Doch diese Unzulänglichkeiten ergeben für die Autoren anscheinend ein kohärentes Bild und das ist dasselbe, das sie schon seit 1961 erworben hatten: Eine Mauer sei nichts ungewöhnliches in der Geschichte, und die Frage, ob die Berliner Mauer vermeidbar war, sei durch den Mauerfall nicht beantwortet worden (128). Ein solches Buch bringt eher Informationen über die Dauerhaftigkeit von erlernten Geschichtsbildern als die versprochenen neuen Erkenntnisse zur Mauer.

"Das Berliner Grenzgängerproblem"




Frank Roggenbuch, Das Berliner GrenzgängerproblemFrank Roggenbuch, Das Berliner Grenzgängerproblem (© de Gruyter)
Das Buch von Roggenbuch ist die publizierte Version seiner in Potsdam und Berlin entstandenen Dissertation. In der Einleitung betont er seine Einbindung in den von Michael Lemke angeregten Forschungszusammenhang zur Berliner Verflechtungsgeschichte im Kalten Krieg. Roggenbuch hebt hervor, dass bisherige Arbeiten zum Berliner Grenzgängerproblem insbesondere bis 1989 "parteiliche Darstellungen" (2) und selbst Bestandteil der Systemauseinandersetzung gewesen seien – angestrebt ist eine Historisierung auch in Bezug auf westliche Werturteile. Entstanden ist das Grenzgängerwesen aus der Normalität von Arbeitspendlern. Die Grenzziehungen der Nachkriegszeit und die Schaffung von zwei Währungsgebieten machten es zu einem politischen Problem, das immer im Zusammenhang mit dem Systemkonflikt gesehen und deshalb ideologisch überformt wurde, wie er an den Beispielen des Eisenbahnerstreiks 1949 und der Auseinandersetzung um Ausgleichszahlungen für in West-Berlin lebende Freiberufler und Gewerbetreibende mit Osteinkommen eingehend darstellt.

Die Grenzgänger waren für beide Seiten ein Problem. Der West-Berliner Senat musste trotz Massenarbeitslosigkeit nach der Währungsumstellung eine Ausgleichskasse für diejenigen einrichten, die in Ost-Berlin arbeiteten, wobei er allerdings die Unterstützung zunehmend von politischer Loyalität abhängig machte und darauf achtete, dass keine Anhänger oder gar Aktivisten der SED davon profitierten. Solche, die der Sympathie für den Osten verdächtig waren, wurden in mehreren Wellen vom Umtausch ausgeschlossen, was Mitte der Fünfzigerjahre von einer regelrechten Hetzkampagne begleitet war. Im Osten galten die Grenzgänger, weil auch die SED ihre Loyalität anzweifelte, ebenfalls als Sicherheitsproblem, weshalb staatliche Betriebe die Arbeitnehmer aus dem Westen entließen, sodass 1955 neben Reichsbahnern nurmehr unverzichtbare Spezialisten, Ärzte und Künstler im Osten arbeiteten.

Die in West-Berlin arbeitenden Grenzgänger aus Ost-Berlin und dem Umland gerieten ebenfalls seit 1951/52 unter zunehmenden Druck der SED, der anfangs mehrheitlich ideologisch motiviert war: Da die Arbeitsleistung als sozialistische Pflichterfüllung und Gradmesser der Integration in die neue staatliche Ordnung betrachtet wurde, galt die Arbeit für den imperialistischen Klassenfeind als doppelt verwerflich. Arbeiter, aber auch Schüler und Studenten wurden in größerem Umfang vorgeladen, um sie zu einer Arbeitsaufnahme im Osten bzw. einem Wechsel des Lernortes zu bewegen – nahezu ohne jeden Erfolg. Die Arbeitspendelei einfach zu verbieten, traute sich die SED angesichts des Vier-Mächte-Status (noch) nicht. Seit Mitte der Fünfzigerjahre erhöhte die SED den Druck auf diese Grenzgänger, wobei sie drauf achtete, hierbei nicht zu übertreiben, um keine Massenflucht auszulösen. Das Chruschtschow-Ultimatum von 1958 brachte vorübergehend Entlastung, weil die SED annahm, mit der Umwandlung West-Berlins in eine "Freie Stadt" zugleich ihr Grenzgängerproblem lösen zu können. Die 1960/61 sich verstärkende Krise sorgte jedoch dafür, dass die SED dieses Thema wieder auf die Tagesordnung setzte – und, wie schon zuvor, mit systematischer Benachteiligung, Schikanen und gelegentlich strafrechtlicher Repression gegen die Grenzgänger vorging. Diese Kampagne wurde seit Ende Juni, als die Vorbereitungen zur Grenzschließung bereits liefen, zu deren propagandistischer Vorbereitung noch einmal deutlich intensiviert. Nach dem Mauerbau ließen sich – trotz einiger Gegenwehr und Verweigerungen – die meisten Grenzgänger in die Betriebe der DDR aufnehmen. Jedoch galten sie weiterhin als hartnäckige Parteigänger der Imperialisten und noch lange Jahre als Sicherheitsproblem, mit dem sich Volkspolizei und Staatssicherheit intensiv beschäftigten.

Roggenbuch hat eine interessante Detailstudie vorgelegt, in der er eine besondere Ausformung der Berliner Nachkriegsgeschichte im Rahmen der Systemkonkurrenz umfassend und analytisch durchgreifend schildert, wobei er die wechselseitige Bezogenheit der beiden Berliner Stadtregierungen und der politischen Systeme, denen sie angehörten, herauszuarbeiten vermag. Der von ihm gewählte Ansatz, Berliner Geschichte im Kalten Krieg als Verflechtungsgeschichte aufzufassen, hat dazu beigetragen, seine Fragestellung zu schärfen und die Darstellung zu fokussieren. Drei kleine Kritikpunkte an der sehr lesenswerten Studie sind, dass einige Straffungen durchaus sinnvoll gewesen wären, man sich an einigen Stellen einen intensiveren Rückgriff auf Primärquellen gewünscht hätte und dass Roggenbuch fast vollständig darauf verzichtet, die Perspektive und die Handlungslogik der Betroffenen im Sinne einer Alltagsgeschichte auf der Mikroebene zu rekonstruieren, was der Darstellung deutlich mehr Tiefenschärfe verliehen hätte – seine Darstellung bleibt dem politikwissenschaftlichen Ansatz und der Sicht von oben verhaftet.

"Die Vermessung des Eisernen Vorhangs"




Klaus Otto Nass, Die Vermessung des Eisernen VorhangsKlaus Otto Nass, Die Vermessung des Eisernen Vorhangs (© Centaurus Verlag)
Einem anderen speziellen Aspekt der Grenzgeschichte widmet sich Klaus Otto Nass: der Tätigkeit der deutsch-deutschen Grenzkommission, die auf Basis des Grundlagenvertrages ab 1972 die innerdeutsche Grenze vermaß, Grenzmarkierungen anbrachte und strittige Fragen regelte. Nass war von 1976 bis 1978 der Vertreter Niedersachsens in dieser Kommission. Der Autor rückt schwerpunktmäßig die Observation der Grenzkommission durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in den Fokus. Es werden sehr unterschiedliche Materialien präsentiert, was den selbstgewählten Schwerpunkt ein wenig verwässert. Tagebuchähnliche persönliche Berichte von Nass über die Sitzungen der Grenzkommission, MfS-Berichte, Berichte Nass' an den niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht und diverse West-Dokumente bieten jedoch einen interessanten Einblick in die mühevolle Kleinarbeit der Grenzkommission. Das alles ist eher eine durchaus mit Spannung zu lesende Fundgrube als eine Studie im herkömmlichen Sinn. Dem Fazit, das Buch schlösse die "Forschungen über Grenzkommission, DDR Grenzregime und DDR Staatssicherheit keineswegs ab, sondern lädt zu weiterer historischer Klärung ein" (360), ist zuzustimmen. Leider sind größtenteils die Signaturen der abgedruckten Akten nicht angegeben.

"Behind the Berlin Wall"




Patrick Major, Behind the Berlin WallPatrick Major, Behind the Berlin Wall (© Oxford University Press)
Patrick Major fragt sich angesichts der Mauer, was eigentlich die DDR war. Er nimmt die Berliner Mauer zum Ausgangspunkt, um das dahinter sich verbergende System von Macht und Herrschaft auszuforschen. Dahinter steht die Frage, was die DDR all die Jahre zusammengehalten hat: nur Unterwerfung durch vor allem militärische Macht, Staatssicherheit und Gefängnis oder auch Zustimmung der Beherrschten, feine Disziplinarmechanismen oder – weniger deutlich angesprochen – Verflechtung mit der Macht im Alltag? Im ersten Teil beschreibt Major die doppelte Krise der DDR (Wirtschaftskrise im Inneren im Zusammenhang mit der weltpolitischen Berlinkrise), die Dimensionen der Republikflucht und die Beschränkungen, die sie der SED auferlegte, und deren Versuche, ihr Einhalt zu gebieten. Im zweiten Teil werden die Konsolidierung der Macht der SED in der DDR nach dem 13. August 1961 beschrieben, wobei Major darstellt, wie die eingeschlossene Gesellschaft sich mit dieser Situation arrangierte und wie die SED mit der Bevölkerung einen neuen Modus vivendi finden musste, auch wenn sie weder bereit noch in der Lage war, ihre Politik grundlegend zu ändern. Auch deshalb blieb Westdeutschland für viele Bürger der DDR der Ort, an dem sie lieber leben wollten als in der DDR. Das Buch schließt mit zwei Kapiteln zum Mauerfall, das mit dem Auseinanderdriften von Produktivität und Konsumversprechen seit 1971 einsetzt, und zur schwierigen Erinnerung an die Mauer.

Das Buch bietet einen guten Überblick und immer wieder kluge Erörterungen zur Geschichte der DDR mit einem Fokus auf Abwanderung und Mauer: die Geschichte einer eingeschlossenen Gesellschaft. Positiv hervorzuheben ist die Perspektive von unten, die das Buch prägt, und die Einbeziehung der Ost-Berliner und Ostdeutschen als historische Akteure, soweit sie sich in den schwierigen Quellen als solche fassen lassen, die das Buch zu einer besonderen Lektüre machen. Es wäre begrüßenswert, wenn auch in Deutschland in der Masse der historischer Literatur zur DDR solche Ansätze breiter aufgenommen werden würden.



Fußnoten

1.
Hans-Hermann Hertle/Gerhard Sälter, Die Todesopfer an Mauer und Grenze. Probleme einer Bilanz des DDR-Grenzregimes, in: DA 39 (2006) 4, S. 667–676.

 
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