Beleuchteter Reichstag

5.5.2011 | Von:
Werner Liersch

Die Inseln des Verschweigens

Strittmatters Erinnerungsbuch "Grüner Juni" und der Krieg auf den Zykladen

III. SS-Polizei-Gebirgsjäger auf den Zykladen


Parallel zu den Operationen läuft eine Propagandaoffensive. Das an allen Fronten zurückweichende NS-System will gerade im Fall der "wortbrüchigen" Italiener seine Stärke demonstrieren.[15] Kriegsberichter Bethmann zeichnet eine Bilderfolge kämpfender und siegender Polizeigebirgsjäger. Die Zeitschrift "Die Deutsche Polizei" veröffentlicht eine im Kampflärm schwelgende Reportage des Polizeileutnants Fritz Priller "Der Kampf um die Insel A. [Andros] in der Ägäis".[16] Die Scherl-Illustrierte "Die Woche", die ihrer Kriegsberichterstattung immer etwas "Kultur" beimixt, wartet mit einer Serie auf, die so tut, als gehe es auf den Inseln darum, die Antike in den Besitz eines Reisebüros zu nehmen. Den Bildbericht über die Besetzung von Naxos kommentiert der Kriegsberichter Steinmetz in der "Woche": "Das Eiland der Ariadne. Polizeigebirgsjäger kommen im Hafen von Naxos an, der Insel in der Ägäis, wo nach der griechischen Sage Ariadne, die Tochter des Königs Minos, von Theseus verlasse wurde. Die Hauptstadt gleichen Namens hat mit ihren weißen Häusern und engen Gassen orientalisches Gepräge".[17]

In sorgfältigem Abstand zur Einsatzgeschichte der SS-Polizei-Gebirgsjäger ist Strittmatter im "Grünen Juni" bei der sich im August 1943 abzeichnenden Kapitulation der Italiener auf "Urlaub". Die "Truppe" wird vom Polarkreis nach Griechenland verlegt, er muss ihr "nachreisen". Es gibt keine Eroberung der Zykladen. "Alsbald bin ich in der Inselwelt". Der einzige Konflikt, der mit der Ablösung der italienischen durch die deutsche Besatzung verbunden ist, spielt unter den Inselbewohnern. "Die griechischen Inselfrauen liebten die italienischen Soldaten, wie die finnischen Frauen die deutschen Soldaten liebten. [...] Es war viel Weinens unter den Inselfrauen, als die italienischen Soldaten abzogen und die deutschen Soldaten anrückten."[18] Strittmatter pflegt auf Ios freundlichen Umgang mit dem Inselbewohner Kostas und sucht das Grab Homers, er scheidet von Kostas als Freund. Am Ende wird er von einem deutschen Schiff nach Naxos geholt. Die Kampfeinsätze von deutscher Marine, Wehrmacht und Angehörigen des SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiments übertünchen Inselidyllik und Griechenlandblau. Über den Autor spannt sich der "der homerische Himmel, und der ist blau und hoch und das Meer ist blau und durchsichtig, und an den Abenden leuchtet es." – "Hier kommt ein Tag nach dem andern [...] aus dem Meer und geht in das Meer".[19]

"Welt tut sich auf", empfand der Kritiker Rulo Melchert beim Erscheinen des Textes, "Wirklichkeit und Mythos vermischen sich, das Erzählen ist durchstrahlt von Licht, man ist ergriffen und belächelt nichts." Der "Grüne Juni" setze die Bemühungen fort, "das Ich eines unverwechselbaren Lebens, eines Menschen- und Schriftstellerlebens, wie es uns Erwin Strittmatter vorlebt, in all seiner Widersprüchlichkeit schonungslos und ehrlich hinzustellen, daß wir uns daran reiben und messen können ..."[20]

Propagandapostkarte: Landung des 18. SS-Polizeigebirgsjägerregiments auf Andros. Zeichnung von Hein Bethmann.Propagandapostkarte: Landung des 18. SS-Polizeigebirgsjägerregiments auf Andros. Zeichnung von Hein Bethmann. (© Archiv Roland Pfeiffer, Soest.)
Natürlich kannte der schonungslos ehrliche Autor, der aus dem Nichts zu seiner Truppe stieß, um alsbald in der Inselwelt zu sein, die Wahrheit. Das SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18 traf Mitte August in Griechenland ein, um für den Fall der Kapitulation Italiens zur Verfügung zu stehen. Die Italiener hielten wichtige militärische Positionen auf dem Festland und in der Ägäis. Am 17. September 1943 wurde Strittmatters III. Bataillon aus einem Küstenverteidigungsabschnitt südöstlich von Athen, wo es seit Anfang September im Verband der 11. Luftwaffenfelddivision eingesetzt war, herausgelöst und dem Befehl des Kommandierenden Generals Attika unterstellt. Am Abend des 22. September nahm das III. Bataillon mit drei Kompanien und dem Bataillonsstab, in dem Strittmatter nach seinen Bekundungen die Funktion eines "Schreibers" ausübte, auf Minensuchern Kurs auf Andros, dessen italienischer Kommandant die Übergabe abgelehnt hatte.Bei der Landung in den frühen Morgenstunden des 23. im Hafen von Kastron wurden die SS-Polizeigebirgsjäger mit heftigem Feuer empfangen, die Lage war heikel. Der Kommandeur des SS-Polizeigebirgsjäger-Regiments 18, SS-Obersturmbannführer Hermann Franz, beklagte später, das sich auf den Schiffen nur geringe Kräfte befunden hätten, darunter der "Btl. Stab", wo der Platz des Batailonsschreibers und Kriegstagebuchführers war, den Strittmatter nach seinem Bekunden einnahm.[21] Am 24. erhalten die Deutschen über See Verstärkungen. Es gibt langwierige blutige Kämpfe. "Während sich fast alle italienischen Inselbesatzungen der Zykladen der deutschen Wehrmacht anschlossen, steht der Inselkommandant auf A. zur verräterischen Badogliotruppe. Um A. zu nehmen, wurde das SS-Polizeigebirgsjägerbataillon dem Flottilenchef dieses Bereichs unterstellt. [...] Salvenartig heulen die Granaten von den Schiffen über die Mole hinweg, sie detonieren in Häusern, zerschlagen das italienische Kommandogebäude und ermöglichen den Landungsbooten den Hafen anzulaufen. Und dann ist es geschafft! A. ist unser! SS-Polizei-Gebirgsjäger haben diese wichtige Insel, die gesamte Zykladenwelt beherrscht, genommen", triumphierte Polizei-Reporter Fritz Priller.[22]


Fußnoten

15.
Auf der Insel Kefalonia werden 5.200 sich gefangen gebende Italiener erschossen.
16.
Fritz Priller, Der Kampf um die Insel A. in der Aegäis, in: Die Deutsche Polizei, 3–4/1944, S. 28.
17.
Die Woche, 50/1943, S. 8.
18.
Erwin Strittmatter, Grüner Juni. Eine Nachtigall-Geschichte, Berlin/Weimar 1985, S. 83.
19.
Erwin Strittmatter, Grüner Juni. Eine Nachtigall-Geschichte, Berlin/Weimar 1985, S. 83 u. 99.
20.
Rulo Melchert, Grüner Juni, in: Sonntag, 36/1985.
21.
Hermann Franz, Gebirgsjäger der Polizei. Polizei-Gebirgsjäger Regiment 18 und Polizei-Gebirgs-Artillerieabteilung 1942–1945, Bad Nauheim 1963, S. 99.
22.
Fritz Priller, Der Kampf um die Insel A. in der Aegäis, in: Die Deutsche Polizei, 3–4/1944, S. 28.

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