Beleuchteter Reichstag

5.5.2011 | Von:
Werner Liersch

Die Inseln des Verschweigens

Strittmatters Erinnerungsbuch "Grüner Juni" und der Krieg auf den Zykladen

V. Inseln der Strittmatter-Legende


Die Strittmatter-Legende speiste der "Grüne Juni" aus der Strittmatter-Legende. Die Wortmeldungen der Rezensenten spiegeln die Wirkungen auf das kollektive Strittmatter-Gedächtnis in der DDR. Der Kritiker Klaus Werner unterlag dem beklemmenden Irrtum, "erlebte Wirklichkeit" stehe vor dem Leser auf. Strittmatter lasse Esau Matt "ein durch nichts verbogenes Sehen ausbilden, das luzide Abbilder von Wirklichkeit beschert und eine Realität vor uns hinstellt, die sich in mehrfacher Bedeutung des Wortes selbst beleuchtet: 'Die Stadt Ios glänzt weißer als die Sonne ...'"[31] Der Kritiker Rulo Melchert fand: "Er will, wenn er erzählt, nichts verschweigen oder vertuschen, schönfärben ein Stück seiner und unser aller Vergangenheit und Geschichte. Anders ist der Realismus, wie er Erwin Strittmatter vorschwebt und wie er unserer Literatur wesenseigen ist, nicht als Kunstleistung zu erreichen".[32]

Entlang des "Grünen Juni" erzählte Strittmatter den Deutschen einen verträglichen Krieg in der Ägäis. Im Schattenwurf dieser Kunstleistung verschwand die eigene Rolle. Der Dortmunder Historiker Ralph Klein, der in einer umfangreichen Untersuchung die Geschichte des SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiments 18 aufarbeitete, urteilte ohne Umschweife, Strittmatter habe seine Kriegserlebnisse literarisch verarbeitet, "ohne seine Zugehörigkeit zu diesem außerordentlichen Polizeiregiment zu nennen oder das konkrete Kriegsgeschehen zu beschreiben – ganz im Gegenteil. So schilderte er beispielsweise die Besetzung der Zykladen durch das III. Bataillon, zu dem er gehörte, als Postkartenidylle mit blauem Meer, schönem Wetter, leckeren Wein und attraktiven Frauen." [33]

Das Niederlausitzer Heidemuseum in Spremberg eröffnete im November 2010 eine neue Dauerausstellung über Erwin Strittmatter. Auf einer Karte Europas waren die Zykladen, wie die anderen Kriegsorte Strittmatters, nichts anderes als kleine weiße Reiter. Was da geschah, blieb anonym. Hitlers Polizei ohne Einordnung. Das Heidemuseum im Schweigen über seinen Krieg begriffen, wie Strittmatter über ihn schwieg. Hier trägt Strittmatter noch immer Wehrmachtsuniform. Die Frage, welches Wissen die Ausstellung jungen Menschen vermittle, wies der Museumsleiter in einem Interview, als ihn nicht betreffend, an die Schule zurück.[34] In dieser Perspektive gehört die Berliner Ausstellung der Deutschen Hochschule der Polizei und des Deutschen Historischen Museums "Ordnung und Vernichtung – Die Polizei im NS-Staat" gewiss einer anderen Zivilisation an. Allerdings ist man auch zu Kommentaren im Niederlausitzer Heidemuseum fähig, wie vielen Zurückweisungen der Kritik an der Rolle Strittmatters zeigen. Und auch zu musealer Sorgfalt. In einer in die Wand eingelassenen Glasvitrine prangen die Orden und Ehrenzeichen des Autors aus der DDR.

Im Juni 2010 schon hatte sich der Spremberger Erwin-Strittmatter-Verein zum Geburtstag des Autors in diesem Geist ein finales Geschenk gemacht. Er befand über Geschichte per Vereinsbeschluss: "Der Erwin-Strittmatter-Verein hat die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Schriftstellers für beendet erklärt. Es gebe keine weiteren Untersuchungen zur Rolle Erwin Strittmatters im Zweiten Weltkrieg, sagte am Montag die stellvertretende Vorsitzende Renate Brucke nach einer Mitgliederversammlung des Vereins in Spremberg. Es lägen keine neue Erkenntnisse vor, die ausgewertet werden müssten. Der Vorgang sei für den gegenwärtig 141 Mitglieder zählenden Verein erledigt. Der Verein wolle sich jetzt wieder seinen eigentlichen Aufgaben und den Werken Erwin Strittmatters (1912–1999) widmen."[35] Frau Brucke berief sich dabei auf die ebenso freigiebig wie freihändig ausgestellten Persilscheine Günther Drommers in seiner dritten Strittmatter-Biografie "Erwin Strittmatter und der Krieg unser Väter".[36]

Die 2008 beginnende Debatte nannten die Bochumer Historiker Silke Flegel und Frank Hoffmann symptomatisch "für die Diskussion um das Erinnern an deutsche Diktaturen".[37]


Fußnoten

31.
Klaus Werner, Arkadien im Nachkrieg Erwin Strittmatters Erzählung 'Grüner Juni'. DDR-Literatur '85 im Gespräch, Berlin/Weimar 1985, S. 244 u. 243.
32.
Rulo Melchert, Grüner Juni, in: Sonntag, 36/1985.
33.
Wolfgang Schulte (Hg.), Die Polizei im NS-Staat, Beiträge eines internationalen Symposiums der DHP Münster, Frankfurt a. M. 2009, S. 201.
34.
Regionalmagazin des ORB (TV), 14.11.2010.
35.
ddp, 28.6.2010.
36.
Günther Drommer, Erwin Strittmatter und der Krieg unser Väter, Berlin 2010, S. 136f. – Das frühere Verschweigen der prekären Militärbiografie ersetzt eine affirmative Erzählung, die sich mit Behauptungen ohne Quellennachweis und manipulativen Bezügen den Anschein von Realität gibt. Pars pro toto die angebliche Desertion. "Oberleutnant" Bethmann habe bei der Auslagerung der "Film- und Bildstelle der Ordnungspolizei" (Orpo) Reiseformulare 1945 so verfälscht, dass die Mitarbeiter Bethmann und Strittmatter als Deserteure geschützt waren. Drommer versagt allerdings bereits vor Bethmanns Identität. Der SS-Kriegsberichter fungiert als "Hein Bethmann, der begabte Maler". Den in der Forschung nicht belegten Weg der aus Berlin verbrachten Bestände, die im Mai 1945 in Bischofteinitz verbrannt wurden, entfaltet Drommer frei fabulierend als tatsächliches Wissen. Das Dokumentationszentrum der Orpo wird verharmlosend zum "Polizeiarchiv". Die Zeitzeugin Anna Sauheitel, bei der sich Strittmatter im Mai 1945 im böhmischen Wallern aufhielt und für die er kein Deserteur war, entmündigt Drommer im Interese seiner Zielvorgaben kurzerhand und dreht ihr das Wort im Munde um: "sie bestreitet [ ... ] zeitlebens, was sie ganz genau weiß: Sie hat deutschen Deserteuren geholfen."
37.
44Frank Hoffmann/Silke Flegel, Autobiografie und Dichtung. Die Sommerdebatte um Erwin Strittmatter, in: DA 42 (2008) 6, S. 973–979, hier 973.

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