Beleuchteter Reichstag

12.5.2011 | Von:
Christian Könne

"Die Gestaltung massenwirksamer Unterhaltungssendungen – ein unerläßlicher Bestandteil des politischen Auftrages des Massenmediums Rundfunk"

Die Unterhaltungssendungen im Hörfunk der DDR

1948–1958 – Unterhaltung oder Sozialismus:
Die Konfrontationsphase


Bis zu Beginn der 1960er-Jahre war die Unterhaltung eines der umstrittensten Gebiete des medialen Staatsangebots.[4] Nur bis 1948 hatten die Unterhaltungsredaktionen im Osten Deutschlands ohne eine größere Einflussnahme der Politik arbeiten können. Seit dieser Zeit musste die Unterhaltung dem sozialistischen Aufbau dienen und wurde dementsprechend umgestaltet.

Unterhaltung im Sozialismus hatte in der Vorstellung der SED dem Umbau des Staates und der Umerziehung der Menschen zu dienen: Zum einen sollten die Menschen in der neuen Art der Unterhaltung ihre sozialistische Lebenswelt kennen und positiv einschätzen lernen. Sie sollten durch die Sendungen aber auch in und für diese neue Welt (um-)erzogen werden. Das Projekt der Errichtung der sozialistischen Diktatur erforderte also zur selben Zeit den Umbau des Staates und die Indoktrination der Menschen – zwei schwierig zu kombinierenden Elemente. Unterhaltung als Zeitvertreib war von der SED dabei nicht vorgesehen.

Unter den ersten Schöpfungen einer sozialistischen Unterhaltung waren die "Heiteren Betriebs- und Dorfabende". Ihr Anspruch wies die alte, angeblich überholte Unterhaltung klar in die Schranken: "Sie bedeuten nicht ein Wiederaufleben des KdF-Rummels, sondern im Gegenteil: sie weisen den Weg zu einer neuen kulturellen Entwicklung, die unmittelbar aus dem Betrieb kommt."[5] Die Keimzelle sozialistischen Arbeitens und Lebens, der Betrieb, sollte also – systemkonform gedacht – auch bei der Erschaffung der sozialistischen Unterhaltung Pate stehen. Selbstverständlich war Humor, der sich gegen das Regime wandte, ausgeschlossen, weil er "zersetzend" wirken könnte. Erlaubt war nur "aufbauender" Humor, der der "neuen Gesellschaft" nützte. Doch fiel diese Sendereihe beim Publikum durch, da die hier gebotene Mischung von Unterhaltung und Politik nicht den Erwartungen der Hörer entsprach.[6] Am Beispiel der "Heiteren Betriebs- und Dorfabende" werden die zwei Problembereiche der SED mit der Unterhaltung augenfällig, deren Lösung unterschiedlich erfolgreich verlief: die unterhaltend gestalteten Wort-Sendungen und die Unterhaltungsmusik.

Die Rezeption der "Heiteren Betriebs- und Dorfabende" ergab, dass die Menschen sich nicht kritisch mit sich und ihrem Betrieb im Rahmen einer Sendung befassen wollten. Gleichzeitig hatten sie in der Regel kein überbordendes Interesse daran, das anlässlich eines solchen Abends geschaffene "Betriebslied" zu singen, das der Belegschaft vom Hörfunk an diesem Abend überreicht wurde.[7] Die sozialistisch korrekte Unterhaltung war für die Menschen keine Ablenkung vom Alltag.

Plakat für eine Sendung von "Da lacht der Bär" am 5.11.1953 in Leipzig.Plakat für eine Sendung von "Da lacht der Bär" am 5.11.1953 in Leipzig. (© Bundesarchiv, Plak 103-047-032, Grafiker: KM.)
Erst im Jahr 1955 gelang es, eine ansprechende Sendereihe zu etablieren.[8] In der Besinnung auf Bewährtes wurde "Da lacht der Bär" ins Programm aufgenommen.[9] Der "Lachende Bär" bot heitere Szenen, musikalisch untermalt. Dass die Sendereihe damit formal eine Wiederaufnahme des Konzepts des "Bunten Samstagabends des Reichssenders Köln" aus der Zeit des Nationalsozialismus war, musste (bzw. durfte) nicht gesagt werden. Neben der Weiterverwendung tradierter Unterhaltungsformate – auch aus der NS-Zeit – tat der Hörfunk sich auch unter den westlichen Zeitgenossen um: So erinnerte die Ost-Berliner Sendung "Heinz und Inge" stark an die "Müllerin" des RIAS aus West-Berlin. Die "Mach-mit"-Sendungen aus Schöneberg fanden im Programm aus Adlershof ihren östlichen Widerhall in: "Ein fröhlicher Wettbewerb – per Draht gefragt". Auch das im Hörfunk verwendete Quiz war ein Import aus den USA. Doch zeigen die Fragen an, in welche Richtung die Unterhaltung im DDR-Quiz ging: "Wieviel Fernsehgeräte gibt es in Moskau? Wo ist der größte Pionierpalast der DDR? [...] Wieviel Soldaten hat die Sowjetunion kürzlich zur Entspannung der Lage demobilisiert?"[10] Andere Beispiele für Unterhaltungssendungen der 1950er-Jahre sind Sendereihen wie "Ring frei" und "Doppelt oder nichts".[11] Die Formate für erfolgreiche Hörfunkarbeit stammten also sämtlich aus dem nicht sozialistischen Unterhaltungsraum. Inhaltlich waren sie jedoch auf die Situation in der DDR zugeschnitten.

Die größte Schwierigkeit für die Unterhaltungsmacher und die Menschen in der DDR bestand darin, dass die SED sich zwar darauf verstand, klar und deutlich zu artikulieren, was sie nicht als Unterhaltung sozialistischer Art akzeptierte und folglich verbot. Jedoch gab es von der Partei keinerlei brauchbare Hinweise, wie denn eine sozialistische Unterhaltung auszusehen habe. Hier waren die Unterhaltungsredakteure auf nebulöse Äußerungen der Parteispitze zurückgeworfen, die immer wieder umgedeutet wurden, sodass alle Ergebnisse einer eigenständigen Entwicklung auch im Nachhinein kassiert werden konnten. Was sozialistische Unterhaltung war, blieb ein Rätsel.

Mit diesem Verhalten hatte sich die SED in ihrem Kampf um die Köpfe jedoch in eine schwierige Situation manövriert: Boten die ostdeutschen Programme die gewünschten Angebote nicht, dann lag im Osten Deutschlands überall westliche Unterhaltung und auch die entsprechende Musik in der Luft. Denn viele Stationen der Bundesrepublik waren fast überall im Osten problemlos zu empfangen und dies meist in besserer Qualität als die Programme der DDR selbst. Es mussten also Zugeständnisse gemacht werden, sollte das DDR-Programm gehört werden. Doch diese Erkenntnis musste sich bei der SED erst noch durchsetzen. Letztlich führte jedoch die Situation in der DDR und nicht die Empfangsverhältnisse zur Veränderung.


Fußnoten

4.
Zur Unterhaltung vgl. u.a.: Konrad Dussel, Der Streit um das große U. Die Programmgestaltung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und der Einfluß der Publikumsinteressen 1949–1989, in: AfS 35 (1995), S. 255–289; ders., Unterhaltung im Sozialismus. Hörfunkprogramme in der DDR der fünfziger Jahre, in: DA 31 (1998) 3, S. 404–418; ders., Bildung versus Unterhaltung? Ein Vergleich deutsch-deutscher Hörfunkprogramme am Vorabend des Fernsehzeitalters, in: Zs. f. Literaturwissenschaft und Linguistik 28 (1998), S. 77–101; ders., Hörfunk in Deutschland. Politik, Programm, Publikum 1923–1960, Potsdam 2000; Wolfgang Mühl-Benninghaus, "Der Mensch ist nichts Ewiges ...". Zu Problemen von Unterhaltungs-Sendungen des Rundfunks in der Sowjetischen Besatzungszone, in: Klaus Arnold/Christoph Classen (Hg.), Zwischen Pop und Propaganda. Radio in der DDR, Berlin 2004, S. 67–82; Monika Pater, Auf der Suche nach sozialistischer Unterhaltung. Nonfiktionale Unterhaltungsangebote im Rundfunk der frühen DDR, in: ebd., S. 83–97, hier 90–93; Kaspar Maase, Grenzenloses Vergnügen. Der Aufstieg der Massenkultur 1850–1970, Frankfurt a. M. 1997.
5.
Zit.: Gerhard Walther, Der Rundfunk in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, Bonn 1961, S. 158. Das Folgende ebd., S. 160.
6.
Vgl. Monika Pater, Rundfunkangebote, in: Adelheid von Saldern/Inge Marßolek (Hg.), Zuhören und Gehörtwerden, Bd. 2, S. 171–258; dies., Auf der Suche nach sozialistischer Unterhaltung. Nonfiktionale Unterhaltungsangebote im Rundfunk der frühen DDR, in: Klaus Arnold/Christoph Classen (Hg.), Zwischen Pop und Propaganda. Radio in der DDR, Berlin 2004, S. 83–97, hier 85.
7.
Gerhard Walther, Der Rundfunk in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, Bonn 1961, S. 159.
8.
Gerhard Walther, Der Rundfunk in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, Bonn 1961, S. 160.
9.
Uwe Breitenborn, Wie lachte der Bär? Systematik, Funktionalität und thematische Segmentierung von unterhaltenden nonfiktionalen Programmangeboten im DFF bis 1969, Berlin 2003.
10.
Der Tagesspiegel, 10.4.1957, zit.: Uwe Breitenborn, Wie lachte der Bär? Systematik, Funktionalität und thematische Segmentierung von unterhaltenden nonfiktionalen Programmangeboten im DFF bis 1969, Berlin 2003, S. 161.
11.
Vgl. zu diesen Sendereihen: Monika Pater, Auf der Suche nach sozialistischer Unterhaltung. Nonfiktionale Unterhaltungsangebote im Rundfunk der frühen DDR, in: Klaus Arnold/Christoph Classen (Hg.), Zwischen Pop und Propaganda. Radio in der DDR, Berlin 2004, S. 83–97, hier 86.

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