Beleuchteter Reichstag

12.5.2011 | Von:
Christian Könne

"Die Gestaltung massenwirksamer Unterhaltungssendungen – ein unerläßlicher Bestandteil des politischen Auftrages des Massenmediums Rundfunk"

Die Unterhaltungssendungen im Hörfunk der DDR

Die Unterhaltungsmusik der DDR:
SED always "lost in music"


Neben den unterhaltend gestalteten Wort-Sendungen musste sich der ostdeutsche Hörfunk auch mit den musikalischen Unterhaltungswünschen der Menschen auseinandersetzen. Die SED strebte politisch nützliche, mindestens jedoch "saubere" und "korrekte" Lieder (von) der neuen Gesellschaft an. Daneben wurde die Musikerziehung hin zur E-Musik angestrebt. Doch die Menschen verlangten nach musikalischer Ablenkung durch U-Musik.[22]

Wie im unterhaltenden Wort versuchte man sich auch in der Musik in der Übernahme von medial Erprobtem und mit diesem die Verbindung zum Betrieb herzustellen. 1951 wurden "Wunschkonzerte" für die Betriebe eingeführt. Der Verbindung von Arbeit und neuem Leben sollte auch in diesen "Wunschkonzerten" zum Ausdruck kommen. Um wirklich sicher zu gehen, dass die politische Absicht erreicht wurde, waren in die "Wunschkonzerte" jedoch viele Betriebsreportagen integriert. 1955 wurde das "Wunschkonzert" in Form von "Solidaritätskonzerten" weitergeführt. Doch auch hier wechselten sich "mehrere Stunden lang [...] Interviews, Reportagen, Berichte, Aufrufe, Selbstverpflichtungen und Namensnennungen mit Musikeinlagen ab. [...] Solche Wunschkonzerte galten z.B. den West-Berliner 'Frontstadtgeschädigten', den 'eingekerkerten Patrioten in Westdeutschland' oder den 'Opfern des NATO-Regimes'". Dabei waren die musikalischen Wünsche merkwürdig monoton: "Jedes Wunschkonzert bestand zu 4/5 aus Arbeiter- und Kampfliedern und zu 1/5 aus Opernmelodien."[23] Doch so war kein offenes Ohr bei der Masse zu erreichen. Denn in dieser Form verloren die Sendungen aus Adlershof den Charakter des "Wunschkonzerts für die Wehrmacht", das dem "Wunschkonzert" zu hohem Publikumserfolg verholfen hatte.

Der Wunsch der Hörer nach heiterer Musik wurde im Laufe der 1950er-Jahre jedoch zunehmend gehört; denn wollte man die Menschen ans Radiogerät holen, dann ging das am Besten mit Musik. Der Zwang zum Handeln kam für die SED aus der Wahlmöglichkeit der Hörer. Es musste also auch in der DDR eine leichte Musik, eine Unterhaltungsmusik her. Man ging auf Talentsuche im Land und produzierte im Schatten der etablierten Musik aus dem Westen – die für teure Valuta gekauft werden musste – die ersten eigenen Schlager, und auch Volksmusik konnte man "made in GDR" empfangen.

Seit 1953 versuchte die DDR die volkseigene Schlagermusik zu popularisieren und in der Auseinandersetzung mit dem Klassenfeind im Ohr der Bevölkerung zu positionieren. Das bekannteste Unternehmen der Abteilung Tanzmusik in dieser Hinsicht war die "Schlagerrevue". Sie wurde 1953 als "Schlagerlotterie" gestartet und ab 20. Oktober 1958 erstmals unter neuem Namen aber mit unverändertem Auftrag übertragen[24]: "In der 'Schlagerrevue' werden immer geschlossen drei Neuproduktionen der Schallplattenfirma AMIGA, des Radio DDR, des Deutschlandsenders und des Berliner Rundfunks vorgestellt. Diese Titel unterliegen einer besonderen Wertung von seiten der Hörer. Der erste Preisträger erhält 100,– DM Prämie, der zweite Gewinner 50,– DM, und vier weitere Gewinner erhalten je 25,– DM. [...] Aber im Programm der 'Schlagerrevue' warten noch einige Überraschungen auf die Hörer. So werden, ebenfalls geschlossen in einem Block, 'beliebte Schlagermelodien, die Sie täglich hören', gesendet; dann stellen sich im 'Klingenden Portrait' bekannte Schlagersängerinnen und -sänger, Musiker und Komponisten vor, und schließlich werden am Schluß der Sendung die 'Schlager des Monats', das sind die durch Hörerzuschriften ermittelten populären Schlagermelodien, gespielt."[25]

Bei der Möglichkeit, wöchentlich bis zu 100,– DM gewinnen zu können, zahlte das Zuhören sich aus; denn das durchschnittliche Einkommen lag damals etwa bei 800 Mark für Fabrikarbeiter und 400 Mark (ohne Zulage) für Frauen.

"Bis dieses Schiff als Schlager bei uns ankam, war es im Westen längst verschrottet." – Der beliebte Rundfunkunterhalter Heinz Quermann (hier bei einem "Wunschkonzert für die Verteidiger Berlins" am 20.8.1961) fand bei der 11. Zentralvorstandssitzung der Gewerkschaft Kunst am 16./17.10.1962 deutliche Worte für die Unterhaltungssendungen des DDR-Hörfunks."Bis dieses Schiff als Schlager bei uns ankam, war es im Westen längst verschrottet." – Der beliebte Rundfunkunterhalter Heinz Quermann (hier bei einem "Wunschkonzert für die Verteidiger Berlins" am 20.8.1961) fand bei der 11. Zentralvorstandssitzung der Gewerkschaft Kunst am 16./17.10.1962 deutliche Worte für die Unterhaltungssendungen des DDR-Hörfunks. (© Bundesarchiv, Bild 183-85618-0006 / Fotograf: Eva Brüggmann)
Doch blieb die Position der Partei gegenüber der Unterhaltungsmusik stets reserviert. Man gestand nur soviel zu, wie man nicht vermeiden konnte. Umgekehrt kamen die "korrekten" sozialistischen Musikprodukte oft schlecht an. Das neue Leben wollte nicht so recht Platz im Ohr der Menschen finden. Doch begannen die Probleme der Unterhaltungsmusik in der DDR meist mit der Partei: "Hinzu kommt, und das hindert uns am allermeisten, daß wir bei der Verlegung von Schlagern aus dem westlichen Ausland viel zu langsam und zu bürokratisch arbeiten. [...] Ich erinnere an den Schlager 'Ein Schiff wird kommen'. Bis dieses Schiff als Schlager bei uns ankam, war es im Westen längst verschrottet. Wozu haben wir eigentlich zwei Verlage mit entsprechend bezahlten Leitern? Wozu haben wir Leiter der Produktionsabteilungen bei der Schallplatte und beim Funk und Fernsehen? [...] Selbstverständlich muß man ihnen auf die Finger sehen, aber man muß sie erst einmal arbeiten lassen. Schließlich kriegen sie ihr Gehalt ja letzten Endes dafür, daß sie etwas zu verantworten haben. Wenn man einen Schlager wie die 'Blasmusik von Kickritzpotschen' erst mal dreimal ablehnte [...], weil die Gefahr bestünde, daß das sozialistische Bewußtsein unserer Feuerwehr einen Knacks kriegen könnte, oder auch die ČSSR die Freundschaft kündigen könnte, weil Kickritzpotschen so tschechisch klingt –; Freunde, das sind nur kleine Pointen, in Wirklichkeit spielen sich da manchmal viel schlimmere Dinge ab. Der Schlager 'Ich bin der fröhlichste Räuber der Welt' wurde nachträglich im Rundfunk gesperrt: Erstens, weil es bei uns keine Räuber gibt und zweitens, weil sich im Sozialismus eine Frau keinen Kuß rauben läßt, weil doch laut Frauenkommuniqué usw. usw."[26]

Solche Auswüchse der parteilichen Bewertung von Musik waren und blieben die zentralen Hindernisse auf dem Weg des Einkaufs von Westmusik wie auch bei der Zulassung und Veröffentlichung eigener musikalischer Produkte. Und diese Probleme blieben. Bis zum Ende der DDR spielte die Musikproduktion des Hörfunks für die SED vor allem "im Einklang mit den allgemeinen politischen Aufgaben des Rundfunks eine große kulturpolitische Rolle".[27] Von Unterhaltung war weiterhin nicht die Rede.

Mit dem Heranwachsen einer neuen Generation traten die hier für den Schlager konstatierten Probleme mit dem Publikum in anderer musikalischer Färbung erneut auf. Die Beat-Generation wollte von der offiziellen Ostmusik nichts wissen. Alles, was die SED dem letztlich entgegensetzen konnte, war, neben der Singebewegung, im Hörfunk vor allem das "Jugendstudio DT64". Doch verdankte dies seine bis heute überschätze Rolle vor allem der dort gespielten Westmusik.[28] Die Unterhaltungs- und die West-Musik im Radio war und blieb das notwendige Arrangement, das die Partei eingehen musste.

Dennoch schaffte sie es, dass die DDR, neben Schlagersängern wie Irma Baltuttis, Chris Doerk oder Frank Schöbel, auch in anderen Unterhaltungsmusikbereichen auf "Eigenes" blicken konnte. Mit Herbert Roth hatte sie einen Volksmusikvertreter, über dessen wirtschaftlichen Erfolg der künstlerische Direktor des VEB Deutsche Schallplatten sagte: "Gegen Herbert Roth waren auch die Puhdys arme Schweine."[29] Der in den 1970er-Jahren aufkommende Ostrock stand damit nicht nur finanziell hintan. Er war die letzte große Unterhaltungsmusikbewegung aus der DDR. Wie von der SED gefordert, sang man Deutsch. Doch letztlich scheiterten alle Versuche, die Musikinteressen der Menschen zu steuern und sie zur sozialistischen und zur E-Musik umzuerziehen.[30]


Fußnoten

22.
Vgl. dazu m. zahlreichen Literaturhinweisen: Sascha Tültzsch/Thomas Wilke, Heißer Sommer – coole Beats. Zur populären Musik und ihrer medialen Repräsentation in der DDR, Frankfurt a. M. 2010.
23.
Gerhard Walther, Der Rundfunk in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, Bonn 1961, S. 161.
24.
Christian Könne, Schlagerrevue und Schlager-ABC. Hörfunksendungen zwischen Partei und Publikum, in: Sascha Trützsch/Thomas Wilke (Hg.), Heißer Sommer – coole Beats. Zur populären Musik und ihren medialen Repräsentationen in der DDR, Frankfurt a. M. 2010, S. 139–157.
25.
Unser Rundfunk, 43/1958, S. 16.
26.
Heinz Quermann, Die heitere Muse – einige Probleme und die Unterstützung durch die Gewerkschaft Kunst, 11. Zentralvorstandssitzung der Gewerkschaft Kunst am 16. und 17. Oktober 1962, Hg. Zentralvorstand der Gewerkschaft Kunst im FDGB, Berlin 1962, S. 30f.
27.
Analyse des Musikprogramms des Deutschen Demokratischen Rundfunks, 3.3.1962, BArch, DY 30/IV 2/2.028/90.
28.
Vgl. u.a.: Heiner Stahl, DT64 – Vom Festivalradio zur Jugendsendung, in: Rundfunk u. Geschichte 3 (2003) 4, S. 121–131; ders., Agit Pop. Das Jugendstudio in den swingenden sechziger Jahren, in: Klaus Arnold/Christoph Classen (Hg.), Zwischen Pop und Propaganda. Radio in der DDR, Berlin 2004, S. 229–247; ders., Straßenkreuzungen des Pop. Berliner Jugendkulturen und ihre Sounds beim Übergang in die sechziger Jahre, in: Michael Lemke (Hg.), Schaufenster der Systemkonkurrenz. Die Region Berlin-Brandenburg im Kalten Krieg, Köln 2006, S. 233–250; Christian Könne: Der Hörfunk der DDR in den 1960er Jahren. Pläne, Innovationen, Wirklichkeiten, Berlin 2010.
29.
Birgit u. Michael Rauhut, Amiga. Die Diskographie aller Rock- und Pop-Produktionen 1964–1990, Berlin 1999, S. 10.
30.
Michael Rauhut, Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964–1972, Berlin 1993; ders., Schalmei und Lederjacke. Rock und Politik in der DDR der achtziger Jahre, Erfurt 2002; vgl. auch Michael Berg, Zwischen Macht und Freiheit. Neue Musik in der DDR, Köln 2004.

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