Beleuchteter Reichstag

18.5.2011 | Von:
Sebastian Lindner

Mauerblümchen Kulturabkommen

Erste Verhandlungen


Ein Blick auf die Verhandlungsgeschichte des innerdeutschen Kulturabkommens zeigt: Der Abschluss des Abkommens war der eigentliche Erfolg, denn bei den unterschiedlichen Vorstellungen, die sich auf beiden Seiten mit dem Abkommen verbanden, war es keine Selbstverständlichkeit, sich überhaupt auf einen (Minimal-)Konsens zu einigen.

Der Ständige Vertreter der Bundesrepublik in Ost-Berlin, Günther Gaus (r.), begrüßt am 14.1.1974 den stellvertretenden DDR-Aussenminister Kurt Nier zur zweiten Verhandlungsrunde über ein Kulturabkommen zwischen den beiden deutschen Staaten in Bonn.Der Ständige Vertreter der Bundesrepublik in Ost-Berlin, Günther Gaus (r.), begrüßt am 14.1.1974 den stellvertretenden DDR-Aussenminister Kurt Nier zur zweiten Verhandlungsrunde über ein Kulturabkommen zwischen den beiden deutschen Staaten in Bonn. (© AP)
Zwischen 1973 und 1975 trafen sich die Verhandlungs-delegationen, auf der westdeutschen Seite angeführt von Günter Gaus, dem ersten Ständigen Vertreter Bonns in Ost-Berlin, auf der ostdeutschen von Karl Nier, zu insgesamt fünf Verhandlungsrunden. Diese verliefen ohne nennenswerte Fortschritte. Beide Delegationen waren nicht bereit, in grundsätzlichen Fragen Entgegenkommen zu zeigen. Dabei ging es weniger um das Abkommen an sich – Textentwürfe beider Seiten waren schnell formuliert und ausgetauscht –, es ging vielmehr um Fragen ideologischer Natur, insbesondere um den Begriff der deutschen Kultur in Verbindung mit der Einheit der Nation. Bonn vertrat gerade nach der staatlichen Trennung Deutschlands in Ost und West die Haltung einer einheitlichen deutschen Kulturnation. Ost-Berlin hingegen vertrat die These von einer eigenständigen sozialistischen Kultur, die sich nach 1945 im Ostteil Deutschlands entwickelt habe. Ideologisch war diese Haltung auch Mittel zum Zweck, die kulturelle und politische Eigenständigkeit und Einzigartigartigkeit des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden zu betonen.

Auch in einem ganz praktischen Punkt kam man sich nicht näher, in der Frage der kriegsbedingt verlagerten Kulturgüter. Dabei handelte es sich um Kunstschätze, die vor 1945 ihren Standort auf dem späteren Gebiet der DDR und in Ost-Berlin – hier vor allem auf der Museumsinsel, darunter die Büste der Nofretete[4] – hatten. Um diese vor kriegsbedingten Beschädigungen oder Zerstörungen zu schützen, waren zahlreiche Kulturgüter aus den staatlichen Sammlungen ausgelagert worden. Gelagert wurden sie zum überwiegenden Teil im Westen Deutschlands. Somit waren auf dem Gebiet der späteren Bundesrepublik weitaus mehr kriegsbedingt verlagerte Kulturgüter aus dem Territorium der späteren DDR deponiert als umgekehrt. Die meisten der in den westlichen Besatzungszonen aufbewahrten Kulturgüter gingen nach und nach durch alliierte Verfügungen und bundesgesetzliche Regelungen in die Bestände der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in West-Berlin über. Die Bundesregierung weigerte sich, über die Rückführung dieser Güter zu verhandeln und verwies auf die nach dem Krieg entstandenen Realitäten. Damit benutzte Bonn ein Argumentationsmuster, das bisher nur von der DDR vorgebracht worden war und dem man bis dahin vehement widersprochen hatte: Man müsse die Realitäten, die durch den Zweiten Weltkrieg entstanden waren, und somit auch die Teilung Deutschlands in zwei souveräne Staaten anerkennen. Dieses Vorgehen der bundesrepublikanischen Delegation löste Verwunderung und Befremden auf Seiten der DDR aus.

Keine Seite wollte ihre Position in dieser Frage aufgeben und so war die "Rückführungsfrage" immer wieder Grund für stockende Verhandlungen oder gar deren Abbruch. Unter Berufung auf internationale Konventionen beharrte die DDR darauf, "ihre" Kulturgüter zurückzuerhalten. Die Bundesrepublik argumentierte dagegen, dass mit der Auflösung des Landes Preußen durch die Alliierten 1947 und mit der Übertragung der Vermögenswerte in das Eigentum der aktuellen Besitzer – also der neu gegründeten Länder in den Besatzungszonen – die Kulturgüter rechtmäßig an ihren aktuellen Orten zu belassen seien. Nach der letzten Verhandlungsrunde im Jahr 1975 gingen die Delegationen auseinander, ohne sich über einen Termin für das nächste Treffen verständigt zu haben. Beide Seiten wussten, dass sich die Verhandlungspositionen vorerst nicht verändern würden. Gelegentliche Sondierungen, vor allem von Seiten der Bundesrepublik, bezüglich neuer Verhandlungsrunden zum Kulturabkommen blieben in den nächsten Jahren erfolglos.


Fußnoten

4.
Siehe z.B. Martin Hollender, Pankow greift nach der schönen Ägypterin, in: DA 38 (2005) 5, S. 835–842.

Publikationen zum Thema

Deutschland Archiv 2018

Deutschland Archiv 2018

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2018 erschienen sind.

Deutschland Archiv 2017

Deutschland Archiv 2017

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2017 erschienen sind.

Deutschland Archiv 2016

Deutschland Archiv 2016

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2016 erschienen sind.

Schriftenreihe Bd. 1664 "Deutschland Archiv 2015": Cover

Deutschland Archiv 2015

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2015 erschienen sind.

Schriftenreihe Bd. 1544 "Deutschland Archiv 2014": Cover

Deutschland Archiv 2014

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2014 erschienen sind.

Coverbild Deutschland Archiv 2013

Deutschland Archiv 2013

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2013 erschienen sind.

Zum Shop

Deutschlandarchiv bei Twitter

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit".

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Der Tag in der Geschichte

  • 15./16. Sept. 1948
    Die SED verurteilt die Sonderwegtheorie, d. h. den »besonderen deutschen Weg zum Sozialismus«; denn sie missachte das »große historische Beispiel der Sowjetunion« und die »Grundlagen des Marxismus-Leninismus«. Das sowjetische Modell gilt daher fortan als... Weiter
  • 15. September 1949
    Der Bundestag wählt den 73-jährigen Konrad Adenauer, Vorsitzenden der CDU in der britischen Besatzungszone, zum ersten Bundeskanzler mit einer Mehrheit von einer - seiner eigenen - Stimme (202 von 402 möglichen Stimmen). Oppositionsführer: Kurt Schumacher... Weiter
  • 15. September 1957
    Wahlen zum 3.Bundestag: Nach dem zeitlich nicht befristeten (III.) Wahlgesetz vom 7. 5. 1956 werden die Grundsätze der Personenwahl (Erststimme: Direkt- bzw. Mehrheitswahl der Wahlkreisabgeordneten) mit der Verhältniswahl kombiniert (Zweitstimme: Landesliste... Weiter
  • 15. September 1965
    Syrien und die DDR vereinbaren, Generalkonsulate in Damaskus (bisher Konsulat) und in Berlin zu errichten. Weiter
  • 15. September 1986
    Das Pflanzenschutzgesetz soll vor allem Gefahren abwehren, die durch Pflanzenschutzmittel für Mensch, Tier und Natur entstehen können. Neben vollständigen und eingeschränkten Anwendungsverboten gibt es auch Anwendungsbeschränkungen für bestimmte Wirkstoffe,... Weiter
  • 15. September 1999
    Mit breiter Mehrheit stimmt das Europäische Parlament der Einsetzung der neuen EU-Kommission unter dem früheren italienischen Ministerpräsidenten Romano Prod i zu: für den Rest der Amtszeit der alten zurückgetretenen Kommission unter Santer (16. 3. 1999) und... Weiter