Beleuchteter Reichstag

18.5.2011 | Von:
Ingrid Sonntag

Die Freie Akademie der Künste in Leipzig 1992–2003

Nur aus einer Prägung des sächsischen Kulturraumes hervorgegangen?

Das Ende einer Ära


Udo Zimmermann, seit Oktober 1997 Präsident des Sächsischen Kultursenats, forderte die Mitgliederversammlung im November 1997 – in Abwesenheit – zur Diskussion über die Vereinigung von der "sogenannten Staatsakademie der Schönen Künste in Dresden und unsere[r] eben sogenannte[n] Freie[n] Akademie in Leipzig" auf.[20] Verfahren und Vorschlag lehnten die Mitglieder ab, weil Zimmermann im Verständnis der Mitglieder gegen Anspruch, Geist und Inhalt der Freien Akademie verstieß.

Am Tag einer Veranstaltung mit Staatsminister Hans-Joachim Meyer[21] und Charles S. Maier über das Buch "Das Ende der DDR – Auflösung, Anschluss und Melancholie" (und nach Überschreitung des angekündigten Zeitpunktes) trat Konwitschny als Präsident zurück. Präsidium und Mitgliedern gab er auf den Weg: "Ich möchte Ihnen noch einmal ins Gedächtnis rufen, wie desolat der interne Zustand der Akademie ist und wie mangelhaft die Unterstützung im Finanziellen, Inhaltlichen und Politischen durch das Land Sachsen, die Stadt Leipzig und Sponsoren aus Wirtschaft und Privater Hand." Höchste Zeit sei es, "Sinn und Form der Akademie neu zu überdenken und das Bewußtsein für die Gründungsziele wieder zu schärfen." Jedes Mitglied "unseres Vereins" steht vor der Frage, "wie wichtig ihm der Fortbestand der Freien Akademie der Künste zu Leipzig wirklich ist."[22]

Hartwig Ebersbach, nach Konwitschny amtierender (seit 1992 Vize-)Präsident, sah sich im Herbst 1998 dazu veranlasst mitzuteilen, dass der materielle Fortbestand der Organisationsstrukturen der Freien Akademie gefährdet sei, weil die Stadt Leipzig sich nicht in der Lage sähe, "die gestiegene und Respekt ausdrückende Förderung durch Sachsens Kulturstiftung zu flankieren", und deshalb deren Fördergrundlage für die Freie Akademie zerstören würde.[23]

Noch einmal warfen im Januar 1999 Mitglieder ihr Renommee und persönliches Engagement in die Waagschale, der Freien Akademie zu dauerhafter Geltung zu verhelfen: in einem erweiterten Präsidium mit dem Präsidenten Helmut Brade (Bühnenbildner und Gestalter), den Vizepräsidenten Peter Guth (Kunsthistoriker) und Udo Zimmermann und den Mitgliedern Volker Baumgart (Bildhauer), Herwig Guratzsch (Museumsdirektor), Achim Freyer (Regisseur), Jochen Hempel (Galerist), Dieter Schnebel (Komponist), Juergen Seuss (Buchgestalter) und dem Ehrenmitglied Jürgen Teller (Philosoph).

In den Jahren 1999–2002 baute die Akademie neben "Akademietreff", "Texte & Sounds" (unter anderem mit Ernst Jandl, Bielefelder Colloquium, Günter Grass/Günter "Baby" Sommer/Sigune von Osten, Peter Rühmkorf, Josef Haslinger, Ze do Rock) und "Literarisches Duett" mit der kulturpolitischen Reihe "Erfahrung Kulturpolitik" (mit Erich Loest, Christina Weiss, Eva Rühmkorf, Wolfgang Tiefensee) und dem Literaturprojekt "Erfahrung Deutschland" (auf Anregung von Jürgen Krätzer mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Edition "die horen") sowie neuen Projekten wie "lautpoesie/-musik international" (Kurator: Josef Anton Riedel) und den Ausstellungen "Verborgene Biografien" (Kuratorin: Evelyn Richter) ihr Programm weiter aus. Die Akademie initiierte mit der Fotografin Evelyn Richter die Ausstellung "Revolution mit Kerzen", die im Rahmen der städtischen Feiern zu "10 Jahre friedliche Revolution" stattfand. Eine für die Nikolaikirche vorgesehene Reihe "Kulturort Mitte Europa" zu den Jubiläumsfeiern konnte nicht verwirklicht werden.

Auf mehr als 200 Foren (über 21.000 Besucher), mit Lesungen, Ausstellungen, Vortragsreihen und Podiumsgesprächen, hatte die Freie Akademie, gemäß ihrer Satzung und trotz der internen Widersprüche, Stellung zu aktuellen Themen bezogen und regionale mit überregionalen, nationale mit globalen Fragestellungen verknüpft, deren Ausstrahlung weit über die Leipziger Kulturszene hinausreichte. Am Rande des Empfangs nach der Festveranstaltung zu ihrem zehnjährigen Bestehen am 16. Juni 2002 im Leipziger Alten Rathaus wurde bekannt, dass die Kulturstiftung Sachsen ihre Förderung ab 2003 einstellen werde. Nach dem Rückzug der Kulturstiftung und dem damit verbundenen Ausstieg der Stadt Leipzig geriet die Freie Akademie in eine finanzielle Krise und war nur noch eingeschränkt handlungsfähig.


Fußnoten

20.
Schreiben Udo Zimmermann, 28.11.1997, Archiv FAK.
21.
"Der Sächsische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst war seit September 1991 mit der Vorbereitung zur Gründung der Sächsischen Akademie betraut.", zit.: Jahrbuch der Sächsischen Akademie der Künste 1996–1997–1998, Dresden 2000, S. 9.
22.
Schreiben Peter Konwitschny, 7.7.1998, Archiv FAK.
23.
Hartwig Ebersbach, Fragen nach Sinn und Kompetenz, in: LVZ, 5.9.1998.

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