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18.5.2011 | Von:
Ingrid Sonntag

Die Freie Akademie der Künste in Leipzig 1992–2003

Nur aus einer Prägung des sächsischen Kulturraumes hervorgegangen?

Die Freie Akademie der Künste zu Leipzig – eine wichtige kulturelle Institution in Ostdeutschland, deren Gründung am 17. Juni 1992 auch auf den gesamtdeutschen Kontext verweist.

Einleitung


Konstituierende SitzungKonstituierende Sitzung (© Freie Akademie der Künste zu Leipzig / Andreas Birkigt.)
Konstituierende Sitzung der Freien Akademie der Künste zu Leipzig (v.l.): Thomas Böhme, Burkhard Glaetzner, Klaus Ramm, Udo Zimmermann, Armin Sandig, Uwe Scholz, Hartwig Ebersbach, Michael Morgner, Arila Siegert, Peter Konwitschny, Werner Heiduczek, hinten Steffen Schleichermacher.

Im Freistaat Sachsen sind zwei Akademien der Künste gegründet worden: die Freie Akademie der Künste zu Leipzig 1992 und die Sächsische Akademie der Künste in Dresden 1996. Die Entwicklungs-bedingungen und das Verhalten der künstlerischen und politischen Akteure, die in den ersten Jahren des Einigungsprozesses in Sachsen aktiv waren, verdienen doppelte Aufmerksamkeit. Zum einen stellt die Gründung von zwei Akademien ein besonderes Ereignis in der deutschen Geschichte nach 1989 dar und zum anderen handelt es sich bei der Freien Akademie um eine klassische Eigeninitiative von Künstlern und Wissenschaftlern.

Die Freie wie auch die Sächsische Akademie beziehen sich, obwohl die Bestandsklauseln des Einigungsvertrages wenig Raum für Neugründungen in Ostdeutschland ließen, auf die Umbrüche der Jahre 1989/90. Gründete sich die Leipziger Akademie als Verein, so wurde die Dresdner Gründung als "Körperschaft öffentlichen Rechts" vollzogen. Beide Akademien verfügen über eine Reihe gemeinsamer Mitglieder und verfolgen Ziele, die jeder Akademie obliegen: der Diskurs über die Entwicklung der Künste und die Pflege künstlerischer Überlieferungen. Sie unterschieden sich in der Auseinandersetzung mit den künstlerischen und politischen Positionen der Gegenwart, darüber hinaus im Spektrum der Disziplinen, denn eine "Klasse Baukunst" gibt es nur in der Dresdner Akademie.

Die Gründungsgeschichte, die Prominenz der Mitglieder und die Programmarbeit der erstgegründeten Freien Akademie der Künste zu Leipzig festigten bald ihren Ruf als eine interessante kulturelle Institution in Ostdeutschland. Die Autorin konzentriert sich im Folgenden auf die Freie Akademie, deren Entwicklung sie zehn Jahre begleitet und mitgestaltet hat.

Gründungsimpulse


Die Zerstörungen von Natur, Kultur und Bausubstanz, denen Leipzig und die Region unterworfen waren, erinnerten in den Achtzigerjahren an die Verheerungen des Zweiten Weltkrieges. Leipzig war die Stadt der friedlichen Revolution. Von den Montagsdemonstrationen gingen landesweit Impulse für den Wandel der Gesellschaft aus, die zum Zerfall und zum Ende der DDR führten. Die Veränderungen vollzogen sich in solch rasanter Geschwindigkeit, dass sie emotional und rational kaum zu verarbeiten waren. In dieser historischen Situation, da sich in Ost und West Ernüchterung und Unbehagen regten, entschlossen sich im Frühsommer 1992 Künstler und Wissenschaftler, aus "Sorge um das Schicksal von Kunst und Kultur" und weil neue Trennung drohe, "streitbar und tolerant über die Existenz der Künste in unserer Zeit" nachzudenken.[1] Nicht nach Kunstsparten getrennt oder nach Sektionen geordnet, sondern projektbezogen und kunstgattungsübergreifend sollte gearbeitet werden. Gemeinsam mit Partnern aus Wirtschaft und Kunst aus West- und Ostdeutschland wollte man Netzwerke bilden, die neue Wege der künstlerischen Reflexion und der Kunstförderung eröffnen.

Wolfgang Krause-Zwieback auf der Gründungsveranstaltung der Freien Akademie zu Leipzig, 17.6.1992.Wolfgang Krause-Zwieback auf der Gründungsveranstaltung der Freien Akademie zu Leipzig, 17.6.1992. (© Freie Akademie der Künste zu Leipzig / Andreas Birkigt.)
Der Entscheidung für das Gründungsdatum 17. Juni 1992, dem Tag des Arbeiteraufstandes, in der Großen Maschinenhalle des "VEB-ehedem-Werkzeugbau"[2] (Kulturzentrum Werk II) war symbolisch und stellte zugleich einen Rückgriff auf einen gesamtdeutschen Kontext her, denn auch in Leipzig war 1953 der Ausnahmezustand verhängt worden. Die Eile, mit der im vereinten Deutschland der Nationalfeiertag, von 1954 bis zur deutschen Vereinigung 1990 in Westdeutschland als "Tag der deutschen Einheit" begangen, abgeschafft wurde, stellte für die Gründungsmitglieder ein beunruhigendes Signal dar. Dieses für die deutsche Einheit wichtige Datum war zwar im kollektiven Gedächtnis der Ostdeutschen eingegraben, drohte jedoch im Taumel des Ausgangs der friedlichen Revolution und des politischen Pragmatismus in Ost und West verschüttet zu werden.[3] Beim Zusammentreffen von Künstlern, Wissenschaftlern und Multiplikatoren, die in den Räumen der "Hochkultur" arbeiteten, mit freien und verfemten Kollegen in einer Fabrik, die sich im Umbau befand und deren Funktion sich ändern würde, verwiesen die Gründer der Freien Akademie nachdrücklich auf die Tradition von Widerstandspotenzialen.

Vorgeschichte


Pressekonferenz zur Gründung der Freien Akademie der Künste zu Leipzig (v.l.): Armin Sandig (Präsident der Freien Akademie der Künste Hamburg), Heinz Czechowski und Udo Zimmermann.Pressekonferenz zur Gründung der Freien Akademie der Künste zu Leipzig (v.l.): Armin Sandig (Präsident der Freien Akademie der Künste Hamburg), Heinz Czechowski und Udo Zimmermann. (© Freie Akademie der Künste zu Leipzig / Andreas Birkigt)
Aus einem Gesprächskreis im Haus des Leipziger Malers Hartwig Ebersbach im Dezember '89 – mit den Malern Wolfgang Mattheuer und Tobias Elmann, dem Schriftsteller Werner Heiduczek, dem Komponisten Friedrich Schenker, Museumsdirektorin Jutta Penndorf und Galerist Peter Lang sowie den Wissenschaftlern und Publizisten Peter Guth und Peter Iden[4] – heraus und in der Berührung mit anderen Gesprächszirkeln hatte sich im Spätherbst 1991 eine nue Initiative formiert, die sich zunächst wieder in Ebersbachs Privathaus, ab Jahresanfang 1992 in der Leipziger Oper traf. Am 22. März 1992 kündigten die Mitglieder der "Konstituierenden Arbeitsgruppe" – die Schriftsteller Thomas Böhme, Heinz Czechowski und Werner Heiduczek, der Maler Hartwig Ebersbach, der Galerist Gerd-Harry Lybke und der Kunstwissenschaftler Klaus Werner, der Oboist Burkhard Glaetzner sowie die Komponisten Udo Zimmermann (zugleich Intendant der Oper Leipzig) und Steffen Schleiermacher – die Gründung einer "Freien Akademie der Künste zu Leipzig" für den Mai an.[5]

Nachdem Thomas Böhme es abgelehnt hatte, als designierter Akademiesekretär zu fungieren und in dieser Eigenschaft die organisatorische Vorbereitung der Gründungsveranstaltung zu übernehmen, wurde die Autorin zur Sitzung im April eingeladen. In der Intendanten-Loge (der früheren Ulbricht-Loge[6]) stellte Uwe Altus (Anwalt der Leipziger Messe) einen 1. Entwurf der Satzung zur Diskussion, wurden das Programm der Gründungsveranstaltung und der Ablauf als Großveranstaltung besprochen.

Gründungswidersprüche


Die Gründungsveranstaltung ist als Modell der künftigen Arbeit der Akademie konzipiert worden: interdisziplinäres Experiment, Austausch zwischen den Generationen, künstlerische Einmischung, Teamarbeit. Ministerpräsident Kurt Biedenkopf gratulierte zum "Forum für Kunst und Kreativität".[7] Noch am selben Tag verkündete die Sächsische Staatskanzlei, dass der Freistaat Sachsen über die Errichtung einer "Sächsischen Akademie der Künste in Dresden" entschieden habe.[8]

Bereits auf der Pressekonferenz nach der konstituierenden Sitzung traten die ersten internen Widersprüche zutage. Der gekürte Präsident Udo Zimmermann reduzierte die Motive, die zur Gründung geführt hatten, auf allgemeine Ziele einer Künstlergemeinschaft. Vor allem beanstandete er das Verfahren zur Auflösung der ehemaligen Ost-Berliner Akademie, die Zögerlichkeit des Freistaates Sachsen bei der Gründung einer Landesakademie und bewertete die "Absichtserklärung für eine Staats-Akademie" in Dresden als "regressiv". Leipzig mit seiner Weltoffenheit hingegen sei für eine Akademie der "richtige Ort".[9]

Zimmermann konnte sich nicht entscheiden, mit der Akademiegründung einen politischen Konflikt mit der Landesregierung auszufechten oder nicht. Für die meisten Initiatoren der Leipziger Akademie spielte dieser Konflikt eine untergeordnete Rolle. Sie waren sowohl vom ungestümen Gründungsprozess wie vom Einfallsreichtum der Eröffnungsveranstaltung angetan, von den Begegnungen mit Kollegen, für manchen am alten Lebensort (wie Guntram Vesper), mit der Gründung einer Akademie in Leipzig "ein Zeichen" zu setzen: "Die Kunst ist auch noch da."[10]

Neue Widersprüche taten sich bei Zuwahlen von Mitgliedern auf. Werner Heiduczek hatte der Mitgliederversammlung im Herbst 1992 Erich Loest und Wolfgang Mattheuer zur Wahl vorgeschlagen, denn sie legitimierten sich "durch Werk und Biographie". Beide wurden nicht gewählt, ohne dass es zu einer Diskussion darüber kam. Klaus Staeck hat 1998 eine Versöhnung mit Erich Loest herbeigeführt.

Wirklich eine "Arbeitsakademie"


Ab September 1992 trat die Freie Akademie der Künste mit Ausstellungen und Veranstaltungen an die Öffentlichkeit: Hartwig Ebersbach (Doppelausstellung mit Armin Sandig "Szenenwechsel"), Heinz Czechowski (als Kurator des Lesungsprojekts "Die andere sächsische Dichterschule"), Peter Konwitschny mit dem ersten "Akademietreff" über "Oper – ein geschlossenes System?" und Klaus Staeck (Ausstellung "Flagge zeigen!" im Februar 1993).

Die Mitglieder verstanden sich als Mittler für die europäische Verständigung im kontroversen Diskurs und stellten dafür ihre Verbindungen zur Verfügung.[11] Im März 1993 besuchte Vitautas Landsbergis, erster Präsident des unabhängigen Litauens, auf Einladung der Akademie durch Heinz Czechowski (und auf Vermittlung von Antanas Gailius) die Stadt. Mit einer Doppel-Veranstaltung während des "Leipziger literarischen Herbstes" verschaffte die Akademie dem Politiker und dem Musikwissenschaftler Landsbergis ein Podium.

Zugleich beruhte das Programm auf dem Konsens, Künstler aus der "anderen" Kultur wie Durs Grünbein, Barbara Köhler, Lutz Seiler und Ivan Wernisch einzubeziehen. Diese gehörten ebenso zu den ersten Gästen wie der tschechische Lyriker und Politiker Jiří Gruša, der Bürgerrechtler Konrad Weiss oder der Leipziger Stadtjugendpfarrer Klaus Kaden. In der Freien Akademie begegneten einander erstmals die Dichter und Brecht/Huchel-Übersetzer Michael Hamburger (England) und Ludvík Kundera (Tschechien).

Veranstaltung der Reihe "Kulturort Mitte Europa" mit George Tabori und Wend Kässens (Redakteur und Publizist, r.).
Foto/©: Andreas Birkigt.Veranstaltung der Reihe "Kulturort Mitte Europa" mit George Tabori und Wend Kässens (Redakteur und Publizist, r.). (© Freie Akademie der Künste zu Leipzig / Andreas Birkigt.)
Bedeutend und wegweisend waren die Akademie-Projekte der Jahre 1993–1996, die sich mit dem europäischen Aspekt des Falls des Eisernen Vorhangs beschäftigten: unter anderem die Redenreihen zum "Kulturort Mitte Europa". Der Sinn für Internationalität und Diskurs bei der Wahl der Redner war augenfällig – Christo, George Tabori, Milan Uhde (Parlamentspräsident der ČSR) und Lars Gustafsson, Werner Söllner und Georges-Arthur Goldschmidt, mit Uwe Kolbe, Katja Lange-Müller, Heinz Czechowski, Wolfgang Hegewald und Fritz Rudolf Fries – und andere mehr. Ebenso wichtig: Am 8. Mai 1995 ein Gedenkkonzert (auf Anregung der Freien Akademie) in der Leipziger Oper zum 50. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, im November 1995 anlässlich des Gedenkens an die Pogrome von 1938 eine Festveranstaltung zum Erscheinen der Tagebücher von Victor Klemperer und gemeinsam mit der Leipziger Messe GmbH zur Buchmesse 1996 die Festveranstaltung "Eine Brücke aus Worten und Klängen" mit Günter Grass, Tadeusz Różewicz, Bert Papenfuß-Gorek und Detlef Opitz, in der Moderation von Gerhard Wolf.

Nebeneinander her


Trotz der überraschenden und belebenden Konkurrenz aus Leipzig hielt der Freistaat Sachsen daran fest, nachzuholen, "was die Kurfürsten und Könige von Sachsen versäumt haben – eine Akademie der Künste zu gründen".[12] Es kann davon ausgegangen werden, dass dieser Gründungsansatz einer Kunst-Akademie, in der Tradition von Repräsentation und Selbstaufklärung[13], im Sächsischen Landtag über die Parteigrenzen hinweg zu Diskussionen geführt hat. Denn im Zuge der Gesetzgebung zur Errichtung der Sächsischen Akademie der Künste durch den Landtag im Mai 1994 wurde dem Sächsischen Kultursenat (über seine Aufgabe hinaus, den Freistaat in wichtigen kulturpolitischen Fragen zu beraten und zu vermitteln) das Vorschlagsrecht für die Gründungsmitglieder der Sächsischen Akademie der Künste zugewiesen. Über den Kreis der Gründungsmitglieder bestanden zwischen Ministerpräsident und Kultursenat offensichtlich unterschiedliche Vorstellungen. Darüber hinaus wurde dem Kultursenat die Zuständigkeit "für [z]wei normale Aufgaben der Akademie eines Landes, die Beratung der Regierung in künstlerischen Angelegenheiten und die Vergabe von staatlichen Kunstpreisen" erteilt.[14]

Die Gründungsmitglieder der Sächsischen Akademie der Künste im Hof des Dresdner Zwingers.Gründungsmitglieder. (© Foto: Thomas Härtrich / transit Fotografie und Archiv.)
Die Gründungsmitglieder der Sächsischen Akademie der Künste im Hof des Dresdner Zwingers. Vordere Reihe v.l.: Siegfried Thiele, Dieter Schölzel, Günter Neubert, Friedrich Wilhelm Junge, Hans Joachim Meyer, Kurt Biedenkopf, Gerda Lepke, Reiner Kunze, Hanne Wandke, Bernd Jentzsch; zweite Reihe v.l.: Peter Gülke, Peter Schreier, Ingo Zimmermann, Erich Iltgen (Präsident des Sächsischen Landtages), Ludwig Güttler, Angela Krauß, Helmut Trauzettel, Günter Behnisch, Max Uhlig; hintere Reihe v.l.: Udo Zimmermann (verdeckt), Uwe Grüning, Wolfgang Hänsch (verdeckt), Joachim Herz, Dieter Görne, Peter Kulka, Werner Schmidt Wolfgang Engel (verdeckt), Heinrich Magirius, Wieland Förster, Friedrich Dieckmann.


Im Januar 1996 war es soweit. Der Ministerpräsident berief in einer nichtöffentlichen Veranstaltung in der Porzellansammlung im Dresdner Zwinger die Gründungsmitglieder der "patriotischen Sozietät" Sächsische Akademie der Künste. Zu den vom Freistaat berufenen Gründungsmitgliedern gehörte auch Udo Zimmermann. Der Bildhauer Wieland Förster (bis Oktober 1990 Vizepräsident der Akademie der Künste der DDR) lobte in seinem Festvortrag die Freiheit und Unabhängigkeit der neuen Akademie, die als "erste wirkliche Neugründung im vereinten Deutschland ... in der Freiheit der Parteiendemokratie" vollzogen werde.[15]

Künstlerinitiativen bedürfen nach einigen Jahren ihres Engagements stabiler Arbeitsstrukturen und der politischen Begleitung, um deren Fortbestand zu sichern. Der Freien Akademie der Künste war es seit Gründung nur unzureichend gelungen, eine Bindung an die Stadt Leipzig, an das Land Sachsen oder an einen Mäzen strukturell zu verstetigen, obwohl sie sich mit ihren Programmen zu einem gern gesehenen Partner entwickelt hatte. Die Freiwilligkeit, mit der sie einen Teil der kulturellen Grundversorgung der Stadt Leipzig übernommen hatte (und wie jede kulturelle Initiative vom Kulturamt dafür Projektmittel als Anteilsfinanzierung erhielt), stieß als künstlerische und politische Haltung in Stadt und Land eher auf Misstrauen und wurde wenig wertgeschätzt.

Sicherlich wäre es wünschenswert gewesen, sich über Möglichkeiten einer Zusammenführung von Mitgliedern und Projektstrukturen beider Akademien zu verständigen. Nach meiner Erinnerung wurde darüber erstmals zwischen Heinz Czechowski (Gründungsmitglied und Vizepräsident) und Uwe Grüning (Schriftsteller und Kultur- und wissenschaftspolitischer Sprecher der CDU in Sachsen) im Herbst 1992 gesprochen. Aber vor dem Hintergrund des seit Februar 1994 laufenden Gesetzgebungsverfahrens zur Gründung einer Landes-Akademie bestand wenig politischer und administrativer Handlungsbedarf, die Freie Akademie zu stärken. Zumal vom Präsidenten keine Aktivitäten für eine Vereinigung unternommen wurden. Vielmehr ließ er wissen, dass es "ausschließlich um Unterstützung der Sächsischen Staatsregierung der Freien Akademie der Künste gegenüber" gehen könne.[16]

Anfang Januar 1997 legte Udo Zimmermann nicht überraschend sein Amt nieder. "Mit der Übernahme meiner künstlerischen Verpflichtung in München zum 1.1.97 steht mir ... ein sechstes Sekretariat ins Haus und eine gewachsene Verantwortung, die mir mit Sicherheit nicht ermöglichen wird, die Präsidentschaft der Freien Akademie der Künste zu Leipzig fortzuführen"[17], begründete er seine Entscheidung, zu einem Zeitpunkt, da sich eine vorsichtige Korrektur der Förderrichtlinien im Land Sachsen abzeichnen sollte.

"Wir fangen wieder an"


Die Freie Akademie war von der Kulturstiftung Sachsen im Jahr 1997 in die Lage versetzt worden, ihre Programmarbeit zu konsolidieren. Sie erhielt Projektmittel der Kulturstiftung (und nachfolgend in geringerem Umfang Personalmittel der Stadt Leipzig) und somit immerhin, wenn auch "wacklige", Planungssicherheit für Projekte und Komplementärfinanzierungen mit dem MDR, den Kunsthäusern Schaubühne im Lindenfels und naTo, dem Institut Français de Leipzig, dem Polnischen Kulturinstitut, dem Jazzclub Leipzig, den Salzburger Festspielen, der Dresdner Bank, der Österreichischen Botschaft, dem Deutschlandradio und anderen Partnern.[18]

Veranstaltung der Reihe "Kulturort Mitte Europa" mit Thomas Böhme, Lars Gustafsson und Hartwig Ebersbach (v.l.).Veranstaltung der Reihe "Kulturort Mitte Europa" mit Thomas Böhme, Lars Gustafsson und Hartwig Ebersbach (v.l.). (© Freie Akademie der Künste zu Leipzig / Andreas Birkigt)
Im März 1997 übernahm der Regisseur Peter Konwitschny (für ein Jahr bis zur Neuwahl des Präsidiums) die Präsidentschaft der Freien Akademie und ermöglichte damit den Fortgang der Projektarbeit dieser "gut informierte[n] und intellektuell aktive[n] Institution, die fast als ein Symbol für das Kulturleben im befreiten östlichen Deutschlands dienen konnte", wie Lars Gustafsson formulierte. Bei seinen Akademiebesuchen 1994 und 1997 habe er "oft genug Grund dazu" gehabt, das Thema seiner Romane "Wir geben nicht auf. Wir fangen wieder an" mit der Leipzig Akademie "in Verbindung zu setzen".[19]

Mit der Reihe für interdisziplinäre Experimente "Texte & Sounds" (auf Anregung von Bert Noglik) und mit den Kunstprojekten der Mitglieder Hartwig Ebersbach und Achim Freyer konnten nun originäre Veranstaltungsformen für Kunst und Diskurs etabliert werden. In der 3. Folge der Reihe "Kulturort Mitte Europa", dem Projekt, das sich dem Diskurs zu Fragen der europäischen Verständigung widmete, sprachen neben anderen Eduard Goldstücker (Initiator der Kafka-Konferenz 1963 in Liblice/ČSSR), Tadeusz Mazowiecki, Jan-Philipp Reemtsma, Péter Esterházy und Christoph Dieckmann. Kooperationsveranstaltungen entstanden mit dem Deutschen Literaturinstitut als Reihe "Literarisches Duett". Mit dem Freyer-Projekt gastierte die Freie Akademie in Dresden und kooperierte (auf Betreiben der Leipziger Akademie) erstmals mit der Sächsischen Akademie der Künste.

Das Ende einer Ära


Udo Zimmermann, seit Oktober 1997 Präsident des Sächsischen Kultursenats, forderte die Mitgliederversammlung im November 1997 – in Abwesenheit – zur Diskussion über die Vereinigung von der "sogenannten Staatsakademie der Schönen Künste in Dresden und unsere[r] eben sogenannte[n] Freie[n] Akademie in Leipzig" auf.[20] Verfahren und Vorschlag lehnten die Mitglieder ab, weil Zimmermann im Verständnis der Mitglieder gegen Anspruch, Geist und Inhalt der Freien Akademie verstieß.

Am Tag einer Veranstaltung mit Staatsminister Hans-Joachim Meyer[21] und Charles S. Maier über das Buch "Das Ende der DDR – Auflösung, Anschluss und Melancholie" (und nach Überschreitung des angekündigten Zeitpunktes) trat Konwitschny als Präsident zurück. Präsidium und Mitgliedern gab er auf den Weg: "Ich möchte Ihnen noch einmal ins Gedächtnis rufen, wie desolat der interne Zustand der Akademie ist und wie mangelhaft die Unterstützung im Finanziellen, Inhaltlichen und Politischen durch das Land Sachsen, die Stadt Leipzig und Sponsoren aus Wirtschaft und Privater Hand." Höchste Zeit sei es, "Sinn und Form der Akademie neu zu überdenken und das Bewußtsein für die Gründungsziele wieder zu schärfen." Jedes Mitglied "unseres Vereins" steht vor der Frage, "wie wichtig ihm der Fortbestand der Freien Akademie der Künste zu Leipzig wirklich ist."[22]

Hartwig Ebersbach, nach Konwitschny amtierender (seit 1992 Vize-)Präsident, sah sich im Herbst 1998 dazu veranlasst mitzuteilen, dass der materielle Fortbestand der Organisationsstrukturen der Freien Akademie gefährdet sei, weil die Stadt Leipzig sich nicht in der Lage sähe, "die gestiegene und Respekt ausdrückende Förderung durch Sachsens Kulturstiftung zu flankieren", und deshalb deren Fördergrundlage für die Freie Akademie zerstören würde.[23]

Noch einmal warfen im Januar 1999 Mitglieder ihr Renommee und persönliches Engagement in die Waagschale, der Freien Akademie zu dauerhafter Geltung zu verhelfen: in einem erweiterten Präsidium mit dem Präsidenten Helmut Brade (Bühnenbildner und Gestalter), den Vizepräsidenten Peter Guth (Kunsthistoriker) und Udo Zimmermann und den Mitgliedern Volker Baumgart (Bildhauer), Herwig Guratzsch (Museumsdirektor), Achim Freyer (Regisseur), Jochen Hempel (Galerist), Dieter Schnebel (Komponist), Juergen Seuss (Buchgestalter) und dem Ehrenmitglied Jürgen Teller (Philosoph).

In den Jahren 1999–2002 baute die Akademie neben "Akademietreff", "Texte & Sounds" (unter anderem mit Ernst Jandl, Bielefelder Colloquium, Günter Grass/Günter "Baby" Sommer/Sigune von Osten, Peter Rühmkorf, Josef Haslinger, Ze do Rock) und "Literarisches Duett" mit der kulturpolitischen Reihe "Erfahrung Kulturpolitik" (mit Erich Loest, Christina Weiss, Eva Rühmkorf, Wolfgang Tiefensee) und dem Literaturprojekt "Erfahrung Deutschland" (auf Anregung von Jürgen Krätzer mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Edition "die horen") sowie neuen Projekten wie "lautpoesie/-musik international" (Kurator: Josef Anton Riedel) und den Ausstellungen "Verborgene Biografien" (Kuratorin: Evelyn Richter) ihr Programm weiter aus. Die Akademie initiierte mit der Fotografin Evelyn Richter die Ausstellung "Revolution mit Kerzen", die im Rahmen der städtischen Feiern zu "10 Jahre friedliche Revolution" stattfand. Eine für die Nikolaikirche vorgesehene Reihe "Kulturort Mitte Europa" zu den Jubiläumsfeiern konnte nicht verwirklicht werden.

Auf mehr als 200 Foren (über 21.000 Besucher), mit Lesungen, Ausstellungen, Vortragsreihen und Podiumsgesprächen, hatte die Freie Akademie, gemäß ihrer Satzung und trotz der internen Widersprüche, Stellung zu aktuellen Themen bezogen und regionale mit überregionalen, nationale mit globalen Fragestellungen verknüpft, deren Ausstrahlung weit über die Leipziger Kulturszene hinausreichte. Am Rande des Empfangs nach der Festveranstaltung zu ihrem zehnjährigen Bestehen am 16. Juni 2002 im Leipziger Alten Rathaus wurde bekannt, dass die Kulturstiftung Sachsen ihre Förderung ab 2003 einstellen werde. Nach dem Rückzug der Kulturstiftung und dem damit verbundenen Ausstieg der Stadt Leipzig geriet die Freie Akademie in eine finanzielle Krise und war nur noch eingeschränkt handlungsfähig.

Und nun?


Im Spätsommer 2003 trat der Schriftsteller Michael Lentz die Präsidentschaft der Freien Akademie der Künste an. Sein Programm: "So etwas – ich sag's mal salopp – Geheimbündlerisches, Innerzirkuläres ist nicht angestrebt. Ein erster Schritt wird deshalb sein, dass wir ins Internet gehen", und der Sächsischen Akademie der Künste gegenüber wolle man "autonom" bleiben.[24]

Von den 72 Mitgliedern der Leipziger Akademie zählten im Jahr 2003 ohnehin 21 zur Sächsischen Akademie der Künste. Zurzeit sind es 19.[25] Udo Zimmermann, Gründungsmitglied und erster Präsident der Freien Akademie, ist seit Juni 2008 der Präsident der Sächsischen Akademie der Künste.

Der Schriftsteller Karl Mickel (Mitglied der Freien Akademie seit Herbst 1992) hatte in einem Telefonat im Juni 2000 eine Beobachtung preisgegeben, die als ein Vermächtnis verstanden werden kann: "Sachsens politische, wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung" habe sich "aus der Bipolarität seiner großen Städte Dresden und Leipzig" entwickelt, Dresden "seine Prägungen vom Hof, Leipzig von der Bürgerschaft" erhalten; zwei Akademien in Sachsen institutionalisierten "die verschiedenen Prägungen ein- und desselben Kulturraumes". – Daraus lässt sich die Frage ableiten: Was bedeuten "Hof" und "Bürgertum" in der heutigen Gesellschaft mit ihren sozialen und demografischen Herausforderungen?

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Fußnoten

1.
Freie Akademie der Künste zu Leipzig (FAK), Satzung, § 2, Archiv FAK.
2.
Wolfgang Krause-Zwieback, "Festansprache" zur Gründungsveranstaltung am 17.6.1992, in: Ralph Gambihler, Auf dem Weg zu einer neuen Ära, in: Leipziger Volkszeitung (LVZ), 15./16.6.2002.
3.
Vgl. "So haben wir Deutschland vereint". Günter Krause und Wolfgang Schäuble im Interview, in: Die Welt, 21.8.2010.
4.
Vgl. Peter Iden, Die Trümmer und Träume von vierzig Jahren. Künstler über die "Errungenschaften" der DDR, in: Frankfurter Rundschau, 28.12.1989, u. ders., Es ist keiner hier, der uns hilft. Beobachtungen in einer Gesprächsrunde mit Künstlern, Kunstvermittlern und Theoretikern, in: Frankfurter Rundschau, 6.2.1993.
5.
Pressemitteilung, 23.3.1992, Archiv FAK.
6.
Klaus Umbach, Hochstapler auf der Rostkursche. Über den Komponisten und Leipziger Opern-Intendanten Udo Zimmermann, in: Der Spiegel, 45/1990.
7.
Schreiben Biedenkopf, 17.6.1992, Archiv FAK.
8.
Chronik der Entstehung der Sächsischen Akademie der Künste, in: Jahrbuch der Sächsischen Akademie der Künste 1996–1997–1998, Dresden 2000, S. 195. Vgl. Moritz Jähnig, Krieg der Akademien?, in: Junge Welt, 20.6.1992.
9.
Georg-Friedrich Kühn, Streitbares und tolerantes Nachdenken über Kunst, in: Frankfurter Rundschau, 23.6.1992.
10.
Guntram Vesper, Rede zur Gründungsveranstaltung am 17. Juni 1992, in: Freie Akademie der Künste zu Leipzig, Leipzig 1993, S. 18.
11.
Vgl. FAK, Satzung, § 2, Archiv FAK.
12.
Prof. Dr. Ingo Zimmermann im Interview mit Jörg Bernig und Walter Schmitz, in: Jörg Bernig/Walter Schmitz (Hg.), Literaturlandschaft im Wandel. Gespräche zur literarischen Kultur in Sachsen und Ostdeutschland 1990 bis 2005, Dresden 2006. S. 261.
13.
Kurt Biedenkopf, Rede zur Gründungsveranstaltung der Sächsischen Akademie der Künste am 23. Januar 1996, in: Jahrbuch der Sächsischen Akademie der Künste 1996–1997–1998, Dresden 2000, S. 9. Vgl. ebd., S. 195, u. Hartmut Zwahr, Ende einer Selbstzerstörung. Leipzig und die Revolution in der DDR, Göttingen 1993, S. 192.
14.
Werner Schmidt, Anfänge und erste Schritte der Sächsischen Akademie der Künste, in: Jahrbuch der Sächsischen Akademie der Künste 1996–1997–1998, Dresden 2000, S. 6.
15.
Jahrbuch der Sächsischen Akademie der Künste 1996–1997–1998, Dresden 2000, S. 14.
16.
Schreiben Udo Zimmermann, 23.9.1995, 9.1.1996, 11.1. u. 5.1997, Archiv FAK.
17.
Schreiben Udo Zimmermann, 11.1.1997, Archiv FAK.
18.
1998 gehörte die FAK zu den drei Institutionen (neben Werkstatt Kunst und Kultur Hellerau und Neuer Sächsischer Kunstverein Dresden), die "besondere Förderung" durch die Kulturstiftung Sachsen erhielten.
19.
Schreiben Lars Gustafsson, 23.11.2000, Archiv FAK.
20.
Schreiben Udo Zimmermann, 28.11.1997, Archiv FAK.
21.
"Der Sächsische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst war seit September 1991 mit der Vorbereitung zur Gründung der Sächsischen Akademie betraut.", zit.: Jahrbuch der Sächsischen Akademie der Künste 1996–1997–1998, Dresden 2000, S. 9.
22.
Schreiben Peter Konwitschny, 7.7.1998, Archiv FAK.
23.
Hartwig Ebersbach, Fragen nach Sinn und Kompetenz, in: LVZ, 5.9.1998.
24.
Michael Lenz, Interview, in: LVZ, 23.9.2003.
25.
Volker Braun, Lutz Dammbeck, Friedrich Dieckmann, Horst Drescher, Hartwig Ebersbach, Achim Freyer, Burkhard Glaetzner, Durs Grünbein, Christoph Hein, Peter Konwitschny, Kurt Masur, Michael Morgner, Irina Pauls, Friedrich Schenker, Steffen Schleiermacher, Frank Schneider, Siegfried Thiele, Günter Uecker und Udo Zimmermann: http://www.akademieleipzig.de/mitglied.htm u. http://www.sadk.de/mitgliederuebersicht.html [12.5.2011].

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