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Beleuchteter Reichstag

30.3.2011 | Von:
Marcus Sonntag

DDR-Arbeitslager – Orte der Schaffung eines "neuen Menschen"

In den Arbeitslagern der DDR sollten Häftlinge zu kommunistischen Menschen erzogen werden. Die Realität und der Alltag in den Lagern sahen sehr viel nüchterner aus. Anspruch und Wirklichkeit des Erziehungsversuchs werden im folgenden Beitrag anhand von Gefangenenakten untersucht.

Haftarbeitslager in der DDR


Arbeitslager, so wird im Allgemeinen angenommen, dienten vor allem der Ausbeutung der Arbeitskraft von Inhaftierten. Insbesondere an nationalsozialistische Lagereinrichtungen wird man denken, möglicherweise auch an den Gulag der stalinistischen Sowjetunion. In beiden Gesellschaftssystemen waren Lager zumeist extralegale Sondereinrichtungen für Regimegegner unterschiedlicher politischer, religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit. Zunächst liegt daher die Vermutung nahe, dass die DDR-Arbeitslager gewissermaßen in dieser "Tradition" standen, handelte es sich doch phänomenologisch um ähnliche Einrichtungen. Allerdings waren die Haftarbeitslager (HAL) in Ostdeutschland keine Einrichtungen eines mehr oder weniger permanenten Ausnahmezustandes,[1] sondern sie waren ein – wenn auch besonderer – Teil des herkömmlichen Strafvollzugssystems.

Häftlinge des Straflagers Rüdersdorf bei Berlin arbeiten 1949 im nahegelegenen Steinbruch.Häftlinge des Straflagers Rüdersdorf bei Berlin arbeiten 1949 im nahegelegenen Steinbruch. (© Otto Donath / Bundesarchiv, Bild 183-1983-0426-313)
In den DDR-Lagern saßen keine Straftäter, die sich wegen besonders schwerer Verbrechen zu verantworten hatten, sondern insbesondere Personen, die vergleichsweise kürzere Haftstrafen wegen leichterer Vergehen verbüßen mussten. Des Weiteren konnten auch "Langstrafer", die einen Teil ihrer Haftzeit bereits hinter sich gebracht hatten, in ein Lager verlegt werden. Die Haft in einem Arbeitslager wurde von den Verantwortlichen und auch von vielen Häftlingen als Vergünstigung angesehen. Die Haftbedingungen waren gelockert, es gab keine Zellen, sondern Gruppenunterkünfte, es bestand die Möglichkeit des Austauschs mit den Betriebsangehörigen des Arbeitseinsatzbetriebes und bis 1962 bestand die Option, durch Übererfüllung der Produktionsleistung die Haftzeit zu verkürzen, "Tage einzuarbeiten". Gleichwohl waren die Lager militärisch straff organisiert und geführt, das Leben dort sehr hart. In Lagerhaftanstalten sollte in einer besonderen Kombination aus sozialistischer Arbeit und politisch-kultureller Erziehung der "neue Mensch" nach Maßgabe der SED auch gegen Widerstände geschaffen werden.[2] Strafvollzug im Lager hatte in der DDR neben deren ökonomischer Stabilisierung sowie der Disziplinierung und Internierung echter und vermeintlicher Straftäter die Aufgabe, einen sozialistischen Menschen zu formen, der seine eigenen Interessen hinter gesellschaftlichen zurückstellte:

"Die Erziehung zur Einhaltung der allgemeinen gesellschaftlichen Normen und Verhaltensweisen ist ein wesentliches Ziel der Erziehung im Strafvollzug. Letztlich sollen die Strafgefangenen nach ihrer Entlassung daran gewöhnt sein, sich gesellschaftsgemäß zu verhalten. [...] Erziehung im Strafvollzug bedeutet also Erziehung des Strafgefangenen zu einem Menschen mit Kollektivgeist, der in der Lage ist, seine Interessen mit den Interessen der Gesellschaft in Einklang zu bringen und auf die Entwicklung nicht gesellschaftsgemäßer Interessen zu verzichten."[3] Unter kommunistischer Erziehung war die "zielgerichtete, planmäßig organisierte Formung allseitig entwickelter Menschen zu verstehen, die psychischen Reichtum, moralische Reinheit und physische Vollkommenheit harmonisch in sich vereinen. Höchstes Ziel der kommunistischen Erziehung ist die Erziehung von Menschen, die fähig sind, kommunistisch zu leben und zu arbeiten."[4] Diese utopische Zielstellung sollte in den Arbeitslagern der DDR notfalls auch unter Zwang verwirklicht werden. Dabei stellten politische Häftlinge nur eine Minderheit in den Lagern dar. Sie wurden meist als "nicht besserungsfähig" eingestuft und von Erziehungsbemühungen ausgeschlossen, weswegen sie im vorliegenden Beitrag nicht explizit Beachtung finden.[5]

Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, wie in den Lagern versucht wurde, jene erzieherische(n) Maßgabe(n) praktisch umzusetzen. Wie wurde auf Inhaftierte in Arbeitslagern der DDR Einfluss genommen, wie versuchte man sie zu erziehen? Dabei gestatten insbesondere die überlieferten Gefangenenakten intime Einblicke in die Praktiken hinter den Lagerzäunen. Bislang wurde den DDR-Gefangenenakten in der Forschung kaum Beachtung geschenkt, obwohl sich mit ihnen zahlreiche Rückschlüsse auf Leben und Arbeiten der Menschen in den Lagerhaftanstalten ziehen lassen.[6] Es wird daher zunächst die Qualität der überlieferten Gefangenenakten als Quelle diskutiert (I.). In einem zweiten Schritt wird insbesondere anhand von Material aus Gefangenen- bzw. Vollzugsakten demonstriert, wie die Strafvollzugsangehörigen ihren Erziehungsauftrag umsetzten, welche Probleme sich dabei ergaben und woran mögliche Erziehungserfolge gemessen wurden (II.). Dabei wird berücksichtigt, wie die Häftlinge in dieser Wärter-Insassen-Konstellation agieren und reagieren konnten. Waren sie den erzieherischen Bemühungen ihrer Vorgesetzten in den Lagern hilflos ausgeliefert?


Fußnoten

1.
Siehe z.B. Giorgio Agamben, Homo Sacer. Die Souveränität der Macht und das nackte Leben, Frankfurt a. M. 2002, S. 175–190. Für Überlegungen zu den Themenfeldern »Lager und Gefängnis« siehe Joel Kotek/Pierre Rigoulot, Das Jahrhundert der Lager. Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Vernichtung, Berlin/München 2001, S. 11–44.
2.
Siehe allg. Marcus Sonntag, Die Arbeitslager in der DDR, Essen 2011.
3.
Heinz Szkibik, Sozialistischer Strafvollzug. Erziehung durch Arbeit, Berlin (O.) 1969, S. 38, 42; zudem Hedwig Scholz, Sie sollen wieder vollwertige Menschen werden. Über demokratischen Strafvollzug in der DDR, Berlin (O.) 1953; Herbert Kern, Die Erziehung im Strafvollzug, Berlin (O.) 1958.
4.
Wolfgang Faber u.a., Strafvollzug in der Deutschen Demokratischen Republik – Lehrbuch, Berlin (O.) 1979, S. 70.
5.
Siehe dazu Gerhard Finn/Karl Wilhelm Fricke, Politischer Strafvollzug in der DDR, Köln 1981, S. 70–73.
6.
Vgl. Rita Sélitrenny, Die schriftlichen Hinterlassenschaften aus dem DDR-Untersuchungshaft- und Strafvollzug, in: DA 34 (2001) 5, S. 801–805.

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