Beleuchteter Reichstag

11.4.2011 | Von:
Thomas Moser

Verena Becker und das Buback-Attentat – RAF und Verfassungsschutz

Interview mit dem Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar

War das ehemalige RAF-Mitglied Verena Becker am Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback beteiligt? Und in welcher Beziehung stand sie zum Verfassungsschutz? Fragen, die der Prozess gegen Becker klären soll. Prozessbeobachter Thomas Moser stellte sie dem Politologen Wolfgang Kraushaar.

Verena Becker und das Buback-Attentat


Generalbundesanwalt Siegfried Buback 1976.Generalbundesanwalt Siegfried Buback 1976. (© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung / Lothar Schaack / Bundesregierung, B 145 Bild-00012241)
Am 30. September 2010 begann vor dem Oberlandesgericht Stuttgart der Prozess gegen das ehemalige Mitglied der "Rote Armee Fraktion" (RAF) Verena Becker. Die Anklage der Bundesanwaltschaft wirft ihr vor, am Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seinen beiden Begleitern Georg Wurster und Wolfgang Göbel am 7. April 1977 beteiligt gewesen zu sein. Ihr konkreter Tatbeitrag sei gewesen, den Tatort ausgespäht und hinterher die Bekennerschreiben verschickt zu haben. Becker steht aber beim Nebenkläger Michael Buback, Sohn des Ermordeten, wie einigen anderen Beobachtern des Falles auch im Verdacht, sogar persönlich die tödlichen Schüsse vom Soziussitz des Tatmotorrades aus abgegeben zu haben. Dieser Verdacht stützt sich auf Zeugenaussagen, die auf dem Motorrad eine Frau als Beifahrerin und Schützin wahrgenommen haben wollen, sowie darauf, dass bei Verena Becker und Günter Sonnenberg bei ihrer Festnahme am 3. Mai 1977 in Singen die Tatwaffe sowie ein Schraubenzieher aus dem Bordwerkzeug des Tatmotorrades sichergestellt wurden. Die Bundesanwaltschaft dagegen teilt diese Sicht nicht. Für sie saßen auf dem Tatmotorrad zwei Männer, also unter keinen Umständen Becker.

Der Prozess ist mit den herkömmlichen Vorstellungen von RAF-Verfahren nicht zu verstehen. Man muss wissen, dass Verena Becker ab einem bestimmten Zeitpunkt Informantin, wenn nicht sogar V-Frau des Verfassungsschutzes (VS) war. Gesichert ist, dass sie ab 1981 umfangreiche Aussagen vor dem Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln gemacht hat. Unklar ist bislang, wie lang dieser Kontakt anhielt – und vor allem, wann er anfing. Bestand er bereits vor dem Attentat von 1977, würde das bedeuten, dass möglicherweise eine VS-Informantin in das Attentat auf den höchsten Ermittler der Bundesrepublik verwickelt war bzw., dass der Inlandsnachrichtendienst zumindest Informationen über das Attentat gehabt haben müsste.

Auf der Anklagebank in Stuttgart sitzt also möglicherweise nicht nur eine Terroristin, sondern gewissermaßen auch der Staat. Das macht das gesamte Verfahren so heikel.

Indizien könnten dafür sprechen, dass Verena Becker sogar bereits ab 1972 für den Verfassungsschutz tätig war. Sie war damals Mitglied der Terrororganisation "Bewegung 2. Juni". Dem Verfassungsschutz gelang es, mehrere Mitglieder der "Bewegung 2. Juni" zu einer Zusammenarbeit zu bewegen. Er hatte sie in Haft kontaktiert – warum nicht auch Becker? Eine Terroristin und eine VS-Informantin. Es ist die Kombination beider Rollen, in der der politische Sprengstoff dieses Verfahrens liegt. Denn wenn Becker nicht Informantin des VS war, warum sträubt sich dann die Bundesanwaltschaft so sehr dagegen, sie könnte die Todesschützin gewesen sein? Und umgekehrt: Wenn sie nicht die Todesschützin war, warum wird dann um ihre VS-Tätigkeit ein solches Geheimnis gemacht?

Im Verfahren schweigen bisher beide Seiten. Verena Becker macht im Prozess vor dem OLG Stuttgart keine Aussagen. Eine Reihe ehemaliger RAF-Mitglieder, unter anderen Brigitte Mohnhaupt, Knut Folkerts, Günter Sonnenberg und Stefan Wisnewski, tat es ihr gleich. Und das Bundesamt für Verfassungsschutz und sein Dienstherr, das Bundesinnenministerium, weigern sich, dem Gericht trotz dessen wiederholten Antrags Unterlagen über den Fall Becker–Buback zur Verfügung zu stellen.

Auf die Ereignisse und die Beweislage dieses Prozesses soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden.

Kraushaar: Becker und VerfassungsschutzKraushaar: Becker und Verfassungsschutz (© Hamburger Edition, Hamburg)
Kurz nach Beginn der Hauptverhandlung, im Herbst 2010, legte der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung ein Buch vor: "Verena Becker und der Verfassungsschutz" (Hamburg: Hamburger Edition 2010, 203 S., € 16,–). Es geht darin weniger um das nach wie vor ungeklärte Buback-Attentat, sondern Kraushaar hat alle möglichen Spuren und Indizien zusammengetragen, die Kontakte des Verfassungsschutzes zur "Bewegung 2. Juni" und auch zu Verena Becker belegen sollen. Kraushaar kommt zu der Überzeugung, dass Becker schon zum Zeitpunkt des Attentates auf Buback im April 1977 Informantin des Verfassungsschutzes war. Für ihn steht außerdem fest, dass sie an diesem Attentat selber direkt beteiligt war.

Thomas Moser hat mit Wolfgang Kraushaar über sein Buch und seine Untersuchungen gesprochen. Das Interview wurde am 2. November 2010 geführt. Der Sachstand ist bis heute, April 2011, unverändert.



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