Beleuchteter Reichstag

14.4.2011 | Von:
Hermann Weber

Die SED und der Titoismus

Wolfgang Leonhard zum 90. Geburtstag

Verfolgungen


Parallel zu diesem immer hysterischeren stalinistischen Geschrei verlief die staatliche Verfolgung politischer Abweichler im Ostblock, die pauschal als "Titoisten" verfemt wurden. Die Exzesse mündeten in inszenierten Schauprozessen mit der Verurteilung führender Kommunisten wie László Rajk im September 1949 in Ungarn, Traitscho Kostoff im Dezember 1949 in Bulgarien; auch andere "Titoisten" wurden verurteilt und hingerichtet.[15] Mit den Repressalien tauchte die alte stalinistische Drohung wieder auf: "Unversöhnlichkeit gegen alle Abweichungen", "alle nationalistischen und revisionistischen Abweichungen" seien zu zerschlagen, wurde für alle KPen zur Doktrin.[16]

Unter den Konferenzteilnehmern des Kominform vom Juni 1948, die Tito verdammten, waren sowohl Traitscho Kostoff aus Bulgarien als auch Rudolf Slánsky und Bedfiich Geminder aus der ČSR. Kostoff ist im Dezember 1949 in einem Schauprozess in Sofia als "Titoist" zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Gegen Generalsekretär Slánsky und Geminder fand der Prager Schauprozess im November 1952 statt. Auch hier lautete die Anklage "Titoismus", allerdings war nun eine antisemitische Tendenz vorrangig, bei elf der 14 Angeklagten wurde die "jüdische Abstammung" betont. Kostoff, Slánsky, Geminder gehörten zu den Führern der KPen des Kominform, die zuvor auf Stalins Anweisung den "Titoismus" erfanden und ihn liquidieren sollten. Jetzt wurden Täter selbst zu Opfern – was im Stalinismus sehr häufig vorkam.

Haus des Zentralsekretariats der SED in der Berliner Torstraße, Ecke Prenzlauer Allee, dekoriert anlässlich des 70. Geburtstags Stalins 1949.Haus des Zentralsekretariats der SED in der Berliner Torstraße, Ecke Prenzlauer Allee, dekoriert anlässlich des 70. Geburtstags Stalins 1949. (© Bundesarchiv, Bild 183-S91405, Fotograf: Heinz Funck)
Eine Kehrseite der brutalen Säuberungen war der Personenkult um Stalin. Bereits wenige Tage nach der Hinrichtung des Altkommunisten Kostoff in Sofia feierte die gesamte kommunistisch-stalinistische Welt den 70. Geburtstag des Diktators Stalin. Ulbricht verherrlichte den Despoten namens der SED in einem Brief vom 21. Dezember 1949 als "größten Wissenschaftler", als "genialen Steuermann", er glorifizierte ihn sogar als "geliebten Führer der Völker". Und genau wie den Kult um Stalin machte die SED jeden Schritt gegen Abweichler mit.

In seinem Vorwort zum Protokoll des Rajk-Prozesses hatte zum Beispiel Kurt Hager am 29. Oktober 1949 sowohl die "verbrecherische Tito-Clique" geschmäht als auch "Lehren" für die SED verlangt. Er forderte "Wachsamkeit", die "Schädlingsarbeit der Tito-Agenten und anderer Trotzkisten" sei "rücksichtslos" zu "entlarven".[17]

Als Besatzungsgebiet der UdSSR war die SBZ, und dann auch die DDR, ganz besonders in das stalinistische System der Repressionen eingespannt. Das richtete sich inzwischen selbst gegen führende Kommunisten in den eigenen Reihen. Von der SED wurde deshalb ein großer politischer Schauprozess vorbereitet[18], der dann doch nicht stattfinden konnte. Aber Abweichler wurden brutal bestraft, alle Säuberungen innerhalb der SED mit Verweis auf den "Agentenführer" Noel H. Field vorangetrieben.[19]

Mit dem Parteiausschluss und der späteren Verhaftung des SED-Politbüromitglieds Paul Merker und anderer im August 1950 begann eine Welle von Verfolgungen gegen sogenannte Titoisten und Trotzkisten, die selbst nach Stalins Tod 1953 nicht endete. Die "Tito-Agentur" wurde weiterhin als "faschistisch" verfemt.

Im Westen waren sowohl die Position der Sowjetunion als auch Jugoslawiens "eigener Weg" von Anfang an nachzuprüfen,[20] dagegen durfte im gesamten Ostblock nur die Lesart Stalins bekannt werden. Während der Titoismus wegen der stalinistischen Diktatur in der SBZ/DDR kaum eine Chance hatte, war dies im Anhängsel der SED, in der von ihr gelenkten KPD in Westdeutschland anders.

Nach 1945 war die KPD zunächst noch eine Partei mit respektabler Anhängerschaft, was Mitglieder wie Wähler betraf. Das änderte sich mit der westdeutschen Währungsreform, die eine Woche vor der Veröffentlichung der Kominform-Resolution stattgefunden hatte. Von da an ging es mit der KPD bergab. Der Kampf gegen Tito, den die von der SED abhängigen und ebenfalls auf Stalin eingeschworenen westdeutschen Kommunisten mitmachten, trug zu ihrer weiteren Schwächung bei. Insbesondere 1949 geriet die KPD in eine Krise. Ihre Wähler wie Mitglieder verließen die Partei wegen des wirtschaftlichen Aufschwungs in den Westzonen und des Zurückfallens der SBZ. Doch wegen des verschärften Stalin-Tito-Konflikts kamen auch vielen Funktionären Zweifel.

Nach dem Desaster bei den Bundestagswahlen im August 1949, bei der die KPD fast an der Fünf-Prozent-Klausel gescheitert wäre, verließen zahlreiche Funktionäre die Partei oder wurden als "Titoisten" ausgeschlossen. Schon vorher existierten zwei unabhängige Gruppen von Kommunisten, die Rechtskommunisten der früheren KPO, jetzt Gruppe "Arbeiterpolitik" sowie die Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD), die Trotzkisten der IV. Internationale. Beider Einfluss auf die Anhänger der KPD blieb gering.

Fußnoten

15.
Vgl. dazu George Hermann Hodos, Schauprozesse. Stalinistische Säuberungen in Osteuropa 1948–1954, Berlin 2001.
16.
Leitartikel, in: "Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie", 23.9.1949.
17.
László Rajk und Komplizen vor dem Volksgericht, Berlin (O.) 1949, Vorwort, S. 3ff. Vgl. auch: Traitscho Kostoff und seine Gruppe, Berlin (O.) 1951; sowie: Prozess gegen die Leitung des staatsfeindlichen Verschwörerzentrums mit Rudolf Slánsky an der Spitze, Prag 1953. Noch im Nov. 1952 wurden die KP-Führer als "trotzkistisch-titoistische, zionistische, bürgerlich-nationalistische Verräter" angeklagt (ebd., S. 8).
18.
Vgl. Hermann Weber, Warum fand in der DDR kein Schauprozess statt?, in: Jan Foitzik u.a. (Hg.), Das Jahr 1953, Postdam 2004.
19.
Vgl. Bernd Rainer Barth/Werner Schweizer (Hg.), Der Fall Noel Field. Schlüsselfigur der Schauprozesse in Osteuropa, Berlin 2005/07.
20.
Schon 1949 erschien: Tito und Stalin. Streit der Diktatoren in ihrem Briefwechsel, Hamburg 1949.

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