Beleuchteter Reichstag

14.4.2011 | Von:
Hermann Weber

Die SED und der Titoismus

Wolfgang Leonhard zum 90. Geburtstag

Ende des Titoismus


Der Titoismus war in Deutschland nicht nur von der SED unterdrückt worden. Selbst das Bemühen von kritischen Kommunisten in der Bundesrepublik, eine eigenständige kommunistische Bewegung gegen den Stalinismus zu bilden, ist (ähnlich wie in anderen Ländern, etwa Italien) auch in einem freiheitlichen westlichen System missglückt.

Im Ostblock ging die Hetze weiter, da wurde 1951 wie 1952 gesprochen vom "despotischen, faschistischen Regime der Tito-Clique", ihrer "grausamen Herrschaft", von der "faschistischen Clique Tito-[Aleksandar]Rankovic".[34] Aber auch nach Stalins Tod 1953 blieb der Titoismus für Moskau der "Feind".

Da die Tito-Führung in Jugoslawien aber selbst über staatliche Macht verfügte, konnte sie sich gegen Stalin halten. Aus einer leichten Abweichung, die sich gegen Moskaus Eingriffe in die Praxis der KP Jugoslawiens wehrte, wurde der Titoismus zu einem eigenen Modell, das sich vom sowjetischen "Sozialismus" unterscheiden musste und wollte. Der besondere "nationale Weg" Titos ging mit Angriffen gegen den Stalinismus einher. Jugoslawiens sozialistisches Gegenmodell hieß Arbeiterselbstverwaltung, mehr Freiräume der Bevölkerung und außenpolitische Unabhängigkeit im Rahmen der Blockfreien. Titos These eines "dritten Weges" jenseits von Kapitalismus und barbarischem Stalinismus wurde zur theoretischen Richtschnur des Titoismus. Dessen Stigmatisierung als Faschismus sollte vor allem die stalinistischen Parteien gegen "titoistische Ideen" immunisieren.

Die Titoisten standen bis 1955 im Mittelpunkt der Verleumdungen. Das änderte sich, als Chruschtschow 1956 die Versöhnung mit Tito beschloss. Daraufhin wurde im April 1956 das Informationsbüro der Kommunistischen und Arbeiterparteien, Kominform, aufgelöst und das Anti-Tito-Hetzblatt "Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie" eingestellt. Der seit 1948 eskalierende "Kampf gegen den Titoismus" als parteifeindliche Abweichung verschwand, auch in der SED, aus dem Arsenal der gehässigen Anfeindungen. Die aktuelle Politik erwies sich als durchaus bestimmend für die "Einschätzung" von Häresien. Der kurzlebige Titoismus hinterließ kaum Spuren. Sogar die einst bekannte kritisch-marxistische Gruppe "Praxis", mit Theoretikern, die den Stalinismus und seine Folgen analysierten und seinen "unmarxistischen Charakter" entlarvten, konnte nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens ebenfalls nicht fortbestehen. Manche Werke ihrer Mitglieder bleiben indes bedeutsam.[35]

Josip Broz Tito (r.) wird 1965 von Walter Ulbricht mit dem "Großen Stern der Völkerfreundschaft in Gold" ausgezeichnet.Josip Broz Tito (r.) wird 1965 von Walter Ulbricht mit dem "Großen Stern der Völkerfreundschaft in Gold" ausgezeichnet. (© Ulrich Kohls / Bundesarchiv, Bild 183-D0608-0001-024)
Das Ende des "Titoismus" brachte natürlich kein Ende des "Kampfes gegen Abweichungen". Was vor allem die SED fortführte, war die Jagd auf Dissidenten in den eigenen Reihen. Sie wurden nach wie vor des "Sozialdemokratismus", insbesondere aber des "Trotzkismus" beschuldigt, und galten ständig als Bedrohung der SED-Diktatur.

Resümee: Der "Titoismus" wurde im Weltkommunismus, insbesondere in der SED, wie alle Abweichungen zunächst als politischer Fehler verurteilt, dann jedoch schrittweise zum Feindbild stilisiert und seine Anhänger verfolgt. Als Abweichung vom Stalinismus verschwand der Titoismus durch die veränderte politische Konstellation schon 1956. Einen wesentlichen Grund dafür lieferte, wie erwähnt, die neue Politik der UdSSR unter Chruschtschow. Vorherige Versuche von Titoisten, Anhänger in der kommunistischen Bewegung in Deutschland zu gewinnen, schlugen fehl. In der DDR verhinderten die Unterdrückungsmaßnahmen der SED jede Abweichung, in der Bundesrepublik missglückte das Experiment einer Unabhängigen Arbeiterpartei Deutschlands. Aber auch als eigenständige Ideologie hatte der Titoismus keine Überlebenschance. Seine Anschauungen (wie die jugoslawische Praxis) standen zu sehr in der Traditionslinie des stalinistischen Kommunismus.

Fußnoten

34.
"Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie", 3.6.1951 u. 1.8.1952.
35.
Vgl. z.B. Predrag Vranicki, Geschichte des Marxismus, Frankfurt a.M. 1972/74.

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