Beleuchteter Reichstag

11.4.2011 | Von:
Markus Porsche-Ludwig

Der Staat im Osten

Zu Martin Draths Charakeristik eines totalitären Regimes

III. "Totalitarismus"


Martin Drath hat 1958 mit seinem Aufsatz "Totalitarismus in der Volksdemokratie" auch einen grundlegenden Beitrag zur Totalitarismusforschung geleistet, als er ein Kernprinzip jeglicher totalitärer Herrschaft herausgearbeitet hat, das deren anderen Charakteristika maßgeblich bestimmt und zusammenhält, seinerseits also nicht nur Symptom, sondern Ursache ist:[10] "Totalitäre Herrschaft entsteht immer, wenn versucht wird, das neue Wertungssystem (bis in die 'Metaphysik') gegen gesellschaftlichen Widerstand durchzusetzen und wirkkräftig zu machen, wobei es ausreichend ist, wenn seine 'Herren' Widerstand unterstellen bzw. nur antizipieren" – das sogenannte Primärphänomen des Totalitarismus.

Drath führt weiter aus[11] : "Die Verwirklichung einer auf diesem neuen Wertungssystem beruhenden und deshalb von den herrschenden gesellschaftlichen Werthaltungen radikal abweichenden Ordnung ist das Ziel des Totalitarismus. (...) Während der Autoritarismus (...) eher konservativ ist, ist der Totalitarismus in dieser Hinsicht eher betont revolutionär. Das neue Wertungssystem gebiert zunächst nur neue Sollensgebote; es setzt ein System von Werten, die zur Verfolgung oder Verwirklichung aufgegeben werden, entgegen den Wertungen, die real in der Gesellschaft das Verhalten bestimmen. Deshalb ist das Ziel des Totalitarismus erst erreicht, wenn er sich nicht nur als politisches und gesellschaftliches System durchgesetzt hat, sondern wenn die Menschen sein neues Wertungssystem innerlich übernommen haben. Denn zwischen dem System der neu gesetzten Werte und den real das Verhalten der Menschen in der Gesellschaft bestimmenden Wertungen muß ein Höchstmaß an Übereinstimmung erzielt werden. Keine noch so überwältigende Mehrheit in der Akklamation reicht aus, um das als schon erreicht anzusehen, weil es sich dabei um einen in viel tiefere geistige Bereiche hinab langenden Vorgang handelt. Denn selbstverständlich darf das erfolgreiche Plebiszit, die Akklamation durch die große Mehrheit, nicht darüber hinwegtäuschen, welche Wertungen noch immer gesellschaftlich 'vorgegeben' sind. Solche Wertungen ändern sich nicht von heute auf morgen, während der Erfolg im Plebiszit nach Erringung der Macht nicht lange auf sich warten zu lassen braucht. (...) Selbst wenn die innere Distanzierung von dem neuen Wertungssystem den meisten nicht einmal mehr bewusst ist, braucht die geistige Homogenisierung noch längst nicht abgeschlossen zu sein."

In seinem Nachtrag zu "Totalitarismus in der Volksdemokratie"[12] spitzt Drath nochmals seine These zum Primärphänomen totalitärer Herrschaft zu und beschreibt die Folgen (also die "Tendenz zur Unfreiheit") dieser Bedingungen als Sekundärphänomene. "Sekundärphänomen" heißt: In der Gesellschaft regt sich Widerstand gegen die Durchsetzung des neuen Wertesystems. Die Herrschenden brechen infolgedessen den Widerstand, indem sie alle Machtmittel zentralisieren, Konkurrenz ausschalten, Kommunikation kontrollieren, durch Repression oder auch durch exemplarischen Terror.

Sodann führt Drath aus[13] : "Diese These hat stets impliziert, dass der Zustand der Unfreiheit in dem Grade abgebaut werden kann, in dem entweder die sozialen und politischen Zielsetzungen der Inhaber der politischen Herrschaft von diesen selbst in Richtung auf die Vorstellungen, Interessen usw. der Bevölkerung revidiert werden oder aber umgekehrt die Beherrschten die Ziele der Herrschenden akzeptieren. In dem Grade, in dem sich so oder so die empirisch feststellbare, aber ideologisch negierte Spannung zwischen der politischen Herrschaft und der Bevölkerung vermindert, ist 'Liberalisierung' möglich."


Fußnoten

10.
Vgl. Martin Drath, Totalitarismus in der Volksdemokratie (1958), in: Bruno Seidel/Siegfried Jenkner (Hg.), Wege der Totalitarismus-Forschung, Darmstadt 1974, S. 310–358, hier 323 (erstmals veröff. als: Einleitung zu: Ernst Richert, Macht ohne Mandat. Der Staatsapparat in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, Köln [u.a.] 1958, S. XI–XXXVI).
11.
Vgl. Martin Drath, Totalitarismus in der Volksdemokratie (1958), in: Bruno Seidel/Siegfried Jenkner (Hg.), Wege der Totalitarismus-Forschung, Darmstadt 1974, S. 310–358, hier 323.
12.
Vgl. Martin Drath, Totalitarismus in der Volksdemokratie (1958), in: Bruno Seidel/Siegfried Jenkner (Hg.), Wege der Totalitarismus-Forschung, Darmstadt 1974, S. 310–358, hier 357.
13.
Vgl. Martin Drath, Totalitarismus in der Volksdemokratie (1958), in: Bruno Seidel/Siegfried Jenkner (Hg.), Wege der Totalitarismus-Forschung, Darmstadt 1974, S. 310–358, hier 357.

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