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Beleuchteter Reichstag

11.4.2011 | Von:
Markus Porsche-Ludwig

Der Staat im Osten

Zu Martin Draths Charakeristik eines totalitären Regimes

IV. Drath, Friedrich, Arendt


Worin unterscheidet sich Draths Totalitarismusvorstellung von den bekannten Konzepten Carl J. Friedrichs und Hannah Arendts? Friedrich formulierte sechs Kriterien, welche, so sie denn alle vollständig erfüllt sind, ein totalitäres Herrschaftssystem kennzeichnen: "1. Eine offizielle Ideologie, bestehend aus einem offiziellen, alle Hauptaspekte des menschlichen Lebens umfassenden Lehrsystem, woran sich jedes Mitglied dieser Gesellschaft mindestens passiv zu halten hat; im Mittelpunkt dieser Ideologie stehen (...) chiliastische Forderungen für eine vollkommene Endgesellschaft der Menschheit. 2. eine einzige Massenpartei (...); dabei ist die Partei gewöhnlich unter einem einzigen Führer streng hierarchisch und oligarchisch organisiert und (...) der staatlichen Bürokratie entweder übergeordnet oder völlig mit ihr verflochten. 3. ein technisch bedingtes, fast vollkommenes Monopol der Kontrolle (...) über alle entscheidenden Kampfmittel. 4. ein ähnlich technisch bedingtes, fast vollkommenes Monopol der Kontrolle (in denselben Händen) über alle entscheidenden Massenkommunikationsmittel (...). 5. ein System terroristischer, in seiner Wirkung auf den Punkt 3 und 4 beruhender Polizeikontrolle, die sich bezeichnenderweise nicht nur gegen erwiesene Feinde des Regimes, sondern gegen willkürlich herausgegriffene Gruppen der Bevölkerung richtet."[14] Das sechste Merkmal, das Friedrich in seinem mit Zbigniew Brzezinski veröffentlichten Standardwerk "Totalitarian Dictatorship and Autocracy"[15] formuliert, besteht in der zentralen Lenkung der Wirtschaft.

Die Debatte über den Totalitarismus wurde entscheidend von Hannah Arendts Buch "The Origins of Totalitarianism" beeinflusst.[16] Arendt sieht totale Herrschaft als eine völlig neue Herrschaftsform an, deren Kennzeichen Ideologie und Terror sind. Die Ursache sieht sie – stark vereinfachend – in dem Untergang der Klassenherrschaft, die zum Entstehen einer selbstwert- und orientierungslosen Masse führt. Dass totale/totalitäre Herrschaft als Ergebnis der Verlassenheit von Menschen entsteht, ist die grundlegende Prämisse Arendts. Daran ließe sich die totalitäre Ideologie ansetzen, wobei der Einzelne durch die Erzeugung von Angst durch den Terror gefügig gemacht werde. Mit Hannah Arendts normativem Konzept, ihrer anthropologisch-existentialphilosophischen Deutung wusste die empirische Forschung nur wenig anzufangen, wodurch sie fast unbeachtet verblieb. Aufgrund des Fehlens von klar definierten und abgrenzbaren Begriffen im Modell von Carl J. Friedrich, hielt Martin Drath dessen Anwendung nur für bedingt tauglich.

Drath wollte eine Definition des Totalitarismus vorstellen, die als Vorarbeit zur Konstruktion eines Idealtyps dieses Herrschaftssystems angesehen werden könnte. Es geht ihm um das Wesen des Totalitarismus ebenso wie um dessen historisch-soziale Bedingungen. Sein zentrales Prinzip ist das primäre Merkmal des Totalitarismus. Prinzipiell entsteht Totalitarismus dort, wo die freiheitliche Demokratie nicht ausreichend wirksam ist. Drath scheint stark von Weimar geleitet zu sein: "Wenn in Krisenzeiten das Feuer grundsätzlicher Kritik an diesem Herrschaftssystem angefacht wird, besteht die Gefahr, daß aus einer Schwäche der freiheitlichen Demokratie deren völlige Desintegration wird, und daß latente Unbehaglichkeiten, Mißstimmungen und Ängste mindestens in der Negation zur Einheit werden. Der 'totale Staat' soll dann alle und auch die einander widersprechendsten Forderungen und Wünsche befriedigen, es soll 'alles anders werden' (...)."[17]

Es entstehen aber oftmals auch autoritäre Systeme in Krisenzeiten. Institutionell gibt es nach Drath zwischen Totalitarismus und Autoritarismus nur geringere Differenzen. Der Autoritarismus baue auf vorherrschenden geistigen, sozialen und privaten "Wertungen" auf: "Es handelt sich bei diesen Wertungen nicht einfach um verbreitete Wertbekenntnisse, sondern um reale Wirkungsfaktoren, die das Verhalten der Menschen bestimmen und mit der Struktur der Gesellschaft selbst in Zusammenhang stehen." Im Autoritarismus fehlt das Primärphänomen des Totalitarismus, eben die Durchsetzung eines neues Wertungssystems gegen gesellschaftlichen Widerstand. Jedoch sind die Sekundärphänomene ähnlich. Sie treten dort hauptsächlich zur nachhaltigen Sicherung der Herrschaft auf.

Totalitarismus ist stets mit einer revolutionären sozialen Ideologie verbunden. Da deren Ziel in einer geistigen Homogenisierung besteht, spielt Erziehung in totalitären Systemen eine entscheidende Rolle: "Da der Totalitarismus selbst den Geist der Menschen indoktrinieren will, kann er nicht einmal im Privaten und Individuellsten Freiheitssphären dulden. (...) Die in Freiheitsrechten enthaltene Anlage zur 'atomistischen' Gesellschaft kann der Totalitarismus nicht dulden."[18] Dabei ist es schon verdächtig, sich ins Private zurückzuziehen. Es wird durch den Totalitarismus eine permanente Kampfsituation erzeugt; der Ausnahmezustand ist die Regel.

Drath führt in Bezug auf die Situation in der SBZ aus, das Regime behalte die stalinistischen Methoden bei. Dies erfolge weniger wegen der noch nicht vollendeten Durchsetzung eines neuen Wertsystems als wegen der grundsätzlichen Notwendigkeit für jeden Staat, wenigstens akzeptable soziale Umstände zu schaffen, ohne sich dabei dem freien Urteil seiner Bürger über seine Leistungen stellen zu müssen.

Nach den von Drath entwickelten Kriterien sind die realsozialistischen Ostblockstaaten inklusive des SED-Regimes als totalitär einzustufen. Es bestand einerseits eine parteienstaatliche Kontrolle und geheimpolizeiliche Durchdringung aller Lebensbereiche. Andererseits bestand eine Monopolisierung der Entscheidungsmacht, ebenso eine prinzipiell unbegrenzte Sanktionenintensität.


Fußnoten

14.
Carl J. Friedrich, Der einzigartige Charakter der totalitären Gesellschaft, in: Bruno Seidel/Siegfried Jenkner (Hg.), Wege der Totalitarismus-Forschung, Darmstadt 1974, S. 179–196, hier 185f.
15.
Carl J. Friedrich/Zbigniew K. Brzezinski, Totalitarian Dictatorship and Autocracy, Cambridge (Mass.) 1956.
16.
Hannah Arendt, The Origins of Totalitarianism, New York 1951.
17.
Martin Drath, Totalitarismus in der Volksdemokratie (1958), in: Bruno Seidel/Siegfried Jenkner (Hg.), Wege der Totalitarismus-Forschung, Darmstadt 1974, S. 310–358, hier 332.
18.
Martin Drath, Totalitarismus in der Volksdemokratie (1958), in: Bruno Seidel/Siegfried Jenkner (Hg.), Wege der Totalitarismus-Forschung, Darmstadt 1974, S. 310–358, hier 343.

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