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7.3.2011 | Von:
Dietrich Miller

Zur Wert und Kostentheorie
des realen Sozialismus
und ihrer Praxis in der Wirtschaft der DDR

Das Scheitern der DDR-Wirtschaft wird häufig mit Schwierigkeiten bereits beim Aufbau und der verfehlten Wirtschaftspolitik der SED sowie dem massive Abwanderungsdruck begründet, der sich daraus entwickelt habe. Dagegen wird hier versucht, dies mit der fehlerhaften Anwendung marxistischer Wirtschaftstheorie zu erklären.

Einleitung


Der 9. November 1989 – der Tag des Falls der Berliner Mauer und Ausgangspunkt zur Gestaltung des neuen, wiedervereinten Deutschlands – ist aus heutiger Sicht Historie. Der Zeitraum aber, der seitdem vergangen ist, erlaubt es nicht nur, nunmehr zur Geschichte gewordene Sachverhalte in der DDR und ihrer "Negation" mit dem notwendigen zeitlichen Abstand zu betrachten und zu bewerten, sondern zwingt direkt dazu, um mancherlei Erscheinungen der Gegenwart besser beurteilen zu können. Unter diesem Aspekt sollen nachfolgend die Theorie und Praxis der Kategorien des Wertes und der Kosten in der Wirtschaft des Realsozialismus der DDR betrachtet werden. Dabei stellt sich zunächst die Frage, worin die Bedeutung gerade dieses Gegenstandes begründet ist, da doch der Sozialismus in seiner realen Form gescheitert ist. Es sind hier mehrere miteinander verbundene Gründe anzuführen, die den aktuellen Bezug deutlich machen.

1. Wert- und Kostentheorie mit ihren Kategorien Ware, Wert, Geld, Preis, Kosten, Gewinn stehen seit jeher – spannt man den Bogen von Aristoteles über Martin Luther, Adam Smith, David Ricardo, Karl Marx bis zur modernen Volks- und Betriebswirtschaftslehre – im Zentrum der ökonomischen Theorien. Die sich auf Marx berufende Wert- und Kostentheorie des realen Sozialismus ist somit Bestandteil des allgemeinen Gedankengebäudes der ökonomischen Theorien.

2. Die Kategorien des Wertes und der Kosten verbinden sich mit grundlegenden allgemeinen und individuellen Interessen unseres täglichen Lebens, auch mit der gewerblichen wie der persönlichen Gewinn-, Verlust- sowie Liquiditätsrechnung. Sie beeinflussen oder bestimmen daher unser Handeln als Produzenten und Konsumenten.

3. Vorrangig folgt aus der Wert- und Kostentheorie des realen Sozialismus und der Art und Weise ihrer Umsetzung in die Praxis sowie dem damit in engstem Zusammenhang stehenden vergeblichen Bemühungen um die Stabilisierung der Wirtschaft – seit den 1970er-Jahren unter dem Stichwort der Intensivierung der Volkswirtschaft – die Ursache für den Niedergang und das Scheitern der DDR, des Realsozialismus generell.



Andere Auffassungen zum Scheitern der DDR


In zahlreichen Veröffentlichungen und Meinungsäußerungen wird für dieses Scheitern eine Vielzahl einzelner und zugleich miteinander verbundener Ursachen genannt. Diese gehen im Allgemeinen von den nach dem Zweiten Weltkrieg und der deutschen Teilung bestehenden Strukturproblemen der ostdeutschen Wirtschaft aus, betonen die Schwierigkeiten des Aufbaus der DDR-Wirtschaft, wobei die Kriegszerstörungen, die vorwiegend vom Osten Deutschlands zu tragenden Reparationsleistungen und die hieraus resultierenden Demontagen in Industrie und Infrastruktur hervorgehoben werden.[1] Weiterhin werden außenpolitische Fragen wie die feste Bindung der DDR an das Schicksal des Ostblocks, die in diesem Rahmen getätigten und die Möglichkeiten der Volkswirtschaft überfordernden Rüstungsausgaben sowie der von den westlichen Industriestaaten ausgehende Konkurrenzdruck einschließlich der Embargopolitik, die geografische Lage der DDR an der Nahtstelle zwischen Ost und West und andere Gründe angeführt.[2] Als besonders gravierend für das Scheitern der DDR werden auch die fehlerhafte, anmaßende, vom Unfehlbarkeitsanspruch der Partei geprägte Regierungspolitik, eine fehlende Basisdemokratie, also das Nichtfunktionieren des sogenannten "demokratischen Zentralismus", die übermäßige Betonung des Primats der Politik gegenüber der Ökonomie, das Erstarren der staatlichen Führung in einem administrativen, bürokratischen Schematismus genannt.[3] All das – verbunden mit einer zunehmenden westlichen Orientierung der Bevölkerung – hätte dazu geführt, dass im Laufe der Zeit rund zwei Millionen Menschen die DDR in Richtung Westen verließen (1989 lebten in der DDR rund 16,4 Millionen Menschen, 1950 dagegen noch 18,4). Das wiederum trug zur weiteren Schwächung des Staates bei.

Ludwig von MisesLudwig von Mises (© Ludwig von Mises Institut Europe)
Das sind alles zweifellos wichtige Gründe für die Schwierigkeiten der DDR, ihrer Wirtschaft und ihres Staatswesens. Die letztendliche Ursache ihres Scheiterns aber hängt mit der bewussten Negierung der notwendigen Marktmechanismen zusammen. Die ungenügende und dem allumfassenden Plan unterworfene deformierte Wirksamkeit der Marktmechanismen und damit der Kategorien des Wertes und der Kosten war die entscheidende Ursache dafür, dass es nicht gelang, die angestrebte Intensivierung der volkswirtschaftlichen Prozesse erfolgreich zu bewältigen. Kriegsnachwirkungen, Reparationen zum Beispiel, spielten zur Zeit der sich seit Anfang der 70er-Jahre weltweit vollziehenden Intensivierungsprozesse in der Wirtschaft keine nennenswerte Rolle mehr. Ungenügende Wirksamkeit der Wertkategorien und weitgehende Ausschaltung der Marktmechanismen mittels einer zentralistischen Wirtschaftspolitik, eines im Wesentlichen starren volkswirtschaftlichen Planes ließen dagegen nicht zu, dem Kapitalismus der westlichen Industrieländer äquivalente Triebkräfte hervorzubringen. Das bestätigt die Auffassung von Ökonomen wie Ludwig von Mises ("Die Gemeinwirtschaft"), der Anfang der 1920er-Jahre auf die mangelnde Innovationsfähigkeit einer reinen Planwirtschaft – bedingt durch unzureichende Antriebskräfte – hingewiesen hatte. So kann man – anders ausgedrückt – schlussfolgern, dass der reale Sozialismus letztlich an der inkonsequenten Durchsetzung Marxscher Wert- und Kostentheorie, seiner erklärten ideologischen Basis, verbunden mit in gleicher Richtung laufenden Faktoren zugrunde gegangen ist.

Die sozialistische Wert- und Kostentheorie


Die sozialistische Wirtschaft wurde von der politischen Ökonomie als Planwirtschaft definiert, die nur Merkmale der Warenproduktion und damit des Marktes aufweist. Ihre Kategorien wären damit Gegenstand und Instrument der Planung. Karl Marx dagegen hatte seine Theorie der Bewegungsgesetze der Gesellschaft aus der kapitalistischen Warenproduktion hergeleitet. Im Ergebnis seiner Analyse dieser Warenproduktion erklärte Marx die von ihm definierten politökonomischen Kategorien – darunter die Wertkategorien – aus den gesellschaftlichen Verhältnissen, die die Menschen im Prozess volkswirtschaftlicher Reproduktion miteinander eingehen, und bezeichnete sie als Produktionsverhältnisse und als deren wichtigste die Eigentumsverhältnisse. Diese bestimmen die Beziehungen bei der Produktion und der Verteilung der Produktionsergebnisse.

Hiervon ausgehend leitete Marx die Wertkategorien als logische Folge aus dem Zusammenhang von Ware, Doppelcharakter der Ware als Gebrauchswert und Wert, dem diesem zugrunde liegenden Doppelcharakter der Arbeit als konkrete, gebrauchswertschaffende, wertübertragende Arbeit und zugleich als abstrakte, wertbildende, neuwertschaffende Arbeit, der Verwandlung des Wertes in die Geldform und den Preis, schließlich durch die Bestimmung von Kosten und Gewinn mittels der Kategorie des gesellschaftlichen notwendigen Aufwandes ab.

"Gebrauchswert"

Der Gebrauchswert der Waren charakterisiert ihre Fähigkeit und Funktion, gesellschaftliche und individuelle Bedürfnisse zu befriedigen, er kennzeichnet also ihre Nützlichkeit. Die Anerkennung der Nützlichkeit der einzelnen Ware erfolgt auf dem Markt und ist zugleich ein Maßstab dafür, welches Quantum an Arbeit die Gesellschaft zur Produktion von einzelnen Gütern und Leistungen zu erbringen hat, um die zahlungsfähige Nachfrage zu befriedigen. Hieraus wurde von der realsozialistischen politischen Ökonomie die Schlussfolgerung gezogen, dass es für den Sozialismus auf der Grundlage seiner Produktionsverhältnisse, speziell dem Volkseigentum an den wichtigen Produktionsmitteln, möglich und auch notwendig ist, mittels der volkswirtschaftlichen Bilanzierung eine solche Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit auf die Zweige und Bereiche der Volkswirtschaft herbeizuführen, die der Zielstellung sozialistischer Produktion – der Bedürfnisbefriedigung der Gesellschaftsmitglieder – optimal entspricht.

Die Praxis hat gezeigt, in welchem Umfang das nicht gelungen ist. Die Planung der Erzeugnisse und Leistungen war fest in ein System staatlicher Vorgaben für Bilanzanteile, Bezugskontingente, staatlicher Einsatzbestimmungen, betrieblicher Normen eingebunden. Schon diese Aufzählung weist darauf hin, wie starr dieses System zwangsläufig durch die immense Zahl miteinander zu verknüpfender Positionen angelegt war, wie unflexibel es auf wechselnde Reproduktionsbedingungen zu reagieren imstande war. Hinzu kamen die operativen Eingriffe der staatlichen Administration, die die geplanten Abläufe ständig störten. Resultate waren wesentliche Versorgungslücken und andererseits Überplanbestände an nicht benötigten Erzeugnissen.

"Wert"

Der Wert wird in der marxistischen politischen Ökonomie als gesellschaftliches Verhältnis zwischen den Warenproduzenten bestimmt, dem die Verausgabung von menschlicher Arbeit im allgemeinsten Sinne – von Karl Marx als abstrakte Arbeit bezeichnet – zugrunde liegt. Diese aller Arbeit gemeinsame Substanz ermöglicht und erzwingt unter den Bedingungen der Warenproduktion, die Produkte als Waren vergleich- und austauschbar zu machen. Dieser Austausch erfolgt nach dem Äquivalenzprinzip, das heißt, dass die Waren sich zu ihren Werten austauschen. Hierin besteht der Inhalt des Wertgesetzes von Marx, demzufolge sich der Wert einer Ware zum Wert einer anderen Ware verhält "wie die zur Produktion der einen notwendigen Arbeitszeit zu der für die Produktion der andren notwendigen Arbeitszeit"[4].

Da der Wert einer Ware also nur in Relation zu anderen Waren – vermittelt durch ihren Austausch – ausgedrückt werden kann, kann er auch nur über den Austausch gesellschaftliche Anerkennung finden. Die von den Wirtschaftseinheiten in betriebsindividueller Höhe verausgabte Arbeit muss sich auf diesem Wege als gesellschaftlich notwendig erweisen. In diesem Sinne wird die Wertgröße als das gesellschaftlich notwendige Quantum an Arbeit zur Produktion der Waren bestimmt. "Gesellschaftlich notwendiger Aufwand" bedeutet daher:

- die in den Waren vergegenständlichte Arbeit als Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit entspricht dem Bedürfnis nach diesen Waren (hier verbinden sich die Funktionen von Gebrauchswert und Wert),

- die für die Produktion der Waren betriebsindividuell aufgewendete Arbeit entspricht bestimmten gesellschaftlichen Normen des Verbrauchs von Produktionsfaktoren.

Bei der Definition des gesellschaftlich notwendigen Aufwandes ging Marx grundsätzlich von den Durchschnittsbedingungen aus, unter denen die Hauptmasse der Erzeugnisse und Leistungen produziert wird: "Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist Arbeitszeit, erheischt, um irgendeinen Gebrauchswert mit den vorhandenen gesellschaftlich normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität darzustellen."[5]

Diese Marxsche Definition des gesellschaftlich notwendigen Aufwandes für die Praxis der DDR-Wirtschaft – speziell für das System der Preisbildung – zu begründen, bereitete in mehrfacher Hinsicht Schwierigkeiten. Das war vor allem deshalb der Fall, weil die von Marx nach dem Wertgesetz regulierten Preise sich im Ergebnis der Austauschbeziehungen auf dem Markt bilden, der jedoch im Realsozialismus durch ein subjektiv veranlasstes Planungssystem, das vom Primat der Politik gegenüber der Ökonomie ausging, ersetzt werden sollte. Außerdem war die vorausschauende Ermittlung eines volkswirtschaftlichen Aufwandsdurchschnitts vor allem durch die sich verändernden Reproduktionsbedingungen auch rein rechnerisch nicht zu realisieren. Hinzu kam auch die weitgehende Konzentration und Spezialisierung der Produktion in Verbindung mit der Kombinatsbildung und damit die zunehmend das Sortiment der Produktion beherrschende Stellung der Kombinate als Alleinhersteller.

Es war deshalb nicht möglich, bei der theoretischen Begründung der Preise von einem gesellschaftlich notwendigen Aufwand auszugehen, der für die Hauptmasse der Warenarten auf einem volkswirtschaftlichen Durchschnitt beruhte. Man bezog sich deshalb bei den staatlichen Grundsätzen zur Preisbildung offiziell auf einen Aufwand, "der dem real erreichbaren Leistungsvermögen im Industriezweig bzw. in der Erzeugnisgruppe als Ausdruck des gesellschaftlich notwendigen Aufwands entspricht."[6]

"Geld"

Entsprechend Marx' Wertgesetz bildete sich in der historischen Entwicklung in den Austauschbeziehungen auf dem Markt das Geld als allgemeines Äquivalent im Warenaustausch (als Maß der Werte und Maßstab der Preise) heraus, also eine besondere Ware, deren Gebrauchswert darin besteht, gegenüber den anderen Waren als Messgröße ihres Aufwands zu dienen. Darüber hinaus vermittelt es Zirkulations- und Distributionsprozesse, dient als Zahlungs- und Akkumulationsmittel sowie international als Weltgeld.

Die sozialistische politische Ökonomie definierte das Geld wie den Wert als ein Produktionsverhältnis, das sich in einer sachlichen Form zeigt. Es "bringt die Beziehungen zwischen allen an Wirtschaftsprozessen Beteiligten, also zwischen den Wirtschaftseinheiten, zwischen diesen und dem Staat und den Werktätigen, zwischen dem Staat und der Bevölkerung sowie zwischen den Bürgern untereinander zum Ausdruck."[7]

Im Laufe der Geschichte gingen die Geldfunktionen auf das Gold über, das nunmehr aber weitestgehend aus der Zirkulationssphäre verdrängt und durch Geldstellvertreter in Form von Staatspapiergeld bzw. Kreditgeld ersetzt wurde. Für die sozialistische Planwirtschaft, die ihr Geldsystem als reine Binnenwährung installierte, stellte sich die Aufgabe, die notwendige Geldmenge planmäßig (als Gegenstand und Instrument der Planung) zu bestimmen. Hiermit und mit der Definition des Geldes als Produktionsverhältnis war man theoretisch und praktisch gezwungen, strikt zwischen einem kapitalistischen und sozialistischen Geld- und Währungssystem zu unterscheiden. Diese Systeme würden "sich zwar gegenseitig beeinflussen ..., aber nicht zu einem universellen Wert verschmelzen können, da sozialökonomische Prozesse gegenüber Internationalisierungstendenzen bestimmend sind. Das trifft demzufolge auch auf die internationalen Geldwerte kapitalistischer Hauptwährungen zu, die eindeutig kapitalistisch bestimmt sind und nicht systemneutral universell."[8]

Die Planung des notwendigen Geldvolumens sollte anhand von Kriterien wie der volkswirtschaftlichen Preissumme der zu realisierenden Waren (volkswirtschaftliches Bruttoprodukt), dem Verhältnis der Entwicklung des Nationaleinkommens (volkswirtschaftlicher Neuwert) zu den Geldeinnahmen der Bevölkerung und den Spareinlagen, der Umschlagsgeschwindigkeit des Geldes und dem Saldo aus den Kreditbeziehungen mit dem Ausland ermittelt werden. Die Bedingungen der Praxis standen dem entgegen. Entscheidende Proportionen wurden nicht gewahrt und insbesondere die Angebot-Nachfrage-Situation nicht beherrscht; es bestand permanent in wesentlichem Umfang Mangelwirtschaft (auf die hieraus resultierenden Umstände einer "Schattenwirtschaft" kann hier nicht eingegangen werden). Auch die logische Verknüpfung der Kategorien Geld, Warenwert, Preis funktionierte nicht wie gewollt.

So musste am Ende der Existenz der DDR festgestellt werden: "Das Geld übt nicht mehr die Rolle eines allgemeinen Äquivalents aus. Sein Wirkungsbereich ist durch materielle Defizite und administrative Maßnahmen stark eingeschränkt.
Der Geldwert hat sich infolge bedeutender Kosten- und Preiserhöhungen vermindert.
Die Geldmenge ist durch die enorme Ausdehnung der Kreditbelastung der Wirtschaft, durch verdeckte Haushaltsverschuldung und uneffektiven Außenhandel disproportional ausgedehnt.
Die Auslandsverschuldung hat ein erdrückendes Ausmaß angenommen.
Die außerordentlich begrenzten Möglichkeiten von Reisezahlungsmitteln reflektieren die unzureichende internationale Leistungsfähigkeit der Wirtschaft. Die Kurse entsprechen nicht den tatsächlichen Kaufkraftverhältnissen."[9]

Hinzu kam ein ständig wachsender Geldüberhang. Man darf jedoch nicht annehmen, dass sich dieser Geldüberhang gleichmäßig über die Bevölkerung der DDR verteilte. Es war im Gegenteil so, dass sich die Masse der Sparguthaben in den Händen einer absoluten Minderheit befand. Das waren vom Staat Privilegierte, aus wirtschaftlichen oder privaten Gründen Bessergestellte, Nutznießer von Geldumverteilungen aus der Schattenwirtschaft usw.

"Preis"

Wie das sozialistische Geldsystem sollten auch die Preise als Geldausdruck der Wertgröße der Waren planmäßig (als Planpreise) bestimmt werden. Der Preis sollte also durch die beiden Merkmale "Wertbasis" und "Planmäßigkeit seiner Nutzung" charakterisiert sein. Aus der Ableitung des Preises aus der Wertgröße folgt, dass im Preis die beiden Seiten des gesellschaftlich notwendigen Aufwands zum Ausdruck kommen sollten. Im Preis musste also derjenige Aufwand seinen Niederschlag finden, der dem Bedürfnis als Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit entspricht und auf einer rationellen Verbindung der lebendigen Arbeit mit den sachlichen Produktionsfaktoren beruht. Der gesellschaftlich notwendige Aufwand stellt demnach dar, was die Gesellschaft die Produktion einer Ware kostet, nicht was sie den einzelnen Betrieb kostet. In diesem Sinne handelt es sich um die gesellschaftlichen Produktionskosten, die die Wertgröße darstellen. Die so bestimmte Wertgröße verbindet die Kategorie des Preises direkt mit der Funktion des Gebrauchswertes, Bedürfnisse zu befriedigen und die gesellschaftliche Gesamtarbeit hierauf zu orientieren.

Marx hatte nun begründet, dass – bedingt durch die Wirkung von Angebot und Nachfrage sowie unterschiedlichen Kapitalvorschuss – die Wertgröße nicht unmittelbar Preisbasis sein kann. Diese Erkenntnis führte zu seiner Theorie vom Durchschnittsprofit und Produktionspreis (Marx bezeichnete den Kostpreis, den Wert des verbrauchten produktiven Kapitals plus dem Durchschnittsprofit, als Produktionspreis). Danach realisieren gleiche für die Produktion vorgeschossene Kapitale – bedingt durch die Konkurrenz in den Anlagesphären und sich daraus ergebende Ausgleichsprozesse – tendenziell gleiche Profite. In der Folge bildet sich ein Durchschnittsprofit heraus. Schlussfolgernd wurde für die Planwirtschaft ein "modifizierter Wert" als Basis der Preisbildung bestimmt und der sozialistische Planpreis als ein "fondsbezogener Preis" definiert. In ihm wurden die geplanten und den Wirtschaftseinheiten als staatliche Vorgaben zu erteilenden kalkulatorischen Gewinnnormative auf die produktiven Fonds (den Kapitalvorschuss) bezogen. Mit der Wertmodifikation in Gestalt des fondsbezogenen Preises wurden die nachstehenden Stufen des sozialistischen Preistyps formuliert:

- Wertgröße bzw. gesellschaftlich notwendiger Aufwand (gemäß den Kalkulationsvorschriften)

- Wertmodifikation in Form des fondsbezogenen Preises

- planmäßige Abweichung von der Wertmodifikation
  • zur Berücksichtigung des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage durch festgelegte Preiszu- oder -abschläge und differenzierte Hersteller- und Abnehmerpreise
  • zur Stimulierung der Erzeugniserneuerung durch staatlich fixierte kalkulationsfähige Extragewinne (unter Einbeziehung systematisierter Gebrauchseigenschaften der Erzeugnisse auf der Basis einer mehr oder weniger subjektiven Bewertung. Insgesamt war die Folge ein Aufblähen der Preise in der Kooperationskette und eine zunehmende Abweichung der Preise von ihrer Aufwandsbasis)
  • vor allem aber zur Finanzierung der staatlichen Subventionspolitik für bestimmte Güter und Leistungen (Grundnahrungsmittel, Mieten und Verkehrstarife für die Bevölkerung und anderem), deren tatsächlicher Aufwand wesentlich über den festgelegten Preisen lag.

So konnten auch die Preise ihrer Funktion als Messinstrument des Aufwandes und Stimulator zur Aufwandssenkung nicht gerecht werden. Deshalb war es nur zu verständlich, dass in der Zeit der politischen Wende 1989/90 die schnelle Aufhebung der bis dahin in der DDR geltenden Kalkulations- und Preisbestimmungen eine zentrale Forderung war. Das allumfassende staatliche Preisregulierungssystem sollte durch eine von sozialer Marktwirtschaft getragene grundsätzlich freie Preisbildung ersetzt werden.

"Kosten"

Ausgehend von Marx' Definition des gesellschaftlich notwendigen Aufwandes als den gesellschaftlichen Produktionskosten war zu unterscheiden zwischen

- dem gesellschaftlich notwendigen Aufwand, der aus dem durch die konkrete Arbeit auf das neue Produkt übertragenen Wert der Produktionsmittel und dem durch die abstrakte Arbeit neugeschaffenen Wert besteht und von ihm abgeleitet,

- den Selbstkosten der Erzeugnisse und Leistungen als demjenigen Teil des gesellschaftlich notwendigen Aufwandes, der unmittelbar im Produktions- und Zirkulationsprozess verbraucht (verzehrt) wird und diesem als Bedingung seiner ständigen Wiederholung immer wieder aufs Neue materiell zugeführt werden muss – und zwar in einer solchen Qualität, Quantität und zu bestimmten Terminen, dass die Kontinuität im volkswirtschaftlichen Kapitalkreislauf gewährleistet wird. Dieser Teil des gesellschaftlich notwendigen Aufwandes umfasst den Verbrauch gegenständlicher Produktionsfaktoren (Produktionsmittel) und den Reproduktionsaufwand der Arbeitskraft (primär Löhne, Gehälter, Vergütungen). Diese Aufwendungen entstehen zwar betriebsindividuell, unterschiedlich je nach den spezifischen Produktionsbedingungen, der Qualifikation der Arbeitskräfte usw., sollten aber entsprechend der politökonomischen Theorie durch das staatliche Tarifsystem, staatliche Normative und betriebliche Normen für den Materialverbrauch, Kostenlimite, einheitliche Kalkulationsvorschriften und Ähnlichem ihre Objektivität als Teil des gesellschaftlich notwendigen Aufwandes erhalten. Grundsätzlich nur in dieser Höhe sollte die Erstattung des von den Wirtschaftseinheiten betriebsindividuell verausgabten Aufwandes erfolgen. Die Deckung des betriebsindividuellen Aufwands durch die Erlöse wurde als Voraussetzung zur Sicherung der (zumindest) einfachen Reproduktion der Wirtschaftseinheiten hervorgehoben.
Neben dem Arbeitslohn usw. wurde als zweite Seite des Reproduktionsaufwandes der Arbeitskraft der in die Kosten und Preise einbezogene Beitrag für gesellschaftliche Fonds (BGF) wirksam, der für die zentralgeleitete Industrie ab 1984, für das Bauwesen ab 1985 eingeführt wurde. Er wurde als einheitliches Normativ in der Höhe von 70 Prozent, bezogen auf den für das betreffende Planjahr geltenden Lohnfonds, festgelegt. In der politökonomischen Argumentation wurde der BGF mit wachsenden gesellschaftlichen Aufwendungen für die Verbesserung des materiellen und geistigen Lebensniveaus, für das Gesundheitswesen, die soziale und kulturelle Betreuung und anderes begründet, also für Maßnahmen, die zur Reproduktion der Arbeitskraft in ihrem umfassenden Sinne gehören. Zum größten Teil wurden diese Aufwendungen aus dem Staatshaushalt finanziert. Dementsprechend wurde die Abführung des kosten- und preiswirksamen BGF an den Haushalt angeordnet. Durch den Beitrag für gesellschaftliche Fonds trat eine weitere Verzerrung im Preisgefüge ein.
Als zweiter Bestandteil des gesellschaftlich notwendigen Aufwandes bzw. der gesellschaftlichen Produktionskosten neben den Selbstkosten wurde das Mehrprodukt definiert. In der Praxis erfolgte seine Realisierung in Form des Bruttogewinns der Kombinate und Betriebe plus der für ausgewählte Erzeugnisse und Leistungen festgelegten produktgebundenen Abgabe (PA). Die PA wurde in den Industriepreisen kalkuliert, der entsprechende Erlösanteil an den Staatshaushalt abgeführt und von diesem vorwiegend zur Finanzierung der Subventionspolitik verwendet.

Vom Bruttogewinn der Kombinate und Betriebe war die Produktionsfondsabgabe (PFA) zu entrichten. Die PFA war ein prozentual auf die produktiven Fonds (Produktionsgrundfonds einschließlich unvollendeter Investitionen) einer Wirtschaftseinheit bezogenes Normativ und stellte in ihrem Wesen eine Art Vermögenssteuer dar. Im Jahr 1988 hatte sie volkswirtschaftlich ein Volumen von zirka 30 Milliarden Mark und war mit rund elf Prozent an den Einnahmen des Staatshaushalts beteiligt.[10]

Durch die Abführung von PA und PFA an den Staatshaushalt sowie durch beauflagte Nettogewinnabführungen wurde der größte Teil des in den Wirtschaftseinheiten erarbeiteten Mehrprodukts im Staatshaushalt als sog. "zentralisiertes Reineinkommen" konzentriert. Eigenverantwortung und Finanzkraft der Wirtschaftseinheiten blieben entsprechend beschränkt.

Zusammenfassend folgt für die Aufteilung des Bruttogewinns: Der Bruttogewinn (Differenz zwischen der Preissumme der realisierten Warenproduktion [Erlöse] und den Kosten der Warenproduktion), vermindert um die PFA, ergibt den Nettogewinn. Dieser, vermindert durch die Nettogewinnabführung an den Staatshaushalt (gemäß den staatlichen Plankennziffern) ergab den in den Kombinaten und Betrieben verbleibenden Nettogewinn.

Unabhängig von den Problemen aus der weitgehenden Zentralisierung war der Nettogewinn die Hauptquelle für die Finanzierung der Wirtschaftseinheiten. Aus dem Nettogewinn zu finanzierende Fonds (auf der Ebene des Kombinates bzw. des einzelnen Betriebes) waren der Investitions-, Prämien-, Leistungsfonds (letzterer zur Verbesserung sozialer Bedingungen), das Konto Junger Sozialisten (zur Anerkennung der wirtschaftlichen Initiativen Jugendlicher), der Reservefonds und der Verfügungsfonds (des Leiters). Der Fonds Wissenschaft und Technik zur Finanzierung der wissenschaftlich-technischen Aufgaben wurde ursprünglich zu Lasten der Selbstkosten gebildet. Ende der 80er-Jahre jedoch wurde in Verbindung mit der Übertragung höherer Eigenverantwortung an ausgewählte Kombinate die Finanzierung aus dem Gewinn verfügt. Damit wurde dem Fakt Rechnung getragen, dass mit Wissenschaft und Technik die Grundlage für Wachstum und Erneuerung (die erweiterte Reproduktion) geschaffen wird, während die Selbstkosten eine Kategorie der Wiederholung des Produktionsprozesses sind (im Wesentlichen der einfachen Reproduktion).

Die Bedeutung der Kategorien des Wertes und der Kosten
für das Scheitern des realen Sozialismus


Karl-Marx-Monument von Lew Kerbel in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) 1988.Karl-Marx-Monument von Lew Kerbel in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) 1988. (© Wolfgang Thieme / Bundesarchiv, Bild 183-1988-0707-004)
Die Ableitung dieser Kategorien durch Marx war die erklärte Basis für die Wert- und Kostentheorie der politischen Ökonomie des realen Sozialismus in der DDR. Zugleich stellte sie das vor schwierige, zum Teil unlösbare Aufgaben. Immer wieder wurden Wert und Kosten bei Marx in ihrer untrennbaren Beziehung zum Markt dargestellt – ein Grundsatz, dem Theorie und Praxis des realen Sozialismus nie entsprachen. Die politökonomische Theorie war zwar bemüht, marxistische Erkenntnisse auf Erscheinungen der Gegenwart anzuwenden, sie hiervon ausgehend zu interpretieren und auch weiterzuentwickeln. Vorrangig aber hatte sie die Politik der DDR-Führung argumentativ zu stützen. Damit wurde sie zwangsläufig von Stalinschem Gedankengut aufgesogen, das heißt – bezogen auf die Kategorien des Wertes und der Kosten – von der These grundsätzlicher Unvereinbarkeit der Gesetzmäßigkeiten der Waren- und damit der Geldwirtschaft mit der sozialistischen Gesellschaft. Ihre Kategorien hätten hier nur Rudiment- bzw. Übergangscharakter und wären in das zentrale Planungssystem einzuordnen. Zugleich sollte das sozialistische Leistungsprinzip "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Leistungen" durchgesetzt werden, das auf der Basis des Volkseigentums und der staatlichen Politik als Stimulator wirken sollte. An die Stelle des Marktes trat das Dogma von der planmäßig proportionalen Entwicklung der zentral geleiteten und organisierten Volkswirtschaft. Aus ihm folgte, dass die Marxschen Kategorien Ware, Wert, Geld usw. künstlich vom Markt getrennt wurden. Damit wurden wesentliche Triebkräfte der wirtschaftlichen Entwicklung in Theorie und Praxis negiert. Die Folgen waren Disproportionen in der Volkswirtschaft, Mangelwirtschaft, Nichtfunktionieren des Leistungsprinzips, damit unzureichende Stimulierung zur Leistungserbringung, Unzufriedenheit bei der Bevölkerung usw.

Als Beispiel der Negierung des Marktes sei das Problem des Arbeitsmarktes angeführt. Im Sinne der politökonomischen Theorie des realen Sozialismus waren die arbeitenden Menschen (die "Werktätigen") durch das Volkseigentum an den wichtigen Produktionsmitteln als Mitglieder der Gesellschaft im gesamtgesellschaftlichen Maßstab mit den Produktionsmitteln verbunden. Durch ihre so gegebene Stellung als Produzent und Eigentümer wäre jeder einzelne Werktätige objektiv auch Vertreter gesellschaftlicher (das heißt: Staats-)Interessen, da die Gesellschaft als Ganzes (eben der Staat) Eigentümer und Interessenvertreter des Volkseigentums sei. Der Lohn stelle unter diesen Bedingungen den Anteil der Werktätigen am erarbeiteten Nationaleinkommen dar und müsse entsprechend des Prinzips der Verteilung nach der Leistung den Reproduktionserfordernissen der Arbeitskraft genügen. Aufgrund der Ware-Geld-Beziehungen stelle sich dieser Anteil in der Geldform dar, jedoch bedingt durch das Volkseigentum nicht als Ware.

Daraus ergab sich die These, dass in der Planwirtschaft kein Arbeitsmarkt erforderlich wäre und die Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit planmäßig durch die Arbeitskräfteplanung als Bestandteil des Volkswirtschafts- und Betriebsplanes sowie das System der staatlichen und betrieblichen Institutionen der Arbeitskräftelenkung, Berufsberatung, Berufsausbildung und anderer Einrichtungen erfolgen müsse. Praktisch bestand jedoch ein informeller Arbeitsmarkt. Durch den permanent bestehenden Arbeitskräftebedarf war die Abwerbung von qualifizierten Arbeitskräften in andere Wirtschaftseinheiten mit der Aussicht auf höhere Bezahlung, bessere soziale Bedingungen, ein gutes Betriebsklima ein sehr verbreitetes Mittel der Arbeitskräftebeschaffung.

Auch die von der Theorie begründete und von der politischen Führung proklamierte Übereinkunft gesellschaftlicher und privater Interessen und daraus erwachsender Triebkraftwirkung erwies sich als Fiktion. Im Gegenteil wurde durch die bereits zitierten Systemmängel (unzureichende Versorgung, Verstöße gegen das Leistungsprinzip, Schattenwirtschaft usw.) das Volkseigentum dem Einzelnen gegenüber zunehmend anonym. Es machten sich somit Entfremdungstendenzen bemerkbar, wie sie Marx in seinen ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahr 1844 formuliert hatte, nämlich Entfremdung vom Produkt der Arbeit, von der Arbeit selbst, sodass die Arbeit nur als Mittel zur Erhaltung der physischen Existenz betrachtet wurde.

Widerstand auf marxistischer Grundlage


Es ergibt sich die Frage, ob und inwieweit in der DDR Bemühungen wirksam wurden, angesichts der aus dem stalinistischen Plan- und Kommandowirtschaftssystem erwachsenen Fehlschläge in der Wirtschaft die Funktionen der Leitung und Planung mit einer effektiveren Ausnutzung der Kategorien des Wertes und der Kosten, der Gesetze der Warenproduktion generell, zu verbinden. Eine in diesem Sinne konzipierte Neuregulierung waren Reformbestrebungen, die sich begrifflich an die Einführung des Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft (NÖS) knüpften. Hervorragendster Initiator dieser Reformbestrebungen war Erich Apel, zu Beginn der 60er-Jahre Vorsitzender der Wirtschaftskommission des Politbüros des SED-Zentralkomitees. Für das unter seiner Regie ausgearbeitete NÖS wurde im Ergebnis einer Wirtschaftskonferenz des ZK und des Ministerrates 1963 die Realisierung beschlossen.

Das NÖS hatte zum Ziel, den Kombinaten und Betrieben einen höheren Grad von wirtschaftlicher Selbständigkeit und Eigenverantwortung zu übertragen und damit die staatliche Administration auf diesem Gebiet einzuschränken, die zentrale Planung rationeller, flexibler zu gestalten und mit einer konsequenten Nutzung des Geldes, Preises, der Kosten und des Gewinns zu verbinden. Die Wirtschaftseinheiten sollten auf diesem Wege in verstärktem Maße auf die Erfordernisse der Liquidität und Rentabilität orientiert werden. Die Kategorien des Wertes und der Kosten sollten dabei als ökonomische Hebel zur Aufwandsenkung und Beschleunigung der wirtschaftlichen Abläufe wirken, von ihnen wurde also eine die Wirtschaft voranbringende Stimulierung erwartet. Es sollten dazu den Wirtschaftseinheiten langfristige Normative der Eigenerwirtschaftung der finanziellen Mittel vorgegeben werden.

Das NÖS aber blieb Konzeption. Es traf nämlich, je klarer seine Ziele formuliert wurden, desto mehr auf Gegnerschaft innerhalb von Parteispitze und Regierung. Man musste in diesen Kreisen zunehmend die Überzeugung gewinnen, dass das NÖS zutiefst dem Machtanspruch der Partei und ihrer zentralistischen Leitung zuwiderlief. Deshalb gerieten das NÖS und seine Autoren immer mehr in die Kritik der staatstragenden Kräfte in der DDR. Es blieb den Initiatoren des NÖS bald kaum noch ein Spielraum für das Bemühen um die praktische Umsetzung ihrer Gedanken. Fortwährenden und verstärkten Schwierigkeiten und Angriffen ausgesetzt, nahm Erich Apel sich am 3. Dezember 1965 das Leben. Einzelne nach seinem Tod unterschwellig weitergeführte Reformbestrebungen verliefen zwangsläufig ergebnislos. Dabei wären die entsprechenden Bemühungen durchaus vielversprechend für die Entwicklung der Wirtschaft gewesen und in technischer Hinsicht hatte noch zu Beginn der 60er-Jahre – der Zeit der Konzipierung des NÖS, aber auch der Zeit der gewaltsamen Selbstabgrenzung der DDR durch den Bau der Berliner Mauer – etwa ein Gleichstand mit den entwickelten kapitalistischen Länder bestanden.

Offiziell wurde das Kapital NÖS mit dem VIII. Parteitag der SED 1971 abgeschlossen. Die stalinistische Planungspraxis blieb dominierend und verfestigte sich noch. Als volkswirtschaftliches und gesellschaftliches Ziel wurde die Strategie der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" und später als entscheidender Weg dazu die umfassende Intensivierung der Volkswirtschaft propagiert. Doch diese konnte folgerichtig nicht bewältigt werden.

Die Zielstellungen des NÖS lebten jedoch am Ende der 80er-Jahre wieder auf mit den durch inneren und äußeren Druck erzwungenen Maßnahmen der politischen Führung der DDR, die Eigenverantwortung der Kombinate und Betriebe für ihren Reproduktionsprozess zu erhöhen, um damit eine höhere Effektivität in der Wirtschaft zu erreichen. Zu dieser Zeit aber war in den westlichen Industrieländern die technische Entwicklung weit vorausgeeilt und ein entscheidender Vorsprung in der Produktivität der Arbeit, dem Gradmesser der Wirtschaftsentwicklung, erreicht. Der Realsozialismus dagegen hatte – gemäß der Formulierung seiner eigenen gesellschaftlichen Theorie – nicht die notwendigen Veränderungen in den Produktionsverhältnissen zur Durchsetzung von Warenproduktion und Wertgesetz geschaffen, die den genügenden Raum für die Entwicklung der Produktivkräfte, also der Gesamtheit der subjektiven und gegenständlichen Faktoren des Reproduktionsprozesses, boten. Das Scheitern der Intensivierung der Wirtschaft, ihrer Stabilisierung war somit folgerichtig.
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Fußnoten

1.
Vgl. Hans Luft, Probleme des gesellschaftlichen Eigentums in der DDR, in: Wirtschaftswissenschaft, 7/1990; Siegfried Wenzel, Was war die DDR wert? Und wo ist dieser Wert geblieben?, 4. Aufl., Berlin 2003.
2.
Wilfried Ettl u. a., Grundgedanken einer Wirtschaftsreform – Thesen zur Diskussion, in: Wirtschaftswissenschaft, 2/1990; Rolf Pielow, Zur Entwicklung der Produktionsstruktur in der DDR, in: Wirtschaftswissenschaft, 4/1990; Stephan Wohanka, Von der Systemreform zum Systemwandel. Überlegungen zur Gestaltung einer modernen Volkswirtschaft; Siegfried Wenzel, Was war die DDR wert? Und wo ist dieser Wert geblieben?, 4. Aufl., Berlin 2003.
3.
Wilfried Ettl u. a., Grundgedanken einer Wirtschaftsreform – Thesen zur Diskussion, in: Wirtschaftswissenschaft, 2/1990; Rolf Pielow, Zur Entwicklung der Produktionsstruktur in der DDR, in: Wirtschaftswissenschaft, 4/1990; Stephan Wohanka, Von der Systemreform zum Systemwandel. Überlegungen zur Gestaltung einer modernen Volkswirtschaft; Siegfried Wenzel, Was war die DDR wert? Und wo ist dieser Wert geblieben?, 4. Aufl., Berlin 2003.
4.
Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, Berlin (O.) 1957, S. 44.
5.
Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, Berlin (O.) 1957, S. 43.
6.
Anordnung Nr. 2 v. 5.12.1985 über die zentrale staatliche Kalkulationsrichtlinie zur Bildung von Industriepreisen, GBl. DDR, Teil I, Nr. 34, S. 377.
7.
Karl-Heinz Stiemerling, Das sozialistische Kreditgeld und seine Konsequenzen, in: Wirtschaftswissenschaft, 7/1984.
8.
Jürgen Klose, Zur hektischen Devisenkursbewegung kapitalistischer Hauptwährungen, in: Wirtschaftswissenschaft, 11/1985.
9.
Autorenkollektiv der Sektion Wirtschaftswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin, Geld, Kredit und Finanzen in der Wirtschaftsreform, in: Finanzwirtschaft, 1–2/1990, S. 11f.
10.
Diethelm Hunstock, Die Nutzung der Geld-, Finanz- und Kreditpolitik zur Wachstumssteuerung und Gleichgewichtssicherung, in: Wiss. Zeitschrift der Hochschule für Ökonomie, 2/1990, S. 16.

Publikationen zum Thema

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Schriftenreihe Bd. 1544 "Deutschland Archiv 2014": Cover

Deutschland Archiv 2014

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2014 erschienen sind.

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Deutschland Archiv 2013

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2013 erschienen sind.

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Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien.

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Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

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13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

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DDR-Demonstration, Ministerium für Staatssicherheit Stasi, Überwachungsmonitore
Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit".

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Es erwarten Sie ein Fülle von herausragenden und multimedial aufbereiteten Informationen zum Thema.

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Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

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Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

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