Beleuchteter Reichstag

14.3.2011 | Von:
Francesca Weil

Räte im Deutschen Reich 1918/1919 – Runde Tische in der DDR 1989/90

Ein Vergleich

Um die Runden Tische der DDR von 1989/90 ranken sich Mythen. Im Mittelpunkt einer sachlichen Bewertung steht eine differenzierte Analyse sowie die Frage, ob die Tische in der Tradition der Rätebewegung, der round-table talks oder zivilgesellschaftlicher Aktivitäten stehen oder ob sie ein einmaliges Phänomen darstellen.

Einleitung


In Untersuchungen zu den Runden Tischen 1989/90 in den ostmitteleuropäischen Staaten wurde bisher nur selten die Frage aufgeworfen, ob diese Gremien in den Traditionen der Rätebewegung, der sogenannten round-table talks bzw. von zivilgesellschaftlichen Aktivitäten stehen oder ob sie vielleicht ein eigenständiges respektive einmaliges Phänomen sind. Neben einleuchtenden Argumentationen, die Runde Tische im Rückblick als Institutionen zur zivilgesellschaftlichen Selbststeuerung charakterisieren,[1] stößt man mitunter auf schwer nachvollziehbare Konstruktionen, die tradierte Beziehungen zwischen Runden Tischen und anderen (Herrschafts)Strukturen herausstellen. So gelangte beispielsweise Thoralf Barth in seiner Studie über den Zentralen Runden Tisch der DDR zu der Auffassung, die Sitzungen der Politbüros der SED und anderer kommunistischer Parteien seien Verhandlungen an Runden Tischen gewesen. Zum einen sei dieses "Herrscherprinzip" aus der Tradition der Rätebewegung hervorgegangen, zum anderen habe es eher den Tafelrunden des frühen Mittelalters geglichen, an denen nicht legitimierte Oligarchen die Geschicke des Volkes gelenkt hätten. Abschließend schlussfolgerte Barth, dass es die Runden Tische gerade deshalb zu ihrer "rasanten Karriere" geschafft hätten, weil sie der Machtlogik der Regierenden entsprochen hätten.[2]

Dass die Runden Tische 1989/90 in der DDR und in Polen räterepublikanische Züge getragen hätten, wurde in Fachkreisen schon mehrfach angesprochen. Außerdem fiel der Begriff "Räterepublik" bereits während der Friedlichen Revolution 1989/90 – zumindest einmal: Die erweiterte Initiativgruppe des Neuen Forums traf sich Anfang Dezember 1989, um über die konkrete Lage zu diskutieren und gegebenenfalls Maßnahmen zu ergreifen. Die Antworten auf die Frage, was das Neue Forum streikwilligen Beschäftigten raten könne, zeigten die grundverschiedenen Auffassungen der Anwesenden über den Umgang mit den Staatsbetrieben. Als Reinhard Schult und Klaus Wolfram vorschlugen, einen Aufruf zur Einrichtung von Belegschaftsräten und damit zur Selbstverwaltung der Betriebe zu formulieren, reagierte Eberhard Seidel empört: "Was ist denn das für ein Durcheinander! Die einen wollen die deutsche Einheit, und die anderen die Räterepublik ausrufen!"[3]

Fußnoten

1.
Vgl. Uwe Thaysen (Hg.), Der Zentrale Runde Tisch der DDR, Wortprotokoll und Dokumente, Bd. 1, Opladen 2000, S. XVIII; Ulrike Poppe, Der Runde Tisch, in: Martin Sabrow (Hg.), Erinnerungsorte in der DDR, München 2009, S. 492–502, hier 500f.
2.
Vgl. Thoralf Barth, Die Zentrale des Umbruchs von 1989/90. Meinungen über den Runden Tisch der DDR, Berlin 2009, S. 3.
3.
Vgl. Irena Kukutz, Chronik der Bürgerbewegung. Neues Forum 1989–90, Berlin 2009, S. 107.

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