Beleuchteter Reichstag

10.2.2011 | Von:
Christian Booß

Von der Stasi-Erstürmung zur Aktenöffnung

Konflikte und Kompromisse im Vorfeld der Deutschen Einheit

Zwischen den Besetzungen der Stasi-Dienststellen und der Öffnung der Stasi-Akten lag ein steiniger Weg – voller Konflikte unter den Ostdeutschen wie auch zwischen Ost- und Westdeutschen. Der Kompromiss am Ende dieses Weges war schließlich ein "deutsch-deutsches Gesamtkunstwerk".

Der Mythos


In ihrer letzten Arbeitssitzung am 28.9.1990 wählte die Volkskammer mit großer Mehrheit Joachim Gauck (r.) zum Sonderbeauftragten der Bundesregierung für die Stasi-Unterlagen (l.: DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel).In der Volkskammer 1990. (© Bundesarchiv, Bild 183-1990-0928-019; Peer Grimm)
In ihrer letzten Arbeitssitzung am 28.9.1990 wählte die Volkskammer mit großer Mehrheit Joachim Gauck (r.) zum Sonderbeauftragten der Bundesregierung für die Stasi-Unterlagen (l.: DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel).

Am Vorabend der deutschen Vereinigung,[1] beim Festakt im Berliner Schauspielhaus, spielte sich eine merkwürdige Szene ab: Ein Bonner Beamter zupfte den Bürgerrechtler Joachim Gauck am Ärmel und sagte: "Herr Gauck, ich muss Ihnen noch eine Urkunde aushändigen." Ein Beobachter schildert, wie Gauck indigniert reagierte, denn er wollte keinen schlechten Sitzplatz bekommen.[2] Doch der Beamte insistierte. In einer Ecke des Schauspielhauses wurde dem ehemaligen Pfarrer daraufhin die bundesdeutsche Ernennungsurkunde zum Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen überreicht.[3]

Diese Szene zeigt symbolisch, wie die Frage nach dem Umgang mit den Stasi-Akten unter enormem Zeitdruck abgehandelt wurde. Diese Geschichte wird meist so zusammengefasst: Die Ostdeutschen erstürmten die Stasi-Zentralen erst in der Provinz, dann in Berlin. Sie beendeten damit die Tätigkeit des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und verhinderten weitere Aktenvernichtungen. Sie erfanden die "Aufarbeitung" und wollten die Öffnung der Stasi-Akten für die Betroffenen durchsetzen. Doch der Westen wollte dies verhindern. So mussten die 'Helden' von 1989 noch einmal ran. Soweit der Mythos.

Richtig daran ist: Die Öffnung der ostdeutschen Akten, insbesondere der Geheimpolizei-Akten, ist ein international bekanntes und inzwischen nachgeahmtes Modell zur Überwindung von Diktaturfolgen. Ohne die friedliche Revolution wäre sie nicht denkbar. Insofern haben die Ostdeutschen eine wertvolle Mitgift in die Deutsche Einheit gebracht. Doch bei genauer Betrachtung erweist die Erinnerung sich als vereinfacht und verzerrt, manches sogar als Legende.

Fußnoten

1.
Überarbeitete Fassung eines Vortrages, gehalten 2010 in Rostock, Erfurt, Schwerin und Berlin.
2.
Bärbel Broer, Die innere Struktur der Behörde für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Hannover 1995, S. 14.
3.
Joachim Gauck, Winter im Sommer, Frühling im Herbst. Erinnerungen, Berlin 2010, S. 246f.

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