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Die Jüngste als Sorgenkind? Plädoyer für eine jüngste Zeitgeschichte als Varianz- und Kontextgeschichte von Übergängen

Marcus Böick Angela Siebold Marcus Böick / Angela Siebold

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Die deutsche Zeitgeschichtsforschung sollte sich ihren Blick auf die jüngste Vergangenheit nicht durch Zäsuren, Ereignisse oder Narrative verstellen lassen. Als multiperspektivische Varianz- und Kontextgeschichte langer Übergänge in Ost und West könnte sie einen Weg finden, zeitgenössische Phänomene zu historisieren.

Suche nach Orientierungspunkten

"Grünes Band" statt "Eiserner Vorhang" – Welche Impulse können von einer Historisierung der jüngsten Vergangenheit als Geschichte langer Übergänge ausgehen? (© Klaus Leidorf)

Die deutsche Zeitgeschichtsforschung sucht nach Orientierungspunkten für die Zeit "nach den Katastrophen" des 20. Jahrhunderts. In dieser disziplinären Erkundungsphase gerät wieder zunehmend die gegenwartsnahe Vergangenheit in den Blick. Folgt man Hans Günter Hockerts, so arbeitet die akademische Zeithistorikerschaft in Deutschland an drei größeren, oft relativ lose verbundenen "Zeitgeschichten": an einer "älteren", die die Zeit vor 1945 behandelt und sich mit der Geschichte von Weimarer Republik und Nationalsozialismus befasst, sowie an zwei "jüngeren" Zeitgeschichten, die jeweils die Geschichten der beiden deutschen Staaten und Gesellschaften im Zeitalter des Kalten Krieges nachzeichnen. Schließlich wird bereits seit einiger Zeit über Konturen einer "vierten" oder "jüngsten" Zeitgeschichte nachgedacht, die mit dem Ende des Kalten Krieges in Europa 1989/90 einsetzt. Während sich VertreterInnen der "jüngeren" Zeitgeschichten im Falle der bundesrepublikanischen Geschichte allmählich auf ein durch den Ablauf von staatlichen Archivsperrfristen gesichertes Terrain vorwagen können bzw. dies für die DDR-Geschichte schon seit zwei Jahrzehnten möglich ist, wachsen die Bedenken, je näher man der Gegenwart historiografisch zu Leibe rückt: Kann, soll oder darf man überhaupt eine Geschichte der jüngsten Vergangenheit schreiben?

Vorbehalte gegen ein solches Unterfangen beziehen sich – erstens – auf die spezifische Quellenlage; zweitens wird ein Mangel an Distanz vermutet, der das Urteilsvermögen des Historikers eintrübe und so eine Analyse "sine ira et studio" erschwere; drittens wird die Unabgeschlossenheit vieler Entwicklungsprozesse unterstrichen, die eine historiografische Deutung und Beurteilung verhindere. Diese Vorbehalte münden in der Auffassung, derlei gegenwartsnahe Forschungen seien "gar nicht mehr als Zeitgeschichte im Engeren zu fassen". Im Folgenden wird hier angesetzt und diskutiert, welches Potenzial eine selbstkritische und multiperspektivisch ausgerichtete Zeitgeschichtsforschung zur gegenwartsnahen Vergangenheit, das heißt: der letzten 30 Jahre, haben könnte. Nach einer Diskussion der genannten Kritikpunkte im ersten Abschnitt werden verschiedene Blickwinkel der deutschen ZeithistorikerInnen auf die jüngste Vergangenheit skizziert, bevor in einem dritten Teil der Frage nachgegangen wird, welche Konturen eine jüngste Zeitgeschichtsforschung in zeitlicher, räumlicher, methodischer wie thematischer Hinsicht haben könnte. Vor dem Hintergrund einer immer häufiger diagnostizierten "Ermüdung" der zeithistorischen Debatten sind die folgenden Überlegungen als bewusst offen gestalteter Beitrag zur weiteren Diskussion im Rahmen einer lebendigen "Streitgeschichte" zu verstehen.

1. Vorbehalte gegenüber einer gegenwartsnahen Zeitgeschichtsforschung

1.1 Außerhalb des Geheimarchivs: Empirische Herausforderungen

Neue Horizonte und offene Möglichkeitsräume für HistorikerInnen – East Side Gallery, Kasra Alavi "Flucht" (Mitte). (© Joachim F. Thurn / Bundesregierung, B 145 Bild-F088804-0025)

Die spezifische und häufig diskutierte empirische Grundlage der jüngsten Zeitgeschichte bringt fünf Herausforderungen mit sich: Ins Auge sticht – erstens – der eklatante Mangel an staatlich-archivalischen Quellen, welcher der Archivgesetzgebung geschuldet ist. Demgegenüber droht – zweitens – eine regelrechte Überflutung durch bereits veröffentlichte Dokumente, vor allem in Gestalt von medialen Erzeugnissen in audiovisueller und digitaler Form, Material nicht-staatlicher Provenienz oder Zeitzeugenaussagen. Drittens sind beträchtliche Unterschiede bei der Überlieferung und Erschließung solcher Quellengattungen, etwa in Fernseh- oder Rundfunkarchiven, eine beständige Herausforderung. Viertens stellt die angedeutete Quellenvielfalt interpretative Anforderungen, denen die Zeitgeschichte nur bedingt mit ihrem klassisch-philologischen Instrumentarium der Quellenkritik beikommen kann. Fünftens fordert die empirisch fassbare "Verwissenschaftlichung des Sozialen" ZeithistorikerInnen auf neuartige Weise: Wie zu zeigen sein wird, gilt es hier, die zahlreichen zeitgenössischen Befunde der gegenwartsorientierten Nachbardisziplinen in ihrer "wirklichkeitskonstituierende[n] Wirkung" zu reflektieren.

Doch nicht nur Vielfalt, Verfügbarkeit und Interpretation der Quellen, sondern auch die Fragen, die an sie gestellt werden, haben sich mit der Entwicklung neuer Forschungsansätze, methodischer Zugänge und digitalisierter Arbeitstechniken gewandelt. So haben "klassische" archivalische Quellen aus dem politischen Arkanum in jenem Maße an Bedeutung eingebüßt, wie auch die politische Geschichte der "Großen Kabinette" nicht mehr den Kristallisationskern historischer Forschungen bildet. So man den Vorschlag annimmt, Zeitgeschichte als "Problemgeschichte der Gegenwart" zu begreifen, dürfte eine Archivrecherche "in den Handakten des Staatssekretärs" nicht mehr ausreichen, um heute noch "historische Orientierung" zu bieten, wie Ulrich Herbert betont. Dahinter verbergen sich auch perspektivische Verschiebungen des zeithistoriografischen Blicks auf die vielgestaltige Empirie, die Anselm Doering-Manteuffel als fließende Verwandlung des "historischen Horizont[s]" beschrieben hat: "Wo er jeweils zu suchen ist und mit welchen Konturen er sich dem Auge des Betrachters darbietet, hängt davon ab, was gefragt wird und welcher methodische Zugriff auf den Gegenstand gewählt wird." Gleichermaßen ist auch der Erkenntniswert der verfügbaren Quellenarten variabel, je nachdem, welche methodischen und perspektivischen Aspekte zum Tragen kommen.

1.2 Sogwirkungen der Gegenwart:
Biografische Nähe und Geschichtspolitik


Bereits Hans Rothfels musste sich in den 1950er-Jahren an grundlegenden disziplinären Herausforderungen abarbeiten, um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der erst wenige Jahre zuvor beendeten NS-Diktatur gegen allerlei Vorbehalte zu rechtfertigen; das Problem der zeitlich-biografischen Nähe zum historischen Untersuchungsfeld ist also mitnichten neu, stellt sich aber seit dem Ende des Kalten Krieges mit verstärkter Intensivität. Zwar hat diese Nähe durchaus Vorteile, bringt sie doch eine Fülle von Detailkenntnissen mit sich; andererseits erschwert gerade das implizite (Vor-)Wissen wissenschaftliche Verfremdungs- und Abstraktionsbemühungen, die für das Aufspüren neuer Perspektiven bedeutsam sind. Dieses Spannungsverhältnis bleibt daher auch für die jüngste Zeitgeschichtsforschung aktuell. Denn im Kontext vergangenheitsnaher Debattenlandschaften und im Rhythmus medial verstärkter Gedenkstafetten, Podiumsdiskussionen und Publikationswellen werden oftmals die Primärerfahrung der Zeitzeugen, geschichtspolitische Erwägungen und wissenschaftliche Analyse bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermengt; "Erlebnishorizont des Zeitzeugen" und "Erklärungshorizont des Zeithistorikers" verschmelzen miteinander. Der häufig diskutierte Rollengegensatz von Historikern, (Geschichts-)Politikern und Zeitzeugen büßt mit abnehmender zeitlicher Distanz an Bedeutung ein: Je näher die Geschichte rückt, desto zahlreicher werden HistorikerInnen gleichsam zu Zeitzeugen; je nach Situation können sie zwischen ihren verschiedenen Rollen mit entsprechender Autorität changieren und sich als Wissenschaftler, Zeitzeuge oder "Mitakteur" äußern.

Hierbei wäre die immense Sogwirkung staatlicher Geschichtspolitiken auf die Zeitgeschichtswissenschaft kritisch zu reflektieren, wenn letztere sich ihrerseits nicht zum bereitwilligen wie funktionalen Mythenspender (zurück) entwickeln will. Lutz Niethammer hält deshalb fest, dass sich die "Wertbildung in einer Gesellschaft" mit ihrer ausdifferenzierten Medienlandschaft und deren pluralen Deutungsangeboten nicht mehr "durch den traditionellen Transfer von Normalität und Teleologie unter Beihilfe historischer Geschichtenerzähler" vollziehen könne; viel eher gelte es, eine offene "Auseinandersetzung zwischen vielen Geschichten" zu suchen. Gerade HistorikerInnen der jüngeren Generationen könnten mit dazu beitragen, die Geschichten der jüngsten Vergangenheit jenseits "altbekannte(r) Fragen", eingeschliffener Dichotomien und liebgewonnener Erklärungsmuster neu zu erkunden.

1.3 Narrativimporte:
Deutungen unabgeschlossener Vergangenheiten


Zeithistorische Orientierungssuche für die Zeit "nach den Katastrophen" des 20. Jahrhunderts, East Side Gallery. (© Joachim F. Thurn / Bundesregierung, B 145 Bild-F088803-0010)

Aus der Unabgeschlossenheit jüngster Vergangenheiten heraus resultiert ein weiteres drängendes Problem: Mangels ausreichender zeithistorischer Forschungen und bedingt durch die breite sozialwissenschaftliche Quellen- und Literaturlage droht die Gefahr einer unreflektierten Übernahme von Narrativen und Deutungsmustern aus den gegenwartsorientierten Nachbardisziplinen: So werden bestehende Themenhierarchien, Perspektiven, Semantiken und Deutungen aus den zeitgenössischen Sozial-, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften als tragende Säulen in die historischen Erzählungen eingearbeitet. Eingedenk dieser Tendenz zur voreiligen Adaption zeitgenössischer Narrative erscheint die Frage berechtigt, welchen Eigenwert zeithistoriografische Annäherungen anzubieten haben. Die jüngste Zeitgeschichtsforschung muss also in der Lage sein, sich sowohl von politisch und medial propagierten Meistererzählungen als auch von etablierten gegenwartswissenschaftlichen Narrativkomplexen zu emanzipieren, und diese letztlich selbst zum Gegenstand kontextualisierender Analysen machen.

2. Zeithistoriografische Sichtweisen auf die jüngste Vergangenheit

In Anbetracht erinnerungskultureller Konjunkturen und nationalstaatlicher Fixierungen spielt das Jahr 1989/90 eine zentrale Rolle in der jüngsten Zeitgeschichtsforschung Deutschlands und wird als übergreifender Ordnungs- und Fluchtpunkt anerkannt. So prägen drei Sichtweisen den Umgang der deutschen Historikerschaft mit der gegenwartsnahen Vergangenheit: Erstens setzt 1989/90 einen zäsuralen Endpunkt, der den HistorikerInnen von "Bonner Republik" bzw. DDR als eine Art heuristische Brandmauer dient. Jenseits hiervon wüten die Feuer der Revolution und die zeithistoriografische Aufmerksamkeit konzentriert sich – zweitens – auf die Monate von der Friedlichen Revolution bis zur Wiedervereinigung, die als eigengesetzliche revolutionäre Zwischenphase erscheint. Schließlich wird die jüngste Vergangenheit mittlerweile verstärkt auch von ihrem Ausgangspunkt 1989/90 her betrachtet, der nun zur Geburtsstunde der "Berliner Republik" avanciert und eine "normalisierte" nationalhistorische Sichtachse freilegt.

2.1 Der Umbruch 1989/90 als zeithistoriografischer Schlussstein

In Anbetracht der beträchtlichen empirischen, biografischen wie geschichtspolitischen Hürden erscheint es zunächst plausibel, die Geschichtsschreibung vor dem Beginn einer "vom Heute nur zeitlich, aber nicht epochal abgetrennte[n] (...) 'Gegenwartsgeschichte'" 1989/90 enden zu lassen. Obwohl ein perspektivischer Schlussstein durchaus Vorzüge mit sich bringt, ist die in diesem Kontext vollführte Periodisierung und Zäsursetzung nicht unproblematisch – isoliert und separiert sie doch die "jüngste" Vergangenheit von der übrigen Zeitgeschichte – und trägt dazu bei, "die Zeitgeschichte zu partikularisieren, die Epochen des 20. Jahrhunderts als Blöcke zu denken und gegeneinander abzuschotten." Übergreifende wie langfristige Verflechtungen, Zusammenhänge und Übergänge, welche methodisch wie inhaltlich lohnenswerte Fragen an die letzten Jahrzehnte bereitstellen, geraten dabei tendenziell aus dem Blick.

2.2 Die Schatten der Friedlichen Revolution

Darüber hinaus wurde in den vergangenen Jahren eine Fülle von Monografien und Sammelbänden zur Erforschung des Umbruchs 1989/90 publiziert. Schwerpunkte bilden dabei Ursachen, Verlauf und unmittelbare Konsequenzen der gesellschaftlichen Proteste und ihrer politisch-institutionellen Fortführung durch die Ministerialbürokratie, ferner die internationalen diplomatischen Aushandlungen sowie insgesamt die Bedeutung verschiedener Akteure des Umbruchs auf regionaler wie nationaler Ebene. Es überwiegt eine ereignis-, institutionen- und personenorientierte Politikgeschichte, die in ihren Befunden durch sozialhistorische Betrachtungen ergänzt wird und auf den wiedervereinten deutschen Nationalstaat zentriert bleibt. Die von Jürgen Osterhammel kritisierte "internalistische Orthodoxie" in der europäischen Geschichtsschreibung scheint sich auch bei der historiografischen Erkundung der Umbruchphase 1989/90 durchgesetzt zu haben, was eingedenk ihrer nationenübergreifenden Dimensionen verwundert. Aller unbestreitbaren Verdienste dieser jüngsten Zeitgeschichtsforschung zur Friedlichen Revolution zum Trotz spielen methodisch-theoretische Reflexionen eher eine untergeordnete Rolle; offenbar dominiert die Auffassung, dass die behandelten Phänomene, Personen und Zeitläufe bereits aus sich selbst heraus genügend historische Evidenz und Relevanz entfalteten und eine tiefere Theoretisierung daher nicht vonnöten sei.

Welche Vor-, Nach- und Nebengeschichten verbergen sich im Schatten der friedlichen Revolution 1989/90? – Lichtfest Leipzig 2010. (© Westend)

Schließlich hat der angesprochene Nexus zwischen politisch-medialer Aufmerksamkeit sowie gegenwartsnaher Historiografie beträchtliche Konsequenzen. Salopp formuliert: Je heller das Licht auf das ereignisreiche Geschehen der Friedlichen Revolution fallen soll, desto stärker verharren diejenigen Aspekte im Schatten der Aufmerksamkeit, die sich nicht direkt auf den Zusammenbruch der DDR und die Wiedervereinigung beziehen. Zeitlich konzentriert sich diese Umbruchs- bzw. Revolutionsforschung auf einen dicht gedrängten Ereigniskorridor vom Frühjahr/Sommer 1989 bis zum Oktober 1990; räumlich bleiben die untergehende DDR sowie die Kapitalen der Großmächte im Fokus. Letztlich ist Christoph Kleßmann zuzustimmen, wenn er festhält, dass sich "das Bild erheblich" wandle, wenn man den verbreiteten "Jubel über friedliche Revolution und Vereinigung" perspektivisch überwinde.

2.3 Importierte Wissenschaftlichkeit?
Die Anfänge der "Berliner Republik"


In aktuellen Überblicksdarstellungen zur Geschichte der "Berliner Republik" findet die jüngste Vergangenheit durchaus ihren Platz. Idealtypisch prägen drei große Erzählstränge die zeithistorischen Publikationen: Erstens wird die Geschichte nach 1990 eher als nationale Normalisierungs- oder Erfolgsgeschichte bei weitgehenden altbundesrepublikanischen Kontinuitäten nach der "Einheit" bzw. "Wiedervereinigung" gedeutet, wobei die ost-westlichen Verwerfungen im Transformationsprozess als reflexhafte, kurzfristige Symptome auf dem Weg zur "Vollendung" der "Inneren Einheit" im Zuge eines geglückten "Aufbau Ost" erscheinen.

Demgegenüber knüpft ein anderer Teil der Historikerschaft – zweitens – an zeitgenössische, politisch linksstehende sowie postnational grundierte Gegenerzählungen an und beschreibt die jüngste Vergangenheit nach dem "Beitritt" eher als Verlust- oder Konfliktgeschichte; krisenhafte Entwicklungen in den neuen Bundesländern erscheinen als unmittelbare Folge einer einseitigen, fast kolonial ausgestalteten politischen, ökonomischen wie kulturellen Anpassung des "Ostens" und seiner Bevölkerung, der als "Nachbau West" durch bundesrepublikanische Transfereliten gesteuert wird.

Kommt die Zeitgeschichtsforschung nicht ohne das Paradigma der "nachholenden Modernisierung" aus? – Baustelle in der Altstadt von Rudolstadt 1993. (© Julia Fassbender / Bundesregierung, B 145 Bild-00106428)

Das Gros der Historikerschaft beschreitet schließlich einen dritten Weg jenseits dieser beiden zeitgenössisch-politisierten Deutungsmuster. Der bestehende Mangel an eigenen disziplinären Impulsen soll durch die Übernahme sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Deutungen und Semantiken aus der zeitgenössischen Transformationsforschung kompensiert werden, sozusagen als importierte Wissenschaftlichkeit. Im Zentrum stehen dabei einschlägige Motive wie die "nachholende Modernisierung" oder die "Vereinigungskrise", die Jürgen Kocka schon zeitgenössisch zur Diskussion stellte. Diesen gegenwartswissenschaftlichen Diagnosen gemein ist ein abstrakt-objektivistischer Blick auf die Transformationsgesellschaft: "Ostdeutschland" wird als modernisierungstheoretisches "Laboratorium" begriffen und aus der Perspektive des Sozialforschers auf Fortschritte und Defizite hin begutachtet. Die Krisenphänomene werden abstrakt wie holistisch als sich weitgehend alternativlos vollziehende Adaptionsprozesse entworfen, die "von oben und von außen" über die nun orientierungslosen post-sozialistischen Gesellschaften hereingebrochen seien.

Trotz aller Differenzen teilen alle zeithistoriografischen Erzählmuster zur noch jungen Geschichte der "Berliner Republik" einige implizite Grundannahmen: Erstens dient ihnen der jeweilige Entwicklungsstand der nationalstaatlichen Reintegration Deutschlands als zentraler motivischer Fluchtpunkt; zweitens werden viele politische, ökonomische oder gesellschaftliche Entwicklungen, die in den 1990er-Jahren eine neue Intensität erreichten, als immanente Resultate einer "chaotischen" Krisenzeit interpretiert, obwohl ihre Ursachen und Vorgeschichten in der Zeit vor 1989 zu verorten sind (etwa die Asyldebatte oder Krisen des Sozialstaates); drittens eint alle Erzählstränge die unhinterfragte Grundannahme von weitgehender Kontinuität (West) bei einem radikalen (Um-)Bruch (Ost); viertens wählen sie eine distanzierte Vogelperspektive, um die Prozesse aus national-affirmativer, neokolonial-kritischer oder szientistisch-abstrakter Blickrichtung zu beschreiben, wobei die konkreten gesellschaftlichen Erfahrungen und Praktiken kaum eine Rolle spielen.

3. Erneuerungsvorschläge:
Historisierung langer Übergänge

3.1 Über die Grenzen des Bekannten hinaus

Durch räumlich wie zeitlich limitierte Perspektivsetzung ist Vieles aus dem Blick der ZeithistorikerInnen geraten: So bleiben gerade die west- und außereuropäischen Staaten und Gesellschaften noch zu häufig zeithistoriografische terrae incognitae, deren weitgehende Ausblendung mit impliziten Kontinuitätsvermutungen gerechtfertigt wird. Hier wäre die durchaus provokante Gegenfrage zu stellen, ob die "alte" Bundesrepublik bzw. das Westeuropa der 1980er-Jahre aus gegenwärtiger Perspektive in vielerlei Hinsicht nicht genauso fern und verwandelt erscheint wie die untergegangene sozialistische Staatenwelt. Eine "unbeabsichtigte Co-Transformation des 'alten' Europa" erscheint über die Maßen evident, wie Philipp Ther formulierte, der in seinem Plädoyer für eine transnationale Transformationsgeschichte eine perspektivische Überwindung der "ehemaligen Blockgrenzen" einfordert. Eine umfassende Reintegration dieser getrennten Perspektiven ist dringend notwendig, wird jedoch nicht zuletzt durch akademische "Blockbildungen" weiterhin erschwert – etwa in Form von separaten Lehreinheiten für eine zeitlich nicht definierte "osteuropäische Geschichte" und für die übrige, "normale" Zeitgeschichte.

Jenseits dieser disziplinären Selbstbeschränkungen könnte sich ZeithistorikerInnen ein neuartiges Panorama raumübergreifender Dynamiken und Zusammenhänge eröffnen, das transnational und nicht nur komparatistisch durchmessen werden könnte. Weiterhin gehören gerade auch zäsurale Selbstverständlichkeiten auf den Prüfstand. Hier könnte eine differenzierende Problematisierung des Zäsurcharakters von 1989/90 weiterhelfen, die jüngst auch Martin Sabrow einforderte, gerade weil ihre ordnende wie heuristische Funktion allzu evident erscheint. Die Zeitgeschichtsforschung könnte so ihre perspektivischen Blickachsen künftig flexibilisieren und je nach Thematik und Gegenstand auch längere Zeitabschnitte erkunden, deren Anfangs- und Endpunkte deutlich weniger starr zu fixieren wären. "1989/90" erschiene so nicht mehr als quasi-essentiale, "harte" Zäsur, sondern eher als Schwelle oder Scharnier im Kontext einer offenen Phase von Übergängen.

3.2 Jenseits der Extreme: methodische Synergien

Ausgerechnet in der jüngsten Zeitgeschichte finden zentrale Theoriedebatten der vergangenen Jahrzehnte kaum Resonanz. Dies mag damit zusammenhängen, dass es einleuchtend erscheint, sich bei der Erschließung naher Vergangenheiten zunächst den "klassischen" und scheinbar grundlegenden Fragen zu widmen, also jenen einer "harten" Politik- und Sozialgeschichte. Einem derart engen historiografischen Programm droht jedoch fachinterne Isolation und monothematische Hermetik. Schließlich haben sich in der deutschen Geschichtswissenschaft in den letzten Jahrzehnten Forschungsansätze etabliert, die weniger den Anspruch erheben, vorherige Anstrengungen schlicht zu ersetzen, sondern ihnen weitere Perspektiven hinzuzufügen. Insbesondere die seit Mitte der 1990er-Jahre im deutschsprachigen Raum zum Durchbruch gelangte neue Kulturgeschichte könnte hier auf vielen Feldern befruchtend wirken. Nicht allein das Was, sondern auch das Wie der Übergänge in den vergangenen 30 Jahren erschiene dann für ZeithistorikerInnen interessant; die konsequente Einbeziehung kulturhistorischer Ansätze könnte methodisch reflektierte Abstraktions- und Verfremdungseffekte forcieren und dergestalt auch dem Problem der mangelnden persönlichen Distanz entgegenwirken.

Übertriebene Heilserwartungen an die Adresse der Kulturgeschichte erscheinen allerdings überzogen; viel produktiver erschiene es, die Themen der Politik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte in ein konstruktives Spannungsverhältnis zur kulturhistorischen Vielfalt an Themen, Analyseobjekten und Fragestellungen zu setzen. So könnten Mentalitäts-, Geschlechter-, Diskurs-, Medien-, Konsum-, Wissens-, Global- oder Umweltgeschichte sowie transnationale, postkoloniale und verflechtungsgeschichtliche Ansätze produktive Fragen auch für eine Geschichte der jüngsten Vergangenheit bereithalten. Eine Öffnung könnte nicht zuletzt dazu beitragen, die noch häufig zu beobachtenden gegenseitigen Abschließungs- und Abgrenzungstendenzen zwischen Politik- und SozialhistorikerInnen auf der einen sowie KulturhistorikerInnen auf der anderen Seite pragmatisch zu überwinden.

Produktive Inspirationen hierfür könnte nicht zuletzt auch die stärkere Rezeption zeithistorischer Arbeiten außerhalb Deutschlands bereithalten: Hierbei sei exemplarisch auf die mangelnde Scheu bei der Erschließung der gegenwartsnahen Vergangenheiten in der angelsächsischen Geschichtsforschung oder auf die Wahrnehmung des Umbruchs 1989/90 als langfristigen Transformationsprozess aus mittel- und osteuropäischer Perspektive verwiesen. Eine Internationalisierung der zeithistorischen Disziplinen könnte so bereichernd neben die bereits bestehende, allerdings oft national begrenzte, methodisch teils unreflektierte Interdisziplinarität treten.

3.3 Konturen einer Varianz- und Kontextgeschichte von Übergängen

Brückenschläge, Missverständnisse, Abgrenzungen? – Begegnungen zwischen Ost- und Westeuropa vor und nach dem Ende des Kalten Krieges. (© Dialog. Deutsch-polnisches Magazin)

Nimmt man die von Lutz Niethammer umschriebene Herausforderung an, die "Geschichte der Miterlebenden in den letzten drei Jahrzehnten historisch zu dimensionieren und erforschenswerte Fragestellungen für diese Geschichte auszuarbeiten", so bedarf es neuerlicher konzeptioneller Anstrengungen. Mögliche Konturen einer erneuerten wie erweiterten Zeitgeschichtsforschung seien hier explizit zur Debatte gestellt. Die programmatischen Überlegungen ließen sich pointiert als eine Varianz- und Kontextgeschichte von Übergängen beschreiben: Varianzgeschichte, weil sie methodisch konventionelle Themenbereiche der Politik-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte mit neueren kulturhistorischen Perspektiven pragmatisch zusammenführen und so etablierte Deutungsformationen durch einen programmatischen Methoden- und Themenpluralismus aufbrechen will. Kontextgeschichte, weil sie perspektivisch längerfristig ausgreifende räumliche wie strukturelle Zusammenhänge und Beziehungsgeflechte abseits altbekannter Dichotomien und Periodisierungen erkunden will. Entsprechend offen muss ihr thematischer Zuschnitt bleiben, wobei die Erforschung von vielfältigen und langfristigen Übergängen, ihren (Un-)Gleichzeitigkeiten, Verflechtungen und Asymmetrien, Ambivalenzen und Kontingenzen ihre konzeptionelle Achse bildet: Sie erkundet diese Übergänge in der "hohen Politik" gleichermaßen wie in Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft, den Medien, im Konsum sowie im konkreten Alltag; natürlich auch: im "Osten" und im "Westen" Europas. Die jüngste Vergangenheit wird so für ZeithistorikerInnen zu einem multiperspektivisch zu durchleuchtenden Möglichkeitsraum, reichhaltig angefüllt mit Vor-, Nach-, Neben- und Alternativgeschichten, die geschrieben werden wollen.

3.4 Neue Themenfelder für die jüngste Zeitgeschichte

Wie könnte das Themenprofil einer solchen Übergangsgeschichte aussehen? Hierzu einige kursorische Überlegungen: Erstens könnte auf einer diskursgeschichtlich zu analysierenden Makroebene dem langfristigen Wandel von Raumprojektionen und Orientierungswelten in Europa nachgegangen werden, der sowohl regionale, nationale wie europäische Bezüge identifiziert als auch Grenzüberschreitungen berücksichtigt. Hier wäre dezidiert nach dem Wechselspiel zwischen der politischen Integration Europas sowie den parallelen Veränderungen in den Regionen West-, Mittel- und Osteuropas, nach gegenläufigen Entwicklungen wie Globalisierung und Renationalisierung, aber auch nach neuen Grenzziehungen zu einem "Außereuropa" sowie den angelagerten identitären Selbst- und Fremdzuschreibungen zu fragen.

Zweitens sollte der Wirtschafts- und Sozialgeschichte eine zentrale Rolle zukommen: Neben dem Wandel der Unternehmenslandschaften sowie der jeweiligen Arbeitswelten könnten hier insbesondere die umfassenden Umbauten und Neujustierungen im Verhältnis von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft berücksichtigt werden. Eine Wissens-, Praxis- und Erfahrungsgeschichte des Wirtschaftsumbaus erforderte eine ausgreifende Perspektive, die die Privatisierungsdebatten im Westeuropa der 1980er-Jahre zwingend integrieren müsste.

Weiterhin ließen sich – drittens – auf einer alltagshistorisch zu fassenden Mikroebene individuelle Erfahrungswelten und subjektive Aneignungen im Kontext soziokultureller wie sozioökonomischer Übergänge untersuchen – von geschlechtsspezifischen, generationellen, familiären oder religiösen Lebenswelten über Migrations-, Kommunikations- und Konsumhandeln bis hin zu Fragen nach Such- und Orientierungsprozessen, über die HistorikerInnen jenseits grober Sozialstatistik und griffiger soziologischer Formeln bislang wenig zu berichten wissen.

Viertens bildet die angesprochene konsequente Historisierung der zeitgenössischen Transformationsforschung auf einer Metaebene eine Herausforderung. Eine zentrale Rolle dürfte so begriffshistorischen Sondierungen zukommen, die sich mit dem semantischen Bedeutungswandel sowie der Neuetablierung von Leitbegriffen und Dichotomien befassen – etwa "Globalisierung", "Zivilgesellschaft", "Neoliberalismus", "Dritter Weg", "Flexibilisierung" oder "Vernetzung" –, aber auch mit geläufigen Begriffspaaren wie "Europa" und "Europäische Gemeinschaft/Union" oder neuen Dichotomisierungen – etwa des "Westens" und der "islamischen Welt". Zudem wäre es lohnenswert, mittlerweile sprichwörtliche und ihrem Kontext entrückte Epochenformeln wie das "Ende der Geschichte", den "Kampf der Kulturen" oder das "postideologische Zeitalter" als zeitgenössische Projektionsfolien zu kontextualisieren.

4. Ausblick

Die jüngste Zeitgeschichtsforschung steht einigen anspruchsvollen Herausforderungen gegenüber. Zwar hat die "Aufarbeitung der Aufarbeitung" inzwischen begonnen. Doch obwohl diese selbstreflexive Debatte durchaus zu begrüßen ist, greift sie zu kurz und droht, im Retrospektiven zu verharren und damit eine weitere Schleife des geschichtspolitischen Aufrechnens zu vollführen. HistorikerInnen sollten die sich aus der unmittelbaren Vergangenheit ergebenden, gegenwärtig drängenden Fragen weder resignierend an andere Disziplinen delegieren noch schlicht darauf warten, dass eine Historisierung in ferner Zukunft möglich wird, wenn die Vergangenheit emotional erkaltet und tagespolitisch steril geworden ist. Stattdessen könnten sie ihre eigenen Kompetenzen in puncto "Quellenkritik, Standpunktreflexion und Forschung als Prozess" bei der Erkundung der gegenwartsnahen Vergangenheiten selbstbewusst zur Geltung bringen.

Die hier als Varianz- und Kontextgeschichte von Übergängen skizzierten Diskussionsanregungen könnten der jüngsten Zeitgeschichte Anschlussmöglichkeiten an die intensiv geführte Debatte um eine Geschichte "nach dem Boom" bieten. Zwar mag offen bleiben, ob das Ende des europäischen Kommunismus eine bloße "Begleiterscheinung" tiefgreifender, genuin "politökonomisch" zu fassender struktureller Wandlungsprozesse im Westen war. Einigkeit dürfte allerdings hinsichtlich der katalysierenden Wirkungen herrschen: Durch den Untergang des Realsozialismus eröffneten sich in den europäischen Gesellschaften völlig neue Möglichkeits- und Handlungsräume. Ideen, Konzeptionen und Semantiken, deren "Anbahnungsphase" Lutz Raphael und Anselm Doering-Manteuffel in den 1970er- und 1980er-Jahren verorten, gelangten nun, in den frühen 1990er-Jahren, vielerorts zum gesellschaftlichen Durchbruch. Philipp Ther schlug hierfür die griffige Formel eines "neoliberalen Geistes der Transformationsepoche" vor, für die "Sozialstaatsabbau, Liberalisierung und Privatisierung der Wirtschaft und ein apolitischer Reformdiskurs" prägend gewesen seien. Übernationale Makro-Prozesse verschränkten sich dabei mit regionalen gesellschaftlichen Entwicklungen, produzierten allerdings gleichsam beträchtliche Gegenkräfte und Widerstände.

Gerade in diesem langfristig zu fassenden Querschnittsfeld könnte die jüngste Zeitgeschichte wertvolle empirische Beiträge zu aktuellen Debatten liefern, wenn sie sich nur konsequent auf ihre disziplinären Vorzüge besinnt: ZeithistorikerInnen wären hier als "Experten für Heterogenität, Kontingenz, Partikularität und Ambivalenz" auch und gerade bei der konsequenten Kontextualisierung vielfältiger Aspekte der jüngsten Vergangenheit und ihrer Einordnung in größere zeitliche wie thematische Spannungsbögen gefragt.

Fussnoten