Beleuchteter Reichstag

4.2.2011 | Von:
Karlheinz Lau

Wissen und Verständnis des Nachbarn

Anmerkungen zu den Empfehlungen für ein deutsch-polnisches Geschichtsbuch

Das deutsch-polnische Schulbuch, das derzeit entwickelt wird, soll Geschichte vermitteln. Geschichtspolitik damit muss ausgeschlossen sein.

Das Projekt


Geschichte verstehen – Zukunft gestaltenGeschichte verstehen – Zukunft gestalten (© Neisse Verlag)
Für das Schulfach Geschichte ist das Lehrbuch eines der wichtigsten Unterrichtsmittel. Das gilt für Schüler und für Fachlehrer. Die 16 Kultusministerien in den Ländern müssen die Lehrwerke offiziell für den Gebrauch an Schulen zulassen; wichtigste Kriterien sind dabei die Orientierung an der Verfassung sowie an den geltenden Lehrplänen und natürlich die fachwissenschaftliche Richtigkeit. Die Berücksichtigung dieser Bedingungen machen also das Geschichtsbuch zu einer Art Kontrolle für die Erfüllung des Lehrplans – für Schüler und für Lehrer.

Diese Vorbemerkung ist notwendig, um den Stellenwert eines gemeinsamen deutsch-polnischen Geschichtsbuches zu erkennen. (Darauf wurde bereits bei der Besprechung des 2006 erschienenen deutsch-französischen Geschichtsbuches hingewiesen.[1]) Bereits seit mehr als fünf Jahren existiert in Görlitz eine von der Breslauer Universität unterstützte Arbeitsgruppe, die eine intensive schulische Zusammenarbeit zwischen Sachsen und dem benachbarten Niederschlesien betreibt. Sprachkompetenz und Geschichte stehen im Mittelpunkt, und 2007 wurde das Lehrbuch "Geschichte verstehen – Zukunft gestalten"[2] herausgegeben.

Histoire/GeschichteHistoire/Geschichte (© Ernst Klett Verlag, Stuttgart/Leipzig)
Das deutsch-französische Lehrwerk stand offensichtlich Pate für ein flächendeckendes deutsch-polnisches Projekt[3], das am 17. Mai 2008 offiziell durch den Brandenburger Bildungsminister Holger Rupprecht als Vertreter der Kultusministerkonferenz und den stellvertretenden polnischen Bildungsminister Krzysztof Stanowski in Auftrag gegeben wurde. Damit stehen beide Staaten, Deutschland und Polen, hinter diesem Projekt. Mit der Durchführung wurde die gemeinsame deutsch-polnische Schulbuchkommission beauftragt, die sich bekanntlich seit 1972 mit den Geschichts- und Geografiebüchern in beiden Ländern beschäftigt. Die Entscheidung für die Schulbuchkommission ist in der Sache voll berechtigt. Um Befürchtungen oder Verdächtigungen gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen: Hier entsteht kein Lehrbuch mit einem amtlich legitimierten Geschichtsbild in Polen und in Deutschland! Vielmehr werden sich unterschiedliche Sichtweisen über bestimmte Ereignisse oder Persönlichkeiten in den Darstellungen widerspiegeln und den Schülern die Möglichkeiten geben, eine jeweils andere Position des Nachbarn kennenzulernen. Es geht also nicht um Abrechnung oder Konfrontation. Als Beispiele seien genannt: der Symbolcharakter der Schlacht von Tannenberg 1410 für Polen; war Kopernikus Deutscher oder Pole? Unterschiedliche Sichtweisen über den Begriff "Vertreibung"; oder: bestimmte die Potsdamer Konferenz 1945 die endgültige deutsch-polnische Grenze?

Zur Vorbereitung, Erarbeitung und Realisierung des Projektes wurde eine deutsch-polnische Arbeitsgruppe eingerichtet. Diese setzt sich aus einem Steuerungsrat und einem Expertenrat zusammen. Ersterem gehören Vertreter der zuständigen Ministerien sowie die beiden Vorsitzenden der gemeinsamen Schulbuchkommission und die wissenschaftlichen Koordinatoren an. Der Expertenrat besteht aus Historikern und Geschichtsdidaktikern beider Länder, er wird von den beiden Vorsitzenden der Schulbuchkommission geleitet. Bei dieser Zusammensetzung muss bedauert werden, dass kein Geograf dem Expertenrat angehört; es ist fast eine Binsenweisheit, dass sich historische Prozesse und Entwicklungen nicht nur in der Dimension Zeit, sondern auch in der Dimension Raum abspielen, und das gerade in der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Ferner sind Hochschulen und Universitäten überrepräsentiert, es fehlen Lehrer mit Unterrichtspraxis – etwa Vertreter des Geschichtslehrer- und Geografielehrerverbandes: Nur sie können einschätzen, was im Unterricht machbar ist, wenn das Geschichtsbuch für die Sekundarstufe 1 geplant wird, also in der Regel die nicht einfachen Jahrgänge der Klassenstufen 7–10.

Fußnoten

1.
Karlheinz Lau, Zeitgeschichte – französisch/deutsch. Rezension zu: Guillaume Le Quintrec/Peter Geiss (Hg.), Histoire/Geschichte [Bd. 3], Stuttgart 2006, in: DA 40 (2007) 1, S. 186f.
2.
Kinga Hartmann/Malgorzata Ruchniewicz (Hg.), Geschichte verstehen – Zukunft gestalten. Die deutsch-polnischen Beziehungen in den Jahren 1933–1949, Dresden 2007; rezensiert in: DA 42 (2009) 1, S. 164f.
3.
Vgl. Karlheinz Lau, Verständnis und Verständigung. Deutsch-polnisches Geschichtsbuch in Vorbereitung, in: DA 40 (2007) 5, S. 783–785; ders., Start für ein deutsch-polnisches Geschichtsbuch, in: DA 41 (2008) 4, S. 619f.

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