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Europäische Erinnerungsgemeinschaft


17.2.2011
Sammelrezension zu Perspektiven einer europäischen Erinnerungsgemeinschaft im Spannungsfeld nicht nur nationaler Narrative.

Perspektiven einer europäischen Erinnerungsgemeinschaft




Wolfgang Stephan Kissel, Ulrike Liebert (Hg.): Perspektiven einer europäischen Erinnerungsgemeinschaft. Nationale Narrative und transnationale Dynamiken seit 1989 (Europäisierung. Beiträge zur transnationalen und transkulturellen Europadebatte; 7), Münster: LIT 2010, 245 S., € 19,90, ISBN 9783643109644.

Claus Leggewie: Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt, München: Beck 2011. 256 S., € 14,95, ISBN 9783406605840.

Gerhard Doliesen: Polen unter kommunistischer Herrschaft 1944–1956. Mit Vergleichen zur DDR, Schwerin: LStU Mecklenburg-Vorpommern 2010, 144 S., € 10,–, ISBN 9783933255235.

Rudolf von Thadden, Karl Schlögel, Adam Krzemiński: Blicke Ost – Blicke West (Göttinger Sudelblätter), Göttingen: Wallstein 2010, 32 S., € 9,90, ISBN 9783835309074.



Perspektiven einer europäischen Erinnerungsgemeinschaft


Kissel/Liebert: Perspektiven einer europäischen ErinnerungsgemeinschaftKissel/Liebert: Perspektiven einer europäischen Erinnerungsgemeinschaft (© LIT Verlag)
Unter den zahlreichen Publikationen zur europäischen Erinnerungskultur der vergangenen drei Jahre[1] weist der Sammelband unter der Ägide von Wolfgang Stephan Kissel und Ulrike Liebert, zweier Bremer Hochschullehrer, einen besonderen Stellenwert auf. Nicht die Singularität des nationalsozialistischen Gewaltverbrechens steht im Mittelpunkt ihrer Erörterungen, sondern die Kultur der Gewalt. Sie ging nach 1930 von den totalitären Regimen in Deutschland und der Sowjetunion und von den autoritären Regimen in Spanien, Italien, Ungarn und Rumänien aus und erlebte nach 1945 sehr unterschiedliche Formen der Bewältigung oder sogar ihre ungebrochene Fortsetzung. Diese Diskontinuitäten schlugen sich, so die Herausgeber, auch in der Konkurrenz zwischen einer westlichen demokratischen und einer östlichen kommunistischen kollektiven Erinnerung nieder. Während im Westen die Erinnerung an die Gewaltverbrechen des sowjetischen Kommunismus während und nach dem Zweiten Weltkrieg "aus dem Horizont der offiziellen Vergangenheitspolitiken verschwand" (13), wurden im Osten Europas durch ein rigides Zensursystem jegliche Äußerungen über sowjetische Verbrechen im Baltikum, in Polen, der DDR, in der ČSSR, in Ungarn, in Finnland unterdrückt und/oder mit schweren Strafen sanktioniert. Dass auch der Status der Erinnerung an die Shoah in den einzelnen nationalen Narrativen davon betroffen war, verdeutlichte das bewusste Verschweigen der jüdischen Opferzahlen im kommunistischen Machtbereich nach 1945, um nationale Mythen vom kommunistischen Widerstand gegen die Faschisten zu kreieren.

Es ist besonders hervorzuheben, dass die Herausgeber unter Verweis auf Tsvetan Todorovs Abhandlung "Les abus de la mémoire" (Paris 1998) mit dem Blick auf die Verursacher und die freiwilligen Kollaborateure davon sprechen, dass "die Erfahrungen von Dezivilisierung im Sinne der Preisgabe von Tötungshemmungen ... sich auf die gesamte Epoche und alle Gewaltformen" (12) erstrecken. Die dadurch bedingte Einbeziehung der Komplizen, Helfershelfer und bewussten Unterstützer der Terrorregime in den Erinnerungsprozess wie auch die Frage nach den vielfältigen Ursachen von Gewalt in der nach 1990 einsetzenden Reflexion lässt die Herausgeber zu der Erkenntnis kommen, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts "kaum eine homogene, vergemeinschaftete europäische Erinnerung möglich" (15) sei.

Was leisten dann die in dem Band versammelten Untersuchungen im Hinblick auf die Analyse neuer Konstellationen in einzelnen Ländern? Aufgeteilt nach drei Abschnitten untersuchen die vier Beiträge in I) "Alte und neue Konstellationen im Osten Europas" Erinnerungskonflikte im postsowjetischen Raum (Wolfgang Stephan Kissel), Vergangenheitsbewältigung als Voraussetzung für die Modernisierung Russlands (Galina Michaleva), die polnische Erinnerungskultur am Beispiel von Polen und Juden (Karol Sauerland) und Identitätskonstrukte im ehemaligen Jugoslawien (Yvonne Pörzgen).

Im Abschnitt II ("Transnationale Erinnerungsdynamiken in Westeuropa") setzt sich David Bathrick mit enttabuisierter Erinnerung am Leid der Deutschen im Zweiten Weltkrieg auseinander, während Helga Bories-Sawala sich mit der jüngst in Frankreich heftig diskutierten Frage nach der Mitschuld an den Naziverbrechen beschäftigt. Sehr diffus verläuft auch in Spanien der Aufarbeitungsprozess des Franco-Regimes, wie Anja Mihr mit dem Akzent auf dessen Verzögerungen nachweist. Die Voraussetzungen für Versöhnungen untersucht der Beitrag von Walter Süß über die Arbeit der Behörde für die Stasi-Unterlagen der DDR, den kritischen Umgang mit der kommunistischen Vergangenheit im östlichen Zentraleuropa (Tschechien, Slowakei, Polen, Ungarn) betrachtet Gábor Halmai, wobei er eine Reihe präziser Merkmale unzureichender juristischer und politischer Entscheidungen bei der Verurteilung von Verbrechen auflistet. Ein schreckliches Beispiel jüngster Kriegsverbrechen sind die Vergewaltigungen tausender Kosovo-albanischer Frauen und Mädchen durch serbische Soldateska, die Janna Wolff und Charlotte Bruun Thingholm unter Einbeziehung der umfangreichen Forschungen zu sexueller Gewalt in Kriegen bewerten. Sie beklagen, dass Kriegs-Vergewaltigungen vor allem im südlichen Europa immer noch zu Tabuthemen gehören. Die dadurch entstehenden Dunkelziffern erschweren ebenso den Aufklärungsprozess wie die Erinnerungsabläufe der Konfliktparteien.

Und welche Perspektiven zeichnen sich – mit dem Blick auf die zahlreichen Verwerfungslinien – für die europäische Erinnerungsgemeinschaft ab? Ulrike Liebert setzt in ihrem Überblick auf zwei Faktoren, die den äußerst komplizierten Prozess befördern könnten: demokratische Normen als Grundlage einer kollektiven Identität Europas und die angestrebte europäische Identität als Mittler in nationalen Erinnerungskonflikten. Nach ihrer analytischen Bewertung des deutschen Erinnerungsprozesses kommt Liebert zu der Einsicht, dass "die Verschränkungen der europäischen und deutschen Identitätsdebatten ... erkennen (lassen), dass transnationale Erinnerungskonflikte dann konstruktiv bearbeitet werden können, wenn der Boden hierfür durch eine auf universale Normen und demokratische Prinzipien gestützte, europäisierte nationale Identität bereitet ist." (242)

Die hoch reflektierte, brennende Konflikte in der europäischen, bislang noch sehr zerklüfteten Erinnerungslandschaft beleuchtende Sammelabhandlung ist vor allem für universitäre Seminare zu empfehlen.


Fußnoten

1.
Vgl. u.a. Birgit Hofmann u.a., Diktaturüberwindung in Europa. Neue und transnationale Perspektiven, Heidelberg 2010 (rezensiert in: DA 43 (2010) 6, S. 1120f); Kristin Buchinger u.a., Europäische Erinnerungsräume, Frankfurt a.M./New York 2009; Natan Sznajder, Gedächtnisraum Europa. Die Visionen des europäischen Kosmopolitismus, Bielefeld 2008; Helmut König u.a., Politik und Gedächtnis, Weilerswist 2008.

 

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