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Karl-Eduard von Schnitzlers Gastspiel beim Nordwestdeutschen Rundfunk


30.12.2010
Der bekannte Propagandist des DDR-Fernsehens, Karl-Eduard von Schnitzler, hat über sein Wirken in der unmittelbaren Nachkriegszeit zahlreiche Legenden gestreut. Sein Weg begann beim NWDR, brachte ihn in Tuchfühlung sowohl mit der KPD als auch mit Axel Springer und führte Schnitzler schließlich zum ostdeutschen Rundfunk.

Einleitung




Karl-Eduard von Schnitzler, 1956Karl-Eduard von Schnitzler, 1956 (© Zimontkowski / Bundesarchiv, Bild 183-41751-0001)
Der britische Chief Controller des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR), Hugh Carlton Greene, urteilte rückblickend über den von ihm ursprünglich geschätzten und geförderten Karl-Eduard von Schnitzler (1918–2001): "Schnitzler wurde versuchsweise von Köln nach Hamburg versetzt, wo er weiter politische Kommentare lieferte; er war ein guter Rundfunkpublizist und ein gescheiter Kopf, den ich nicht unbedingt verlieren wollte. Da er in seine Kommentare indes fortgesetzt kommunistische Propaganda einfließen ließ, kam ich zu dem Schluß, daß er gehen müsse."[1] Der als liberal geltende Hugh Greene, ein jüngerer Bruder des Schriftstellers Graham Greene, war in den Kriegsjahren Leiter des Deutschen Dienstes der BBC. Er stellte Schnitzler, der sich am 6. Juni 1944 – am Tage der alliierten Invasion in der Normandie – in britische Gefangenschaft begab, als Mitarbeiter der Sendereihe "Deutsche Kriegsgefangene sprechen zur Heimat" ein.

Auf Greenes Betreiben dürfte Schnitzler frühzeitig aus der Gefangenschaft nach Hamburg entlassen worden sein. Im Oktober 1945 trat er dort als Leiter des Frauenfunks in der NWDR-Zentrale seinen Dienst an. Er lieferte auch Beiträge für die Sendereihe "Sind wir auf dem richtigen Wege?", die Peter von Zahn leitete. Sein Leitmotiv war im Sinne der von der Besatzungsmacht betriebenen "Umerziehung", das Bewusstsein der Deutschen für das von ihnen selbstverschuldete Nachkriegselend zu schärfen. Schnitzler schlüpfte in seinen Kommentaren in die Rolle eines vom NS-Regime verführten und missbrauchten jungen Mannes, der er ja als jugendlicher aktiver Nazigegner im "Dritten Reich" in Wirklichkeit nicht war. Gleichwohl verlangte er nicht nur von seinen Hörern, sondern auch von sich selbst Einsicht und "Selbstprüfung".[2]

Zur Jahreswende 1945/46 wurde Schnitzler in die Kölner NWDR-Dependance geschickt, wo er fortan als Leiter der Politischen Abteilung im Schulterschluss mit leitenden KPD-Funktionären als umtriebige graue Eminenz agierte. Das nur von Mai 1946 bis August 1947 als Kölner Intendant amtierende KPD-Mitglied Max Burghardt, Mitbegründer des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, war lediglich das Sprachrohr Schnitzlers. Entgegen seiner später von ihm oft wiederholten Behauptung, fungierte Schnitzler in Köln jedoch zu keiner Zeit als "amtierender Intendant".

Im Frühjahr 1947 ordnete Greene an, Schnitzler wegen seiner Eigenmächtigkeiten wieder nach Hamburg zu holen.[3] Das war zwar für ihn mit einer Gehaltserhöhung verbunden, bedeutete aber, dass er nun unter unmittelbarer Kontrolle seiner deutschen und britischen Vorgesetzten stand und nur noch selten ans Mikrofon gelassen wurde. Zum 31. Dezember 1947 erhielt er die Kündigung. Im März 1948 begann beim sowjetisch kontrollierten Berliner Rundfunk Schnitzlers steile journalistische Karriere in der SBZ/DDR. Zuvor klagte er Greene in einem "Offenen Brief" an, er habe ehemalige Nationalsozialisten im NWDR gefördert und eine antisowjetische und antikommunistische Haltung von den Redakteuren verlangt.[4]


Fußnoten

1.
Zit.: Michael Tracy, Sir Hugh Greene. Mit dem Rundfunk Geschichte gemacht, Berlin 1984, S. 113.
2.
Hans-Ulrich Wagner, "Wir sind nicht unpolitisch, sondern bewusst politisch". Karl-Eduard von Schnitzlers Programmarbeit beim NWDR 1945–1947, in: Ludwig Fischer (Hg.), Programm und Programmatik. Kultur- und medienwissenschaftliche Analysen, Konstanz 2005, S. 301.
3.
Vgl. dazu Peter von Rüden/Hans-Ulrich Wagner (Hg), Die Geschichte des Nordwestdeutschen Rundfunks, Hamburg 2005, S. 49f.
4.
Vgl. Peter von Rüden/Hans-Ulrich Wagner (Hg), Die Geschichte des Nordwestdeutschen Rundfunks, Hamburg 2005, S. 56. Siehe dazu auch Arnulf Kutsch: Das Ende des "Schwarzen Kanals" – Karl-Eduard von Schnitzler im Ruhestand, in: Studienkreis Rundfunk und Geschichte. Mitteilungen 15 (1989) 4, S. 251ff.

 

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