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Generalchefredakteure?

Die Medienarbeit von Walter Ulbricht und Erich Honecker


16.12.2010
Dass die SED-Generalsekretäre Ulbricht und Honecker mehr oder minder massiv in die Arbeit der DDR-Medien eingegriffen haben, ist bekannt. Weniger bekannt ist allerdings, in welcher Weise und in welchem Maße sie dies taten. Und die Gründe, warum beide sich als "General-Chefredakteure" betätigten, sind umstritten.

Einleitung




Ein Mitarbeiter des Zentralorgan des ZK der SED "Neues Deutschland" verteilt am 7.6.1971 auf dem Berliner Alexanderplatz ein Extrablatt. Darin wird über die erste bemannte Orbitalstation der UdSSR berichtet.Extrablatt (© Sigrid Kutscher / Bundesarchiv, Bild 183-K0607-0001-027)
Ein Mitarbeiter des Zentralorgan des ZK der SED "Neues Deutschland" verteilt am 7.6.1971 auf dem Berliner Alexanderplatz ein Extrablatt. Darin wird über die erste bemannte Orbitalstation der UdSSR berichtet.

Gunter Holzweißig hat den SED-Chefs im System der Anleitung und Kontrolle der DDR-Medien eine zentrale Rolle zugeschrieben und Unterschiede lediglich auf den jeweiligen Führungsstil zurückgeführt. Walter Ulbricht und Erich Honecker hätten sich "mit ähnlicher Intensität als 'General-Chefredakteure'" betätigt, und Honecker habe sich sogar die Zeit genommen, eigenhändig "Kommentare und Artikel zu verfassen oder zu redigieren".[1] Dies passt sowohl zu den Erinnerungen führender Journalisten als auch zum Tenor der Literatur über die Anleitungspraxis der Medien in der DDR. Dort ist nicht nur von detaillierten Sprachregelungen für Presse, Rundfunk und Fernsehen die Rede, von "Tabu-Mappen" und Argumentationsanweisungen, die den Journalisten sogar die Platzierung einzelner Artikel diktierten, sondern auch von täglichen Anrufen aus dem Zentralkomitee der SED und hier vor allem aus der Abteilung Agitation, die ein ganzes Heer von Journalisten in Alarmbereitschaft versetzten, weil dem "Genossen Generalsekretär" wieder dieser Fernsehbeitrag oder jenes Zeitungsfoto nicht passten.[2]

Holzweißig hat dieses eher ungewöhnliche Vorgehen weder begründet (Ausnahme: "Herrschaftssicherung") noch die Quellenbasis offen gelegt, auf die sich seine These stützt. Welche Rolle spielten die Generalsekretäre tatsächlich hinter den Kulissen der Medien? Wo und wann griffen sie in die Berichterstattung ein, und warum nahmen sie sich überhaupt die Zeit für ein Gebiet, das aus Sicht der Weltenlenker eher randständig zu sein scheint? Zugespitzt formuliert: Hatte der erste Mann im Staat nichts Wichtigeres zu tun? Und: Sollte es hier wirklich keine Unterschiede zwischen Ulbricht und Honecker gegeben haben?

Diese Fragen sind nicht nur deshalb relevant, weil die Medien in der DDR nicht losgelöst vom politischen System betrachtet werden können, sondern auch weil die DDR-Geschichtsschreibung genau wie die Erinnerungen von Zeitzeugen vom Ende geprägt ist. "Honecker war in dieser Hinsicht ein Fanatiker", schrieb Günter Schabowski, 1978–1985 Chefredakteur des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland" ("ND"): "Er hatte mehrere Hobbies, und ein Hobby war die Zeitung".[3] Warum sollte Ulbricht das gleiche Hobby gehabt haben? Als Werner Micke, zuvor persönlicher Mitarbeiter im Büro des alten Parteichefs und ab 1971 stellvertretender "ND"-Chefredakteur, in die Redaktion kam, konnten die Kollegen ihm kaum etwas über Eingriffe von ganz oben berichten. Ulbricht habe nur "alle Jubeljahre in der Redaktion angerufen, wenn ihm etwas auf- oder eingefallen war".[4] Wenn dies stimmt: Genügt der Hinweis auf ein Hobby (und damit auf Persönlichkeitsmerkmale), um die Unterschiede zu erklären?

Während Studien zu DDR-Medien normalerweise mit Propaganda-Theorien arbeiten[5], wird in diesem Beitrag davon ausgegangen, dass die Medienarbeit in der DDR am besten als politische PR zu verstehen ist, die sich an der aktuellen Interessenlage der SED-Führung orientierte. Was diesen Interessen schaden konnte, wurde nicht gemeldet, was zu helfen schien, dagegen besonders hervorgehoben.[6] Das bedeutet zum einen, dass die konkreten Anweisungen und Medieninhalte nur zu verstehen sind, wenn man die jeweilige innen- und außenpolitische Situation berücksichtigt, und erklärt zum anderen, warum die Medienlenkung direkt an das Machtzentrum angebunden sein musste. Nur dort wusste man um die Interessen der Stunde.

Um diese Idee nachvollziehbar zu machen, wird zunächst das theoretische Konzept der politischen PR skizziert. Die Untersuchung selbst stützt sich dann auf Archivalien des Bundesarchivs in Berlin und Zeitzeugenbefragungen mit Journalisten und Medienfunktionären der DDR (Teil 3). Die Abschnitte vier bis sechs blicken auf die Medienarbeit von Ulbricht und Honecker. Das letzte Kapitel führt die Ergebnisse vor dem Hintergrund des PR-Konzepts zusammen.

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Fußnoten

1.
Gunter Holzweißig, Massenmedien in der DDR, in: Jürgen Wilke (Hg.), Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland, Köln u. a. 1999, S. 573–623, hier 591.
2.
Vgl. Jost-Arend Bösenberg, Die Aktuelle Kamera (1952–1990). Lenkungsmechanismen im Fernsehen der DDR, Potsdam 2004, S. 115–144.
3.
Günter Schabowski, Das Politbüro. Ende eines Mythos, Reinbek 1990, S. 26.
4.
Werner Micke, Ich hatte ein ungeheures Privileg, in: Michael Meyen/Anke Fiedler (Hg.), Die Grenze im Kopf. Journalisten in der DDR, Berlin 2011, S. 127–138, hier 134.
5.
Vgl. exemplarisch Klaus Arnold, Kalter Krieg im Äther. Der Deutschlandsender und die Westpropaganda der DDR, Münster 2002.
6.
Vgl. Michael Meyen/Anke Fiedler, »Totalitäre Vernichtung der politischen Öffentlichkeit«? Tageszeitungen und Kommunikationsstrukturen in der DDR, in: Stefan Zahlmann (Hg.), Wie im Westen, nur anders. Medien in der DDR, Berlin 2010, S. 35–59.

 

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