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Die Einflussnahme des Ministeriums für Staatssicherheit auf den ARD-Korrespondenten Lothar Loewe


22.12.2010
Als erster ARD-Korrespondent in der DDR sorgte Lothar Loewe 1975 für Aufruhr. Er ließ sich weder durch die Journalistenverordnung für ausländische Medienvertreter noch durch die Staatssicherheit bevormunden. Bereits Ende 1976 wurde Loewe aus der DDR ausgewiesen. Den Anlass gab sein Kommentar in den "Tagesthemen" zum 'Schießbefehl' an der DDR-Grenze.

Einleitung




Mit dem Grundlagenvertrag vom 22. Dezember 1972 veränderte sich das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR ganz entscheidend: Die BRD erkannte die DDR als eigenen Staat an und sicherte ihr zu, sich nicht in ihre inneren und äußeren Angelegenheiten einzumischen. Dieser Triumph für die DDR, der begleitet wurde von einer Welle internationaler Anerkennung für den sozialistischen Staat, ging aber auch einher mit unerwünschten Zugeständnissen an die BRD. Die Verhandlungsführer der Bundesrepublik knüpften die Unterzeichnung des Vertrags an die Bedingung, dass westdeutsche Journalisten als ständige Korrespondenten aus der DDR berichten dürften. Auf die nach außen hin signalisierte Entspannungspolitik folgten unter großer innerer Anspannung der DDR-Staatsführung strenge Sicherheitsvorkehrungen für die gefürchteten Journalisten aus dem Nachbarstaat.

Die westlichen Printmedien hatte man über die verhängten Einfuhrverbote weitgehend im Griff, große Sorgen hingegen bereitete der SED-Führung das Fernsehen, denn es konnte sich beinahe ungestört seinen Weg in die Wohnungen der meisten DDR-Bürger bahnen. Für den "Feind", die BRD, eröffnete dies aus Sicht der SED-Führung eine gefährliche Möglichkeit, sein "imperialistisches" Gedankengut in das Bewusstsein der DDR-Bürger einzuschleusen.

Die Arbeit westlicher Journalisten bzw. die in ihrer Arbeit zum Ausdruck gebrachte politische Haltung wurde als Angriff auf die Ideologie der DDR betrachtet. Da sich die DDR auf dem Fundament des Marxismus-Leninismus gründete, war ein Angriff auf die Ideologie zugleich ein Angriff auf die SED-Führung – weil sie direkt oder indirekt deren Herrschaft infrage stellte. Journalisten wurden damit zur Gefahr für das System, man verdächtigte sie, als Geheimagenten im Auftrag ihrer Regierung tätig zu sein. Sie wurden als Feinde betrachtet, die es abzuwehren galt. Diese Aufgabe übertrug die SED-Führung dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als "Ideologiepolizei"[1].

Lothar Loewe am 24. Dezember 1976 bei seiner Ankunft in West-Berlin, nachdem er aus der DDR ausgewiesen wurde.Lothar Loewe am 24. Dezember 1976 bei seiner Ankunft in West-Berlin, nachdem er aus der DDR ausgewiesen wurde. (© picture-alliance/dpa)
Diesem Aufsatz liegt die These zugrunde, dass das MfS sein Ziel nicht erreichte, die Arbeit der ARD-Fernsehkorrespondenten in der DDR Mitte der Siebzigerjahre inhaltlich zu beeinflussen, um ein positives Bild der DDR und des "real existierenden Sozialismus" in den West-Medien zu zeichnen. Der Staatssicherheitsdienst verfehlte dieses Ziel, weil er Journalisten kategorisch wie Feinde behandelte, die man bekämpfen musste. Somit verschob sich die eigentliche Absicht der Einflussnahme auf Spionage, Abwehr, Rüge oder gar Ausweisung der Journalisten.

Gezeigt wird dies am Beispiel des ARD-Fernsehkorrespondenten Lothar Loewe. Am 1. Januar 1975 trat Loewe offiziell seine Stelle im ARD-Studio DDR an, er war zugleich Büroleiter des Korrespondentenbüros in Ost-Berlin. Loewes journalistische Erfahrungen in der DDR sind besonders interessant, weil er die Grenzen der 1973 für ausländische Journalisten erlassenen Journalistenverordnung mit seiner kritischen Berichterstattung austestete und ausreizte, bis ihm schließlich am 22. Dezember 1976 seine Akkreditierung entzogen und er aus der DDR ausgewiesen wurde. Diesem Aufsatz liegt unter anderem ein Interview zugrunde, das die Autorin im April 2010 mit Lothar Loewe geführt hat.[2] Loewe starb am 23. August 2010.

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Fußnoten

1.
Der Begriff "Ideologiepolizei" geht zurück auf: Siegfried Mampel, Das Ministerium für Staatssicherheit der ehemaligen DDR als Ideologiepolizei. Zur Bedeutung einer Heilslehre als Mittel zum Griff auf das Bewusstsein für das Totalitarismusmodell, Berlin 1996.
2.
Alle Aussagen Loewes stammen – sofern nicht anders nachgewiesen – aus diesem Interview.

 

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