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"Radio Glasnost – außer Kontrolle"

Ein West-Berliner Sender der DDR-Opposition


22.12.2010
Seit 1987 versorgte "Radio Glasnost" Hörer in Ost-Berlin mit Musik und Informationen aus dem "Untergrund" der DDR. Der Sender unter Redakteur Roland Jahn informierte über oppositionelle Aktivitäten, diskutierte politische Entwicklungen und gab Tipps zu staatlichen Normen in der DDR.

"Schauen, was draußen los ist"




Filmstill aus der MfS-Dokumentation "Korrespondenten imperialistischer Massenmedien". Aufnahme aus der "Abendschau" des Senders Freies Berlin (SFB) über "Radio Glasnost".Filmstill (© BStU, ZA, MfS, HA II/Vi/105.)
Filmstill aus der MfS-Dokumentation "Korrespondenten imperialistischer Massenmedien". Aufnahme aus der "Abendschau" des Senders Freies Berlin (SFB) über "Radio Glasnost".

'Radio Glasnost – außer Kontrolle' versucht, aus der eigenen Suppenschüssel zu springen und zu schauen, was draußen los ist" – mit diesen Worten präsentierte die Moderatorin Ilona Marenbach am 31. August 1987 die erste reguläre Sendung eines einmaligen deutsch-deutschen Hörfunkprojekts[1]. Bereits im Monat zuvor hatten die Hörer in der geteilten Stadt erleben können, wie über dieselbe West-Berliner Frequenz das kontrollierte Rundfunkwesen der DDR provoziert wurde und Ilona Marenbach – heute stellvertretende Chefredakteurin und Wortchefin beim RBB-Programm "Radioeins" – in ihrer Moderation forsch verkündete: "Das Manuskript stammt von jenseits der Mauer!"

Insbesondere ihren Hörern in Ost-Berlin versprach die junge Frau am Mikrofon nicht zuviel: "Radio Glasnost" schaute von West-Berlin aus, was "draußen" in der DDR los war und ließ unzensiert zu Wort kommen, wer in den staatlich gelenkten Medien keine Chance hatte, die Stimme zu erheben, wer von der SED diffamiert und vom Ministerium für Staatssicherheit staatsfeindlicher Aktivitäten beschuldigt wurde: Der Sender schickte heimlich in den Westen gelangtes Material in den Äther. Mit subversiver Kraft sprengte ein kleines Team, dem im Programm des linksalternativen "Radio 100" ein fester Sendeplatz eingeräumt wurde, in den letzten zwei Jahren vor dem Mauerfall und dem Beginn einer offenen Berichterstattung die traditionellen "Suppenschüsseln" der Hörfunkfamilie in beiden Teilen Deutschlands. In wildem Wechsel waren politische Proklamationen bekannter Oppositioneller neben persönlichen Stoßseufzern Unbekannter on air – wie der eines frustrierten Jugendlichen, aufgenommen in der Ost-Berliner Pfingstkirche: "Der Mensch erfährt sich hier als Rädchen, die Verantwortung wird uns abgenommen!"[2]

"Radio Glasnost" gewährte jenen Redefreiheit, die ihre Reformpläne und Demokratisierungswünsche vorwiegend in privaten Räumen oder unter dem Dach der Evangelischen Kirchen mit Gleichgesinnten diskutierten. Die Liste der informellen Zuarbeiter des Senders liest sich wie ein Who is who der DDR-Opposition: Bärbel Bohley, Rainer Eppelmann, Freya Klier und Stephan Krawczyk, Vera Lengsfeld (damals Wollenberger), Ehrhart Neubert, Ulrike und Gerd Poppe, Edelbert Richter, aber auch weitgehend unbekannte Dissidenten aus den Bezirken der DDR, insbesondere aus Leipzig, wurden in einem Umkreis von etwa einhundert Kilometern zu Gehör gebracht – viel weiter reichte die UKW-Frequenz des Berliner Senders "Radio 100" nicht. Unter der Hand kursierten Kassettenmitschnitte der insgesamt 27 Sendungen, die einen etwas weiteren, dem Samisdat aufgeschlossenen Hörerkreis erreichten.


Fußnoten

1.
Die Robert-Havemann-Gesellschaft e.V./Archiv der DDR-Opposition in Berlin bewahrt die Mitschnitte der Sendungen von "Radio Glasnost".
2.
Robert-Havemann-Gesellschaft/Archiv der DDR-Opposition, Radio Glasnost Sendung v. Aug. 1987.

 

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