Beleuchteter Reichstag

30.12.2010 | Von:
Stefan Matysiak

Auf einmal gab es Pressefreiheit

Die Entwicklung der Tagespresse in Ostdeutschland von der "Wende" bis heute

Gründungsboom mit Pressefreiheit


Obwohl vor dem Volkskammer-Beschluss vom 5. Februar 1990 ein verlegerisches Engagement von Ausländern und damit Westdeutschen nicht möglich war und auch danach Eigentumsbeteiligungen jeder Art der Genehmigung durch den Medienkontrollrat bedurften, engagierten sich westdeutsche Verleger zunehmend mit Tageszeitungsgründungen und Kooperationen mit DDR-Zeitungen. Bereits im Januar und damit vor der offiziellen Aufhebung der Lizenzpflicht erschienen in der DDR von westdeutschen Verlagen herausgegebene neue Anzeigenblätter und Wochenzeitungen. Bis Mitte des Jahres kam es zu einem wahren Gründungsboom und zu einer Vielzahl von Kooperationen westdeutscher Verlage mit alten DDR-Zeitungen – nach der Regel: "Großverlage kaufen, mittlere und kleine Verlage gründen."[6]

In der untergehenden DDR entstand eine Pressevielfalt, wie sie die Bundesrepublik zuletzt in den frühen 1950er-Jahren gekannt hatte. In Städten wie Magdeburg konkurrierten zeitweise vier Abo- und zwei Boulevardblätter um die Leser, und selbst Städtchen wie Nordhausen, Wernigerode oder Heiligenstadt kamen auf drei bis vier Tageszeitungen. Diese konkurrierten nicht nur mit den bestehenden ehemaligen Organen von SED und Blockparteien, sondern zumeist auch untereinander. Treibende Kräfte waren häufig Mitglieder der Bürgerbewegungen, die sich mit westdeutschen Verlegern verbündeten, um den demokratischen Wandel durch eine neue Presse zu untermauern.

Für die Verlage aus der Bundesrepublik bot die Eroberung der DDR eine attraktive Erweiterung der heimischen Märkte: "Westdeutsche Medienunternehmen drückten mit brutaler Gewalt in den überaus attraktiven DDR-Markt. Sie alle, Glücksritter wie vorgeblich seriöse Unternehmer, versuchten hektisch, ihren Teil vom Kuchen abzubekommen", resümierte der medienpolitischer Sprecher des Runden Tisches, Konrad Weiß, die Goldgräberstimmung.

Der Bürgerrechtler Konrad Weiss am Zentralen Runden Tisch der DDR, 24. Januar 1990.Der Bürgerrechtler Konrad Weiss am Zentralen Runden Tisch der DDR, 24. Januar 1990. (© Rainer Mittelstädt/Bundesarchiv, Bild 183-1990-0124-308)
Die Zahl der damals neu gegründeten Zeitungen entzieht sich einer exakten Aufnahme; sie schwankt zwischen 70 und 120 Neugründungen. Doch bereits nach wenigen Monaten kehrte Ernüchterung ein, und die ersten neuen Blätter wurden wieder eingestellt.

Nicht nur die Neugründungen stützten sich auf das Know-how und die Technik westlicher Verlage, auch die alteingesessenen DDR-Blätter suchten die Zusammenarbeit mit Unternehmen aus der Bundesrepublik. Bereits seit Dezember 1989, als die "Westfalenpost" (Hagen) und die "Thüringische Landeszeitung" eine Kooperationsvereinbarung unterzeichneten, kam es zu unterschiedlichen Formen des Engagements von westdeutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen. Diese Beziehungen verfestigten sich im Frühjahr 1990. Der vordem auf dem Tagespressemarkt nicht aktive Bauer Verlag kooperierte gleich mit vier ehemaligen SED-Bezirksorganen, die "Westdeutsche Allgemeine" schnappte sich die früheren Thüringer SED-Blätter aus Erfurt und Gera, die "Lübecker Nachrichten" engagierten sich im Rostocker Nachbarbezirk bei der "Ostsee-Zeitung". Die eher kleine "Nordwest-Zeitung" aus Oldenburg sicherte sich das Potsdamer SED-Nachfolgeblatt als Partner, bis schließlich jede ostdeutsche Zeitung vergeben war.

Fußnoten

6.
Horst Röper, Treffer sind Glücksache, in: Journalist 40 (1990) 6, S. 32–35, hier 32.

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