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Auf einmal gab es Pressefreiheit

Die Entwicklung der Tagespresse in Ostdeutschland von der "Wende" bis heute

30.12.2010

Neuordnung des Zeitungsmarktes durch die Treuhand




Während einige Westverlage die Attraktivität des neuen Marktes schnell erkannten, verschliefen andere die Entwicklung. Die "Frankfurter Allgemeine" etwa konnte nur bei den kleinen früheren CDU-Zeitungen einsteigen, die sich nicht zufriedenstellend entwickelten. Auch der Springer Verlag musste sich mit einigen kleinen Regionalzeitungen der Liberal- und der Nationaldemokratischen Partei begnügen.

Da wichtige große westdeutsche Zeitungsverlage zu kurz gekommen waren, entschied die Treuhandanstalt ungeachtet bestehender Kooperationen, die Zusammenarbeit mit den wirtschaftlich besonders attraktiven vormaligen SED-Bezirksorganen neu zu organisieren: Die Zeitungen wurden öffentlich ausgeschrieben, da "für diese Objekte ein sehr großes und ständig wachsendes Interesse gegeben war".[7] Zwar zählen die ursprünglich kooperierenden Westverlage bis heute nicht zu den großen Mitspielern im deutschen Tageszeitungsgeschäft, was die ursprünglichen Kooperationen auch von der Wettbewerbslage her nicht uninteressant gemacht hätte. Doch eine solche Zusammenarbeit passte nicht in das Verwertungsinteresse der Treuhand: Anders als bei Kooperationsverträgen konnte die Veräußerung der ehemaligen SED-Bezirksblätter Einnahmen von mehr als einer Milliarde Mark[8] erbringen.

Die westdeutschen Kooperationspartner hatten zwar größtenteils schon beträchtliche Summen investiert, doch hatten sie es "versäumt, rechtzeitig und rechtsgültig Anteile an den Pressebetrieben zu erwerben".[9] So besaß die Treuhand eine rechtliche Möglichkeit, die Verlage zu versteigern. Mit Auflagen zwischen 160.000 und 500.000 Zeitungen am Tag kamen so einige der in gesamtdeutschem Maßstab größten Zeitungshäuser wieder auf den Markt. Die "Freie Presse" aus Chemnitz war mit einer Auflage von täglich 602.000 Exemplaren im gesamtdeutschen Maßstab die zweitgrößte Abonnementzeitung nach der "Westdeutschen Allgemeinen" aus Essen (653.000), die "Mitteldeutsche Zeitung" aus Halle kam mit 510.000 Exemplaren auf Platz 3, die "Sächsische Zeitung" (Dresden) mit 500.000 Exemplaren bundesweit auf den vierten Rang.[10]

Jeder der DDR-Verlage wurde bei der Treuhand-Ausschreibung im Durchschnitt von fünf Westunternehmen bedrängt, attraktive Zeitungshäuser kamen gar auf ein Mehrfaches an Interessenten. So erhielt die Treuhand für die Magdeburger "Volksstimme" gleich 13 Gebote. Da möglichst viele der westdeutschen Großverlage zum Zuge kommen sollten, war für jeden Interessenten die Beteiligung an nur einer der Bezirkszeitungen vorgesehen.

Neben dem Geld spielten auch politische Aspekte eine Rolle. Zwar waren die Verträge zwischen den Westpartnern sowie der "Mitteldeutschen Zeitung" und der Chemnitzer "Freien Presse" zum Zeitpunkt der Neuausschreibung noch nicht unterzeichnet, doch schrieb die Treuhand diese Blätter nicht zum Verkauf an den Meistbietenden aus, sondern vergab die Verlage auf Druck der christlich-liberalen Regierung Kohl/Genscher freihändig: So gingen der Chemnitzer Verlag der "Freien Presse" an die CDU-nahe Medien Union ("Rheinpfalz") aus Helmut Kohls Heimat Ludwigshafen und die "Mitteldeutsche Zeitung" aus Hans-Dietrich Genschers Heimatstadt an den FDP-nahen Verleger Alfred Neven DuMont.[11]

Abseits parteilicher Gefälligkeiten spielten medienpolitische Vorstellungen bei der Privatisierung keine Rolle; die Treuhand achtete beim Verkauf vor allem auf wirtschaftliche Merkmale wie hohe Verkaufserlöse, Arbeitsplatzgarantien, Investitionszusagen und die vermutete Finanzkraft der Kaufinteressenten.

Kaufinteressenten wurden dann abgelehnt, wenn sie zu klein waren. So unterlag der Verlag der "Nordwest-Zeitung", der schon längere Zeit mit der "Märkischen Allgemeinen" in Potsdam kooperiert hatte, der im Kooperationswettlauf zu spät gekommenen "Frankfurter Allgemeinen". In der Vergabebegründung hieß es: "Die Möglichkeiten und Erfahrungen der FAZ, den relativ großen Akzidenzbereich zu sanieren, sind besser. Die Investitionsplanung liegt höhe[r], da noch zusätzliche Druckkapazität für die FAZ selbst geschaffen werden soll."[12] Auch die Begründung der Treuhand, im Bieterverfahren um die "Schweriner Volkszeitung" den Bremer "Weser Report" trotz hohen Gebots nicht zu berücksichtigen, lässt mangelndes Vertrauen in die Fähigkeiten kleiner Verlage als Entscheidungskriterium bei der Privatisierung erkennen. Der stattdessen erwählte Burda Verlag besaß bis dato gar keine Erfahrungen im Tagespressewesen.

Die Regionalzeitungen der Blockparteien wurden nicht neu ausgeschrieben, sodass der Springer Verlag und die "FAZ", nunmehr mit deutlich größeren Blättern versehen, die Lust an den Kleinzeitungen verloren und diese einstellten.

Im Ergebnis verkaufte die Treuhand die ehemaligen SED-Bezirkszeitungen, deren Auflagen mit durchschnittlich 350.000 Exemplaren die Größe ihrer westdeutschen Käufer um das Zwei- bis Dreifache überstiegen, an die zehn zuvor schon marktführenden westdeutschen Pressehäuser. Dabei wurde die frühere SED-Bezirkspresse unzerteilt im Stück veräußert, und ihre in hohen Auflagen manifestierte Marktmacht blieb unangetastet.

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Fußnoten

7.
Treuhandanstalt Berlin, Pressemitteilung: Privatisierung der Regionalzeitungen, 15.4.1991.
8.
Vgl. Treuhandanstalt, Pressemitteilung: Privatisierung Regionalzeitungen: Einvernehmliche Regelung mit der SPD, 22.8.1991.
9.
"Wir stehen nackt in den Erbsen", in: Der Spiegel, 7/1991, S. 64.
10.
Vgl. Walter J. Schütz, Deutsche Tagespresse 1991, in: Media Perspektiven, 2/1992, S. 4–107, hier 101.
11.
Vgl. auch "Der hat jeden Tag gefragt", in: Der Spiegel, 11/1991, S. 30f.
12.
Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben, Mitteilung, Anlage der THA, 20.5.1991. Das Folgende ebd.

 

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